Autor: Annekatrin


  • KAFFEE, KONZERTE, KING NUN

    KAFFEE, KONZERTE, KING NUN

    Es ist bereits dunkel. Der Feierabend drängt Leute in die Bahn, wo sich ihre vom Regen feuchten Mäntel berühren. Wer vorausschauend war, hat einen Schirm dabei. Ich wickele mir stattdessen meinen roten Schal um den Kopf, als ich an der Warschauer Straße aussteige. Der stete Nieselregen hat sich zwischen den zersprungenen Betonplatten auf dem RAW Gelände zu großen Pfützen gesammelt. Über den nassen Boden flimmert die Reflektion vereinzelter Lichterketten auf dem sonst unbeleuchteten Weg.

    Donnerstagabend im verregneten Berlin

    Zwischen bunt-verzerrten Graffitis, einem Stück Kopfsteinpflaster und dem Fotoautomaten vorm Badehaus ist der Eingang des Cassiopeia. Zwei Werbetafeln mit Plakaten, die auf anstehende Veranstaltungen hinweisen, rahmen den Durchgang zum Club ein. Biegt man rechts ab, gelangt man zum Kegel, einer Kletterhalle. Ich finde mich jedoch wenige Momente später vor einer Bühne wieder. Sie dient als Abstellplatz für Kisten und Boxen. Davor stehen deplatziert verlassene Barhocker. Im Nebenraum ist gerade Soundcheck.

    Die Uhr zeigt, es ist kurz nach fünf. Gerade habe ich meinen Schal abgelegt, als eine Gestalt schnellen Schrittes den Raum betritt. Die Hände zuerst in den Taschen seiner grauen Jacke vergraben, kommt er vor mir zum Stehen. Streckt dann in einer freundlichen Geste seine rechte Hand aus. Auf seinen Schultern haben Regentropfen frische Spuren hinterlassen. Die gestuften, rötlich schimmernden Haare teilen sich am Ansatz in nasse Strähnen. Es ist Theo Polyzoides, Sänger der Band King Nun, mit dem ich für ein Interview verabredet bin.

    Auf einen Kaffee mit dem Sänger von King Nun

    Lang hält es uns nicht im Club. Der Londoner hat auf seinem Weg von der Unterkunft hier her eine Ecke gefunden, in der es sich gut Kaffee trinken lassen könnte. Er führt mich durch den Raum, in dem sich The Sherlocks auf ihr Konzert vorbereiten. Der Club ist leer, überall stehen Instrumente und ihre Koffer. Dann treten wir ins Freie, und noch bevor ich wieder unter meinem Schal Schutz vor dem Regen suche, sind wir schon von Kaffeeduft, Tischen und Stühlen umringt. Es stellt sich heraus, dass Theo das kleine Restaurant Emma Pea direkt gegenüber vom Cassiopeia meinte.

    Orangenes Licht erhellt die hölzerne Veranda, auf der wir uns niederlassen. Blumenkästen mit mickrigem Grünzeug hängen am Geländer. Von den weißen Stühlen blättert die Farbe. Die Witterung hat den Vorbau gezeichnet, doch charmant heruntergekommen passt es gut an diesen Ort. Von den Gästen wagt sich heut keiner nach draußen.

    Das Debütalbum Mass

    Ungestört, mit zwei Tassen dampfendem Kaffee vor uns kommen Theo und ich also ins Gespräch. Und es gibt viel zu erzählen. Am 4. Oktober diesen Jahres veröffentlichten King Nun ihr Debütalbum Mass. Elf Songs zwischen rauer Ehrlichkeit, düsterer Atmosphäre und berauschenden (Bass-)Gitarren-Melodien. Die Essenz aus gut dreißig Titeln, die bei den Arbeiten am ersten Langspieler entstanden sind.

    „Man kann kein Album mit so vielen Songs veröffentlichen. Also haben wir es im Wesentlichen auf unsere Lieblingslieder reduziert und solche, die eine Geschichte erzählen können“,

    erklärt der Frontmann, nachdem er mit einem freudigen „oh fucking great!“ seine Gefühle für den zurückliegenden Release geäußert hat. Auch wenn das Publikum positiv zum Debüt der jungen Band resoniert, ist für Theo die eigene Meinung am wichtigsten: „Solang es mir gefällt, bin ich glücklich.“

    Und das scheint er zu sein. Ein breites Grinsen weicht die Gesichtszüge auf, die beim Ansehen der Musikvideos verschlossen, wutverzerrt oder sorgenvoll den Bildschirm dominieren. Doom and gloom. Englische Kultur als Faden, der in den schweren, vielleicht elegischen Bildern und Klanglandschaften von Mass verwoben ist. Auch die Idee, das Album wie eine Predigt zu konzeptualisieren, prägt seinen Charakter.

    „Die Songs handeln alle irgendwie von unserem Leben und ein Debütalbum ist dieses große Ereignis – daher machte es für mich den Eindruck, es müsse eine Feier werden. Für das was wir wurden und was wir aus unserem Leben gemacht haben.“

    Eine Art Tauf-Zeremonie, das aus Gedanken und Geräuschen Geborene zelebrierend. Geheimnisvoll. Es gibt keinen bestimmten Prediger. In den Kreis wird aufgenommen, wer sich auf die Musik einlässt. Diese Idee erinnert mich an ein Buch, das ich erst vor kurzem las. Thematisiert wurde darin die „okkulte Seite der Rockmusik“. Ist Musik eine unerklärliche Macht, die den Hörer, vielleicht seine Seele, in einem immateriellen Phänomen fesselt?

    Während ich meine Frage ausführe, nickt der Sänger von King Nun entzückt mit einem breiten Lächeln. „Fuck yeah! Für diese Frage habe ich genau den richtigen Ort ausgesucht.“ Eine ausladende Handbewegung unterstreicht seine Worte und lässt meinen Blick ein zweites Mal an diesem Tag über bunte Hauswände wandern. Neben unserem Tisch hängt ein großes Bild von einem Jungen, der graue Tränen weint.

    „Ich denke, Musik ist auch immer ein bisschen Religion. Wir versammeln uns, um sie gemeinsam zu erleben. Und ich persönlich verstehe nicht, wie Musik funktioniert oder warum sie bestimmte Dinge in uns auslöst. Damit will ich sagen – ich weiß nicht wirklich, warum es zum Beispiel die Definition gibt, dass dich ein Moll-Akkord traurig macht und ein Dur-Akkord fröhlich ist.“

    Nachdenklich, aber auch von dem Unerklärlichen hingerissen versucht Theo das Ungreifbare greifbar zu machen. Von seinem eigenen Gedanken, dass in der Musik „vermutlich etwas Besonderes vor sich geht“, muss er schmunzeln. „Das Zusammenfinden von Leuten um eine Sache, die nicht wirklich verstanden werden kann – das hat schon etwas Okkultes an sich.“

    Diese mysteriöse Grundstimmung visualisiert die Londoner Band auch in ihren Videos. Black Tree wird von nächtlicher Szene und Bildern aus einer von Kerzen erleuchteten Kirche geschmückt. Es ist das Werk Johnny Goddard’s. Ein Regisseur, mit dem die Band seit einiger Zeit zusammenarbeitet. Simple Ideen verwandelt er in ästhetische Augenweiden, die die Botschaft der Band transportieren.

    Vor meinem inneren Auge spielen sich die dunkelrot-atmosphärischen Sequenzen ab, als Theo erklärt: „Ursprünglich wollten wir viele Menschen in diesem Video. Wir wussten nicht wie es passieren sollte, aber wir wollten viele, viele, viele Leute versammeln. Und er [Johnny Goddard] verwandelte es in dieses schräge ‚wir sind in einer Kirche und draußen laufen verhüllte Personen über die Felder’“.

    Bald werden King Nun ein neues Video drehen. Für welchen Song, das darf ich noch spekulieren. Theo jedoch ist sich sicher, dass es noch besser wird, als all ihre bisherigen Musikvideos. Die Vorfreude des Frontmanns steckt an. Begeistert erzählt er, wie das Team im Moment über den Inhalt des Videos berät. Genaueres verraten wird er nicht. Nur: „Letztendlich könnte man daraus auch drei weitere Videos machen… Oder eben nur das eine, man weiß es nicht. Ich bin gespannt.“

    Musik und Kunst

    Vor Neugier ganz nervös geworden, stoße ich mit meinem Knie an die niedrige Tischplatte, als ich mein Bein überschlage. Ich nehme einen Schluck aus der kleinen Kaffeetasse, der Wind hat das Getränk bereits abgekühlt, und hänge gedanklich Bildern nach. Mich fasziniert diese besondere Ästhetik, vielleicht Inszenierung, der Band. Oder allgemein. Wenn Musik und Kunst aufeinandertreffen. Theo geht es genauso:

    „Als ich anfing Bands zu mögen, ging es natürlich hauptsächlich um die Musik. Aber auch der Name war wichtig für mich. Oder ein cooles visuelles Auftreten. Das Gefühl, als ob es eine Welt oder eine Gang gäbe, von der du Teil sein kannst. Das liebe ich an Bands! Ich glaube Name, Musik und Kunst – all das zusammen macht diesen Reiz aus.“

    Kurz überlege ich, ob King Nun bereits in einem ihrer vielen Interviews gefragt wurden, was hinter ihrem Namen steckt. Doch auch wenn mir das von meinen Recherchen nicht bewusst war, traue ich mich nicht, diese offensichtliche Frage einzuwerfen. Im Nachhinein hätte ich es gern erfahren.

    Stattdessen ziehe ich nun die Verbindung zu einer Diskussion, der ich eine Stunde vorher im Uni-Seminar beiwohnte. Das Thema war Authentizität. Und dass selbst im Interview der Gesprächspartner eine Performance seiner selbst ist. Kann man ehrliches Auftreten mit der von Theo und mir geliebten, künstlerischen Darstellung einer Band verbinden? Oder ist die Kunst künstlich? 

    „Meiner Meinung nach steckt in allem ein wenig Wahrheit. Ich glaube nicht, dass eine Person etwas kreieren kann, das nicht mindestens für ein winziges Stückchen Teil von ihr gewesen ist. In unserem Fall möchte ich es möglichst authentisch halten. So handeln beispielsweise alle Songs von realen Begebenheiten, die uns passiert sind.“

    Wir trinken beide einen Schluck und Theo hält kurz inne, um scheinbar sein eigenes Handeln zu reflektieren. Er offenbart: „Ich glaube, wenn ich nicht auf Tour bin, bin ich definitiv weniger gesprächig. Aber das Touren hat etwas an sich… Die Aufregung, Teil dieses Jobs zu sein, von dem wir so lange träumten – das macht eine aufgeschlossenere Person aus mir.“ 

    Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Die Art Person, die dich in den Regen rauszieht und sagt ‚lass uns einen Kaffee trinken gehen’“. Wir amüsieren uns beide über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Doch der Kaffee hat eine ganz eigene Bedeutung für den Sänger.

    Vergesst die Formalitäten

    Theo ist sehr auf eine entspannte Atmosphäre während des Interviews bedacht. Als er sich erkundigt, ob ich mir die Fragen irgendwo notiert habe und ich verneine, ist er kurz überrascht. Doch im positiven Sinn. Das Interview ist schon längst ein Gespräch geworden. Wie sich herausstellt, sind wir beide keine Fans von formalen Treffen. Er erzählt: „Ich gebe mein bestes, irgendwo hinzugehen, vielleicht auf eine Tasse Kaffee, damit es eher wie eine Unterhaltung ist. Da liegt weniger Druck auf einem und man kann besser reden.

    „Manchmal kann etwas so einfaches wie ein Kaffee alles wieder richten, also warum nicht? Und ich habe eh ein zu romantisiertes Bild davon, in Europa Kaffee zu trinken. Das ist auch so ein Touristending.“

    Dem Debütalbum ist es zu verdanken, dass die Londoner Band im letzten Jahr zweimal Europa bereisen konnte. Auch in Amerika spielten sie Konzerte. Und im Moment können Fans bereits Tickets für eine weitere UK und Europa Tour im kommenden Februar/März erwerben. Da ziehen einige Städte ins Land. Für Sänger Theo Polyzoides ist das aufregend.

    Gleichermaßen ist er froh über die Gastfreundschaft und Wärme, das gute Essen, das der Band entgegengebracht wird, wenn sie in fremden Städten einkehrt. Der Sänger sieht das im Gegensatz zu seiner Heimat, „wo sie dir ungelogen nur ein Bier mit den Worten ’nimm das und spiel den Gig‘ zuwerfen.“ 

    Zwischen Kulturschock und Konzert

    Gerade reden wir über Berlin und Theo sagt mit Blick auf das RAW Gelände: „Das ist so interessant hier. Wir haben nichts vergleichbares in London. Das ist – so touristisch es jetzt klingen mag – genau, wie ich mir Berlin vorgestellt habe.“ Da laufen einen Meter unter uns die restlichen Bandmitglieder an dem erhöhten Verandagerüst vorbei. Sie sehen sich um und suchen wohl nach dem Eingang zum Club, als sie uns entdecken.

    „Hello, this is the interview!“, ruft der Sänger ihnen entgegen. Alle drei – Caius Stockley-Young (Schlagzeug), Nathan Gane (Bass) und James Upton (Gitarre) – heben zur Begrüßung die Hand und verschwinden dann im Cassiopeia. Der Sänger gibt das Interview allein, um chaotisches Stimmengewirr zu vermeiden. Denn der angestauten Pre-Konzert-Begeisterung geschuldet, läuft es unter den vier Musiker nicht selten genau darauf hinaus.

    Die Bedeutung von Live-Musik

    Dass die Band nun auch an der Venue eingetroffen ist, lässt mich vermuten, dass bald der Soundcheck für sie startet. Bevor ich mein Gespräch mit Theo beenden muss, liegt mir jedoch noch eine Frage auf der Zunge: Ihr seid so viel mit der Band unterwegs. Obwohl man in Zeiten Spotify’s als Musiker doch einfach seine Songs hochladen und es dabei belassen könnte. Das tatsächliche Konzert wird ja nicht mehr wie früher so unvermeidbar zum Musik hören benötigt. Was für eine Bedeutung hat da Live-Musik für dich?

    „Oh, diese Frage mag ich sehr! Ich glaube jeder, der irgendwie künstlerisch tätig ist, sucht nach einer Art Flucht. Oder versucht eine andere Welt zu öffnen, wo du dich für eine Weile drin aufhalten und dich wie ein Freak benehmen kannst. Wenn wir eine Live-Show spielen, bin ich einfach an diesem komplett anderen Ort und lasse mich komplett fallen. Und sobald es vorbei ist, bist du wieder in der Realität.“

    „Das ist etwas, was nur Live-Musik kann. Wenn du vor anderen Leuten spielst, dann bist du dort. An diesem verdammten anderen Ort, weißt du.“

    Ich bin zwar eher Teil des Publikums. Doch das Gefühl, für einen Moment der Realität zu entkommen, oder sich vielleicht kurzzeitig eine neue Realität zu erschaffen, ist mir bekannt. Dafür gehe ich auf Konzerte. Für die Euphorie. Und all die Leute, die man kennenlernt, nur weil man diese eine Gemeinsamkeit, die Musik, teilt und liebt. Das sage ich aber Theo erstmal nicht, sondern frage ihn, ob er sich auch in die Besucher hineinversetzen kann. Warum gehen sie auf Konzerte? 

    Ich muss schmunzeln, als der Frontmann von King Nun beichtet, dass er keine Gigs besuchte, als er jünger war. „Ich fand sie ziemlich laut“, sagt Theo. „Wenn zu viele Leute da waren, würde ich eher im Hintergrund stehen. Es ist ziemlich schwierig für mich oder ich bin nicht sehr gut darin, Teil des Publikums zu sein. Ich sehe die Menschen tanzen und irgendwie gibt es diese Barriere, dass ich nicht mitmachen kann. Also musste ich von meinen eigenen Gigs lernen, was die Zuschauer davon haben.“

    „Ich war nie auf einem Festival, bevor wir selbst eins spielten. Und ich ging nie zu der Art von Konzerten, die wir nun selbst geben. Aber ich denke der Grund ist derselbe wie mit der Kunst – dieses ganze Ding mit der Flucht.“

    Heut Abend wird es laut im Cassiopeia. Besucher*innen aus der deutschen Hauptstadt fixieren die vernebelte Bühne mit ihren Augen. Ein Quartett betritt das diffuse Scheinwerferlicht und sogleich brettern Schlagzeug und Gitarre los. Fein in Hemd mit Kragen und der Kontrast zur rohen Musik. Die vier Londoner sind der Welt bereits entflohen, auf der Bühne oder davor.

    Jetzt hat Theo Polyzoides kein Problem durch die Reihen des Publikums zu schreiten, bevor er sich auf der Bühne seines Pullovers und darunterliegenden Hemdes entledigt. Roter Lippenstift. Ein Kreis und ein Pfeil. Während er singt, malt er sich dieses Motiv, das das Debütalbum samt Videos durchzieht, auf die Brust. Kriegsbemalung auf den Oberarmen, das Mikrofon rot wie die Lippen. Hung Around ist der letzte Song. 

    Der Text ist auf Grundlage eines Interviews entstanden, das ich am 21. November 2019 mit Theo Polyzoides, dem Sänger von King Nun, vor ihrem Support-Auftritt für The Sherlocks in Berlin führen durfte. Foto: Jordan Curtis Hughes


  • SOLITARY WAYS

    SOLITARY WAYS

    Formen umringen mich. Seifenblasen zerplatzen. Ich fühle mich, als befände ich mich in einem dieser geriffelten Plastikrohre. Solch einem, mit dem mein Vater im Sommer den Pool absaugt. In einem Strudel aus Klängen und kühlem Wind, der meine nicht vorhandenen langen Haare zerzaust. Auf der sonnenabgewandten Seite der Erde. Warum ist es in meiner Vorstellung immer dunkel, wenn ich mir diesen Song anhöre?

    Ich spüre das Flimmern der Abgase beim Einatmen. In einer verlassenen Straße, wo die Großstadt nie schläft. Oder doch auf dem Land. Das gleichmäßig blinkende, rote Licht der Windräder passt sich dem Rhythmus an. Alle Ampeln stehen auf grün und spiegeln sich im nassen Asphalt. Was ist nah? Und wo fängt die Ferne an? Wenn ich rufe, antwortet mir das Echo in meinem Kopf. Dreieinhalb Umdrehungen für jeden Gedanken. Ideen prallen von meiner Schädeldecke ab.

    Irgendwie ist es befreiend, ohne Umweg durch stehende Pfützen zu gehen. Die Schuhe mit Wasser durchtränkt. Weil man das sonst nicht macht. Es muss nicht immer Sinn ergeben. So wie dieser Text. Das Gefühl sich durch wirbelnde Landschaft zu bewegen. Doch letztendlich tanz ich auf der Stelle. Nur die Stunden schreiten voran. Bis zum Refrain, denn dann steht die Zeit still. Wasser tropft von einer rauen Felswand in meine ausgebreiteten Hände. Die flüssige Oberfläche erzittert im Beat.

    Der erste Moment Zeitlupe. Der zweite Augenblick in doppelter Geschwindigkeit vorgespult. Um mich herum sind keine Leute. Nur Körper und Geist. Nur die gute Seele und der Rebell. Während ein Hund mit Nietenhalsband die Zähne entblößt und bellt. Geräusche sind gedämpft. Wie es in die Dunkelheit hallt. Hält nichts an Ort und Stelle. 


  • BARNS COURTNEY / TEIL 2

    BARNS COURTNEY / TEIL 2

    Es ist Donnerstag, der 31. Oktober. Zwischen den beiden bodenlangen Vorhängen ist ein kleiner Spalt, durch den spärliches Licht vom Fenster einfällt. Das Bett ist weich. Und meine Decke raschelt leise, als ich ich den Arm ausstrecke. Auf dem Nachttisch taste ich nach den Umrissen meines Handys. Das grelle Licht des Displays blendet meine noch an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Es ist irgendwann nach sieben Uhr in der Früh. Ausgeschlafen bin ich angesichts des gestrigen Konzertabends bei Circa Waves noch nicht. Doch ich zwinge mich, durch zusammengekniffene Lider den erleuchteten Bildschirm zu fokussieren. 

    Wenige Minuten später blinken neue Nachrichten in meinem Mail-Postfach auf. Bestellbestätigung bei eventim, zwei Flixbus Buchungen, der Hinweis, dass ich wieder Geld via Paypal verbraten habe. Und plötzlich bin ich hellwach. Die Beine aus dem Bett geschwungen, tapse ich nun barfuß über den glatten Holzfußboden in meinem Zimmer. Wie es aussieht, werde ich in wenigen Stunden für eine Fahrt nach Hamburg aufbrechen. 

    Ausflugsplanung aus Affekt

    Frisch geduscht, eine Tasse Ingwer-Tee in der Hand tanze ich bei aufgedrehten Lautsprechern durch die Wohnung. In Dauerschleife reihen sich Songs von Barns Courtney aneinander. Spätestens jetzt sind die Nachbarn wach. Und wenn jemand im Hinterhaus aus dem Fenster schaut, fliege ich gegenüber mit ausgebreiteten Armen hinter der Scheibe vorbei. Es läuft Hobo Rocket. Mein Textlernprozess reicht nun neben dem sphärischen „heyheyheyheyhey“ auch über die erste Strophe inklusive Atempause, sodass ich den Refrain stolz und dreimal lauter mitsinge. 

    Vorgestern habe ich dieses Lied im Festsaal Kreuzberg gehört. Dort war ich nicht so vertraut mit den meisten Melodien des in Seattle aufgewachsenen Musikers. Kicks bis dato das Lieblingslied. Fire, Glitter & Gold und vom neuen Album London Girls und You And I waren in meinem Repertoire, das ich nun möglichst schnell auszubauen versuche. Hingerissen von dem unglaublichen Konzert. Dem Gefühl und dem Moment. Als ich heut aufwachte, war mir klar, dass ich es nicht dabei belassen kann. Dass ich dieses Erlebnis noch einmal brauche.

    Also ließ ich an dem Donnerstag alles fallen. Termine, die Uni und das K.Flay Konzert im Astra Kulturhaus.

    Stattdessen setzte ich mich gegen 14 Uhr in den Bus. Sah der vorbeifliegenden Landschaft zu. Wie die untergehende Sonne zwischen Bäumen am Straßenrand aufblitzt. Aus den Kopfhörern dringt Barns‘ Stimme. Ich kuschele mich in meinen zu großen Pullover, im Sitz versunken. Und jage in Gedanken einem Traum nach. Die Vorstellung des bevorstehenden Abends.

    Nach dreieinhalb Stunden erreicht der Bus die Hansestadt. Mit Lederjacke und einem schwarzen Jutebeutel unter dem Arm marschiere ich los. Komisches Gefühl, ohne weiteres Gepäck den ZOB zu verlassen, da ich sonst immer für ein paar Tage bleibe. Heut ist es nur eine Nacht. Straßenlaternen leuchten mir den Weg. Und unter den Schuhen quietscht der geflieste Boden der S-Bahn Unterführung. Der Fahrkartenautomat erkennt meinen Zehner nicht an. Zwölf Euro Kleingeld mehr in meinem Beutel steige ich dann endlich in die Bahn zur finalen Destination.

    Am Gruenspan nahe der Reeperbahn

    Gegen 18 Uhr ist dort noch nicht viel los. Neonlichter flackern über unbelebten Clubeingängen. Die Sitzgarnituren verlassen. Nur eine asiatisch aussehende Frau nimmt auf einer Bank vor verschlossener Tür Platz und gestikuliert wild bei einem Videotelefonat. Ich schreite zügig durch die Straße. Und hinter der Großen Freiheit 36 erkenne ich bereits die wartenden Leute. 

    Ich geselle mich zu den schätzungsweise zwölf Mädels, noch eine Stunde bis zum Einlass. Aus meinem Beutel hole ich ein Glas Brombeerjoghurt hervor. Das laute Ploppen beim Aufschrauben des Deckels begleitet mein Gespräch mit einem netten, blonden Mädchen vor mir. Dieses Jahr mit dem Abi fertig geworden, hat sie eine Reise nach Las Vegas geschenkt bekommen. Und war letzte Woche dort zu einer Lady Gaga Show. Wir verstehen uns auf Anhieb gut. Das Gesprächsthema: Konzerte und Barns Courtney.

    Konzertgeschichten und Schwärmereien

    Apropos, ist das nicht sein Keyboarder, der gerade an uns vorbeiläuft? Dahinter folgt ein bekannter Haarschopf, doch irgendwie scheint es niemand zu merken. Ich zucke zusammen, als meine Gesprächspartnerin heftig winkend ein lautes „huhu!“ ruft und nehme nun auch den Sänger wahr, der zum Gruß die Hand hebt. Dann im Gruenspan verschwindet.

    Während die Freude für den kommenden Abend murmelnd durch die wachsenden Reihen wandert, pule ich an der plakatierten Hauswand neben mir. Doch das Exemplar mit den Tourdaten von Barns Courtney ist sehr widerstandsfähig angebracht. Der Lady Gaga Fan bestellt gerade Karten für die anstehende X Ambassadors Tour und ich weihe sie in meinen Plan ein, nachher möglichst weit vorn und genau in der Mitte stehen zu wollen.

    Dieses Mal werde ich Barns fangen, wenn er zum vorletzten Song ins Publikums springt. 

    Nicht viel später setzen wir dieses Vorhaben um. Ich komme gerade von der Garderobe, dem Pullover und meiner Lederjacke entledigt. Gehe zielstrebig auf meine Konzertbekanntschaft zu, die sich in der zweiten Reihe direkt vor dem Mikrofon platziert hat. Der Saal füllt sich schnell. Die Leute sind motivierter als in Berlin vor zwei Tagen. Manche tragen Halloween-Kostüme. Andere Merchandise. Ich wippe nervös auf meinen Füßen. Die Geduld zum Zerreißen gespannt, als es gegen zwanzig Uhr endlich losgeht.

    Eine bunte Truppe betritt die Bühne. Grünes Haar, lila-metallic Leggins und Socken im Schachbrettmuster hinter dem Keyboard. Blaue Strähnen vor weißem Gesicht und ein roter, langer Umhang an der Gitarre. Zum Schlagzeug setzt sich ein pinke Jeans-Träger mit Sonnenbrille. Und nur in Unterhose bekleidet, doch Socken und rote Stoffschuhe im Schottenmuster dürfen nicht fehlen, stellt sich der Sänger ans Mikrofon. Will and the People, meine Damen und Herren. 

    Auf der Bühne ist Halloween

    Der Supportauftritt wurde noch verrückter als in Berlin. Das Quartett entfaltet sich unter Scheinwerferlicht zu einem wahren Stimmungsmacher. Halloween als Anlass, sich mit schrägen Outfits über die Bühne zu wälzen. Mein ununterbrochenes Grinsen ist demnach nicht nur der angestauten Vorfreude geschuldet. Zwischen mitgesungenen „oh“s und „eh“s, dem Gitarristen, der vor uns wackelig auf einem Monitor balanciert und einem knapp bekleideten Hüftschwung des Sängers. Selbst als ihr Auftritt vorbei und der Umbau in Gang ist, lassen sich die vier Londoner mit Applaus feiern. Blicken mit ausgebreiteten Armen von der Balkonbrüstung auf die Besucher, bevor sie wieder im Backstage verschwinden.

    In der gleichen Reihenfolge wie vor zwei Tagen dudeln im Hintergrund Songs von Phoenix, The Kinks, alt-J oder den White Stripes. Gerade stimmt die Menge kollektiv zu einer vokalen Interpretation des berühmten Gitarrenriffs von Seven Nation Army an. Auch wenn es an der Abendkasse noch Tickets für das Konzert gab, ist der Saal dicht gefüllt. Hitze steigt auf. Und ich weiß, dass meine Bluse obgleich ihres leichten Materials zu einem späteren Zeitpunkt verschwitzt an mir kleben wird. Bald müsste der Umbau abgeschlossen sein. Ein tätowierter Typ testet die Instrumente.

    Dann das ersehnte Taschenlampensignal von einem Crewmitglied.

    Die Hintergrundmusik wird ausgeblendet. Das Licht gelöscht. Die Band kommt auf die Bühne. Als letztes der Sänger. Mit weißem Gesicht und roten Tränen an jeder Wange. Bei dem Grad an Energie und seinen wilden Bewegungen fallen die roten Akzente jedoch schnell wieder ab. Die weiße Farbe klebt bald unter Schweiß zerlaufen an einem grauen Handtuch. Klatschend zuckt Barns Courtney über die Bühne. Das Mikrofonkabel zwischen den Zähnen. Fun Never Ends eröffnet das Set.

    So mittendrin den Künstler zu beobachten ist doch was anderes als vom linken Seitenrand. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mir auf der Busfahrt seine Worte eingeprägt habe. Die Wirkung der Zeilen jetzt noch intensiver. Beide Alben The Attractions Of Youth und 404 sprechen zu mir. Mit einer Schwere, gefährlich und heiß. Oder Euphorie, Antrieb und unbeschwerte Atmosphäre. Das durchlebte Tief Barns Courtney’s wird zu Hymnen am Bühnenrand.

    Die Suche nach dem verlorenen Kindheits-Ich wird zur Vorlage, dem Erwachsensein für mehr als nur diesen Abend den Rücken zu kehren.

    Egal wie kitschig das klingt, bei Hands und Hobo Rocket fühle ich mich frei. Glück durch die Nervenbahnen. Immer wieder reißt das Publikum die Hände nach oben, um den Rhythmus zu klatschen. Und auch heut veranlasst Barns mit seinen humorvollen Ansprachen zwischen den Songs ein Schmunzeln. So ganz weiß ich nie, ob in der Ironie nicht doch ein wenig Wahres steckt. Die Lederjacke rot, wie in Berlin. Doch gegen Ende des Sets bedeckt nichts mehr seinen Oberkörper. Der Abend verging viel zu schnell als Golden Dandelions verklingt und mit Kicks ein weiteres Lieblingslied beginnt.

    Ich trete mit jedem Trommelschlag von einem Fuß auf den anderen. Den Text schreie ich schon fast. Jetzt kommt der Sänger dem Publikum gefährlich nah, beugt sich mit dem Mikro zu den ersten Reihen. Die Arme recken sich ihm entgegen. Dann die Aufforderung noch näher zusammenzurücken. Barns zieht sich zurück, steht geduckt vor dem Schlagzeug. Die Haare hängen ihm klitschnass ins Gesicht. Anlauf, Ansatz und Sprung in die Menge. Jetzt kommt mein Moment. Ich merke wie wir unter seinem Gewicht etwas nach hinten taumeln.

    Doch dann schwebt Barns Courtney über uns.

    Kurz bin ich überfordert, zu verarbeiten, dass ich Teil dieses Erlebnisses bin und gleichzeitig den Refrain mitzusingen. Das gibt sich nach ein paar Sekunden.

    Wieder festen Boden unter den Füßen kündigt Barns den letzten Song an. Wie zwei Tage zuvor, lässt er das Publikum hinhocken, um das Meer an geduckten Körpern in der Mitte zu teilen. Er schreitet einige Meter in die Menge, bevor sie explodiert, springend und moshend mit dem Sänger die letzten Takte feiert. Ein Blick durch die Gesichter der Besucher*innen, alle scheinen froh und gleichermaßen überwältigt. Alle setzen zu lauten Zugabe-Rufen an, nachdem die Band das Scheinwerferlicht verlässt.  

    Und sie sollten ein Encore bekommen.

    Gerechnet habe ich damit nicht. Ich und der Lady Gaga Fan machten uns auf den Weg zur Garderobe. Denn meine Rückfahrt war schon zu 23.45 Uhr gebucht und ich musste spätestens zehn nach elf loslaufen. Langes Anstehen könnte daran hindern. Doch als ich Barns‘ Stimme erneut durch die Lautsprecher tönen hörte, konnte ich nicht anders, als mich nochmal zurück in die Menge zu quetschen. Ich lauschte einem neuen Song, den er nur mit seiner Gitarre vortrug. 

    Wenn es mir nicht bereits vorher klar war, wusste ich nun, dass ich nicht schon gehen konnte.

    Während das Licht im Saal aufgedreht wird, stehe ich mit meinem Handy in der sich auflösenden Menge. Das Display leuchtet grün auf. Mein Datenvolumen aufgebraucht, dauert es einige Zeit, dann ist die ursprüngliche Rückfahrt storniert. Der nächste Bus verlässt um 2.45 Uhr die Hansestadt. Ab heute kann mir niemand mehr sagen, dass ich nicht spontan wäre. Und vielleicht auch ein wenig verrückt.

    Überschwappende Emotionen und ein My Chemical Romance Comeback

    Was mein Ziel ist, weiß ich nicht so recht. Also hole ich erst einmal den Gang zur Garderobe nach. Auf der Treppe checke ich meine Mails nach einer Buchungsbestätigung von Flixbus und sehe stattdessen den Betreff „RETURN“ unter der Adresse von My Chemical Romance. Ich blicke mit offenem Mund die Leute um mich herum an und kann einen kleinen Ausraster gerade noch so unterbinden, da wird mir bereits meine Jacke gereicht. Und mein Jutebeutel. Und ich trete den Weg zum Waschraum an. Sinnvoll Zeit verplempern ist das Motto. 

    Irgendwann ist der Großteil der Konzertbesucher verschwunden. Im Saal wird umgebaut. Eine riesen Diskokugel aufgehangen. Mich verschlägt es zum Merch-Stand. Die Mitglieder der Vorband unterhalten sich mit Grüppchen von Personen. Vor mir möchte ein Mädchen ein T-Shirt mit Karte bezahlen. Was aber nicht geht. Und schnell entbrandet mit ihrer Mutter eine Diskussion, wer jetzt zum Geldautomat sprintet und ein paar Scheine abhebt, bevor der Club geschlossen wird. (In der Handlung etwas vorgegriffen, kann ich sagen, dass sie sich nicht einigten und T-Shirt-los den Heimweg antraten.) 

    Ich kaufe mir ein kleines Poster, weil ich keine 15 Euro für ein großes habe. Stelle aber zu spät fest, dass es gar nicht von dieser, sondern der UK Tour 2018 ist.

    Langsam aber sicher werden die verbleibenden Fans zum Ausgang gedrängt. Ich stelle meinen vollgestopften Beutel auf dem dunklen Ledersofa im Eingang ab und beginne, mir demonstrativ langsam den Pullover überzustreifen. Schal und Jacke anzulegen. Und das Plakat gerollt zu verstauen. Dabei fällt mir ein weiteres Mädchen mit ihren Eltern ins Auge, die sich mit dem Sänger von Will and the People unterhält.

    Sie knetet eine Wasserflasche in ihrer Hand und wendet sich dann aufgeregt ihren Eltern zu, als der Sänger im leeren Saal verschwindet. Fetzen, die ich von dem Gespräch aufgefangen habe, tragen mich zu der Dreierkonstellation. Ich frage, ob sie den Sänger beauftragt hat, Barns zu holen. Mit einem hektischen Nicken bestätigt mir das Mädchen meine Vermutung und ich muss grinsen.

    Hoffung auf ein Wiedersehen

    Es ist klar, dass die vereinzelten Leute, die jetzt noch hier herumdümpeln, auf die Chance warten, den Star des Abends persönlich zu treffen. Sich von ihm ein T-Shirt, Poster oder die Setlist signieren zu lassen. Oder ein Foto zu machen. So auch ich. Doch diese Hoffnung zerbricht bei dem Mädchen mit ihren Eltern, als wir nun vollends aus dem Gruenspan geworfen wurden. Ein letztes Mal schlägt sie verzweifelt ihre Wasserflasche in die Hand und geht dann. Ich bleibe. Draußen warten noch zehn, fünfzehn Leute. Der Lady Gaga Fan ist nicht dabei.

    Ein Gesicht kommt mir trotz dessen bekannt vor. Das habe ich schon bei der Berlin-Show gesehen. Und so gehe ich kurzerhand darauf zu. Ich finde heraus, dass sie bei so einigen Barns Courtney Konzerten war. Unter anderem auch einem Spezial-Showcase im Universal Büro. Dort lernte sie wiederum jemanden kennen, der nun ebenfalls in unserer Runde steht. Ich unterhalte mich mit beiden über das Thema des Abends – Konzerte. Auf welchen man schon war, auf welche man gehen sollte. Eine vierte Person in unserer Runde bringt Anekdoten von Barns Courtney Shows an, da sie ebenfalls zu einigen Termin hinterherreiste. Auch mal im selben Hotel wie die Band übernachtete und diese dann beim Frühstück traf.

    Es war spät. Und kalt. Ungeduldig tappen wir vor verschlossener Tür umher. Die Leute, die bis jetzt noch hier stehen, werden nicht gehen.

    Hartnäckig und mit dem Gewissen, dass Barns und die Jungs ja irgendwo rauskommen müssen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Da mein Bus aber eh erst in drei Stunden fährt, macht es mir nichts aus zu warten. Dann endlich. Wir hatten uns in einen windgeschützten Hauseingang zurückgezogen und merken, wie es nebenan kleinen Aufruhr gibt. Ich schaue um die Ecke und sehe. Ja genau. Barns Courtney wie er, ein Telefonat vortäuschend, vor die Tür des Clubs geht und dann gespielt überrascht „auflegt“, da ja Leute auf ihn warten. 

    Sofort erhellen sich alle Gesichter. Meine Gesprächsrunde löst sich auf und die einzelnen Personen finden sich beim Schlagzeuger und Gitarristen ein. Ich hingegen bleibe in der Nähe des Sängers. Er wird von allen Seiten um Unterschriften gebeten. Ein Typ, der zur Crew gehört, den ich aber nicht genau zuordnen kann, bietet seinen Dienst als Fotografen an. Handys werden ihm gereicht. Bilder geknipst. Während er auf verschiedensten Mobiltelefonen den Auslöser drückt, betont er, dass die Band nicht mehr so lang Zeit hat. Deshalb ergreife nun auch ich die Gelegenheit. 

    Und schon hält er mein iPhone mit dem Parcels Sticker auf der Hülle in der Hand.

    Ich lächele den Sänger an und Barns fragt mich, wie es mir geht. Völlig überfordert mit der Situation antworte ich, dass ich das Konzert geil fand. Ich strecke ihm meine Setlist aus Berlin entgegen und da er nur einen weißen Marker hat, unterschreibt er sie mir auf dem schwarzen Taperest. Als ich meine Sprache wiedergefunden habe, erzähle ich noch, dass mich mein erster Konzertbesuch vorgestern so beeindruckt hat, dass ich heut spontan nach Hamburg gefahren bin. Und definitiv nicht enttäuscht wurde.

    Dann lassen wir ein Foto machen. Oder mehrere. Der Typ mit meinem Handy gibt Regieanweisungen. Irgendwas mit „3D-Effekt“ und dass Barns „mal seinen Finger der Kamera entgegenstrecken soll“. Indessen frage ich mich, ob dann nicht die Hand das Gesicht verdeckt. Vielleicht sieht man mir das auf den Fotos später an. Jetzt ist Barns dazu übergegangen die Krallen auszufahren. 

    Ich höre nur ein „du bist ein Tiger“ von dem Foto-Typ.

    Neun verwackelte oder anderweitig unscharfe Bilder später, bekomme ich mein Handy zurück. Ein Blick durch die Runde verrät mir, dass ein paar der Wartenden bereits glücklich mit Foto nach Hause gingen. Meine Bekanntschaften stehen immer noch beim Schlagzeuger. Also geselle ich mich dazu. In der Hoffnung, die nächsten Stunden nicht allein im McDonalds auf den Flixbus wartend verbringen zu müssen. Und das musste ich weiß Gott nicht. 

    Fangirls und ein Irish Pub

    Denn kurzerhand wurde die Fotosession beendet und die Band löst sich von den letzten Fans. Sie gehen die Straße der Großen Freiheit runter. Ziemlich zügig. Die beiden Mädels von vorhin und ich setzen uns in Bewegung. Auf meinen fragenden Blick hin, sagen sie mir, dass wir jetzt einfach hinterhergehen. Okay klar, folgen wir denen einfach. Ist ja nicht so, dass ich das nicht schon tausend Mal gemacht hätte (natürlich ironisch gemeint).

    Im Laufschritt geht’s durch die neonbeschienene Straße. Partygänger*innen wurde gekonnt ausgewichen, ohne die Jungs und Barns Courtney aus den Augen zu lassen. Was dank seiner bunt bestickten, schwarzen Lederjacke nicht so schwer war. Mit einem Seitenblick nehme ich wahr, dass außer uns nur zwei, drei andere Fans neugierig mitkamen.

    Mittlerweile haben wir den Beatles-Platz erreicht und biegen rechts ab. Jemand macht einen Witz, dass die Band insgeheim nur einmal um den Block geht, um zu gucken, wer ihnen so hinterherkommt.

    Doch dann nähern sie sich einem Eingang neben dem Molotow. Einem Irish Pub & Club. Eine Stimme in meinem Kopf sagt mir, dass jetzt der Abend vorbei ist. Als ob wir dort mit reingehen. Doch genau das tut meine Begleitung. Die beiden erklimmen die Stufen zum Pub. Und ich tue es ihnen nach. Kurze Zeit später stehen wir zwischen Tresen und Sitzecke, in der Barns Courtney jubelnd begrüßt wird. Im Hintergrund spielt Wonderwall von Oasis. Ich fühle mich fehl am Platz. Irgendwie ist es mir unangenehm, hier hereinzuplatzen. Ich meine, gerade standen diese Leute noch vor mir auf der Bühne und nun bin ich zusammen mit ihnen in einem Irish Pub? 

    Der Aufenthalt sollte nicht nur von kurzer Dauer sein, denn die Mädels legen ihre Jacken und Taschen ab. Ich ziehe kurzerhand meinen Pullover wieder aus, da er mir nicht tauglich erscheint. Alles in den Beutel gequetscht, stelle ich diesen nun in einer Ecke ab. Irgendjemand wird im Verlauf der Nacht sein Bier drüber schütten, sodass ich im Bus später vollends nach alter Kneipe rieche. Generell gehen noch einige Gläser zu Bruch. Und meine Schuhe kleben an den Getränkeresten.

    Mr. Brightside

    Etwas verloren stehen wir nun herum, bis jemand beschließt, Getränke zu holen. Ich nehme eine große Cola. Irgendwie will ich ja noch wach bleiben. Ein, zwei Mal an dem Getränk genippt, geht es auf die kleine Tanzfläche vor dem DJ-Pult. Die Band ist bereits da, Barns Courtney und noch ein paar andere, die ich nicht ganz zuordnen kann. Und dann. Naja. Dann tanzten wir dort. Zu einer wilden Mischung an Songs. In dem kleinen Raum wuseln wir wie ein unkoordinierte Gruppe umeinander. Mr. Brightside spielt. Und das erste Mal singt wirklich jeder mit. Ich weiß nicht, wem ich gerade euphorisch die Lyrics entgegenschreie. Alle sind offen und deutlich dabei, den Abend zu genießen.

    Die aus künstlichen Spinnennetzen bestehende Halloweendeko wird bald dazu benutzt, die Tanzenden zu umwickeln. Immer wieder lässt sich einer der Jungs hochheben. Wird dann kurze Zeit auf Armen durch den Pub transportiert. Ich schaue mich um, wo der Träger der bestickten Lederjacke abgeblieben ist. Nur um dann innerlich Auszurasten, wenn Barns Courtney zwei Meter weiter neben mir zu Sexbomb tanzt.

    Jemand äußert sich zur der Songauswahl: „I can’t believe they’re really playing this song.“ Bevor die ironischsten Moves und der bekannte Refrain für Vergnügen sorgen. Als die Melodie langsam zu Low von Flo Rida überblendet, gibt es einen Aufschrei. Dann bouncen alle im Rhythmus durch den Raum. Zum „Shawty got low low low low…“ kommen wir Stück für Stück dem Boden näher.

    Fangirls geben den Boys Bier aus. Zum Rauchen verschwindet die Band nach draußen. Wir bleiben drinnen und warten auf die erneute Zusammenkunft bei Teenage Dirtbag. Alle schwelgen in den Lyrics. Kann ich das glauben? Nicht wirklich. Bis jetzt noch nicht. Es fiel mir schwer nach zwei Stunden zu gehen. Vielleicht war es das Krasseste, auf jeden Fall das Spontanste, was mir in letzter Zeit eingefallen ist.


  • DIE ROTE LEDERJACKE

    DIE ROTE LEDERJACKE

    Die Bühne erstrahlt im warmen Scheinwerferlicht. Alle Besucher*innen scharen sich vor ihrer Mitte. Verschwitzt, mit wirren Haaren vom wilden Tanzen. Immer mehr Arme strecken sich in die Höhe. Sprießen wie orangene Blumen aus dem Publikumsmeer. Die Gitarre erzittert, das Schlagzeug braust auf. Ein Mann in roter Lederjacke, spitze Schuhe zu den schwarzen Jeans, bewegt sich ausgelassen im Rhythmus der Musik. Seine volle Haarpracht wirbelt auf, als er Anlauf nimmt. Keine zwei Sekunden später tragen ihn Hände durch den Saal. Rücklings, das Mikrophon fest im Griff ertönt ein Refrain:

    „I get my kicks. Take the money, I’ll get my fix“

    Am Dienstag, den 29. Oktober, gibt Barns Courtney ein Konzert im Berliner Festsaal Kreuzberg. Es ist eine halbe Stunde vor Einlass, Leute trudeln ein und es bildet sich im Abenddunkel eine Schlange vor der behüteten Tür des Festsaals. Ein Licht flackert. Durch Fenster sind Schatten zu sehen, die im Vorraum T-Shirts für den Merch drapieren. Und als es endlich nach Drinnen geht, rollen die ersten bereits ergatterte Poster zwischen den Fingern.

    Nach einer Stunde ungeduldigen Wartens verstummt die Hintergrundmusik. Kurz wird es dunkel. Dann hell auf der Bühne. Ein Quartett tritt ins Licht. Angeführt vom Frontmann, dessen Haare wie Spaghetti über die Ohren fallen. Sein rechtes Auge ist blau eingerahmt, aber was macht das schon. Es ist ja bald Halloween. Will and the People, kurz W.A.T.P., schüren Feuer und Atmosphäre in der Menge.

    Stimmungsmacher im Vorprogramm

    Alle im Tanzschritt, rechts-links. Die Arme nach oben. Jubeln zu den ansteckenden Melodien. Der Sänger ist oberkörperfrei und turnt über die Bühne. Vereinzelte Personen in den Sitznischen werden mit ironischen Bemerkungen bedacht. Während der Gitarrist die Zeilen aus vollem Hals mitschreit, fühlt der Blonde an den Keys seine Töne. Ab und zu ein Lachen und Witze mit dem Schlagzeuger austauschend, der zu guter letzt sein komplettes Drumset umwirft. Ein chaotischer Haufen.

    Es folgt eine Umbaupause, in der alle Kabel mit Tape gesichert werden. Damit bei den folgenden wilden Tanzmoves niemand fällt. Trotz dessen liegt Barns Courtney am Ende auf dem Boden. Beabsichtigt, vielleicht überwältigt und außer Atem von der vergangenen Stunde.

    Der erste Song ist Fun Never Ends und ich bekomme nicht viel davon mit, außer die freudestrahlenden Gesichter der Besucher*innen.

    Drei Bandmitglieder sind bereits hinter ihren Instrumenten platziert, Barns Courtney kommt als letzter auf die Bühne getrabt. Schnell wie ein Blitz ist er vorn beim Publikum und heizt die Reihen an, ausgelassen im Takt zu klatschen. Das Publikum ist der Bühne zugewandt und die Scheinwerfer spiegeln sich in glänzenden Augen. Barns verschwindet hinter ihren ausgestreckten Armen.

    Schon nach kurzer Zeit ist der nackte Oberkörper unter der roten Jacke schweißüberströmt. Der Sänger reckt das Kinn in die Höhe, während seine Finger über die Gitarrensaiten wandern. Sie entlocken dem Instrument Melodien vom Debüt The Attractions Of Youth und dem aktuellem Album 404. Auch ein Intermezzo, in dem sich jubelnder Beifall mit den angeschlagenen Tönen abwechseln, findet Platz.

    London Girls hat es mir angetan. Hobo Rocket mit seinem losgelösten Charakter und der gesungenen Reise durch die Sphären.

    Wie der Atem voller Kraft das Mikrofon erreicht. Dann wird die Energie gezügelt. Für Little Boy sind sanftere Saiten angeschlagen. Vom kleinen Jungen zu Champion und düsterer Energie. Im gesamten Set fehlt es nicht an Spannung. Die Leidenschaft in der Stimme Barns‘ reißt mit. Die Bühne wie natürlicher Lebensraum, in dem er sich mit flinken Füßen, Drehungen und Hüftschwung bewegt.

    Glitter & Gold ein Souvenir aus 2015, der erste Song seines Solo-Projekts. Zu You & I gibt es ein, naja spezielles, Gedicht mit amüsanter Geschichte dahinter. Ich habe vor Lachen Tränen in den Augen. Der Umgang mit dem Publikum ist locker und vertraut. Irgendwann holt Barns Courtney eine Besucherin auf die Bühne, die er von einem anderen Tag wiedererkannte. Als er sich bei ihr im Garten mit seinem Drummer eine Wrestling-Schlacht gab (falls ich das so richtig verstanden habe). Und mehr Lachtränen.

    Nach 99′ naht mit Golden Dandelions langsam der Schluss.

    Ich möchte nicht, dass dieser Abend endet. Zeit für die Mädels in der ersten Reihe, ihr Pappschild herauszuholen: „Lay me down in golden dandelions“. Weiter hinten im Saal gibt es eine weitere Pappe. Die ist sogar ziemlich riesig. Ein junger Mann hält die Aufschrift „SAM, I’m pregnant“. Einmal gedreht dann „SAM, I would do it again“. Alles klar.

    Der Bühne zugewandt, Auftakt für Kicks. Später wird der Sänger dieses Lied auf den Händen des Publikums beenden. Dann der finale Song. Fire hatte es nochmal richtig in sich. Vorantreibende, dumpfe Drums. Ein euphorischer Chor, angeführt von dem Engländer mit seiner glühenden Stimme. Alle gehen in die Hocke. Barns Courtney bahnt sich einen Weg durch die Menschen. Irgendwie unwirklich. Dann bei drei, alle springen auf.

    Ein letztes Fest. Meine Finger kribbeln. Ich fühle mich vollkommen. Mit Energie versorgt, Zukunftsvisionen, jetzt kann ich alles schaffen. Und vielleicht hole ich mir auch so eine rote Lederjacke, als Erinnerung an dieses Gefühl.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • KRAFTKLUB

    KRAFTKLUB

    In der S-Bahn ist es stickig. Die Feierabendzeit drängt Leute zwischen die ausgeblichenen Polster und klebrigen Metallstangen. Meine Hand schwitzt unter dem glatten Material, während die Bahn am Westhafen vorbeiruckelt. In den Gesichtern der Leute spiegelt sich Routine. Angestrengt ins Nichts sehen, wenn der Geigenspieler eine Tür weiter seine Musik gegen Kleingeld eintauschen möchte.

    Er fidelt seine Version von Señorita. Ich wollte schon immer Geige lernen. Schmerzlich an mein schwaches Durchsetzungsvermögen erinnert, beobachte ich das S-Bahn-Konzert. Kleingeld habe ich nicht dabei. Doch ein Herr kramt in der Hosentasche. Er sitzt hinten links. Gestriegelt, in Anzug mit Schlips. Auf seinem Schoß ruht ein überdimensional großer Blumenstrauß. Ein monströses Blatt durchsichtiger Folie würgt die zarten Blüten.

    Hortensien und weiße Lilien

    Ich frage mich, welchen Anlass dieser Strauß zieren wird. Das Blau der Hortensien steht dem Schlipsträger nicht. Er wirft ein paar Münzen in den ausgefransten Becher des Geigenspielers. Dann verschwinden beide durch die sich schließenden Türen. Ausdruckslose Blicke richten sich erneut aus den Fenstern, als ein Mann, ich schätze ihn auf Anfang dreißig, mit kleckernder Bierflasche durch den Gang stolpert.

    Seine drahtige Statur kommt neben mir zum Stehen. Jetzt erst scheint ihm aufzufallen, dass der Inhalt seiner Flasche in Flecken den Boden ziert. An einen älteren Herren neben mir gewandt, fragt er mit schwerer Zunge: „Oh das tut mir Leid, habe ich dein Hemd schmutzig gemacht?“. Das desinteressierte Kopfschütteln seines Gesprächspartners nimmt der Anfang Dreißigjährige nicht wahr und fährt unbeirrt fort.

    „Mein Bruder trägt neuerdings auch Karohemden. Und seit er studiert, holt er seine Bassgitarre gar nicht mehr raus.“

    Verzweiflung und Enttäuschung spricht aus seiner Stimme. Einige Leute schmunzeln. Für mich entfalten diese Worte eine unglaubliche Tragik. Zerbrochene Träume und erwachsene Kindheitshelden. Mit glasigen Augen nimmt er auf einem frei werdenden Sitz Platz. Es wird kurz still. Lange bleibt es nicht so, da setzt der Typ erneut an. Entrüstet diesmal. „All die scheiß Werbeplakate an der Fassade.“ Um ihn herum werden die Reisenden unruhiger. „Bei jeder Reklame denk ich an dich.“ Vielleicht denken sie, er ist verrückt. Blick in die Ferne. Er redet vor sich hin.

    „Ich habe seit Tagen nicht mehr geschlafen. Ich geh durch die Straßen und denke an dich.“

    Die Situation ist so realistisch, erst langsam klickt es bei mir. Die ehrlich präsentierten Gedanken sind bereits bekannt. „Ich sitze zuhause, kiff auf der Couch. Doch wie viel ich auch rauche, ich denke an dich.“ Im Hintergrund setzt eine krasse Gitarrenline ein. Und ich frage mich, ob die anderen Personen hier es nun auch hören. 

    Poetry Slam ähnlich reiht er die Worte in seinem Rhythmus aneinander. Eine kurze Pause, bevor er schief und mit gebrochener Stimme anfängt zu singen. „Denn ganz egal woran ich grade denke, am Ende denk ich immer nur an dich.“ Ostkreuz. Ich steige aus. Und summe diese letzte Zeile vor mich hin. Bisher erschien sie mir harmlos.

    Der Mann in der Bahn hat mir damit das Herz gebrochen.

    Ich bin kein Kraftklub Fan. Außer Sklave hat sich keins ihrer Lieder bei mir durchgesetzt.  Auftritte der Band, die ich bereits sah, waren unterhaltsam. Und jetzt bin ich hier, tief bewegt. Dass mir die Existenzkrise eines Fremden Zugang zur Musik verschafft, hätte ich nie erträumt. Sonst ist Musik da, wenn wir allein sind. Abgeschirmt im Liebeskummer. Er trug sie in dem Moment bei sich. Pur. Eine Version besser als das Original.


  • BLAENAVON

    BLAENAVON

    Die Dämmerung setzt ein. Doch auch am sonnigsten Tag tauchen dichte Baumkronen den Wald in Schatten. Geheimnisvoll. Und gleichzeitig vertraut, wie sich das kühle Moos unter den nackten Füßen anfühlt. Dunstschleier zeichnen die Umgebung weich. Es ist ruhig, nur der Herzschlag der Bäume. Knistern, wenn feine Äste unter meinen Sohlen entzweien. Die Luft riecht nach Regen.

    Ich streife durch die Tiefen des Waldes. Dünner Stoff streicht die Bäume. Blätter flüstern leise im Wind. Hier im Dunkeln liegt die Angst. Aber auch der Frieden. Wilde Blaubeeren ranken über den Boden. Sie schmecken süß und ehrlich, zergehen auf der Zunge. Um mich herum ist alles vergessen. Farn kitzelt an den Knöcheln und unter der Hand die raue Rinde. Robust und gleichwohl zerbrechlich. Alles atmet.

    Unter den Birken ist ein kleines Waldbett. Ich lege mich ins Moos. Waldgeister singen mit zarten Stimmen. Sie weinen. Tränen fallen auf den gewebten Stoff meines Kleids, kleine Tröpfchen hängen an Spinnennetzen. Und glitzern. Mit geschlossenen Augen lausche ich dem Zittern. Dem aufbauschenden Wind. Und der Erleichterung. Die Sonne glüht nur noch dicht über dem Boden. Faszination hindert mich am Heimweg. Es ist schon spät. Ich sollte gehen.

    Leise tippt mir eine Melodie auf die Schulter. Nimmt mich bei der Hand. Ihre Finger sind kalt, doch das Lächeln ist warm. Ein leichtfüßiger Tanz über den unebenen Boden. Sorgen wiegen sich mit den Blättern im Wind. Die Luft ist rein. Klare Stimmen schweben im Nebeln. Und wir drehen ausgelassen Pirouetten. 


  • WIR SIND HELDEN

    WIR SIND HELDEN

    Es ist September, einer der wenigen sonnigen Tage. Asphalt zieht sich durch die Landschaft. Sonnenstrahlen wechseln sich mit den Schatten der Bäume ab. Im Auto ist es stickig. Eigentlich zu warm für einen Pullover, den ich notdürftig bis zu den Ellenbogen hochgeschoben habe. Das Radio ist kaputt. Die Musik dringt blechern aus meinem Handy, das zwischen ein paar verblichenen Parktickets und Tankrechnungen lieblos in der Mittelkonsole liegt.

    Mein Blick ist in die Ferne gerichtet. Oder in die Zukunft. Die Straßen sind heut nicht viel befahren. Vier Räder rollen scheinbar zum Takt der Musik. Von der Rückbank kommt ab und zu ein Rascheln. Gesellschaft leistet mir allein meine Yucca Palme, die ich fest auf den Sitz gegurtet habe. Der Kofferraum ist tetrisartig mit meinen sieben Sachen verbaut und aus dem Handschuhfach klappern leise Fläschchen mit Kaltgärhefe aneinander (ein Gefallen für meinen Vater). Im Fußraum liegen kleine, knallrote Chili-Schoten verstreut. Und ich?

    „Ich weiß nicht weiter. Ich weiß nicht wo wir sind. Von hier an blind.“

    Das spricht mir aus der Seele. Wo ich doch gerade eher spontan dem letzten Jahr meines Lebens den Rücken kehre. Ohne große Erklärungen oder Abschiedsworte. Manch einer wird verwundert die Stirn runzeln, dass mein Platz im Theorie-Seminar frei bleibt. Wenn ich längst in einer anderen Stadt meine ersten Kurse verpasse. Oder es fällt halt keinem auf. Denn vermutlich bin ich gar nicht so bedeutend, wie ich es mir manchmal gern einbilde.

    Rasant habe ich traute Gewohnheiten auf links gedreht, wie den durchgeschwitzten Pullover nach meiner Ankunft. Wo mir der Kopf steht, weiß ich nicht. Darum singe ich laut den Refrain, gemeinsam mit Wir Sind Helden. Ich warte auf den Einsatz der tiefen, zweiten Stimme. Abwechselnd steige ich dann dort ein. Oder singe, wenn mir danach ist, in verzweifeltem Ton an der Seite Judith Holofernes‘. Auf Spotify leuchtet das on repeat-Zeichen grün. 

    Das Lied ist nicht nur schön, weil es mich auf dem Weg in die Ungewissheit begleitet. Es ebnet auch eine Bahn zur Erinnerung, wo alles anfing.

    Irgendwo in der Grundschule. Mit schmutzigen Hosenbeinen und Dreck unter den Fingernägeln, weil der Sandkasten eine wahre Goldgrube war. Ständig verloren die Kinder ihr Essensgeld und ich war stets da, es wieder aus den sandigen Buddellöchern herauszupulen. Wenn ich das nicht tat, saß ich nach Schulschluss vermutlich mit einem Sandkastenfreund auf dem Klettergerüst und sang. Er zeigte mir auch das Lied, unsere Pausenhymne, Denkmal von Wir Sind Helden. 

    Ohne so wirklich zu wissen, um was es geht, lernten wir den Text nur vom Hören. Wir sinnierten darüber, warum die Leute im Song das Denkmal blöd fanden und kamen zu keinem Entschluss. Ich fragte meine Mutter, was Parolen sind. Und Jahre später fand erst der Begriff ‚engagieren‘ zu meinem Wortschatz. Mit Tomatensoße bekleckert gingen wir gemeinsam aus der schäbigen Kantine. Über die zerbrochenen Betonplatten des Pausenhofs. Wo rote Linien auf dem Boden noch respekteinflößend waren. Ich habe es nie gewagt, einen Fuß darüber zu setzen. Nur vorgestellt habe ich es mir.

    Vom Suchen und Finden

    Genau wie ich mir damals vorstellte, Kosmetikerin oder Maskenbildnerin (der Begriff Make-up Artist war noch nicht gängig) zu werden. Was würde mein sechsjähriges Ich nun dazu sagen, dass Musik mein Ding ist. Waren das nicht früher Dinos? Oder Hunde? Und der Wunsch ein Fundbüro zu eröffnen? Wenn man wüsste, wo man Dinge fände, dann müsste man gar nicht erst suchen. 

    Ich suche gern. Nach alten Fotos, auf denen ich mit unserem Hund Jacky im Garten sitze. Oder nach Kassetten mit der Hitparade 99. Ich suche in Menschenmengen nach bekannten Gesichtern. Oder in fremden Gebäuden nach Räumen. Eigentlich bin ich ständig auf der Suche. Manchmal weiß ich nicht einmal nach was. Und dann mache ich Von hier an blind an. Die Lautsprecher aufgedreht oder im Auto mit gepresstem Ton aus dem Handy.

    Und dann fühle ich mich gut. Und schlecht, weil ich nicht weiter weiß. Das wiederum ist erfreulich. Denn immer zu wissen, wie es weitergeht, wäre auch langweilig. Und letztendlich sind die Gefühle verwirrt. Ich im Sandkasten. Ich auf dem Mond. Wahrscheinlicher zwischen unausgepackten Kisten im Bett, die Yucka Palme raschelt zustimmend.


  • IM SOG DER DÜSTEREN WELLEN

    IM SOG DER DÜSTEREN WELLEN

    Einzig eine schmale Tür hindert nunmehr den Zugang zu dem kleinen Raum. Abzweig eines gedrungenen, verwinkelten Gangs im Backstagebereich des Molotow. Von roten Wänden begrenzt. Ein schwarzer Stern hebt sich vom signalfarbenen Untergrund ab. Und drei mit Kreide darauf geschriebene Worte sind Hinweis, was das Senken der Türklinke offenbart. The Ninth Wave.

    Zwei Personen sitzen auf Holzhockern in dem winzigen Zimmer, das kaum Platz für weitere Möbel bietet. Ein runder Tisch, ebenfalls aus Holz, wirkt durch den ständig wechselnden Besuch in die Jahre gekommen. Kleine Pinsel, eine rechteckige Lidschattenpalette liegen darauf verteilt und warten, am heutigen Abend in Gebrauch genommen zu werden.

    „Wir gaben hier bereits drei Konzerte und haben dabei jedes Mal auf einer anderen Bühne gespielt. Außer der Skybar. Deshalb fühlt es sich so an, als würden wir heut unsere Auftritte im Molotow vervollständigen.“

    Mit einem Schmunzeln auf den Lippen erinnert sich Millie Kidd, eine Hälfte der Glasgower Band The Ninth Wave, an ihr letztes Erlebnis in Hamburg. Sie und ihr männlicher Gegenpart Haydn Park-Patterson erregten mit ihrem „Latexhandschuh tragenden Post-Punk“ im vergangenen September die Aufmerksamkeit der Reeperbahn Festival Teilnehmer.

    Erst seit ungefähr einem Jahr steht das Duo in seiner heutigen Konstellation auf der Bühne. Und doch wissen die beiden genau, wie sie ihr expressives Erscheinungsbild mit der Musik verbinden müssen, um ihren schweren, düsteren Klang zu manifestieren. Die Augen mit schwarz oder roten Schatten eingerahmt, Silberkette am Hosenbund. Ärmel schwarzer Spitze ergänzen das eng anliegende Oberteil von Millie, den schwarzen Bass um die Schultern gehängt. Während sich Haydn allmählich das Kabel des Mikrophons in Schlaufen um den Hals legt, wird das Publikum von Millie mit entzürnten Blicken bedacht. Ein bedrohlicher Eindruck, der nahezu dem von Seefahrern als neunte Welle beschriebenen Phänomen gleicht.

    In einer Aufeinanderfolge mehrerer Wellen sei die neunte, so heißt es, die stärkste und gefährlichste. Eine finstere Faszination rankt sich um dieses Naturphänomen, das in der irischen Mythologie als Tor zur „Otherworld“ gilt. Diese Welt ist eine für das Auge unsichtbare Insel, die nur Überlebende der unheilvollen Woge beschreiten können. Auch einige Künstler widmeten ihre Werke der „Ninth Wave“.

    In den Erzählgedichten Königsidyllen wird der Protagonist beispielsweise von ihr an Land gespült. Das Erlebnis schildert Dichter Alfred Tennyson in Zeilen, welche Fans der britischen Sängerin Kate Bush schon kennen dürften. Denn die zweite Seite ihrer Platte Hounds Of Love trägt nicht nur den Titel The Ninth Wave, sondern auch das besagte Zitat:

    Wave after wave, each mightier than the last / Til last, a ninth one, gathering half the deep / And full of voices, slowly rose and plunged / Roaring, and all the waves was in a flame

    Fragt man jedoch die junge Band aus Glasgow, ob dieser mythische Hintergrund zur Namensgebung führte, fällt die Antwort weniger positiv aus. Sänger Haydn und Gründer der Gruppe erklärt gelassen: „Der Name fiel mir ein, als wir noch ziemlich jung waren.“ Er scheint kurz zu überlegen. Dann lässt er seine Hand, auf die er zuvor das Kinn stütze, sinken und fährt amüsiert fort: „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht warum.“ Die Aussage bringt ihn selbst kurz zum Lachen, Millie stimmt mit ein. Das Duo gab ihrem Namen im Nachhinein Bedeutung. Füllte ihn während der Entfaltung ihrer Band mit neuem Sinn.

    Nun klauben sie angeregt diese Ideen aus ihrem Gedächtnis zusammen. Durch bekräftigenden Zuspruch bestätigt die eine den Gedanken des anderen. Es fallen bekannte Stichworte der Mythologie oder Seefahrt. Auch das Gemälde eines russisch armenischen Malers wird genannt, in dem die bedrohliche Szene der neunten Woge verbildlicht wurde, bereits neun Jahre bevor Tennyson dies in Worte fasste. Verrückt, wie ein willkürlich gewählter Name die Stimmung einer Band so passend einfassen kann. Nachträgliche Interpretationen spiegeln das von der Musik gezeichnete Bild im Kopf der Zuhörer.

    „Wie wurden wir letztens nochmal beschrieben?“ Haydn wendet sich an Millie in der Hoffnung, dass sie die treffende Formulierung erinnert. „Als Tragik von ihrer schönsten Seite“, erwidert die Bassistin und ebenfalls Sängerin von The Ninth Wave.

    Sie fügt hinzu: „Mir gefällt der Ausdruck ‚Post-Punk im Krieg’“. Diese Bezeichnung aus dem Mund Millie Kidd’s zu hören, klingt im ersten Moment abstrakt. Wortwahl als auffälliger Kontrast zu der aufgeschlossenen Person, die hier mit übergeschlagenen Beinen auf einem kleinen Hocker sitzt. Hinter der Bühne in gestreiftem Shirt und ohne schwarz unterlaufene Augen. Für ihren Auftritt als Band konstruiert das Duo eine zweite Welt, Inszenierung melancholischer Ästhetik. Teil eines detailliert durchdachten Konzepts ist all dies allerdings nicht.

    „Wir versuchen nicht, bestimmten Konzepten zu folgen. Wir enthüllen, was sich bereits in unseren Köpfen befindet.“

    Neben einer Vorliebe für verstörende Dinge ist es die Liebe zur Musik, die Gedankenfäden zu fesselnden Melodien spinnt. Das am 3. Mai erschienene Debütalbum Infancy Part 1 als ein aktuelles Beispiel. 6 Songs unterschiedlich und doch von gleicher Schwere durchzogen. Elektronische Drums und Klang mit Nachhall, der den bitteren Beigeschmack der Lyrics bei This Broken Design transportiert. Im zweiten Track All The Things We Do ausgetauscht durch klare Gitarrenlinie, der Hintergrund ein industrielles Soundgerüst. Zwischen abfälligem Unterton in Half Pure und dem umgarnenden Gesang Millie’s bei Used To Be Yours, der sich mit der Stimme Haydn’s ergänzt.

    Die hypnotisierenden Töne lösen sich in warmen, sehnsüchtigen Strukturen vom Sänger und erfüllen wie eine mysteriöse Gestalt den Raum.

    Nach der Veröffentlichung zweier EPs 2017 und 2018 ziehen sich schon dort angedeutete Themen auch durch das Debütalbum der Glasgower Band. In einem Gewand aus düster-romantischem Prunk, New Wave und Post-Punk, der in roten Latexhandschuhen steckend, Blechmülltonnen demoliert. Worte formen zu sich zu Texten, die Beziehungen zwischen Menschen beschreiben. Zerbrochene, das damit verbundene Alleinsein. Oder in einer Masse, der unbehagliche Anblick fremder Gesichter.

    Im Fokus steht ebenfalls unsere eitle Gesellschaft, der Drang zu Konsum und Oberflächlichkeit. Allein im Prozess der Veröffentlichung scheinen The Ninth Wave ihrer Kritik bereits Ausdruck verleihen zu wollen. Denn ihr Debüt besteht aus zwei Teilen, die im Abstand eines halben Jahres herausgegeben werden.

    „Wir möchten nicht, dass unser Album zu einem Einwegprodukt wird.“

    „Das Album erscheint in zwei Hälften, weil wir denken, dass die Songs so aufmerksamer gehört werden“, klärt der Sänger auf. Einsatz gegen die Schnelllebigkeit der heutigen Welt. Und nicht das einzige Problem, auf das die junge Band ihre Aufmerksamkeit lenken möchte.

    Weniger offensichtlich, aber in der Live-Musik-Szene alltäglicher als man sich bewusst wird, ist die sexuelle Belästigung von Frauen bei Konzerten. Um der davon ausgehenden Unsicherheit und den fehlenden Ansprechpartnern für Betroffene entgegenzuwirken, entstand in Schottland die Bewegung Girls Against. Ins Leben gerufen von fünf Mädchen hilft eine Gruppe von Freiwilligen bei Veranstaltungen, das Wohlergehen von Frauen zu sichern. Ein englisches Pendant dazu ist die Initiative Safe Gigs For Women. „Ich denke, diese Organisation ist wichtig, damit sich alle gut aufgehoben fühlen. Sie hilft Frauen, das zu genießen, was jedem Spaß machen und nicht nur eine von Männern dominierte Szene sein sollte“, macht Millie deutlich.

    Früher selbst davon betroffen, betont sie wie bedeutend es ist, Bescheid zu sagen, wenn man bedrängt wird. Dem Duo von The Ninth Wave freut es daher, dass Bands wie The Blinders, die sie auf ihrer Tour begleiten, diese Organisation unterstützen. Gewöhnlich ist deren Zielgruppe nämlich überwiegend männlich. An dem engagierten Tonfall und Millie’s ausführlicher Darstellung ist zu hören, dass ihr dieses Thema am Herzen liegt. Sie spricht aus Erfahrung, über längeren Zeitraum die einzige Frau in einem ausschließlich männlichen Umfeld zu sein: „Es kann auf die Dauer schon intensiv werden.“

    Anmerken lässt sie sich davon auf der Bühne nichts. Dort ist sie durch und durch Powerfrau, die das Publikum, egal ob männlich oder weiblich, fest im Griff hat. Und wenn die kühle Fassade im Scheinwerferlicht doch zu bröckeln beginnt, ist der Grund viel mehr erfreulich. Grinsend erinnert sich das Duo aus Glasgow an ihren letzten Auftritt im Molotow.

    „Bei der Band vor uns war ziemlich wenig los. Ich hatte mich schon damit abgefunden, vor nur zwanzig Leuten zu spielen“, beschreibt Millie die Situation beim Reeperbahn Festival.

    Ein belustigtes Glitzern in ihren Augen lässt die damals unvorhersehbare Wendung der Geschichte nun bereits erahnen. „Dann waren wir an der Reihe und es gab Schlangen an beiden Eingängen. Der Club war so überfüllt, dass nicht einmal unser Manager mehr rein kam, um uns spielen zu sehen.“ Die Bassistin lässt den Auftritt Revue passieren. In Gedanken die Überwältigung des Moments konserviert. Das war es auch, was die sonst beherrscht und einschüchternd wirkende Musikerin aus der Fassung brachte:

    „Ich brach einfach in Lachen aus und sagte etwas wie ‚Fuck me!‘ ins Mikrophon. Der Tonmann meldete sich mit einem ‚Millie, du kannst doch nicht fluchen!‘ in meinem Ohr. Doch ich hörte einfach nicht mehr zu grinsen auf.“

    Als The Ninth Wave am heutigen Abend die Bühne der Skybar betreten, wird ihr unnahbares Goth-Image gewahrt. Der Bass dröhnt aus den Lautsprechern. Die Atmosphäre elektrisiert. Das Publikum ist im Bann des schottischen Duos und ihrem leidenschaftlichen Ausdruck. Aufwallende Hitze breitet sich in dem kleinen Club aus.

    Oberkörperfrei und das Mikrophon in der einen Hand, die andere zur Faust geformt schlägt sich Haydn beim Outro zu jedem Swallow Me entrüstet auf die Brust. Auf der Bühne steht er längst nicht mehr. Während sich der Sänger rücklings auf dem Boden räkelt, hält Millie im Scheinwerferlicht die Stellung. Schweiß fließt in schwarzen Tränen über den Ausdruck von Zorn in ihrem Gesicht. Den Unterkiefer leicht vorgeschoben, die Strähnen ihrer weiß-blonden Haare ungebändigt. Kein Lächeln.

    Und als sich der letzte Ton in Rauch auflöst, bleibt die Faszination bestehen. The Ninth Wave, kein überlieferter Mythos und doch so berauschend, dass man es direkt weiterzählen möchte.

    Die Grundlage dieses Artikels bildet ein Interview, das in Zusammenarbeit mit René von Renés Redekiste entstanden ist. Wir durften Millie Kidd und Haydn Park-Patterson vor dem The Blinders Konzert (08.05.19, Molotow Hamburg) einige Fragen stellen und neben Hintergründen zur Band, auch der ein oder anderen Anekdote lauschen. Das ungekürzte Original-Interview gibt es bei René auf dem Blog. Fotos: Renés Redekiste


  • EIN ABEND MIT PFIFF

    EIN ABEND MIT PFIFF

    Die im Boden eingelassenen Luken geben geöffnet zwei Treppengänge frei. Stufe an Stufe reiht sich der Weg zu den Räumen des Mojo Clubs. Das Licht gedimmt. Stehende Luft, im Gegensatz zur frischen Brise eine Etage höher auf der Reeperbahn. Musik erklingt bereits, als ich endlich im Club stehe. Eine Wand zahlreicher Rücken beschränkt meine Sicht auf die Bühne. Hier in den hinteren Reihen wiegen sich die Körper leicht im Rhythmus. Eingestimmt in das heutige Abendprogramm.

    Die Band macht eine Ansage und es folgt ein letztes Lied, für mich erster Eindruck. AB Syndrom spielen eine angenehm prickelnde Melodie. Dann versinke ich in Gedanken, bei den Worten „Ich in Angora. Du in Bora-Bora“. Zurück zum Reisejournalismus-Seminar, an dem ich dieses Wochenende teilnehme und die Südseeinsel mit Korallenriff, so bunt wie die Töne des berliner Duos.

    Ein Mine Konzert in Hamburg

    Durch das Publikum mit durchwachsener Altersstruktur schlängele ich mich in der Pause an den Bühnenrand. Eindrucksvoll ragt eine silber glänzende Trommel vor mir auf. Rechts und links Keyboards. Ein Platz für den Gitarristen, weiter hinten Schlagzeug und Bass. Vor dunkler Wand leuchten unzählige Punkte auf. Kleine LED-Lichter durchbrechen die Dunkelheit. Zuvor nannten sie den heutigen Gast in geschwungener Schrift bei Namen: Mine.

    Jetzt lassen sie den Nebel blau glitzern. Werden von bereitstehender Keytar reflektiert. Leuchtsäulen im Hintergrund und die Atmosphäre ist galaktisch.

    Während ein Quintett die Bühne betritt, löst sich sirrende Vorfreude in frohen Applaus auf. Fünf Personen, Zentrum und treibende Kraft ist die Künstlerin Mine. Samt Live-Band ausgerückt, das Hamburger Publikum mit außergewöhnlichen Songs zu beglücken. Denn davon sprüht auch ihre aktuelle Platte Klebstoff.

    Lieder, die ihren Charme im Spiel mit Textzeilen offenbaren. Melodien eingängig und doch nicht gleich im Eingang umfassend verständlich. Denn die Kompositionen werden mit jedem Hören besser, entfalten hinter ergreifenden Synthklängen und kleiner Verschrobenheit ihr volles Potenzial. Der Höhepunkt heut beim Konzert.

    Ein Abend, an dem der Mond aufgeht

    Glitzernd im Rücken der Sängerin, die lacht, als das Publikum in ihre Zeilen einstimmt. Und dann vor Glück überwältigt auch mal ganz dem Besucherchor die Führung überlässt. Die Stimmung ungezwungen.

    Aus Brüchen humorvoller Einlagen und wiederum ernsten Themen strickt Mine ihren roten Faden. Darauf fädelt sie gesellschaftskritische Themen, den Appell Social Media nicht das Selbstbild verändern zu lassen oder Erdbeeren im Winter. Abwechselnd mit Schwimmzügen in den Wogen der Masse und vor Lachen tränenden Augen, als die Kinderstimme Mine’s erklingt.  

    Aufnahmen alter selbst bespielter Kassetten leiten mit glockenhellen Phrasen ähnlich wie „seid ihr bereit“ oder „ich fang dann jetzt an“ den nächsten Song ein.

    Es ist bereits der neunte Termin ihrer „Klebstoff“-Tour an einem 11. Mai. Die Band ein eingespieltes Team. Selbst die vielen Feature-Gäste ihres Albums bekamen, trotz fehlender persönlicher Anwesenheit, eine Stimme. Konzertbesucher im Bann. Bejubelt wird, was sich auf der Bühne abspielt. Und wenn die Sängerin ins Mikrophon pfeift, imitiert der Saal eine Beifall-Alternative, so sonderbar wie der Abend. In einem durch und durch positiven Sinn.

    Der Boden wird, übersät mit Bechern und Limettenvierteln, Zeuge einer großartigen Feier im Mojo Club. Das angekündigte Schnäpschen hat sich Mine am Ende ihrer Show und vor dem ersten freien Tag der Tour verdient.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • DIESE SHOW IST NOCH NICHT ZU ENDE

    DIESE SHOW IST NOCH NICHT ZU ENDE

    Man könnte meinen, die Temperaturen am Nachmittag des 24. Aprils wollen mich an die sich anbahnende Hitzewelle in der Großen Freiheit 36 gewöhnen. Doch auch der intensive Sonnenschein konnte mich auf Bevorstehendes nicht vorbereiten. Erwartungsfroh und mit Sohlen glitzernder Schuhe unter den Füßen betrete ich den Club. Stickige Luft schlägt mir entgegen, zum Ende des Abends mit tropischem Ausmaß. Trotzdem bleibt dies nur Begleiterscheinung, liegt der Fokus doch auf Schall und Nebel. Durch die Luft transportiertes Gut, das die heutige Show prägt. Mehr braucht es nicht, um mich in den Bann zu ziehen.

    Nachdem ich mich rechts von der Bühne eingefunden habe, dauert es eine Weile bis immer mehr Leute in dem Club auf der Reeperbahn eintreffen. Gemischte Gesichter und Getränke gehen durch die Reihen. Anders als sonst befinde ich mich dieses Mal nicht inmitten des Getümmels. Ein Platz etwas abseits, reserviert, um an den Einstellungen und Rädchen meiner Kamera zu drehen. Bevor ich dann mit ausgehenden Lichtern geduckt in den Bühnengraben schlüpfe. 

    Das deutsch-luxemburgische Trio Say Yes Dog tritt ins Zentrum des Interesses. Goldenes Licht im Rücken, wie die aufgehende Sonne an einem Mittwochabend.

    Prickelnde Melodien lassen die Luft elektrisiert knistern. Mit einem glücklichen Grinsen mische ich mich wieder unter das Publikum. Nicht, weil ich einen guten Schnappschuss gelandet hätte – das entspräche eher dem Gegenteil. Der Sound sickert langsam unter meine Haut, Rhythmus durch die Adern. Wärme umgibt mich längst nicht mehr allein von Außen. Es freut mich, die Band mit Instrument und Stimme spielen zu sehen.

    In Gedanken hoffe ich auf mein Lieblingslied Stronger. Begleitet hat es mich bei einigen wilden Städtetrips. In der euphorischen Phase zwischen Abitur und Studium. Das lässt die Erinnerungen tanzen. Und enttäuscht werde ich nicht. Bevor das sympathische Trio die Bühne räumt, setzt die bekannte Melodie ein, Sehnsucht aus, ein wenig Fernweh an.

    Der Umbaupause werde ich mir nicht so recht bewusst, da ist sie auch wieder vorbei.

    Vielleicht habe ich schon einen Blick auf die Fotos der Vorband geworfen. Panik bekommen, dass mir beim kommenden Programmpunkt kein gutes Bild gelingt. Und mangels seelischer Unterstützung vor Ort, die beistehenden Beratungsstellen in Regensburg, Gießen und Co. kontaktiert. Dank euch wird aus Nervosität eine gute Aufregung. Shoutout. Dann lights out.

    Die erste Reihe klammert sich an die metallene Absperrung. Tosendes Geräusch aus den Lautsprechern.

    Lichtkrümel werden auf die im Hintergrund gespannten Vorhänge projiziert. Huschen zitternd umher. Als die Bühne mit Musikern gefüllt ist, löst sich das Getose zur Einleitung des Songs Go Rilla. 95 Prozent meiner folgenden Fotos sind verschwommen, da ich kopfwackelnd lautstarkt den Refrain mitsinge. Oder zu dunkel. Die Beleuchtung beschränkt auf vereinzelte Scheinwerfer, die ihre Strahlen gen Publikum senden. Der Sänger Filippo Bonamici bleibt dabei in Schatten gehüllt. Silhouetten lassen die Konstellation auf der Bühne erahnen.

    Nebelwolken legen sich von Zeit zu Zeit über das Erscheinungsbild der Band. Doch die eingeschränkte Sicht hindert nicht den Ton, an mein Ohr zu gelangen. Und bei aller Vorstellungskraft, aber das erste Mal Fil Bo Riva live haut mich aus den Socken. Unglaublich intensiver Gesang. Rau, den Klang dunkel gefärbt, löst allein die Stimme bei mir Chills aus.

    Kerzenschein-Atmosphäre

    Gesang und Begleitung formen sich zu Rhythmus und Melodie. Zu Worten neuer Songs aus dem Album Beautiful Sadness, dessen Titel nicht treffender meinen Gefühlszustand beschreiben könnte. Auch Tracks von If You’re Right, It’s Alright finden Gehör. Die Leute singen mit. Und strecken die Hände zu einem bangbang bei Like Eye Did in die Höhe. Ich schwelge ganz gedankenverloren in der Musik. Gefesselt vom Klang. Die Augen geschlossen, bekomme ich vermutlich die einzige mächtige Lichtexplosion auf der Bühne nicht mit. Doch das ist egal.

    Ein Song brennt sich mir an diesem Abend ins Herz. Ich muss gestehen, mich hat er überrascht. Eigentlich nicht mein Lieblingslied der neuen Platte hat die Liveversion von L’impossibile bleibenden Eindruck hinterlassen. Gezügelte Strophen, in kleinen Rinnsalen fließen sie zuerst. Münden dann in einen mitreißenden Refrain. Überheblich, bescheidener Prunk.

    Durch die italienische Sprache wirkt es wie eine Ode, feierlich entladen sich Melodie und Text in den verschwitzen Saal.

    Ich bin überwältigt. Nicht nur ich. Auch Fil Bo Riva haben sichtlich Freude an diesem Konzert. Als Sänger Filippo zum Dank an die Besucher*innen mit „Diese Show ist…“ ansetzt, wird er von einem Ruf aus dem Publikum unterbrochen: „..noch nicht zu Ende!“. Recht hat er damit. Zugaben später, Zugabfahrt verpasst. Das ist es mir wert. Bei dem Konzert war ich nicht wie sonst mittendrin. Wild getanzt habe ich auch nicht. Ohne große Showeinlage. Doch der Abend war für mich wunderschön.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • THE HUNNA

    THE HUNNA

    Zunächst war ich skeptisch. Nur vereinzelt verirrten sich bisher Besucher*innen in den Mojo Club. Vorwiegend junge, weibliche Fans, die wie von einer Streubüchse in den Raum gesät wirken. Es ist bereits kurz vor acht, doch meine Zweifel bewahrheiten sich nicht. Auf einen Schlag füllt sich der Club auf der Reeperbahn.

    Spätestens nach einer Erwärmung angeleitet durch die Berliner Band Portmonee sind Untergeschoss und der halbbogenartige Balkon mit Blick auf die Bühne reichlich besetzt. Ein aufgewühltes Publikum, das im Laufe dieses Donnerstagabends neben hier und da einem Bier, auch einige Schweißperlen vergießen wird.

    Zu Gast auf der Bühne ist heut die vierköpfige Band The Hunna.

    Auszeichnend für ihre Musik sind schroffe Gitarren, Schlagzeug und eingängige Melodien zu Texten, vorgetragen mit der spannungsgeladenen Stimme Ryan Potter’s. Auch wenn die Gesamtheit der Songs für mich manchmal gleichförmig erscheint, wurde ich von den Live-Auftritten des Quartetts letztes Jahr hingerissen. Dementsprechend hat sich bis zur heutigen Show ein Maß an Vorfreude angestaut. Und das beschränkt sich augenscheinlich nicht allein auf mich. 

    Von Dezember auf den 25. April verschoben, ist dieses Konzert noch dem zweiten Album Dare gewidmet. Nichtsdestotrotz präsentiert die Band aus Hertfordshire ebenfalls ganz neue Songs wie I Get High To Forget, wobei sie Album drei entgegenblicken und dem Stress mit ihrem damaligen Label den Rücken kehren. Gefühlt lassen sie beim Durchstarten ihre Widersacher in einer Staubwolke zurück.

    Aufgewirbelt durch temperamentvolle Bühnenpräsenz, die nur für die Akustikversion von Brother ein Innehalten zulässt.

    Ansonsten fliegt für Flicking Your Hair die Haarpracht durch die Luft. Stete Bewegung auf der Bühne färbt dynamisch auf das Publikum ab. Rockig. Und die Texte werden mitgesungen ob bei Tracks der aktuellen Platte oder vom Debüt 100. Bei She’s Casual natürlich am lautesten.

    Die Lieder als perfekte Vorlage für einen ausgelassenen Abend. Motivierte Fans. Und wenn Dare, Rock My Way oder Y.D.W.I.W.M. schon als Höhepunkt freigesetzter Energie gelten, gibt es zum Encore den größten Aufschrei. Die Besucher*innen außer Atem, der Frontman dem Shirt entledigt, es ist heiß zwischen den Reihen. Und beim finalen Never Enough lässt sich der Sänger nicht ein, sondern gleich zwei Mal hintereinander rücklings in die unvorbereitete, dann tobende Masse fallen. Was ein Abschluss.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • JETZT BIN ICH FREI

    JETZT BIN ICH FREI

    Von der Decke baumeln Glühlampen herab. Durch die verglaste Front scheint es, als ob die kleinen Lichtgefäße durch das Café schweben. Ein filigraner Eindruck, doch nicht ganz Reeperbahn. Es hat zu dämmern begonnen, 20:30 Uhr. Und lockt die Nachtaktiven auf die Straße. Auch in das Mojo Jazz Café.

    An vereinzelten Tischen im verwinkelten Raum sitzen die Besucher*innen. Warten, das Wochenende zu den elektrisierenden Klängen FYE & FENNEKs ausklingen zu lassen.

    Bevor das Duo jedoch zum Auftakt des Auftritts, der Tour einsetzt, betritt der Hamburger Musiker Deve die Bühne. Deutsche Texte, von gewichtigen Bassmelodien unterlegt. Vier Songs, aus denen ebenfalls seine EP Du.Alles. besteht. Langsam sammeln sich die Leute. Vereinzelt ein Ruf und zögerliches Klatschen, während über den Bühnenhintergrund Lichteffekte, bunte Streifen zucken. Und ein @devemusic für alle Interessierten.

    Nach einer kleinen Wartezeit rückt die Gruppe der Mojo Besucher zusammen. Näher an die Bühne. Die Beleuchtung gedimmt. Fennek nimmt seinen Platz ein, hinter der hüfthohen Wand an Geräten, denen er im weiteren Verlauf unterschiedlichste Töne entlocken wird.

    Eine spannungsgeladene Melodie strömt aus Lautsprechern, der Anfang von Suicide Blond. Doch wo bleibt Fye? Ein dumpfes Klopfen von der Tür neben der Bühne hat scheinbar niemand wahrgenommen. Verwunderung. Bis dann jemand die, nur von innen zu öffnende Tür, aufdrückt. Zum Vorschein kommt die Sängerin.

    „Ich war eingesperrt, kein Scherz.“

    Erleichterung bei dem Duo, nun wohlbehalten auf der Bühne. Die bekannte Melodie beginnt erneut den Raum einzunehmen, während Fye das Kabel ihres Mikrophons entwirrt und dann nach dem humorvollen Ausruf „Jetzt bin ich frei!“ zum Gesang ansetzt. Sofort, oder spätestens beim ersten Refrain steckt das Lächeln, das uns von der Bühne entgegenstrahlt, an. Ebenso die Tanzmoves. Und lockere Stimmung.

    Songs wie Clouds, Dark Lights oder Distance, aufgelistet auf dem Plattencover des Debütalbums, das heut Abend auch zum Erwerb bereitliegt, dringen ins Ohr der Konzertbesucher. Daneben auch neue Stücke, die Lust auf mehr machen. Mal eine frische Brise und die Erinnerung an heiße Sommertage. Mal rieselt der Sound auf mich herab, gläserne Tropfen oder der runde Klang von glatten Hölzern. Der Gesang lässig, mit Emotionen bepackt, immer voll Ausdruck. Lebendig und kraftvoll im schönen Kontrast zur zurückhaltenden, sanften Stimme Fenneks in einem Duett des Duos.

    Magnetisierendes Synthesizer, vibrierende Rhythmen, der Echo eines Herzschlags.

    Am Ende des Sonntags gehe ich, einen abwechslungsreichen Auftritt im Hinterkopf, glücklich ins Bett. FYE & FENNEK haben das Mojo Jazz Café mit guter Laune und einem Grund zum Tanzen versorgt. Und mit Liveversionen der Lieblingslieder. Bei der Ankündigung des letzten Songs Picasso Heartbeat höre ich ein freudiges „Yes! Zum Glück spielen sie den Song noch.“ Da muss ich grinsen, mir ist es nicht selten genauso ergangen.

    Foto: Simon Hegenberg


  • KUSS UND SCHLUSS

    KUSS UND SCHLUSS

    Ein Konzert von Drangsal am 11. April 2019 in Bremen in Bildern.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • HÜFTSCHWUNG UND ZEITREISE

    HÜFTSCHWUNG UND ZEITREISE

    Dass an einem Montag große Ungeduld von mir abfällt, da endlich die neue Woche beginnt, kommt wohl nicht so oft vor. Der erste April jedoch, war etwas Besonderes. Schon als ich am Morgen die Weser auf einer großen Brücke überquere, um im Bremer Weserburg Museum unter anderem eine Kunstausstellung anzusehen, weiß ich, dass heute ein guter Tag ist.

    Die aufgehende Sonne glitzert golden im Wasser. Aus den Fenstern der menschenleeren Räume des Museums, das am Montag geschlossen hat, blickt man auf Sommererinnerungen. Der Effekt eines wolkenlosen Himmels. Warum sollte ich nur wenige Stunden später all den Lichtschein gegen Dunkelheit und Nebel eintauschen? Und wie kommt es, dass mich das ebenfalls glücklich macht?

    Als ich den Weg zur Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg entlang schreite ist es kurz nach 18 Uhr. Vor dem Eingang wartet bisher nur eine beschauliche Gruppe.

    Vielleicht zwanzig, dreißig Personen, von Sonnenstrahlen gewärmt. Türen werden geöffnet. Doch der „Ansturm“, wie die Crew ihn ironisch nannte, ebbt schnell wieder ab. Umso besser für mich. Nachdem meine Jacke für 2,50€ unnötigerweise einen Haken in der Garderobe fand, mache ich es mir bequem. So gut es eben geht, mit blankem Metall im Rücken und in einer Halle, die so viel Charme ausstrahlt wie eben eine schummrig beleuchtete Turnhalle, in der Teppich ausgelegt wurde.

    Die blauen Plastiksitzplätze auf den Tribünen glänzen. Die Luft ist trotz der Nebelwolken, die unter der Decke hängen, kühl. Nach und nach trudeln mehr Besucher ein. Neue Personen und ein Dutzend Salzkrümel von den Brezeln, auf die man dann doch Appetit bekommt, wenn der permanente Geruch des Laugengebäcks in der Nase kitzelt. Doch nicht für mich. Ich sitze nach wie vor an meinem Platz. Dann erlöscht das spärliche Licht der Halle und findet sich in einem Punkt auf der Bühne wieder.

    Gleichzeitig verändert sich das Bild des Sitzstreiks, oder eher kollektiven Picknicks zu einem Konzertpublikum, das mehr oder weniger gebannt dem One-Man-Act entgegenblickt, der nun die Bühne betritt.

    Mit Gitarre und Basedrum, Callum Beattie steht darauf. „Ich bin ein Callum“. Jetzt weiß ich Bescheid. Überzeugen kann mich der schottische Songwriter jedoch nicht. Es mag sein, dass ich mich schon zu sehr auf den zweiten Supportact freue. Meine Aufnahmefähigkeit scheint in dem Moment für Melodien zu Gitarre und dem gleichförmigen Schlag der Trommel begrenzt.

    Schräg hinter dem Sänger lenkt ein blank poliertes, spaciges Keyboardgestell meine Aufmerksam auf sich. Wie bereits am dritten Oktober im Terrace Hill. In Gedanken sehe ich schon die fünfköpfige Band vor mir, deren Name den Frühling quasi einleitet. Blossoms. Und lang zu warten, bis sich diese Vorstellung materialisiert, brauche ich nicht.

    Nacheinander tritt das Quintett aus dem englischen Stockport hinter ihre jeweiligen Instrumente, Frontmann Tom Ogden das Mikrophon mit einer Hand umschließend.

    Doch es folgt noch eine weitere Person dem Aufmarsch auf die Bühne. Ein Haarschopf, der sich nicht in die Einheit langer Frisuren einreiht. Trotzdem ist mir das Gesicht nicht unbekannt. Und während die ersten Takte von I Can’t Stand It erklingen, grübele ich, wo ich dem sechsten Teil der Band schon begegnet bin.

    Atmosphärisch in Nebel gehüllt, Lichtkegel der Scheinwerfer zeichnen weiche Farbmuster in die Dunkelheit. Blossoms mittendrin und die Melodien ergießen sich in einem lieblich prickelnden Schwall an Nostalgie, Wehmut. Robuste Rhythmen begleiten die in Synthwolken gebettete, milde Stimme Ogdens.

    Die Mimik des Sängers wirkt verhalten. Nicht so der vor Emotionen triefende Gesang, der sich wie in At Most A Kiss mit rauen Gitarren und Basslines abwechselt.

    Ein zum Leben erwecktes Schlagzeug. Grundlage für die ersten Tanzeinlagen an diesem Abend. Ich bin berauscht und freue mich, wie Blossoms die große Bühne füllen. Der Gegensatz zum Terrace Hill in Erinnerung präsent. Gemeinsam haben die Abende jedoch die weiße Hose, in der der Sänger lässig über die Bühne schlendert. Zwischen den Songs die Bandkollegen vorstellend.

    Und zum Schluss, nun löst sich auch meine Grübelei, wird der blonde Gitarrist benannt. Bei Charles macht es klick. Der Sänger der Pariser Gruppe Keep Dancing Inc, die Blossoms bei ihrem Hamburg Konzert im Oktober begleitete, trat kurzerhand seinen damaligen Gastgebern für die heutige Show bei. Das neue, sechste Blossoms Mitglied?

    Zu Charlemagne findet ihr Auftritt einen Abschluss.

    Erleichtertes Aufatmen einerseits, da der ersehnte Hauptact greifbar näher rückt. Meinetwegen hätten jedoch noch zwei, drei Songs gepasst. Dazu muss ich sagen, dass ich, in der ersten Reihe, das Gehör durch Ohrstöpsel vor den nicht weit entfernten Lautsprechern geschützt, den schlechten Sound währenddessen gar nicht so wahrnahm.

    In der letzten Umbaupause für diesen Montag lief zum vierten Mal seit dem Einlass um 18:00 Uhr Kiss Me von Sixpense None the Richer. Und die Leute singen immer noch mit. Mittlerweile ist es deutlich später. Dann The Kooks. Eine Gruppe, die meine Phase prägte, in der ich erstmals außerhalb der Radiofrequenzen Musik explorierte. Nun steht sie leibhaftig vor mir.

    Irgendwie fühlt es sich irreal an.

    Ähnlich als ich vor zwei Jahren die Rolling Stones sah. Wo die Erscheinung auf der Bühne nicht zum Foto der jungen Protagonisten im Kopf passt. Zwar sind Luke Pritchard, Hugh Harris und Alexis Nunzet nicht vergleichbar gealtert. Trotzdem liegt das erste The Kooks Album Inside In/Inside Out schon über zehn Jahre zurück.

    Während des Auftakts Always Where I Need To Be bin ich also noch damit beschäftigt, die Situation zu realisieren. Vor mir erhellen drei Lichtstreifen die Absätze einer Treppe. Der obere ist reserviert für das Schlagzeug. Schwarzer Schriftzug mit Bandnamen prangt gleich vieler Shirts der Besucher darauf.

    Links steht der Gitarrist mit Hut. Luke singt ausdrucksvoll ins Mikrophon. Enge Hose und Hemd, darüber eine Jacke, die den Eindruck einer Tageszeitung macht.

    Klick, klick. Hier ein Bild und da reihen sich die Fotografen im Graben, um das gebotene Motiv einzufangen. Denn das hat Potenzial. Die Scheinwerfer, die eben noch Blossoms in atmosphärisches Licht tauchten, haben sich verdreifacht. Und die Bühne säumen weitere Lampen. Flackernd, Farbwechsel oder gedimmt sorgt aufgefahrenes Gerät für Erhellung in der Sporthalle.

    Das Publikum verliert sich im Moment. Wenn ich mich umsehe, blicke ich in Gesichter, die strahlen. Münder, die mitsingen. Am meisten Pärchen, die sich in den Armen liegen. Und tanzen. Tanzen kann auch der Frontmann des britischen Trios. Ein Hüftschwung der zum Nachahmen verlockt. Oder den Wunsch entlockt, mit Luke Hand in Hand eine fesche Sohle auf das Parkett zu legen.

    Eine Vorstellung wird zum Greifen nah, wenn der Sänger lässig auf die riesigen Lautsprecher im Bühnengraben springt. Die erste Reihe streckt die Arme aus. Manche machen ein Video. Westside. Eins meiner Lieblingslieder.

    Heitere Passagen. Der Jacke längst entledigt, die Locken hüpfen umher. Ein Zwinkern zu den Bandkollegen. Ausgelassene Atmosphäre, jugendlich wild. Die Klassiker Eddies Gun oder She Moves In Her Own Way lassen die Fans toben. Auch vom aktuellen Album Let’s Go Sunshine sind Stimmungsaufheller dabei. Ob All The Time oder Four Leaf Clover. Dazwischen die Ballade See Me Now, ein Brief an den Vater.

    Viel Zeit zum Innehalten bleibt jedoch nicht, nach dem zarten Weight Of The World folgt bereits mit Forgive & Forget ein weiterer, tanzbarer Song. Das ganze fühlt sich an wie eine riesige Fete. Trotz Zugabe mit No Pressure und natürlich Naive ist das Konzert zu früh beendet. Erinnerungen und Songtexte wieder aufgefrischt, wird auch die Bahnfahrt nach Hause noch von einer Blase anhaltender Eindrücke begleitet.


  • KOPFVERDREHER

    KOPFVERDREHER

    21 sind dazugekommen. twenty one Platten sozusagen. Seit ich dir meine Sammlung vorgestellt habe, ist ein Jahr vergangen. Zeit für ein Update? Definitiv. Hier also ein Text, ganz meinem musikalischen Zuwachs gewidmet. Jedenfalls der ersten Hälfte davon. Geschichten aus einem verrückten Mehr-Schallplatten-Haushalt. Vielleicht auch ein, zwei unnötige, aber fun facts. Und wie die Scheiben auf dem Drehteller mir den Kopf verdreht haben. Lasst uns beginnen:

    Eric Martin

    Ein Flohmarktsonntag. Sonnenschein. Augen, die hinter getönten Gläsern der geschwungenen Sonnenbrille Verkaufstische auf interessante Kuriositäten absuchen. Doch anstatt ein neues Schmuck- oder Kleidungsstück zu sichten, bleibt mein Blick an einem sympathisch wirkenden, jungen Mann hängen.

    Lässig gegen ein schmiedeeisernes Tor gelehnt. Dichtes, schwarzes Haar. Und meine innere Stimme flüstert mir zu: „den nimmst du dir mit nach Hause“. Gesagt, getan. Für zwei Euro stecke ich den hübschen Fund in meinen Jutebeutel. Wer Eric Martin ist und was für Musik er macht, wusste ich nicht. Entscheidend war hier meine Schwäche für Cover, auf denen jemand herumlungert.

    Kaum bin ich zuhause, lasse ich mir den Inhalt der Überraschungstüte auf dem Drehteller präsentieren. Woher kommt mir dieser überaus charakteristische Gesang bekannt vor? Zwei Klicks und Wikipedia. Ich staune nicht schlecht. Eric Martin war also Sänger von Mr. Big. Na, klingelt’s bei To Be With You oder Wild World?

    Doch was mich wirklich aus Latschen haut, steht zwei Absätze weiter unten. Kann das sein? Er war ebenfalls Teil des Power Rangers Orchesters. Seine Stimme begleitet demnach den Theme Song des Films Mighty Morphin Power Rangers. Jetzt werden alte Kindheitserinnerungen geweckt. Hast du damals auch Power Rangers geguckt? Ich war immer gelb.

    Kraków Loves Adana – Songs After the Blue

    Eine Record Release Show in Hamburg. Durchdringender Gesang, der mich seit Tagen nicht mehr losließ. Ein Interview mit der Sängerin des Duos. Und ehe ich mich versah, halte ich das besagte Album schon in den Händen. Nach dem kleinen Konzert und einer Runde Smalltalk.

    Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass die Songs after the blue auf Platte nochmal viel intensiver wirken, als in einer Spotify Playlist. Dementsprechend glücklich bin ich, den Tonträger nun bei mir zu führen, als ich das Molotow verlasse. Mit der Bahn an meiner Station ankomme. Und extra langsam das Fahrrad nach Hause lenke, da ich ohne Tasche oder Fahrradkorb die Platte irgendwie unter meinem Arm balanciere. Hat sich gelohnt.

    Florent Pagny – N’importe Quoi, Je resterai là und B. B. Jerome & The Band Gang – Shock Rock

    Eigentlich war ich mit meiner Mutti nach Berlin gefahren, um ein Outfit für den Abiball auszusuchen. Dass wir da in Plattenläden nicht fündig werden, war uns klar. Und egal. Irgendwann Nähe Prenzlauer Berg kommen wir in ein kleines, verkramtes Geschäft. Es riecht nach Räucherstäbchen und überall stapeln sich kleine Holzkisten, darin wiederum Singles. 20 Cent das Stück. Meine Gelegenheit, mir ein, zwei Platten mit besonders ansprechendem Cover nach Hause zu nehmen und mich später über kuriose Musik zu amüsieren.

    Ich entschied, da ich meine Französischkenntnisse gern durch Songtexte aufbessere, dass mich Versionen frankophoner Lieder nach Hause begleiten sollen. Einige in dem gequetschten Haufen an Vinyl entdeckt, fiel meine Wahl wieder auf Herumlungerer, die mir von der Hülle entgegenblickten.

    Einmal Florent Pagny in seiner Lederjacke. Ich tippe auf französischen Schlager und habe damit nicht unrecht. Doch da er auf der Frontseite als „Die Nr. 1 aus Frankreich“ deklariert wird ist das gute Stück gekauft. Als zweites fallen mir B. B. Jerome & The Bang Gang ins Auge. Shock Rock. A-Seite auf englisch. B auf französisch. Das Lied hat es mir tatsächlich angetan, schwingend hüpfe ich durch die Wohnung. Das Video dazu macht die Sache noch besser. Guck’s dir bitte an. Yeeah. Hey you! Shock! Shock Rock! Na, Ohrwurm?

    Arctic Monkeys Tranquility Base Hotel & Casino

    Ein Album, das die Gemüter spaltet. Mir jedoch außerordentlich gefällt. Nicht nur das Ambiente, auch die Texte. Verworren beim ersten Hören, bildlich und doch wieder nicht. Weil ich nach den Abiturprüfungen gefühlt jeden zweiten Tag in Berlin verbrachte, fuhr ich auch an dem Tag des Arctic Monkeys Albumkaufs in die Hauptstadt. Zu diesem sogenannten „Pop Up Store“.

    Ein kleiner Tisch mit Fanartikeln steht neben irgendeiner Rezeption eines Gebäudes. Was war es genau, Hotel, Einkaufszentrum, Bar? In der Bar kam ich als erstes raus, nachdem ich den falschen Fahrstuhl genommen hatte. Zu blöd, von hier aus sah man nur die Affen des Berliner Zoos. Irgendwie hatte ich mir diese „Pop Up Store“-Sache spektakulärer vorgestellt.

    Die Aufmachung der Platte ist zum Glück um einiges ästhetischer als mein Einkaufserlebnis. Goldfarbenes Vinyl in schwarzen Sleeves. Ein Albumheftchen mit Fotos. Und Lyrics, die auf durchscheinendes Butterbrotpapier gedruckt sind. Hui.

    Drangsal – Zores

    Vom Arctic Monkeys Pop Up Store zur S-Bahn. Vom Zoo zur Friedrichstraße. In den Dussmann. Denn dort gibt Max Gruber eine Akustik Session zum neuen Album Zores. Doch schon als ich das Kulturkaufhaus betrete, ahne ich nichts Gutes. Die Besucher*Innen sind so zahlreich erschienen, dass nicht allen ein Platz vor der Bühne sicher ist. Und wie ich mein Glück kenne, ja genau, bleibe ich vor verschlossener Tür? 

    Ganz so war es nicht. Zuschauer*innen, die es aufgrund Platzmangels nicht in die untere Etage zum Ort des Geschehens geschafft hatten, wurden am Treppenabsatz zu Zuhörer*innen. Ohne den Mund vor sich zu haben, dem die süßen Melodien entrinnen, treffen die Töne doch ungefiltert mein Ohr.

    Ach, und später traf Drangsal noch all die ausdauernden Fans. Für ein Foto. Und eine Signatur auf dem Plattencover. Dort habe ich auch meine Scheibe ergattert. Dass ein falsch geschriebener Name mit durchkreuztem H darauf prangt, verzeih ich. Wie sowas immer zustande kommt? Ganz einfach:

    Ich (extra deutlich): Für Annekatrin, bitte.

    Drangsal: Oh, das musst du mir buchstabieren, ich möchte nichts falsch schreiben.

    Ich: Ok, kein Problem. Also erstmal Anne, wie Anne- 

    Drangsal (der im Eifer des Gefechts schon den gesamten Namen geschrieben hat): -ah, und dann Kathrin, wie Kathrin-

    Ich: -aber ohne H

    Drangsal (ärgert sich): Ach scheiße.

    Tja und dann tat er mir leid, sodass ich nicht noch sagen konnte, dass der Bindestrich ebenfalls inkorrekt ist.

    FYE & FENNEK – Separate Together

    Diese Platte lag eines schönen Sommertages in meinem Briefkasten. Wie passend, da ich gerade während meiner Social Media Diät dem digitalen Leben zum Teil den Rücken gekehrt hatte. Dementsprechend freue ich mich riesig über Paket und Briefchen, sowie deren Inhalt.

    Abends auf meinem Zimmer hockend, setze ich langsam die Nadel auf das hellgrau durchscheinende Vinyl. Und nehme mir Zeit, nicht nur die Musik, sondern auch die äußere Erscheinung wertzuschätzen. Ein glänzendes Gatefold Cover, Außen sowie Innen mit feinsinniger Fotografie bedruckt, die das Duo abbildet. Und ein quadratisches Blatt, das, einem Beipackzettel ähnlich, Worte aneinanderreiht und die Inhalte beschreibt.

    Sam Fender – Play God, Greasy Spoon

    Ziemlich spontan war ich auf dem Konzert von Sam Fender im April 18. Das ging noch, weil nicht jeder Auftritt gleich ratzfatz ausverkauft war, wie es jetzt der Fall ist. Der Club war gut besucht, jedoch nicht überfüllt. Und mit den ersten Töne wurde ich bereits zum Fender Fan. Dass der Sänger nach seiner Show persönlich beim Merch auftauchte, hat mich ziemlich umgehauen.

    Dort gab es unter anderem die sehr ästhetischen weißen Platten als Singles. Einmal Play God und Greasy Spoon auf einer Scheibe, sowie Millenial und Start Again. Oha, wie sollte ich mich da entscheiden? In der Aufregung wählte ich erstere. Ziemlich dämlich. Ich hätte einfach beide nehmen sollen. Denn hübsch signiert macht die ganz schön was her im Regal. 

    Ebenso wie die unterschriebene Setlist. Hier diesmal nur „Anne“, das war einfacher. Anscheinend war ich trotz dessen mit meiner Kommunikation nicht ganz deutlich. Da auf einmal neben meinem Namen auch „get well soon“ stand. Doch das einzige, was an diesem Abend sick war, war der Auftritt des englischen Künstlers. Naja, immerhin steht’s nicht auf der Platte.

    The Strypes – Spitting Image

    Mittlerweile hat sich das irische Quartett aufgelöst. Heißt das, die unterschriebene Platte gewinnt nun an Wert? Wie dem auch sei. Bei ihrer Europatour Anfang letzten Jahres durfte ich einen fetzigen Auftritt in Berlin miterleben. Schweißgebadet und euphorisch geht es zum Merchtisch. Für ein kleines Souvenir.

    Letztendlich hielt ich ein T-Shirt in der Hand, als die Bandmitglieder der Reihe nach am Verkaufstresen aufschlugen. Gleich wurden ihnen begeistert Platten und CDs entgegengereckt. Also doch eine Platte. Rein aus Affekt kaufe ich die LP, um diese bisher kaum zu hören (was ich ändern sollte). Und ließ sie mir unterschreiben. Für Video-Footage dazu folge diesem Link, mit etwas Glück erhaschst du vielleicht die Millisekunde, in der ich und meine frisch erworbene Platte zu sehen sind.

    Simon & Garfunkel – Greatest Hits

    Während der Recherche für einen Vortrag in Geschichte hat meine Mutti diese Platte entstaubt und vom Dachboden geholt. Musik in der DDR war das Thema. Simon und Garfunkel, die allererste Schallplatte meiner Mutti. Und dann noch eine der raren Lizenzplatten.

    Zum Glück kannte meine Oma die Verkäuferin des Musikladens, die ihr die Platte verkauft hatte. Vorteilhaft für „Geschäfte unterm Ladentisch“. Das trifft es auch in dem Sinne ziemlich gut, da meine Oma keine Ahnung hatte, wer Simon & Garfunkel waren. Ein Blindkauf. Die Schallplatte war gerade da und wurde dann „einfach mitgenommen“. So wie ich sie dann einfach mal mit in meine Sammlung genommen habe..