Kategorie: ALBUM



  • PARCELS LIVE VOL. 1

    PARCELS LIVE VOL. 1

    „Your best day“. That’s what it said in my horoscope. On the day of the announcement, as well as on the release day of the first ever Parcels Live Album. In April the stars were in my favor, one could say. Just when I began to miss all the concerts I should’ve gone to this year, my favorite band released something. An album that makes me forget all the shit days with just one guitar line. That takes me on a voyage through synthesized spaces. That makes my legs move back and forth until the neighbors ring to join the party.

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  • DEMOITIS

    DEMOITIS

    demo-itis. Durch die Nachsilbe -itis klingt es wie eine Krankheit. Infiziert mit einem Hang zur Demoversion des eigenen Songs, der es schwer macht, die finale, sauber aufgenommene Endversion zu akzeptieren. So lange wurde an dem Rohling gefeilt, man hat ihn in den Armen gehalten und gewiegt bis die Augen zufielen und nun soll man ihn wieder abgeben, um nach Monaten die Schuhe überzustreifen? Ein Phänomen, das die Liebe zum Unperfekten, Heimischen, zu Feinheiten oder kleinen Macken bezeichnet.

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  • WUNDERSAM

    WUNDERSAM

    Es fängt an mit einem mittel-zackigen Beat, mit einem Rutsch auf dem Kartoffelsack diese blaue Wellenrutsche hinunter. Direkt in die wolkenlose Kulisse einer Mittwochnachmittags-Seifenoper. Der Bass beobachtet mit Misstrauen die Szene, während Finger über Gitarrensaiten tanzen und eine Stimme aus dem Off dem Geschehen ihre nüchtern-komische Beschreibung anfügt. Bis das Becken dreimal schellt und unter Synthiebeschuss der erste Song und die erste Single vom Wundersam Album langsam ausblendet.

    Melodram ist der Auftakt vom musikalischen Debüt Tim Bohner’s als Timbeau. Einer von acht Tracks, die am 27. November 2020 veröffentlicht wurden. An einem grauen Freitag, der die schwungvollen, süßen Melodien des Albums aufatmend mit jeder Pore aufsaugte wie ein trockener Schwamm die Flüssigkeit. Denn die Musik von Timbeau ist wie eine Erinnerung. Eine schöne, die ich mir partout nicht mehr vor Augen führen kann. Doch das Gefühl von Sonnenschein auf der Haut und Leichtigkeit im Gang ist präsent mit jeder spacigen Melodie und endlosem Raumhall.

    Gleich der zweite Song hüllt mich in einen rauschenden Synthetik-Klang. Wo das Echolot und Metronom den Sound um ein beispielhaftes Piepsen und Klopfen ergänzen, die im Kopf eine Geräuschkulisse bauen, über Keys und Gitarren hinausgehend. Das Bieder im Chorus mutet kurzzeitig wie ein Beat it von Michael Jackson an. An dessen Stelle tritt bald ein verrücktes Lachen und laut ausgesprochene Gedanken. Sonnenstich folgt mit heller Gitarre und einer Bassline, die nach vergangenen Festivalsommern mit Parcels Auftritten sehnen lassen. Ein Wassereis und Sonnencreme. Oder Quark und Tränen. Auf jeden Fall ein Schritt nach dem anderen, während ich mir das Album beim Spaziergang anhöre.

    Wieder diese entfernte Erinnerung, als der nächste Song einsetzt. Wie Orgelpfeifen. Ich spule zurück zum Anfang. Ein langanhaltender, weicher Ton aus einer anderen Galaxie. Bitte, kann dieses Intro die Titelmelodie meiner nächsten Lieblingsserie werden? Ein Flug durch Raum und Zeit. Und da die Traurigkeit.

    Dann der Titelsong. Er fädelt sich wie Zuckerwatte in einer taumelnden Bewegung zu Wolken aus klebrig und zugleich schwebend leichtem Sound auf. Schmeckt wie diese grün gefärbte Zuckerwatte mit Pfefferminzaroma, die ich bei einem Badeurlaub in Ungarn vor zehn Jahren unter flirrender Hitze bei einem kleinen Fahrradstand kaufte. Dann quer über die überfüllte Liegewiese zum ausgebreiteten Handtuch trug, auf dem meine Schwester lag, die lieber eine Watte mit Himbeergeschmack gehabt hätte. 

    Einen Schritt nach dem anderen, während ich mir das Album anhöre. 1, 2, 3 und Walzerschritt. Schlendrian. Die Ampelmenschen tanzen in rot und grün zur Abschlussballmusik. Bevor der träge-schlendernde Rhythmus zu Hummeln und Bienen wird. Zu So schön allein tanzt es sich am besten im verlassenen Zimmer. Ohhhhohoh und die Arme nach oben, beim Konzert würden nun alle klatschen auf 1, 2, 3, 4. Und schon beginnt der letzte Song des Albums, das Timbeau im Zimmer seiner Wohngemeinschaft aufgenommen hat. Ein letztes Souvenir von der Reise durch den Weltraum oder klingelnden Sternen, fernen Galaxien. Eine schöne Erinnerung. 


  • COMING TO TERMS

    COMING TO TERMS

    In der hinteren Ecke des Regals steht noch ein Glas. Apfelkompott, eingeweckt nach der reichen Ernte im letzten Jahr und aus Früchten, die im eigenen Garten von der Blüte zum grünen Obst gereift sind. Schon das Knacken beim Aufschrauben des Metalldeckels und der Gedanke an die heißen Apfelstückchen, vielleicht mit ein bisschen Zimt bestreut, wärmt an dem sonst ungemütlichen Oktobertag. 

    Dieses Gefühl ist nicht zu vergleichen mit der Hitze eines abgestandenen Luftschwalls, der an kalten Tagen beim Betreten der U-Bahn entgegenrollt. Viel eher sind es letzte kraftvolle Sonnenstrahlen im Herbst, die wärmend bei einem Frühstück auf dem Balkon das rechte Ohr kitzeln. Warmes Apfelkompott ist wie eine feste Umarmung. 

    Oder wie ein Prismala Song.

    Am 9. Oktober folgt nach drei Jahren endlich neue Musik auf das 2017er Debüt Colours of a Summer. Es sind fünf Lieder voller Liebe. Und über die Liebe. Oder den Weg, auf den sie manchmal abbiegt. Die Höhen, die sie mit einem Strauß frischer Blumen besteigt und die Täler, für die nur noch eine welke Blüte übrig bleibt. Doch akzeptiert man das Verblühte, arrangiert sich mit den Ereignissen, kann daraus ebenso etwas Schönes wachsen. Ein Song zum Beispiel, oder eine ganze EP.

    Coming to Terms

    Seit einiger Zeit sammeln Prismala Ideen und Elemente für neue Musik. September 2018, aus den Skizzen entstehen Songs. Ein halbes Jahr später beginnen die Aufnahmen und setzen sich mit Unterbrechungen, die dem Studium geschuldet sind, bis zum September diesen Jahres fort. Im Gegensatz dazu wirkt die Entstehungsphase vom vorigen Album der vierköpfigen Band wie ein Wimpernschlag. Doch was lange währt, wird bekanntlich gut? 

    Stunden zwischen Melodie, Rhythmus und Kabelsalat zu ihren Füßen, die die Band in einem Video dokumentiert, münden in einen atmosphärischen Gesamtklang. Prismala selbst würden diesen als Alternative Soul und Hip Hop beschreiben. Vielleicht haben auch R&B, Rock, ein bisschen Jazz ebenfalls ihren Einfluss hinterlassen. 

    Abgesehen von der Frage nach dem Musikgenre und einem Vergleich mit zimtigem Apfelkompott, hören sich die Songs auf Coming to Terms nach einem flauschigen Klangteppich an, durch den man barfuß Walzer tanzt. Obwohl der Takt das gar nicht angibt. Getragen werden die Melodien von den Rhythmen des Schlagzeugs. Leicht wie ein Blatt, das zu einem Papierflieger gefaltet friedlich durch die Luft segelt. Und an den richtigen Stellen in einen Looping geht, um die Fluglinie und das mitfühlende Kopfnicken hier und da aufzulockern.

    Dann der Gesang. Vom Beginn des ersten Songs an wird man von einer weichen Stimme eingehüllt. Aneinandergereihte Worte verknüpfen sich zu einem fließenden Gewebe. Mit dunkler Klangfarbe, in Sprechgesang, durch dezente Melancholie verziert oder in warmen, melodiösen Passagen. Angenehm sickert der Gesang in den Gehörgang wie die Tinte nach einer geschwungene Handschrift in die Papierfaser.

    Dieses Gerüst aus Schlagzeug und Gesang wird mit angeschlagenen Gitarrenakkorden umspült. Wie eine auslaufende Welle nähert und entfernt sich der rauschend perlende Klang. Manchmal spielt eine Melodie, die als Sonnenstrahl die Wolkendecke durchbricht. Licht, das zu einem Solo aufgewickelt wird und über dunkle Wände zuckt, während es dem Ende eines langen Tunnels entegegenrast. Und hört man genau hin, ranken sich durch die Gitarrenmelodien zuerst unscheinbare Basstöne. An manchen Stellen tauchen sie auf wie ein verlegtes Schmuckstück. Vor allem geben sie dem Hintergrund seine Tiefe.

    Alle Komponenten addiert ergeben einen umarmenden Sound, der beim ersten Song Daffodils für ein familiäres Willkommen sorgt. Über den Klang legt sich im Folgenden bei Heart Theft die Erkenntnis eines Diebstahls, der in keiner Polizeiakte registriert werden kann. Als drittes bietet Jealousy einen lebhaften Groove, der im Gegensatz zur Melodie der Eifersucht hervorragend zum Liebessong oder Song der Liebe(nden) passt.

    In A Soul’s Demand vermischen sich die eigenen Bedürfnisse und Gedanken mit Zweifel, einem Entschluss und auch der Klang schwingt in dezenter Wehmut. Ohne Gitarren, ohne Bass und das Schlagzeug, nur vom Piano begleitet schließt die EP und Peonies ab. Alles Schöne hat auch ein Ende und manchmal lohnt es sich. Eine Intervallfolge baut sich auf und man fiebert mit bis zur finalen Auflösung. Dann verklingt das Lied mit letzten hellen Tönen.

    Foto: Max Herfurth