Schlagwort: FANGIRL


  • PARCELS LIVE VOL. 1

    PARCELS LIVE VOL. 1

    „Your best day“. That’s what it said in my horoscope. On the day of the announcement, as well as on the release day of the first ever Parcels Live Album. In April the stars were in my favor, one could say. Just when I began to miss all the concerts I should’ve gone to this year, my favorite band released something. An album that makes me forget all the shit days with just one guitar line. That takes me on a voyage through synthesized spaces. That makes my legs move back and forth until the neighbors ring to join the party.

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  • KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    Ich sitze aufrecht im Schneidersitz auf der grünen Couch meiner Eltern, die Fernbedienung fest umklammert. Während der Bildschirm aufflimmert, beugt sich meine Mutter über die Rückenlehne, um das dahinter verbaute Soundsystem einzuschalten. Und schon ballert die süße Melodie von Gamesofluck aus den Boxen. Ein Video von Parcels im Funkhaus Berlin leuchtet im Fernseher. Meine Arme zeichnen Wellen in die Luft und der Songtext liegt stumm auf meinen Lippen. Außer beim „ha! uhh“. Das lasse ich mir nicht nehmen.

    Mutti liegt neben mir und schaut gebannt wie bei einem Tatort zu. Als die fünf Australier in ein ausgedehntes Instrumental-Intermezzo abschweifen, frage ich mit einem Grinsen in den Raum: „Und, wer ist dein Lieblingsparcel?“. Die Augen weiterhin auf das Video geheftet, antwortet meine Mutter: „Der blonde da. Noah!“ Ich quietsche begeistert über ihr Insiderwissen. Dafür ernten wir nur einen verständnislosen Blick von meinem Vater, der das Geschehen vom Sessel aus beobachtet. „Ich habe die auch schon mal in echt gesehen“, sagt meine Mutter stolz zu ihrem Mann, den Finger auf die Band im Video gerichtet.

    „Du hast die schon gesehen? Wann denn das?“

    Es ist Anfang Oktober. Ich habe gerade mein Studium in Berlin angefangen. Da ich in der Hauptstadt noch auf Wohnungssuche bin, fand ich übergangsweise Unterschlupf bei meinen Eltern. Das bedeutete zwar eine stundenlange Zugfahrt jeden Tag, doch meine Euphorie für die neue Stadt bremste das nicht. Berlin ist nämlich voll von bisher unergriffenen Möglichkeiten. Konzerte, neue Kontakte. Und unverhoffte Kinoabende?

    Ich erinnere mich daran, wie ich wieder einmal viel zu früh in unserem Seminarraum saß. In der ersten Uni-Woche passiert das noch. Vielleicht ein, zwei weitere übermotivierte Studierende haben ebenfalls in den Reihen Platz genommen. Zum Glück ist das Gebäude hier mit dem besten WLAN ausgestattet und so krame ich in meiner Jackentasche nach dem Handy. Wenig später öffnet sich mein Mail-Postfach (mittlerweile bekomme ich mehr E-Mails als Nachrichten, also ist der Check vom Postfach eingefleischter als ein Blick auf Whatsapp).

    Und mich sollte tatsächlich eine ungelesene Mail erwarten, nachdem ich vorsorglich den Refresh-Button gedrückt habe. Bei dem Absender stockt mir kurz der Atem. Ich blicke mich ganz begeistert im Raum um, aber niemand nahm von mir Notiz. Komisch, dabei drehten meine Gedanken gerade einen Stepptanz unter dem wildesten Feuerwerk, aus irgendeiner Ecke drang lauter Hallelujah-Chorgesang. Denn diese E-Mail wurde von den Parcels versandt. Oder genauer: vom Parcels Pop Shop.

    Das Parcels Pop Shop Debüt Event

    Ich weiß nicht, mit wie großen Fans ich es hier zu tun habe, die diesen Text lesen. Daher eine kurze Erklärung: Der Pop Shop ist eine Art Fanclub. Du meldest dich an und bekommst einen exklusiven Newsletter, manchmal spezielle Merchdrops oder wirst vor allen anderen in nächste Band-Aktionen eingeweiht. Und für die ersten einhundert Personen, die eine Anmeldung einreichten, wird der Titel „Founding Members“ gehalten. Natürlich habe ich alles daran gesetzt, auch zu diesen Gründungsmitgliedern zu zählen, was einfacher gesagt als getan war. In ein paar Sekunden sind die hundert Plätze bereits besetzt. Ich war dreiundsechzigste. Das weiß ich so genau, weil ich meine Gründungsmitgliederkarte mit der Nummer 63 stolz und zu jeder Zeit in meinem Portemonnaie bei mir trage.

    Doch zurück zum elektronischen Postfach. Denn was ich dort bekommen hatte, war keine einfache Mail. Es war eine Einladung. Zu einem Kinoabend mit der Band. Ich bestellte direkt zwei Karten für den Mittwoch in der nächsten Woche. Und ging in Gedanken meinen Kleiderschrank durch. Was war denn bitte mit dem Dresscode „comfortable but not too comfortable“ gemeint?

    Ich entschied mich für eine ausgewaschene Jeans in Kombination mit einem braunen Pulli, der mir fast bis zu den Knien hängt. Um den Hals band ich mir in Stewardess Manier ein cremefarbenes Halstuch. Das Ergebnis einer langen Woche, in der ich mir nicht nur zum Outfit Gedanken machte, sondern auch nach Hinweisen Ausschau hielt, welchen Film die Jungs wohl ausgewählt haben. Ich weiß, dass sie gern Horrorfilme sehen. Und da meine Beziehung mit diesem Genre eher problematisch ist, wollte ich mich innerlich wenigstens darauf einstellen.

    Das Rätsel um die Filmauswahl sollte am Mittwoch des Kinoabends mein kleineres Problem bleiben. Ich bin morgens mit einer anbahnende Erkältung aufgestanden und musste feststellen, dass mir neben der nötigen Abwehrkräfte auch eine Begleitung für den Abend fehlt. Einige Stunden später sitze ich mit meiner Thermoskanne in der gelben U-Bahn, die ruckelnd Richtung Hermannstraße fährt. Mir gegenüber meine Mutti. Ich hatte ganz vergessen, sie über die Kleiderordnung zu informieren.

    Es ist schon dunkel, als wir am Hermannplatz ankommen. Am Ausgang der Station zuckt blaues Licht über den Gehweg. Sanitäter kümmern sich gerade um einen Besoffenen, der nicht mehr laufen kann. Und meine Mutti sieht mich geschockt an, als wir über die Ampel auf eine dunkle Straßenseite wechseln. Da wir viel zu früh dran sind, zögern wir die eigentlichen acht Minuten Fußweg zum Kino auf das Doppelte hinaus. Ein paar Häuser weiter erhellt ein Späti-Schaufenster den Bürgersteig. Direkt daneben prangt über einem Eingang die Schiebetafel des Neuen Off, deren Buchstaben „Parcels Pop Shop“ formen.

    Immer noch überpünktlich stellen wir uns vor die Schaukästen, die sonst das Kinoprogramm anzeigen. Heute hängen dort Plakate vom Pop Shop. Eine kleine Gruppe, die sich später ebenfalls den Parcels Fans anschließt, sitzt vor dem Späti auf Holzbänken. Ich trete von einem Bein auf das andere und werde zunehmend nervöser. Und weil ich so aufgeregt bin, wird meine Mutti auch aufgeregt. Ich versuche mir schon ein paar Sätze zurechtzulegen, die ich den Jungs dann sagen werde, wenn noch Zeit für ein kleines Gespräch bleibt. Doch immer, wenn ich eine Formulierung gefunden habe, verwerfe ich sie wieder.

    „Aber ich will auf keinen Fall mit denen reden!“, wirft Mutti ein. Ich unterbreche mein Selbstgespräch und bei dem Blick in ihr ernstes Gesicht, muss ich lachen: „Sie werden dich schon nichts fragen, wenn du nicht zu ihnen hingehst.“ Darauf bekomme ich nur ein „Hoffentlich! Ich versteh‘ doch nicht mal, was die von mir wollen“ zurück. Wie gut, dass wir grad drauf und dran sind, in einen englischen Film zu gehen.

    Mit Popcorn und Apfelschorle

    Es sammeln sich immer mehr Grüppchen vor dem Eingang des Kinos. Doch nicht zu viele. Insgesamt folgten nicht mehr als fünfzig Leute der Einladung der Parcels. Apropos. In diesem Moment hält neben meiner Mutti und mir ein Taxibus am Straßenrand. Hinten geht die Schiebetür auf und es steigt ein Bandmitglied nach dem anderen aus. Bei Noah hat auch meine Mutti erkannt, um wen es sich handelt: „Guck mal, die Parcels!“ Als dann auch Jules geduckt aus dem Auto steigt, nickt Mutti wissend mit dem Kopf. Durch den Schnurrbart war auch er eindeutig zu identifizieren.

    Wer ebenfalls einen Schnauzer trug war Jean Raclet, der nach dem Eintreffen der fünf Australier überall herumsprang und Fotos schoss. Vom Kino-Eingang. Dem schwarzweiß gefliesten Boden im Foyer. Ein Tisch mit gefüllten Popcorn-Tüten, in denen überall ein Sticker steckte. Ich holte meiner Mutti und mir eine Apfelschorle mit den Getränkemarken, die jede*r Besucher*in bekam. Langsam füllte sich der kleine Vorraum und auch auf den Tischen, die dort standen, waren liebevoll einige der roten Sticker drapiert. An den Wänden hingen weitere Parcels Plakate.

    Die Atmosphäre war sehr entspannt. Alle hatte ein Getränk in der Hand und hier und da sah man Jules‘ Jacke zwischen den Leuten aufblitzen. Oder den braunen Haarschopf von Patrick, der sich mit den Gästen unterhielt. Meine Mutti und ich beobachteten die Szenerie vor uns und überlegten, ob ich mir nachher noch eines dieser neuen Pop Shop T-Shirts kaufen sollte. Obwohl ich vermutlich schon mehr Parcels Merch im Schrank habe, als normale Shirts. Dieser Gedankengang wird von einem Klingeln unterbrochen. Das Signal, mit dem sich alle in den Kinosaal begeben.

    Und meine Güte, war das ein gemütlicher Saal! Die Sitze und der Vorhang waren in einen türkis-blauen Farbton getaucht, während die Wände mit weißem Stoff verkleidet sind. Wir lassen uns in einer der hinteren Reihen fallen und einige Besucher*innen testen begeistert die verstellbaren Lehnen der Sitze. Die Tüte mit dem Popcorn auf dem Schoß warten wir, bis das Licht gedimmt wird. Weiter vorn sind die Köpfe der Band auszumachen und direkt vor der Leinwand steht Jean Raclet für ein Gruppenfoto. Dann wird es dunkel.

    Melancholia von Lars von Trier

    Der Film startete mit sehr dramatischen Szenen, die bereits zu dem Ende einen Rahmen spannten. Unterlegt mit noch aufwühlenderer Musik. Ein fremder Planet kommt der Erde gefährlich nah und markiert den Weltuntergang. Zwei Schwestern sind die Hauptfiguren in diesem Schauspiel, das sehr seltsam aber gleichzeitig fesselnd war. Es gab keine Hintergrundmusik außer diesen einen furchteinflößenden Akkordaufbau, der immer in Verbindung mit dem einrasenden Planeten aufkam. Erst still und langsam, dann verzerrt er sich, so dass mir schon ganz schlecht wurde von dieser Wirkung.

    Ich sehe zu meiner Mutti rüber, die nicht ganz so begeistert zu sein scheint. Ihr war ebenfalls schlecht. Vielleicht lag das auch an dem Popcorn. Immerhin hatte ich ja noch meine Thermoskanne, von dessen Inhalt ich einen Schluck nahm. Da traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Wagner. Der Akkord ist aus Wagners Oper Tristan und Isolde. Endlich hat sich die Vorlesung in Musikgeschichte mal ausgezahlt. Dann kann ich mir den identifizierten und sogenannten „Tristan-Akkord“ nun nach Belieben zuhause anhören.

    Etwas erleichtert bin ich doch, als der Film nach über zwei Stunden endlich vorbei ist. Benommen trotten wir in den Vorraum, wo zwei Personen, die vorher den Einlass kontrolliert haben, jetzt Parcels T-Shirts verkaufen. Viele der Gäste haben sich vor die Tür gestellt, um frische Luft zu schnappen oder eine zu rauchen. Neben ihnen mache ich auch Toto, Louie und Patrick aus. Noah und Jules wuselten hingegen noch im Foyer umher. Ich war plötzlich ganz unsicher, wen ich nun ansprechen sollte.

    Ich war schon kurz davor, ohne ein Wort zu gehen. Auch Mutti drängelte bereits, da ihr wirklich schlecht zu sein schien. Also trat ich dicht von ihr gefolgt aus dem Gebäude. Und lief dabei direkt auf Louie zu. Das hielt mich zum Glück davon ab, unbemerkt zu verschwinden und so trat ich zu ihm, um mich für den Abend zu bedanken. Louie lächelte mich schon an, bevor ich ihn erreicht hatte und ich merkte nur noch, wie meine Mutti einfach ohne zu zucken an mir vorbei lief, als ich vor dem Keyboarder Halt mache.

    Noch bevor ich ein Wort sagen konnte, begrüßte mich Louie. „Hey! We talked on skype didn’t we? You were the one with the little small dog!“ Ich erinnere mich zurück an den Tag, als Patrick und Louie für den Parcels Podcast einige ihrer hundert Founding Members per Skype interviewten. Damals wohnte ich noch bei meiner Schwester in Hamburg und war unbeschreiblich aufgeregt, als ich in diesen Videoanruf schaltete. Wie zu erwarten, brachte das all meine Englischkenntnisse durcheinander und bei der Frage, was Tyson denn für eine Rasse sei, meinte ich sehr professionell: „a little small dog“.

    Ich war peinlich berührt, aber gleichzeitig beeindruckt, dass er sich mein Gesicht von dem Telefonat vor Monaten gemerkt hat. Mittlerweile ist auch Patrick zu uns gestoßen. Die beiden erkundigten sich, wie es Tyson geht und Louie fragt, ob ich denn extra aus Hamburg angereist bin. Nachdem wir ein bisschen gequatscht haben, verabschiedete ich mich. Und machte mich auf die Suche nach meiner Mutti, die dem Gespräch gekonnt ausgewichen ist (und der Film war zum Glück mit Untertiteln).


  • BARNS COURTNEY / TEIL 2

    BARNS COURTNEY / TEIL 2

    Es ist Donnerstag, der 31. Oktober. Zwischen den beiden bodenlangen Vorhängen ist ein kleiner Spalt, durch den spärliches Licht vom Fenster einfällt. Das Bett ist weich. Und meine Decke raschelt leise, als ich ich den Arm ausstrecke. Auf dem Nachttisch taste ich nach den Umrissen meines Handys. Das grelle Licht des Displays blendet meine noch an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Es ist irgendwann nach sieben Uhr in der Früh. Ausgeschlafen bin ich angesichts des gestrigen Konzertabends bei Circa Waves noch nicht. Doch ich zwinge mich, durch zusammengekniffene Lider den erleuchteten Bildschirm zu fokussieren. 

    Wenige Minuten später blinken neue Nachrichten in meinem Mail-Postfach auf. Bestellbestätigung bei eventim, zwei Flixbus Buchungen, der Hinweis, dass ich wieder Geld via Paypal verbraten habe. Und plötzlich bin ich hellwach. Die Beine aus dem Bett geschwungen, tapse ich nun barfuß über den glatten Holzfußboden in meinem Zimmer. Wie es aussieht, werde ich in wenigen Stunden für eine Fahrt nach Hamburg aufbrechen. 

    Ausflugsplanung aus Affekt

    Frisch geduscht, eine Tasse Ingwer-Tee in der Hand tanze ich bei aufgedrehten Lautsprechern durch die Wohnung. In Dauerschleife reihen sich Songs von Barns Courtney aneinander. Spätestens jetzt sind die Nachbarn wach. Und wenn jemand im Hinterhaus aus dem Fenster schaut, fliege ich gegenüber mit ausgebreiteten Armen hinter der Scheibe vorbei. Es läuft Hobo Rocket. Mein Textlernprozess reicht nun neben dem sphärischen „heyheyheyheyhey“ auch über die erste Strophe inklusive Atempause, sodass ich den Refrain stolz und dreimal lauter mitsinge. 

    Vorgestern habe ich dieses Lied im Festsaal Kreuzberg gehört. Dort war ich nicht so vertraut mit den meisten Melodien des in Seattle aufgewachsenen Musikers. Kicks bis dato das Lieblingslied. Fire, Glitter & Gold und vom neuen Album London Girls und You And I waren in meinem Repertoire, das ich nun möglichst schnell auszubauen versuche. Hingerissen von dem unglaublichen Konzert. Dem Gefühl und dem Moment. Als ich heut aufwachte, war mir klar, dass ich es nicht dabei belassen kann. Dass ich dieses Erlebnis noch einmal brauche.

    Also ließ ich an dem Donnerstag alles fallen. Termine, die Uni und das K.Flay Konzert im Astra Kulturhaus.

    Stattdessen setzte ich mich gegen 14 Uhr in den Bus. Sah der vorbeifliegenden Landschaft zu. Wie die untergehende Sonne zwischen Bäumen am Straßenrand aufblitzt. Aus den Kopfhörern dringt Barns‘ Stimme. Ich kuschele mich in meinen zu großen Pullover, im Sitz versunken. Und jage in Gedanken einem Traum nach. Die Vorstellung des bevorstehenden Abends.

    Nach dreieinhalb Stunden erreicht der Bus die Hansestadt. Mit Lederjacke und einem schwarzen Jutebeutel unter dem Arm marschiere ich los. Komisches Gefühl, ohne weiteres Gepäck den ZOB zu verlassen, da ich sonst immer für ein paar Tage bleibe. Heut ist es nur eine Nacht. Straßenlaternen leuchten mir den Weg. Und unter den Schuhen quietscht der geflieste Boden der S-Bahn Unterführung. Der Fahrkartenautomat erkennt meinen Zehner nicht an. Zwölf Euro Kleingeld mehr in meinem Beutel steige ich dann endlich in die Bahn zur finalen Destination.

    Am Gruenspan nahe der Reeperbahn

    Gegen 18 Uhr ist dort noch nicht viel los. Neonlichter flackern über unbelebten Clubeingängen. Die Sitzgarnituren verlassen. Nur eine asiatisch aussehende Frau nimmt auf einer Bank vor verschlossener Tür Platz und gestikuliert wild bei einem Videotelefonat. Ich schreite zügig durch die Straße. Und hinter der Großen Freiheit 36 erkenne ich bereits die wartenden Leute. 

    Ich geselle mich zu den schätzungsweise zwölf Mädels, noch eine Stunde bis zum Einlass. Aus meinem Beutel hole ich ein Glas Brombeerjoghurt hervor. Das laute Ploppen beim Aufschrauben des Deckels begleitet mein Gespräch mit einem netten, blonden Mädchen vor mir. Dieses Jahr mit dem Abi fertig geworden, hat sie eine Reise nach Las Vegas geschenkt bekommen. Und war letzte Woche dort zu einer Lady Gaga Show. Wir verstehen uns auf Anhieb gut. Das Gesprächsthema: Konzerte und Barns Courtney.

    Konzertgeschichten und Schwärmereien

    Apropos, ist das nicht sein Keyboarder, der gerade an uns vorbeiläuft? Dahinter folgt ein bekannter Haarschopf, doch irgendwie scheint es niemand zu merken. Ich zucke zusammen, als meine Gesprächspartnerin heftig winkend ein lautes „huhu!“ ruft und nehme nun auch den Sänger wahr, der zum Gruß die Hand hebt. Dann im Gruenspan verschwindet.

    Während die Freude für den kommenden Abend murmelnd durch die wachsenden Reihen wandert, pule ich an der plakatierten Hauswand neben mir. Doch das Exemplar mit den Tourdaten von Barns Courtney ist sehr widerstandsfähig angebracht. Der Lady Gaga Fan bestellt gerade Karten für die anstehende X Ambassadors Tour und ich weihe sie in meinen Plan ein, nachher möglichst weit vorn und genau in der Mitte stehen zu wollen.

    Dieses Mal werde ich Barns fangen, wenn er zum vorletzten Song ins Publikums springt. 

    Nicht viel später setzen wir dieses Vorhaben um. Ich komme gerade von der Garderobe, dem Pullover und meiner Lederjacke entledigt. Gehe zielstrebig auf meine Konzertbekanntschaft zu, die sich in der zweiten Reihe direkt vor dem Mikrofon platziert hat. Der Saal füllt sich schnell. Die Leute sind motivierter als in Berlin vor zwei Tagen. Manche tragen Halloween-Kostüme. Andere Merchandise. Ich wippe nervös auf meinen Füßen. Die Geduld zum Zerreißen gespannt, als es gegen zwanzig Uhr endlich losgeht.

    Eine bunte Truppe betritt die Bühne. Grünes Haar, lila-metallic Leggins und Socken im Schachbrettmuster hinter dem Keyboard. Blaue Strähnen vor weißem Gesicht und ein roter, langer Umhang an der Gitarre. Zum Schlagzeug setzt sich ein pinke Jeans-Träger mit Sonnenbrille. Und nur in Unterhose bekleidet, doch Socken und rote Stoffschuhe im Schottenmuster dürfen nicht fehlen, stellt sich der Sänger ans Mikrofon. Will and the People, meine Damen und Herren. 

    Auf der Bühne ist Halloween

    Der Supportauftritt wurde noch verrückter als in Berlin. Das Quartett entfaltet sich unter Scheinwerferlicht zu einem wahren Stimmungsmacher. Halloween als Anlass, sich mit schrägen Outfits über die Bühne zu wälzen. Mein ununterbrochenes Grinsen ist demnach nicht nur der angestauten Vorfreude geschuldet. Zwischen mitgesungenen „oh“s und „eh“s, dem Gitarristen, der vor uns wackelig auf einem Monitor balanciert und einem knapp bekleideten Hüftschwung des Sängers. Selbst als ihr Auftritt vorbei und der Umbau in Gang ist, lassen sich die vier Londoner mit Applaus feiern. Blicken mit ausgebreiteten Armen von der Balkonbrüstung auf die Besucher, bevor sie wieder im Backstage verschwinden.

    In der gleichen Reihenfolge wie vor zwei Tagen dudeln im Hintergrund Songs von Phoenix, The Kinks, alt-J oder den White Stripes. Gerade stimmt die Menge kollektiv zu einer vokalen Interpretation des berühmten Gitarrenriffs von Seven Nation Army an. Auch wenn es an der Abendkasse noch Tickets für das Konzert gab, ist der Saal dicht gefüllt. Hitze steigt auf. Und ich weiß, dass meine Bluse obgleich ihres leichten Materials zu einem späteren Zeitpunkt verschwitzt an mir kleben wird. Bald müsste der Umbau abgeschlossen sein. Ein tätowierter Typ testet die Instrumente.

    Dann das ersehnte Taschenlampensignal von einem Crewmitglied.

    Die Hintergrundmusik wird ausgeblendet. Das Licht gelöscht. Die Band kommt auf die Bühne. Als letztes der Sänger. Mit weißem Gesicht und roten Tränen an jeder Wange. Bei dem Grad an Energie und seinen wilden Bewegungen fallen die roten Akzente jedoch schnell wieder ab. Die weiße Farbe klebt bald unter Schweiß zerlaufen an einem grauen Handtuch. Klatschend zuckt Barns Courtney über die Bühne. Das Mikrofonkabel zwischen den Zähnen. Fun Never Ends eröffnet das Set.

    So mittendrin den Künstler zu beobachten ist doch was anderes als vom linken Seitenrand. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mir auf der Busfahrt seine Worte eingeprägt habe. Die Wirkung der Zeilen jetzt noch intensiver. Beide Alben The Attractions Of Youth und 404 sprechen zu mir. Mit einer Schwere, gefährlich und heiß. Oder Euphorie, Antrieb und unbeschwerte Atmosphäre. Das durchlebte Tief Barns Courtney’s wird zu Hymnen am Bühnenrand.

    Die Suche nach dem verlorenen Kindheits-Ich wird zur Vorlage, dem Erwachsensein für mehr als nur diesen Abend den Rücken zu kehren.

    Egal wie kitschig das klingt, bei Hands und Hobo Rocket fühle ich mich frei. Glück durch die Nervenbahnen. Immer wieder reißt das Publikum die Hände nach oben, um den Rhythmus zu klatschen. Und auch heut veranlasst Barns mit seinen humorvollen Ansprachen zwischen den Songs ein Schmunzeln. So ganz weiß ich nie, ob in der Ironie nicht doch ein wenig Wahres steckt. Die Lederjacke rot, wie in Berlin. Doch gegen Ende des Sets bedeckt nichts mehr seinen Oberkörper. Der Abend verging viel zu schnell als Golden Dandelions verklingt und mit Kicks ein weiteres Lieblingslied beginnt.

    Ich trete mit jedem Trommelschlag von einem Fuß auf den anderen. Den Text schreie ich schon fast. Jetzt kommt der Sänger dem Publikum gefährlich nah, beugt sich mit dem Mikro zu den ersten Reihen. Die Arme recken sich ihm entgegen. Dann die Aufforderung noch näher zusammenzurücken. Barns zieht sich zurück, steht geduckt vor dem Schlagzeug. Die Haare hängen ihm klitschnass ins Gesicht. Anlauf, Ansatz und Sprung in die Menge. Jetzt kommt mein Moment. Ich merke wie wir unter seinem Gewicht etwas nach hinten taumeln.

    Doch dann schwebt Barns Courtney über uns.

    Kurz bin ich überfordert, zu verarbeiten, dass ich Teil dieses Erlebnisses bin und gleichzeitig den Refrain mitzusingen. Das gibt sich nach ein paar Sekunden.

    Wieder festen Boden unter den Füßen kündigt Barns den letzten Song an. Wie zwei Tage zuvor, lässt er das Publikum hinhocken, um das Meer an geduckten Körpern in der Mitte zu teilen. Er schreitet einige Meter in die Menge, bevor sie explodiert, springend und moshend mit dem Sänger die letzten Takte feiert. Ein Blick durch die Gesichter der Besucher*innen, alle scheinen froh und gleichermaßen überwältigt. Alle setzen zu lauten Zugabe-Rufen an, nachdem die Band das Scheinwerferlicht verlässt.  

    Und sie sollten ein Encore bekommen.

    Gerechnet habe ich damit nicht. Ich und der Lady Gaga Fan machten uns auf den Weg zur Garderobe. Denn meine Rückfahrt war schon zu 23.45 Uhr gebucht und ich musste spätestens zehn nach elf loslaufen. Langes Anstehen könnte daran hindern. Doch als ich Barns‘ Stimme erneut durch die Lautsprecher tönen hörte, konnte ich nicht anders, als mich nochmal zurück in die Menge zu quetschen. Ich lauschte einem neuen Song, den er nur mit seiner Gitarre vortrug. 

    Wenn es mir nicht bereits vorher klar war, wusste ich nun, dass ich nicht schon gehen konnte.

    Während das Licht im Saal aufgedreht wird, stehe ich mit meinem Handy in der sich auflösenden Menge. Das Display leuchtet grün auf. Mein Datenvolumen aufgebraucht, dauert es einige Zeit, dann ist die ursprüngliche Rückfahrt storniert. Der nächste Bus verlässt um 2.45 Uhr die Hansestadt. Ab heute kann mir niemand mehr sagen, dass ich nicht spontan wäre. Und vielleicht auch ein wenig verrückt.

    Überschwappende Emotionen und ein My Chemical Romance Comeback

    Was mein Ziel ist, weiß ich nicht so recht. Also hole ich erst einmal den Gang zur Garderobe nach. Auf der Treppe checke ich meine Mails nach einer Buchungsbestätigung von Flixbus und sehe stattdessen den Betreff „RETURN“ unter der Adresse von My Chemical Romance. Ich blicke mit offenem Mund die Leute um mich herum an und kann einen kleinen Ausraster gerade noch so unterbinden, da wird mir bereits meine Jacke gereicht. Und mein Jutebeutel. Und ich trete den Weg zum Waschraum an. Sinnvoll Zeit verplempern ist das Motto. 

    Irgendwann ist der Großteil der Konzertbesucher verschwunden. Im Saal wird umgebaut. Eine riesen Diskokugel aufgehangen. Mich verschlägt es zum Merch-Stand. Die Mitglieder der Vorband unterhalten sich mit Grüppchen von Personen. Vor mir möchte ein Mädchen ein T-Shirt mit Karte bezahlen. Was aber nicht geht. Und schnell entbrandet mit ihrer Mutter eine Diskussion, wer jetzt zum Geldautomat sprintet und ein paar Scheine abhebt, bevor der Club geschlossen wird. (In der Handlung etwas vorgegriffen, kann ich sagen, dass sie sich nicht einigten und T-Shirt-los den Heimweg antraten.) 

    Ich kaufe mir ein kleines Poster, weil ich keine 15 Euro für ein großes habe. Stelle aber zu spät fest, dass es gar nicht von dieser, sondern der UK Tour 2018 ist.

    Langsam aber sicher werden die verbleibenden Fans zum Ausgang gedrängt. Ich stelle meinen vollgestopften Beutel auf dem dunklen Ledersofa im Eingang ab und beginne, mir demonstrativ langsam den Pullover überzustreifen. Schal und Jacke anzulegen. Und das Plakat gerollt zu verstauen. Dabei fällt mir ein weiteres Mädchen mit ihren Eltern ins Auge, die sich mit dem Sänger von Will and the People unterhält.

    Sie knetet eine Wasserflasche in ihrer Hand und wendet sich dann aufgeregt ihren Eltern zu, als der Sänger im leeren Saal verschwindet. Fetzen, die ich von dem Gespräch aufgefangen habe, tragen mich zu der Dreierkonstellation. Ich frage, ob sie den Sänger beauftragt hat, Barns zu holen. Mit einem hektischen Nicken bestätigt mir das Mädchen meine Vermutung und ich muss grinsen.

    Hoffung auf ein Wiedersehen

    Es ist klar, dass die vereinzelten Leute, die jetzt noch hier herumdümpeln, auf die Chance warten, den Star des Abends persönlich zu treffen. Sich von ihm ein T-Shirt, Poster oder die Setlist signieren zu lassen. Oder ein Foto zu machen. So auch ich. Doch diese Hoffnung zerbricht bei dem Mädchen mit ihren Eltern, als wir nun vollends aus dem Gruenspan geworfen wurden. Ein letztes Mal schlägt sie verzweifelt ihre Wasserflasche in die Hand und geht dann. Ich bleibe. Draußen warten noch zehn, fünfzehn Leute. Der Lady Gaga Fan ist nicht dabei.

    Ein Gesicht kommt mir trotz dessen bekannt vor. Das habe ich schon bei der Berlin-Show gesehen. Und so gehe ich kurzerhand darauf zu. Ich finde heraus, dass sie bei so einigen Barns Courtney Konzerten war. Unter anderem auch einem Spezial-Showcase im Universal Büro. Dort lernte sie wiederum jemanden kennen, der nun ebenfalls in unserer Runde steht. Ich unterhalte mich mit beiden über das Thema des Abends – Konzerte. Auf welchen man schon war, auf welche man gehen sollte. Eine vierte Person in unserer Runde bringt Anekdoten von Barns Courtney Shows an, da sie ebenfalls zu einigen Termin hinterherreiste. Auch mal im selben Hotel wie die Band übernachtete und diese dann beim Frühstück traf.

    Es war spät. Und kalt. Ungeduldig tappen wir vor verschlossener Tür umher. Die Leute, die bis jetzt noch hier stehen, werden nicht gehen.

    Hartnäckig und mit dem Gewissen, dass Barns und die Jungs ja irgendwo rauskommen müssen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Da mein Bus aber eh erst in drei Stunden fährt, macht es mir nichts aus zu warten. Dann endlich. Wir hatten uns in einen windgeschützten Hauseingang zurückgezogen und merken, wie es nebenan kleinen Aufruhr gibt. Ich schaue um die Ecke und sehe. Ja genau. Barns Courtney wie er, ein Telefonat vortäuschend, vor die Tür des Clubs geht und dann gespielt überrascht „auflegt“, da ja Leute auf ihn warten. 

    Sofort erhellen sich alle Gesichter. Meine Gesprächsrunde löst sich auf und die einzelnen Personen finden sich beim Schlagzeuger und Gitarristen ein. Ich hingegen bleibe in der Nähe des Sängers. Er wird von allen Seiten um Unterschriften gebeten. Ein Typ, der zur Crew gehört, den ich aber nicht genau zuordnen kann, bietet seinen Dienst als Fotografen an. Handys werden ihm gereicht. Bilder geknipst. Während er auf verschiedensten Mobiltelefonen den Auslöser drückt, betont er, dass die Band nicht mehr so lang Zeit hat. Deshalb ergreife nun auch ich die Gelegenheit. 

    Und schon hält er mein iPhone mit dem Parcels Sticker auf der Hülle in der Hand.

    Ich lächele den Sänger an und Barns fragt mich, wie es mir geht. Völlig überfordert mit der Situation antworte ich, dass ich das Konzert geil fand. Ich strecke ihm meine Setlist aus Berlin entgegen und da er nur einen weißen Marker hat, unterschreibt er sie mir auf dem schwarzen Taperest. Als ich meine Sprache wiedergefunden habe, erzähle ich noch, dass mich mein erster Konzertbesuch vorgestern so beeindruckt hat, dass ich heut spontan nach Hamburg gefahren bin. Und definitiv nicht enttäuscht wurde.

    Dann lassen wir ein Foto machen. Oder mehrere. Der Typ mit meinem Handy gibt Regieanweisungen. Irgendwas mit „3D-Effekt“ und dass Barns „mal seinen Finger der Kamera entgegenstrecken soll“. Indessen frage ich mich, ob dann nicht die Hand das Gesicht verdeckt. Vielleicht sieht man mir das auf den Fotos später an. Jetzt ist Barns dazu übergegangen die Krallen auszufahren. 

    Ich höre nur ein „du bist ein Tiger“ von dem Foto-Typ.

    Neun verwackelte oder anderweitig unscharfe Bilder später, bekomme ich mein Handy zurück. Ein Blick durch die Runde verrät mir, dass ein paar der Wartenden bereits glücklich mit Foto nach Hause gingen. Meine Bekanntschaften stehen immer noch beim Schlagzeuger. Also geselle ich mich dazu. In der Hoffnung, die nächsten Stunden nicht allein im McDonalds auf den Flixbus wartend verbringen zu müssen. Und das musste ich weiß Gott nicht. 

    Fangirls und ein Irish Pub

    Denn kurzerhand wurde die Fotosession beendet und die Band löst sich von den letzten Fans. Sie gehen die Straße der Großen Freiheit runter. Ziemlich zügig. Die beiden Mädels von vorhin und ich setzen uns in Bewegung. Auf meinen fragenden Blick hin, sagen sie mir, dass wir jetzt einfach hinterhergehen. Okay klar, folgen wir denen einfach. Ist ja nicht so, dass ich das nicht schon tausend Mal gemacht hätte (natürlich ironisch gemeint).

    Im Laufschritt geht’s durch die neonbeschienene Straße. Partygänger*innen wurde gekonnt ausgewichen, ohne die Jungs und Barns Courtney aus den Augen zu lassen. Was dank seiner bunt bestickten, schwarzen Lederjacke nicht so schwer war. Mit einem Seitenblick nehme ich wahr, dass außer uns nur zwei, drei andere Fans neugierig mitkamen.

    Mittlerweile haben wir den Beatles-Platz erreicht und biegen rechts ab. Jemand macht einen Witz, dass die Band insgeheim nur einmal um den Block geht, um zu gucken, wer ihnen so hinterherkommt.

    Doch dann nähern sie sich einem Eingang neben dem Molotow. Einem Irish Pub & Club. Eine Stimme in meinem Kopf sagt mir, dass jetzt der Abend vorbei ist. Als ob wir dort mit reingehen. Doch genau das tut meine Begleitung. Die beiden erklimmen die Stufen zum Pub. Und ich tue es ihnen nach. Kurze Zeit später stehen wir zwischen Tresen und Sitzecke, in der Barns Courtney jubelnd begrüßt wird. Im Hintergrund spielt Wonderwall von Oasis. Ich fühle mich fehl am Platz. Irgendwie ist es mir unangenehm, hier hereinzuplatzen. Ich meine, gerade standen diese Leute noch vor mir auf der Bühne und nun bin ich zusammen mit ihnen in einem Irish Pub? 

    Der Aufenthalt sollte nicht nur von kurzer Dauer sein, denn die Mädels legen ihre Jacken und Taschen ab. Ich ziehe kurzerhand meinen Pullover wieder aus, da er mir nicht tauglich erscheint. Alles in den Beutel gequetscht, stelle ich diesen nun in einer Ecke ab. Irgendjemand wird im Verlauf der Nacht sein Bier drüber schütten, sodass ich im Bus später vollends nach alter Kneipe rieche. Generell gehen noch einige Gläser zu Bruch. Und meine Schuhe kleben an den Getränkeresten.

    Mr. Brightside

    Etwas verloren stehen wir nun herum, bis jemand beschließt, Getränke zu holen. Ich nehme eine große Cola. Irgendwie will ich ja noch wach bleiben. Ein, zwei Mal an dem Getränk genippt, geht es auf die kleine Tanzfläche vor dem DJ-Pult. Die Band ist bereits da, Barns Courtney und noch ein paar andere, die ich nicht ganz zuordnen kann. Und dann. Naja. Dann tanzten wir dort. Zu einer wilden Mischung an Songs. In dem kleinen Raum wuseln wir wie ein unkoordinierte Gruppe umeinander. Mr. Brightside spielt. Und das erste Mal singt wirklich jeder mit. Ich weiß nicht, wem ich gerade euphorisch die Lyrics entgegenschreie. Alle sind offen und deutlich dabei, den Abend zu genießen.

    Die aus künstlichen Spinnennetzen bestehende Halloweendeko wird bald dazu benutzt, die Tanzenden zu umwickeln. Immer wieder lässt sich einer der Jungs hochheben. Wird dann kurze Zeit auf Armen durch den Pub transportiert. Ich schaue mich um, wo der Träger der bestickten Lederjacke abgeblieben ist. Nur um dann innerlich Auszurasten, wenn Barns Courtney zwei Meter weiter neben mir zu Sexbomb tanzt.

    Jemand äußert sich zur der Songauswahl: „I can’t believe they’re really playing this song.“ Bevor die ironischsten Moves und der bekannte Refrain für Vergnügen sorgen. Als die Melodie langsam zu Low von Flo Rida überblendet, gibt es einen Aufschrei. Dann bouncen alle im Rhythmus durch den Raum. Zum „Shawty got low low low low…“ kommen wir Stück für Stück dem Boden näher.

    Fangirls geben den Boys Bier aus. Zum Rauchen verschwindet die Band nach draußen. Wir bleiben drinnen und warten auf die erneute Zusammenkunft bei Teenage Dirtbag. Alle schwelgen in den Lyrics. Kann ich das glauben? Nicht wirklich. Bis jetzt noch nicht. Es fiel mir schwer nach zwei Stunden zu gehen. Vielleicht war es das Krasseste, auf jeden Fall das Spontanste, was mir in letzter Zeit eingefallen ist.


  • IM RAUSCH

    IM RAUSCH

    Ankmerkung: twenty one pilots in Hamburg und Berlin. Lang herbeigesehnt. Sehr emotional. Und zu einem gewissen Grad unbeschreiblich. In Voraussicht, dass die noch intensiven Eindrücke mit der Zeit verblassen, soll dieser Text als Erinnerung dienen. Da beide Konzerte für mich ein zusammenhängendes Erlebnis waren, verschmelze ich im Folgenden beide Perspektiven. Einmal Oberrang, einmal Innenraum, sechste Reihe. Der Text erzählt also eine Geschichte zweier Konzerte mit all den Details, Lyrics und Gefühlen, die die Abende für mich prägten. Achtung Fangirlalarm. Achtung Spoiler.

    Frühlingshaft bahnen sich zarte Sonnenstrahlen durch die dreckverschmierten Scheiben der S-Bahn. Ein Wechsel aus Licht und Schatten fliegt über mein Gesicht, während die Bahn ihren Weg fortsetzt. Vorbei an Gebäudekomplexen, Kleingärten, Industriegebiet. Die Türen öffnen sich und einen, auf beheizbare Sohle gebetteten Fuß vor den anderen trete ich ungeduldig die letzten Meter an. Butterbrote in den Jackentaschen, die Zeit auf dem Handy stets im Blick.

    Es ist kurz nach fünfzehn Uhr als ich an der Barclaycard Arena eintreffe. Eine Schlange an Wartenden ist bereits vor dem Eingang versammelt. Jemand hat eine Pizza bestellt.

    Unter all den in Gelb und Camouflage gekleideten Menschen sucht der Bote nach einem Gesicht, das seine Bestellung entgegennimmt. Zwischen angeregten Unterhaltungen, hin und wieder das Geräusch von zerreißendem Tape. Ich setze mich auf eine Rettungsdecke, die über das kalte Pflaster ausgebreitet war. Auf Augenhöhe mit den, von gelben Streifen umschlungenen, Beinen der Fans. In fünf Stunden würde erst das Konzert beginnen.

    Langsam färbt der frühe Abend den Himmel. Ungeduld breitet sich aus und es werden die letzten Reste des mitgebrachten Proviants durch die Reihen gegeben. So, wie vor einigen Stunden ein großes Plakat mit der Aufschrift „thank y∅u“, auf dem auch ich meinen Namen vermerkte. Kleine gelbe Zettel fliegen umher. Und plötzlich gibt es einen Ruck.

    Die aneinandergedrängte Menge rückt noch näher zusammen. Anstatt eines erleichterten Aufatmens wird gespannt die Luft angehalten. Es ist 18:00 Uhr, der Einlass hat begonnen.

    Hektisch taste ich prüfend meine Hosentaschen ab. Ticket, Ausweis, Schlüsselbund. Scheiße, wo ist mein Handy? Das habe ich in der Hand. Gut. Automatisch ziehe ich schon beim Durchschreiten des Eingangs meinen Mantel aus, reiche ihn meiner lieben Begleitung. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass viele dieselbe Idee verfolgen. Stunden vor der Venue ausharren, um dann die guten Plätze beim Anstehen für die Garderobe zu verlieren, war heut nicht drin.

    Also fokussiere ich mich auf mein Ziel. Die riesige Bühne. Vor der sich eine, noch übersichtliche Menschentraube gebildet hat. In Gedanken wäge ich die mir verfügbaren Optionen ab. Die Show direkt mittig platziert sehen. Oder lieber etwas von der Seite, wo bisher deutlich weniger Leute positioniert waren. Eher rechts, wo das Piano stand.

    Oder doch links vor dem Schlagzeug?

    Ich traf eine Entscheidung und freute mich irrsinnig darüber. Allein die Vorstellung, so nah am Geschehen zu sein, dass ich auf das Leinwandgroßbild verzichten konnte und trotzdem die Gesichtszüge der Bandmitglieder erkennen würde, steigerte meine ohnehin große Aufregung um ein Vielfaches. Nicht nur mir schien es so zu gehen.

    Gegen die Aufregung half auch keine Pseudo-Entspannungsmusik im Hintergrund. Ehrlich, warum spielte wer auch immer keine fetzigen Stücke, um die noch verbleibende Stunde zu verkürzen? Bis der Supportact das Konzert eröffnete, betrachtete ich also zu monotonen Beats ein Füllen der Ränge. Menschen als Ameisen mit gelben Köpfen.

    Später wurde mir klar, dass diese Melodie dem Computerspiel Fortnite entstammte.

    Pünktlich um zwanzig Uhr tritt ein junges Quartett ins Rampenlicht. Flankiert von zwei gigantischen Köpfen einer blauen Kreatur, rechts und links auf den Leinwänden abgebildet. Ob meine Rastlosigkeit der Grund ist. Ich raste komplett aus. Wie das verrückte Gesicht mit der ungesunden Hautfarbe.

    Die lebendigen, frechen Melodien verursachen bei mir gute Laune. Und das, obwohl ich zugegebenermaßen die Vorband am liebsten übersprungen hätte. Sofort sollte die ersehnte Show beginnen. Gier, gebremst von einem gigantischen Sichtschutz für den geheimnisvollen Umbau. Doch dann.

    Schatten zeichnen sich auf dem Vorhang ab. Abdrücke von Händen, im schwarzen Stoff nach Halt suchend. Ein fester Griff. Und zu donnernden Geräuschen aus den Lautsprechern wird mit einem Ruck die Bühne enthüllt.

    Genauso schlagartig erlöscht das Licht und taucht die Arena in Dunkelheit. Sofort gilt die Aufmerksamkeit einer einzelnen Person, die eine letzte verbliebene Lichtquelle bei sich führt. Mit brennender Fackel leuchtet sich der Schlagzeuger Josh Dun den Weg über die Bühne. Ein gelbes Halstuch verdeckt das Gesicht. Zwei gelbe Diagonalen, die jeweils von den Schultern ausgehen, bilden ein Kreuz auf seinem Brustkorb. Der Schnittpunkt ist auf Höhe des Herzens.

    Jumpsuit

    Die euphorischen Schreie und ein tobendes Publikum hatte meine Wahrnehmung für die ersten Sekunden ausgeblendet. So sehr zog mich diese initiale Szene in den Bann. Doch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, zerrissen dröhnend eine familiäre Bassline und dazu passende Lichtexplosionen das Bild. Ein entschlossener Rhythmus treibt voran. Das Set wird mit dem ersten Song des neuen Albums Trench eröffnet. Mich ergreift eine Aufbruchstimmung, die Luft ist wie elektrisiert.

    Dann öffnet sich der Boden. Drei Leinwände umrahmen ein Gerüst, das einer Zusammensetzung vieler Würfel ähnelt. Und vor dem sich nun aus dem Nichts ein ausgebranntes Auto erhebt. 

    Überbleibsel des Songs Heavydirtysoul, der bei der letzten Tour die Show eröffnete und auch Teil im Musikvideo zu Jumpsuit ist. Über Motorhaube und Kofferklappe züngeln die Flammen empor, während Sänger Tyler Joseph auf dem Dach der Karre hockt. Eine schwarze Skimaske verbirgt das Gesicht. Auch ihn zieren die gelben Streifen, jedoch nur über den Schultern.

    Die bedrohliche Schwere dieses Arrangements schlägt in der Bridge schlagartig zu einer hoffnungsvollen Sehnsucht um. Klischeehaft genieße ich diesen Moment, indem ich mit geschlossenen Augen meinen Kopf in den Nacken lege. Als etwas mein Gesicht streift.

    Gelbe Papierschnipsel wie Rosenblüten rieseln von der Decke herab.

    Neben mir recken einige Mädchen gelbe Blumen gen Bühne. Und vorher durch engagierte und organisierte Fans verteilte Papiersterne und Dreiecke lassen, vor die Handytaschenlampe gehalten, gelbe Lichtpunkte durch die Dunkelheit schweben. twenty one pilots haben eine ganze Welt mit in das Konzert gebracht.

    Levitate

    Fließend findet das zweite Lied Anschluss. Ohne Luft zu holen setzt Tyler zu dem schnellen Rap an, der den gesamten Song füllt. Überrascht bemerke ich, dass allen in meinem engen Umfeld ebenfalls die Zeilen auf den Lippen liegen. Wohingegen ich vor Faszination noch keines Wortes mächtig bin.

    Lässig schlendert der Sänger über die Bühne. Rechts neben sich das Schlagzeug, in gelbes Licht getaucht. You can learn to levitate with just a little help und die Scheinwerfer gehen aus. Langsam sinkt das Auto wieder unter die Bühne. Die wärmenden Flammen erlöschen begleitet von einem Drumsolo, bevor tosender Applaus losbricht.

    Fairly Local

    Dunkelheit und ein ohrenbetäubendes Geräusch. Das Bedürfnis, mein Gehör schützen zu müssen, wird in dem Moment von der Sorge übertroffen, dadurch etwas zu verpassen. Doch bald verschmilzt dieser deformierte Klang zu einem hui hui hui, das in den Song Fairly Local einleitet. Unwillkürlich muss ich schmunzeln.

    Der erste Song aus der Blurryface Ära an diesem Abend wird mit besonders lautem Publikumschor und einem Farbwechsel in der Beleuchtung bedacht. 

    Zwischen Kunstnebel und blauen Lichteffekten erheben sich zwei quadratische Podeste, auf denen das Duo einige Meter über der Bühne verweilt.  Yo, this song will never be on the radio. Ich schreie ohne Rücksicht auf überstrapazierte Stimmbänder den Text. Als Tyler sich rücklings fallen lässt und in derselben Grube wie zuvor das Auto verschwindet, verschlägt es mir die Sprache.

    Eine Sekunde später taucht er im Oberrang zwischen erstaunten Gesichtern wieder auf. Im Lichtkegel eines Scheinwerfers breitet der Sänger verheißungsvoll die Arme aus und setzt zum letzten Refrain an. Mit finalem oh zieht er sich kurzerhand die Skimaske über den Kopf. Die Besucher hörbar erfreut über den enthüllten Anblick.

    Alle Augen richten sich wieder nach vorn. Wenden sich der riesigen Leinwand zu, auf der ein Video eingespielt wird. Aufnahmen einer Stadt. Straßen gesäumt von Häuserfronten, ein Zebrastreifen und volle Mülltonnen.

    Eine rote Mütze, die durch diese unaufwändig gefilmte Kulisse kriecht. Dann plötzlich vom Deckengerüst der Arena an einem Drahtseil herabgelassen wird. Und kurz über dem Mikrophon des Sängers zum Halt kommt.

    Tyler Joseph, mittlerweile seiner Camouflage-Jacke entledigt und ganz in schwarz gekleidet, trifft wieder auf der Bühne ein. Zum Kontrast den weißen Bass über die Schulter gehangen, schreitet er auf seine charakteristische Kopfbedeckung zu. Der Schlagzeuger schließt sich der Szene mit einem Rhythmus an, der das nächste Lied erahnen lässt.

    Stressed Out

    Mit einem verschmitzten Grinsen zieht sich Tyler die Mütze auf. Rotlicht. Dumpfes Brummen, das vor zwei Jahren nahezu aus jedem Radio ertönte. Gedanklich ein in-die-Pedale-der-Dreiräder-Treten und der Song setzt sich in Gang. Ein Satz, dann überlässt der Sänger den Zuschauern das Wort. Jede Silbe auswendig könnend. 

    My name’s Blurryface and I care what you think. Die provozierende Rückfrage Tyler’s, what’s your name? My name’s Blurryface and I care what you think. Innehalten. Mit Freude quittiere ich, dass in der Bridge eine erfrischend abgewandelte Version der bekannten Melodie durch die Lautsprecher schallt. Gesang mindestens so beeindruckend wie auf Platte. Unvergleichliche Atmosphäre.

    Wake up you need to make money. Entrüstet stimmt das Publikum in rhythmisches Klatschen ein, das durch die gesamte Arena hallt.

    Vor dunklem Hintergrund mit erleuchtetem │- / Symbol beginnt der singende Part des Duos mit Turnübungen, die quer über die Bühne führen. Ein Sprung vom Piano, und wieder herauf. Das Mikrophon stets in der Hand. Begeisterte Pfiffe und Applaus. Erneute Dunkelheit. Allmählich mischen sich lila-grüne Farben in das schwarz. Eine Wolke umschließt eben jenes Instrument, das Tyler vor wenigen Sekunden als Sprungbrett benutzte. Nun sind es zwei Hände, die über Tasten wandern und stimmungsvolle Tonfolgen erklingen lassen.

    Heathens

    Allein die Farbkombination macht mir bewusst, dass sich an dieser Stelle ein Hit dem nächsten anschließt. Josh pausiert in seiner Schlagzeugkunst. Fokus allein auf seinen Freund und Bandkollegen, der gefühlvoll zu den ersten Zeilen von Heathens ansetzt. Das Publikum singt zur Klavierbegleitung. Intense. Nicht zu lang, dann steigen die Drums wieder ein.

    Piano gegen Bass getauscht. Schwarz. Es folgt meine Lieblingsszene. Während jeder Besucher zu einem „hands up, hands up“ von Tyler beide Gliedmaßen in die Höhe streckt, motiviert zum Takt auf und bewegt, schwingt der Sänger wie wahnsinnig sein pechschwarzes Instrument umher. Hält es, als könne er sich damit im Notfall verteidigen. Watch it, nachladen. Why’d you come, you knew you should have stayed.

    Der Beifall und die Schreie werden lauter. Josh Dun im gelben Lichtkegel, der präzise die Drums bearbeitet. Ein flinker Rhythmus.

    Die erste Reihe bereitet sich für den nächsten Programmpunkt vor. Schiebt sich Sonnenbrillen auf die Nasen. Aber anstatt der erwarteten Stimme Tyler’s, heißt eine aufgenommene Ansage uns zur Show willkommen. Und stellt unter erquickten Ausrufen den Mann hinter dem Schlagzeug vor. Bekannt für seine „dope beats and the freshest bed sheets. He appears offline but he sees your tweets. We are all his dad, don’t mess with our son. Look out baby, it’s Joshua Dun“. Ich weine, vor Lachen.

    We Don’t Believe What’s On TV

    Nun gesellt sich Tyler wieder dazu. Neues Outfit. Eines, das seinem Vater am wenigsten gefällt, wie er nebenbei verrät. Weißes Shirt, darüber ein Kimono mit Blumenmuster. Sonnenbrille. Die Ukulele fest im Griff. Und auch seinerseits begrüßt er das Publikum, wünscht in Berlin einen schönen Valentinstag. Verbunden mit der Widmung des nächsten Songs an seine Frau.

    Über den vorderen Reihen sieht man gelbe Herzluftballons fliegen. Um mich herum liegen sich Besucher in den Armen. Und stetig wird das Geschehen vom Schlagzeugrhythmus untermalt. Für den Song We Don’t Believe What’s On TV weist uns der Sänger in einen konzertüblichen Ablauf ein. Betont, dass Band und Zuschauer gemeinsam verantwortlich sind, die Show auf die Beine zu stellen.

    Also bringt Tyler sein gitarrenähnliches Zupfinstrument in Position für die ersten Akkorde. 1. 2. 3. Auf Kommando schreit es seitens des Publikums ein „yeah yeah yeah“.

    Das schnelle Tempo des Songs lädt zu ausgelassenem Umherzappeln ein. Ich schüttele all den Stress von den Schultern. Diese tragen heut einzig die Last meiner Arme, wenn ich sie zu euphorischem Winken über Kopf hebe. Wie es bei der Zeile I don’t care what’s in your hair. I just wanna know what’s on your mind der Fall ist.

    Der gesamte Innenraum verschwindet in einem Meer aus Armen. Gleichmäßig wogende Wellen, die bis auf den Oberrang überschwappen.

    Fast hätte ich, in meinem vor Glück berauschten Zustand, nicht darauf geachtet, wie Josh von seinem Schlagzeug ablässt. Und zu seiner Trompete greift.

    The Judge

    Na na na na oh oh. Der nächste Titel im Set wird ebenfalls verzückt in Empfang genommen. Von einem Publikum, das ausnahmslos zu jedem Lied mit einstimmt. Niedlicher Klang der Ukulele vermengt mit versonnenem Singen der ersten Strophe. I don’t know if this song is about me or the devil. Der Gesang wird entrüsteter. Hallt dann zum Refrain hemmungslos durch die hüpfenden Reihen. Kein besserer Platz zum Verlauten schiefer Töne, als beim free von The Judge. Und das mit jeder Wiederholung selbstsicherer.

    Bevor ein „Josh Dun, you’re the judge. Set me free.“ den Abschluss bildet. 

    Abermals wird die Bühne von Dunkelheit erfüllt, bevor gelbes Licht wie Sonnenstrahlen durch das Geäst eines, auf den Leinwänden abgebildeten Dschungels fällt. 

    Cut My Lip

    I don’t mind at all. Lean on my pride, lean on my pride. I’m a lion. Tyler, der sich den weißen Bass auf den Rücken geschwungen hat, schlendert mit ausgebreiteten Armen über die Bühne. Singt stumm diese Zeile. Mehr als zehntausend Menschen leihen ihm ihre Stimmen. Zeit spielt schon lange keine Rolle mehr. Tausend Eindrücke. Die Atmosphäre ist losgelöst. Ich lasse mich treiben auf der Musik. Noch einen Moment. Dann.

    Lane Boy

    Blau umnebelt wirkt die Melodie, verglichen mit vorheriger, distanziert. Kühle Ausstrahlung. Die jedoch nichts mit der tatsächlichen Temperatur in der Arena gemeinsam hat. Grund, warum Josh derzeit shirtlos den Takt angibt. Vom Tanzen ist mir auch nicht nur warm ums Herz geworden. If it wasn’t for this music I don’t know how I would have fought this. 

    Eine Hand am Mikrophon, den blumigen Kimono über das Gesicht gezogen. Bis zum zweiten Refrain, nach welchem sich Tyler der guten Stimmung im Pit vergewissert. Der Schlagzeuger stellt sich auf seinen Hocker. Während der Bandpartner das Publikum mit einem „get down looooooow“ dazu bewegt, auf dem Boden zusammenzukauern. Zwei in weiß gekleidete, hinter Gasmasken verborgene Figuren betreten die Bühne. 

    Die Luft ist zum Zerreißen gespannt.

    Warten auf ein Zeichen. Dann erheben sich alle, im Innenraum versammelten Menschen. Springen ungehalten zu den explodierenden Kunstnebelfontänen, die den Bühnenrand säumen. Blick auf die Maskenträger, die das Zentrum des Geschehens ihrerseits unsicher machen. Ebenfalls Patronen in den Händen, die mit CO²-Effekten das Publikum einnebeln. Ein willkommen frischer Windzug. Und Tyler, wieder den Kimono über dem Kopf, tanzt wie ein Irrer im Hintergrund über die Bühne.

    Daneben Josh am Schlagzeug, der auf seinem Podest emporgehoben wird. Gleichzeitig fahren quadratische Scheinwerferkränze herunter. Umschließen die Plattform. Und als schon tosender Beifall entbrennt, setzt ein krachendes Drumsolo ein. Grüne Lichter blitzen auf, zwischen ihnen der Schlagzeuger in seinem Element.

    Nico and the Niners

    Ein Wechsel findet statt. Eine spektakuläre Lasershow, die zuvor die Menge mit bunten Fäden überzog, färbt sich gelb. Die, von dem Würfelgerüst gebildete, Bühnenrückwand schimmert golden. Über sein weißes Shirt hat Tyler ein gelbes Hemd gezogen. Die Finger zieren Ringe, aus ebenfalls gelbem Tape. I’m lighter when I’m lower. Hingehockt verdeutlicht der Sänger die Zeile aus einer der ersten Singles zum aktuellen Album Trench.

    In jeder Bewegung die Melodie, während er die Breite der Bühne vollständig damit füllt. Und darüber hinaus. Ich wende mich nach rechts. Der Scheinwerfer wirft einen Lichtkegel an den äußeren Rand der Stehplätze. Wo sich Besucher ungläubig an einem provisorisch gespannten Seil aufreihen. Sie begrenzen den Weg zur B-Stage, den Tyler in der zweiten Strophe von Nico And The Niners antritt.

    Neon Gravestones

    Ein Piano und Schlagzeug finden sich gleichermaßen auf der kleineren Bühne im hinteren Teil des Innenraums wieder. Nur spärliche Beleuchtung zeichnet schemenhaft die Silhouette des Sängers ab. Dessen dramatisches Klavierintermezzo geleitet nun Josh zum zweiten Schauplatz, ebenfalls ein gelbes Hemd tragend. Aus der gespannten Atmosphäre tritt allmählich die Melodie der Mondscheinsonate Beethoven’s in Erscheinung.

    Das Intro zum nächsten Song. Ein ruhigerer Abschnitt des Abends beginnt. Tiefes Durchatmen. Zwischen zarter Traurigkeit und Sentimentalität. Über der Bühne scheinen Tropfen aus Licht an Stangen eines gigantischen Kronleuchters herabzurinnen. Sich zu Mustern zu formieren. Im Zwielicht blitzt ein Totenkopf auf. Neon gravestones try to call for my bones.

    Bandito

    Punkte gelber Taschenlampe schweben wie kleine Glühwürmchen durch die Luft. Gefühle sickern aus den Augenwinkeln. Und der ausdrucksvolle Gesang wird leiser. Es schließt sich das Lied Bandito an. I could take the high road. But I know that I’m going low. I’m a ban- I’m a bandito. Das Publikum wird erneut zum Chor, singt ergriffen. Der Brustkorb mit dem gelben Kreuz hebt und senkt sich.

    Wie das Tape der Besucher erstrahlen auch über der B-Stage die beiden Diagonalen. Sahlo Folina. Mit der Dynamik des letzten Refrains gibt Tyler eine zuckende Tanzeinlage. Flackerndes Licht. Dann ertönt eine neue Melodie über die Lautsprecher. Durch meinem Kopf hallt ein tiefe Stimme, die fortlaufend drei Silben rhythmisch wiederholt. 

    Pet Cheetah

    Die Arena bebt. Das Duo erhebt sich. Und zwei gelb gekleidete Musiker verlassen mitten im Song die hintere Bühne. Begeistert drängt das Publikum zu der Seite, wo Josh Wegezoll in Form von Handschlägen verteilt. Ich vermag die Euphorie der Besucher an ihrer Stirn abzulesen. Und den Satz „ich werde mir nie wieder die Hände waschen.“ Zielstrebig erreicht die Band die Hauptbühne. Sofort setzt die, für einen kurzen Moment pausierte, Musik wieder ein.

    Kleine Hocker bieten Fläche, um darauf positioniert auch vertikal das Bühnenbild auszufüllen. Nicht zu vergessen das Piano, auf welchem sich Tyler nun niederlässt. I sit here ‚til I find the problem. Das dauert nicht allzu lang. Und er ordnet an, die Füßen vom Boden zu lösen. Ein hüpfendes Publikum. Zu Nebelfontänen, die präzise das pet untermalen, trennt sich der Sänger selbst von der Plattform. Für einen halben Spagat in der Luft. Danach entfernt er sich in den Hintergrund.

    Holding on to You

    Neues Outfit. Ein schwarzes Shirt. Die bekannte rote Mütze. Trommelwirbel und Tyler verschwindet im Bühnengraben. Vor mir macht das Publikum einen Satz und staut sich auf engstem Raum zusammen, den nun ein Scheinwerfer erhellt. Der Sänger klettert auf die ausgestreckten Arme der ersten Reihen. Wird auf Händen getragen. I’ll be holding on to you. 

    Ein wackeliger Untergrund scheint beim Singen kein Problem. Und eingezwängt zwischen aufgeregten Fans beobachte ich das Spektakel fasziniert. Aus der Nähe, nur einen guten Meter entfernt. Verse, die in den letzten Tagen auf Repeat aus meinen Kopfhörern flossen, sind noch nie auf kürzerer Distanz von der Band zu mir gelangt.

    Für den Refrain begibt sich Tyler hinter die Tasten des Klaviers. Applaus für den Schlagzeuger, der frech die Zunge rausstreckt.

    Das Duo als schwarze Schatten vor einer, von Lichtsternen durchbrochenen, Nebelwand. Eine zierliche Tonfolge begleitet die Worte entertain my faith. Mit jeder Repitition dieser Aufforderung wächst die Entrüstung. Drums verleihen Nachdruck und brechen nach Erreichen des Höhepunktes ab.

    Beide Hauptpersonen des Abends stehen zum losgelösten Teil der Bridge nebeneinander. Auf dem Piano. Während Tyler seine Zeilen rappt, ist Josh bereit für den Rückwärtssalto. Bekannt als „Backflip vom Piano“. Das Publikum schreit. Und der Sänger schreit I’ll be holding on to you.

    Ride

    Nahtlos folgt der Übergang zum nächsten Song. Der dritte Radioerfolg. Laut mitsingen. Mitklatschen. Mitspringen. I’ve been thinking too much, help me. Melodien, die mich mitnehmen. Irgendwie ist die Zeit stehen geblieben, und doch schreiten die Ereignisse Schlag auf Schlag voran. Im einen Augenblick noch zu Ride getanzt. Im nächsten sind schon zwei Jahre vergangen. Aus rot wird gelb. Was bleibt sind die Skelett Hoodies.

    Als twenty one pilots den Auftakt geben, Licht pulsiert im Rhythmus des Schlagzeugs. Farben kräuseln sich auf den Leinwänden. When everyone you thought you knew deserts your fight, I’ll go with you.

    My Blood

    Lieder sind nicht für jeden gleich. Und für mich hängt besonders an My Blood ein ganzes, emotionales Paket. Das sich mit Progression der Melodie allmählich entschnürt. Dessen Inhalt mich aufs Neue überwältigt. Ich bin mir sicher, dass mich bisher kein Song im Laufe eines Konzerts im Inneren so berührte, dass mir ungehalten und unaufhaltsam die scheiß Tränen flossen. Nur am Rande sehe ich Tyler verkleidet seinen Bass über die Bühne schwingen. Er greift zum Mikrophon. Und bittet die Besucher um Hilfe. 

    Stay with me, no, you don’t need to run. Stay with me, my blood, you don’t need to run. Ein Chor von der linken Seite. Dann von der rechten Seite der Arena. Und alle gemeinsam. Tausende singen einen Refrain, die Atmosphäre ist unbeschreiblich. Ich versuche zwischen den Tränen mitzusingen. Das gelingt mir nur zum Teil.

    So viele, verschiedenste Personen, die unter Dirigat zweier Freunde zu einer riesigen Gemeinschaft werden. Unbeschreiblich.

    Keine Zeit, um zu verarbeiten. Im Call and Response Prinzip ensteht ein Dialog zwischen Sänger und Publikum. Aus yeah yeah yeahs und oh ohs. Abgetaucht in einer blau-grünen Lagune aus tropfenden Klängen. Tyler hockt sich vorn in der Mitte hin, beginnt zu singen. Ein Wechsel zwischen schnellen Strophen und Zurücklehnen im Refrain.

    Morph

    Für weitere yeahs gesellt sich der Sänger zum Schlagzeuger auf dessen Podest. Im Fokus der Scheinwerfer. Nicht lang, nach Anheben und Senken der Plattform wird die Musik ausgeblendet. Nur der reine Klang des Pianos, ein if I keep moving they won’t know von Tyler. Ein I’ll morph to someone else vom Publikum. What they throw at me’s too slow. I’ll morph to someone else, I’m just a ghost.

    In Gedanken freue ich mich schon auf den Instrumentalteil, der das Stück zum Ende abrundet. Doch dann sehe ich ein Crewmitglied, das uns vom Bühnengraben aus ansieht. Beide Hände mit Handflächen nach oben hebt. Und im nächsten Moment dreht sich mir der Kopf, als ich die Hinweise entschlüssele. Nicht nur Josh verlässt die Bühne, gelbe Drumsticks entschlossen umfasst. Es wird ebenfalls ein Brett, auf dem Hocker und Schlagzeug montiert sind, in das Publikum gegeben.

    Ich klammere den äußeren Rand der Druminsel fest. Auf der eine Hälfte meiner Lieblingsband nach lautem „Josh Dun“-Ruf aus dem Publikum zu einem Schlagzeugsolo ansetzt.

    Absolut fasziniert blicke ich an der Basedrum vorbei, hinter der der Schlagzeuger sitzt. Hinter dem die Leinwand das Spektakel überträgt, von dem ich ein Teil bin. Und bei der all der Aufregung fällt es auch nicht auf, dass Tyler hinter seinem Piano hockt und sich, die Skimaske über den Kopf ziehend, auf das nächste Lied vorbereitet.

    Car Radio

    Sofort stimmen die Zuschauer in den schnellen Rap ein. Schlichte Begleitung. Die Lichtwürfel leuchten nur dezent weiß im Hintergrund auf. I liked it better when my car had sound. Darin sind sich alle hörbar einig. Peace will win and fear will lose. Die Wörter strömen nur so aus meinem Mund. Keine Zeit zum Luft holen. Wenn das der Endspurt ist, gebe ich mehr als alles. „Let’s go! Jump!“ lässt sich niemand zweimal sagen.

    Die Nebelfontänen steigern die Dramaturgie. Die Menge singt ein ohhhohoh. Immer wieder. Bis Tyler seinen Weg von der Bühne, vorbei an der B-Stage zu einem kleinen, metallenen Turm gefunden hat. Er klettert das Gerüst hoch. Und breitet die Arme aus. Verneigt sich vor allen Seiten der Arena. Die Spannung ist zum Greifen nah. And now I just sit in silence. Ein Schrei aus der Seele. Der Sänger reißt sich zum zweiten Mal an diesem Abend die schwarze Maske vom Gesicht. Und der Beifall ebbt nicht ab.

    Chlorine

    Es wird dunkel. Doch das irritiert die Zuschauer nicht. Immer mehr stimmen in das ohhohoh von Car Radio zuvor ein. Und immer mehr zücken ihre Taschenlampen, um von sich aus die Venue zu erleuchten. Ein verzerrtes So where are you? It’s been a little while ertönt.

    Ned tanzt im Hintergrund über die Leinwand. Davor das Duo, auf emporgehobenen Plattformen. Josh mit Anglerhut. Wieder fügen sich Musikvideo und Konzert zusammen. Can you build my house with pieces? I’m just a chemical. Diese Zeile leistet mir Gesellschaft bis ich am nächsten Tag überdreht und übermüdet zugleich ins Bett falle. Gemeinsam gesungen. Wiederkehrend aneinander gereiht. Meinetwegen hätte es ewig so fortlaufen können.

    Leave The City

    Doch das nächste Lied macht klar: They know that it’s almost over. Bei dieser Feststellung aus Leave The City überkommt mich eine Melancholie. Die herzergreifende Klavierbegleitung und Hoffnungsschimmer im Gesang. In time, I will leave the city. For now, I will stay alive. Gelber Nebel sammelt sich auf der Bühne. Umspielt Piano und Schlagzeug als stünden sie auf einer Wolke.

    Aus dem Video auf der Leinwand wird ein Foto mit Zeichnungen. Skizzen. Rohversionen der Hintergründe, die während der Show erschienen sind. Bevor sie zu Schwarz verblenden. Ein Scheinwerfer ist auf Tyler gerichtet, der im Lichtkegel an seinem Keyboard steht. „You made it to the end.“

    Das Ende eines unglaublichen Konzerts. Nicht nur dank der Band, die mit Kreativität und Herzblut aus einer Idee eine ganze Welt erschaffen hat. Sondern auch dank einer Crew, die diese Show rechtzeitig auf- und abbaut. Und mit der Ladung von über einem Dutzend LKW die Grundlage für so ein faszinierendes Erlebnis schafft. Nicht zu vergessen die Konzertbesucher, ohne welche diese Mühe irrelevant wäre.

    Trees

    Ohne Pause geht Tyler’s Rede in den Text von Trees über. I can feel your breath. I can feel my death. I want to know you. I want to see. I want to say hello. Das Publikum singt ein letztes Mal für diesen Abend im Chor, der nur heut, nur zu dieser Sekunde, und nie wieder so existieren wird. „Get your feet off the floor!“

    Ein letztes Mal die Nebelfontänen, die im Rhythmus zu den hüpfenden Haarschöpfen explodieren.

    Ausgelassenes la la lalalalala. Meine Freude ist an dem Punkt unermesslich. Dass das Ende naht, spielt keine Rolle. Als ich wieder ein Brett vor meinen Kopf gesetzt bekomme, ist das Konzert für mich komplett. Ich greife zu und spüre wie sich die Platte unter dem Gewicht von Josh bewegt. Mit zwei Schlägeln in der einen Hand kniet er darauf und lächelt ins Publikum.

    Jemand streckt ihm seine Faust entgegen, worauf der Schlagzeuger mit einem fist bump antwortet. Ich strecke ihm ebenfalls meine Faust entgegen. Und bekomme den gleichen Gruß, bevor sich Josh abwendet, um unter gelbem Konfettiregen auf seine Trommel einzuschlagen. Genau wie Tyler, der synchron ausholt und die Zuschauer zu lauten hey-Rufen animiert. Ich kann gar nicht beschreiben, was in dem Moment bei mir abging. Meine Konzentration hat gerade so weit gereicht, keine gelben Papierschnipsel zu verschlucken und daran zu ersticken. Der Kopf dreht sich.

    Ein Duo. Nach 21 Songs die Verbeugung vor gelbem Hintergrund. Mit Aufschrift „The Bandito Tour“.

    „We are twenty one pilots. And so are you.“