Schlagwort: LIEBLINGSBAND


  • ÜBER UNIVERSITÄTSKINDER UND FAKE TV-SHOWS

    ÜBER UNIVERSITÄTSKINDER UND FAKE TV-SHOWS

    Ein sonniger Tag Mitte März. Die gold-gelben Strahlen fallen durch das große Fenster auf mein Gesicht, während ich auf den Hinterhof blicke. Das Dach gegenüber glitzert im Licht. Und irgendwo aus der Entfernung lässt sich eine lieblich trunkene Melodie vernehmen. Mysteriös und umarmend zugleich. Sie weitet sich aus zu einer Songfolge, die ich in den letzten Tagen so oft gehört habe, dass mich ihr Klang mittlerweile auch ohne Kopfhörer oder Anlage begleitet. Paradigmes der Gruppe La Femme – was für ein wundervolles Album!

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  • PARCELS LIVE VOL. 1

    PARCELS LIVE VOL. 1

    „Your best day“. That’s what it said in my horoscope. On the day of the announcement, as well as on the release day of the first ever Parcels Live Album. In April the stars were in my favor, one could say. Just when I began to miss all the concerts I should’ve gone to this year, my favorite band released something. An album that makes me forget all the shit days with just one guitar line. That takes me on a voyage through synthesized spaces. That makes my legs move back and forth until the neighbors ring to join the party.

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  • DEMOITIS

    DEMOITIS

    demo-itis. Durch die Nachsilbe -itis klingt es wie eine Krankheit. Infiziert mit einem Hang zur Demoversion des eigenen Songs, der es schwer macht, die finale, sauber aufgenommene Endversion zu akzeptieren. So lange wurde an dem Rohling gefeilt, man hat ihn in den Armen gehalten und gewiegt bis die Augen zufielen und nun soll man ihn wieder abgeben, um nach Monaten die Schuhe überzustreifen? Ein Phänomen, das die Liebe zum Unperfekten, Heimischen, zu Feinheiten oder kleinen Macken bezeichnet.

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  • COMING TO TERMS

    COMING TO TERMS

    In der hinteren Ecke des Regals steht noch ein Glas. Apfelkompott, eingeweckt nach der reichen Ernte im letzten Jahr und aus Früchten, die im eigenen Garten von der Blüte zum grünen Obst gereift sind. Schon das Knacken beim Aufschrauben des Metalldeckels und der Gedanke an die heißen Apfelstückchen, vielleicht mit ein bisschen Zimt bestreut, wärmt an dem sonst ungemütlichen Oktobertag. 

    Dieses Gefühl ist nicht zu vergleichen mit der Hitze eines abgestandenen Luftschwalls, der an kalten Tagen beim Betreten der U-Bahn entgegenrollt. Viel eher sind es letzte kraftvolle Sonnenstrahlen im Herbst, die wärmend bei einem Frühstück auf dem Balkon das rechte Ohr kitzeln. Warmes Apfelkompott ist wie eine feste Umarmung. 

    Oder wie ein Prismala Song.

    Am 9. Oktober folgt nach drei Jahren endlich neue Musik auf das 2017er Debüt Colours of a Summer. Es sind fünf Lieder voller Liebe. Und über die Liebe. Oder den Weg, auf den sie manchmal abbiegt. Die Höhen, die sie mit einem Strauß frischer Blumen besteigt und die Täler, für die nur noch eine welke Blüte übrig bleibt. Doch akzeptiert man das Verblühte, arrangiert sich mit den Ereignissen, kann daraus ebenso etwas Schönes wachsen. Ein Song zum Beispiel, oder eine ganze EP.

    Coming to Terms

    Seit einiger Zeit sammeln Prismala Ideen und Elemente für neue Musik. September 2018, aus den Skizzen entstehen Songs. Ein halbes Jahr später beginnen die Aufnahmen und setzen sich mit Unterbrechungen, die dem Studium geschuldet sind, bis zum September diesen Jahres fort. Im Gegensatz dazu wirkt die Entstehungsphase vom vorigen Album der vierköpfigen Band wie ein Wimpernschlag. Doch was lange währt, wird bekanntlich gut? 

    Stunden zwischen Melodie, Rhythmus und Kabelsalat zu ihren Füßen, die die Band in einem Video dokumentiert, münden in einen atmosphärischen Gesamtklang. Prismala selbst würden diesen als Alternative Soul und Hip Hop beschreiben. Vielleicht haben auch R&B, Rock, ein bisschen Jazz ebenfalls ihren Einfluss hinterlassen. 

    Abgesehen von der Frage nach dem Musikgenre und einem Vergleich mit zimtigem Apfelkompott, hören sich die Songs auf Coming to Terms nach einem flauschigen Klangteppich an, durch den man barfuß Walzer tanzt. Obwohl der Takt das gar nicht angibt. Getragen werden die Melodien von den Rhythmen des Schlagzeugs. Leicht wie ein Blatt, das zu einem Papierflieger gefaltet friedlich durch die Luft segelt. Und an den richtigen Stellen in einen Looping geht, um die Fluglinie und das mitfühlende Kopfnicken hier und da aufzulockern.

    Dann der Gesang. Vom Beginn des ersten Songs an wird man von einer weichen Stimme eingehüllt. Aneinandergereihte Worte verknüpfen sich zu einem fließenden Gewebe. Mit dunkler Klangfarbe, in Sprechgesang, durch dezente Melancholie verziert oder in warmen, melodiösen Passagen. Angenehm sickert der Gesang in den Gehörgang wie die Tinte nach einer geschwungene Handschrift in die Papierfaser.

    Dieses Gerüst aus Schlagzeug und Gesang wird mit angeschlagenen Gitarrenakkorden umspült. Wie eine auslaufende Welle nähert und entfernt sich der rauschend perlende Klang. Manchmal spielt eine Melodie, die als Sonnenstrahl die Wolkendecke durchbricht. Licht, das zu einem Solo aufgewickelt wird und über dunkle Wände zuckt, während es dem Ende eines langen Tunnels entegegenrast. Und hört man genau hin, ranken sich durch die Gitarrenmelodien zuerst unscheinbare Basstöne. An manchen Stellen tauchen sie auf wie ein verlegtes Schmuckstück. Vor allem geben sie dem Hintergrund seine Tiefe.

    Alle Komponenten addiert ergeben einen umarmenden Sound, der beim ersten Song Daffodils für ein familiäres Willkommen sorgt. Über den Klang legt sich im Folgenden bei Heart Theft die Erkenntnis eines Diebstahls, der in keiner Polizeiakte registriert werden kann. Als drittes bietet Jealousy einen lebhaften Groove, der im Gegensatz zur Melodie der Eifersucht hervorragend zum Liebessong oder Song der Liebe(nden) passt.

    In A Soul’s Demand vermischen sich die eigenen Bedürfnisse und Gedanken mit Zweifel, einem Entschluss und auch der Klang schwingt in dezenter Wehmut. Ohne Gitarren, ohne Bass und das Schlagzeug, nur vom Piano begleitet schließt die EP und Peonies ab. Alles Schöne hat auch ein Ende und manchmal lohnt es sich. Eine Intervallfolge baut sich auf und man fiebert mit bis zur finalen Auflösung. Dann verklingt das Lied mit letzten hellen Tönen.

    Foto: Max Herfurth


  • MEPPEN 2019

    MEPPEN 2019

    Es ist irgendwann gegen Mitternacht. Der spärlich beleuchtete Weg vor mir wirkt nicht sehr einladend. Nur hier und da reiht sich ein orangefarbener Lichtkegel zwischen die Bäume am Straßenrand. Nachts scheint diese Strecke nur wenig befahren zu sein. Und doch nähert sich genau in diesem Moment ein Auto. Ich höre wie es langsamer wird. Neben mir dann das Geräusch der automatischen Fensterscheibe. Angespannt laufe ich weiter, als eine Stimme an mein Ohr dringt: “ ‚Tschuldigung. Wo geht’s zu McDonalds?“

    Ich merke, dass ich die Luft angehalten habe, als mir ein atemloses Lachen entweicht. Eine Gruppe Jugendlicher, die genauso harmlos ist wie die Reihenhäuser mit Terrassentür zum Vorgarten, wo sich nachts um halb zwölf die TV-Quizshow im Fensterglas spiegelt, blickt mir ahnungslos entgegen. Leider kann ich ihnen nicht helfen. Meine Kenntnis reicht nur bis zu dem Thai-Laden am Bahnhof. Und der hat gerade Sommerpause.

    Enttäuscht kurbeln sie die Scheibe wieder hoch und es wird wild auf dem Handy herumgetippt. Ein kleiner werdender Lichtpunkt, der im Dunkel verschwindet. Ich setze meinen Weg zur Jugendherberge fort. Nur drei, vier der etlichen Fenster in der Fassade des komischen, langgezogenen Klotzes sind noch erleuchtet. Ich löse meinen Schlüssel von dem Karabiner an meiner Gürtelschlaufe und schließe die gläserne Eingangstür auf. Mein Zimmer ist im zweiten Stock.

    Außer einer handvoll Gäste scheint die Herberge nicht ausgebucht zu sein. Die meisten davon sind mit dem gleichen Zug wie ich gekommen. Das habe ich schon bei der Fahrt gemerkt. An Ramones-Fanshirts oder den Semestertickets der Bremer Uni. Diese Leute reisen nicht einfach so nach Meppen. Die haben ein Ziel. Und zwar das gleiche wie ich. Das Kleinstadtfestival. Von dort komme ich gerade und lasse mich nun müde auf eines der vier freien Betten fallen.

    Irgendwie schäle ich mich noch aus meiner kurzen Hose und dem blauen Top. Und bemerke dabei, dass ich Sonnenbrand an den Waden habe. Der kommt garantiert vom langen Anstehen an der Pommesbude. Die Schlange führte einmal quer über das Gelände und unter der prallen Sonne zeichnet sich der Schweiß auf den Gesichtern der Wartenden ab. Im Hintergrund animiert irgendein Rapper die noch spärlich versammelte Menge vor der Bühne zum Mitklatschen.

    Nach einer gefühlten Ewigkeit schaufele ich endlich die viel zu salzigen Fritten in mich rein. Deswegen und aufgrund der Hitze an diesem außerordentlich schönen Juli-Samstag war mein nächster Stop der weiße Getränkewagen links von der Bühne. Ungeduldig versuche ich mir am Tresen einen Platz zwischen all den Bechertürme haltenden Mittvierzigern zu ergattern. Und siehe da, hier betrug die Wartezeit nur wenige Minuten, als sich ein netter Typ nach meinem Getränkewunsch erkundigt.

    „Ein Wasser bitte.“ „Ein Wasser?!“, fragt er ungläubig und etwas verwirrt nach. Da bricht eine junge, braunhaarige Frau hinter mir in schallendes Gelächter aus: „hahahaha, DER war GUT!“. Sie knallt zwei dieser Papphalter auf die Theke, in denen jeweils sechs leere Becher stecken. „Ich hätt‘ gern nochmal zwölf Bier.“ Schmunzelnd nehme ich mein Wasser entgegen und mache ein paar Schritte auf die Bühne zu.

    Bald ist es so weit, dass mein Grund für diesen spontanen Ausflug das Rampenlicht betritt. Kurz denke ich an unseren Hund, den ich kurzfristig zur Nachbarin abschieben musste. Und danke meinem Gedächtnis, dass es in der Eile weder das Festivalticket, noch die Zimmerreservierung für die Herberge vergessen hatte. Einzig einen Stadtplan hatte ich nicht zur Hand, genauso wenig wie ausreichendes Datenvolumen auf dem Handy. Doch wenn ich ehrlich bin, irrt man nicht allzu lang in Meppen umher, bis man durch Zufall auf ein Freibad stößt. Schon gar nicht, wenn dort laut Musik gespielt wird.

    Es ist Umbaupause. Die Band fuhrwerkt an ihren Instrumenten herum, Kabel werden gerichtet und die ersten bekannten Gesichter aus der nun wachsenden Menge vor der Bühne begrüßt. Für den nächsten Act ist das ein Heimspiel. Ich stehe mittig in der zweiten Reihe und neben mir umarmt der Drummer gerade ein Mädchen und ihre Begleitung, die sich dazu über die Barrikade beugen. Schon erraten, von welcher Band ich hier schreibe?

    Die Rede ist von RAZZ. Und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass die Stimmung wirklich ein Kracher war. Es dauerte nicht lang und ich wurde von meiner Position in den Moshpit hinter mir gesogen. Wenn gerade kein Text zum Mitsingen vorhanden war, gab ich die Gitarrenmelodie zum besten. Beim Herumwirbeln blickte ich in viele glückliche Gesichter und mittlerweile stand die Sonne nicht mehr so hoch am Himmel.

    Ich habe letztens nachgesehen – es war bis dato mein siebtes Konzert des Quartetts aus dem Emsland. Und jedes Mal werde ich erneut von der leuchtenden Atmosphäre ihrer Live-Auftritte gepackt. Wer weiß, vielleicht ist zwischen den ganzen Lieblingsliedern auch ein neuer Song? Die Zeile „don’t you know, dust settled on my skin“ ist mir jedenfalls nicht bekannt. Gleich bin ich Feuer und Flamme für die ruhelosen Drums.

    Es ging bestimmt nicht nur mir so. Das Publikum war begeistert. Und beim letzten Song rissen wir alle unsere Hände in die Luft und sangen zu Youth & Enjoyment. Die Euphorie reichte auch für den Auftritt der nächsten Band, als ich lachend in den Armen von völlig Fremden lag und wir eingehakt zur Musik tanzten. Erst als die Sonne längst untergegangen war und nur das bunte Bühnenlicht über den zertrampelten Rasen zuckte, beschloss ich zu gehen. Um später glücklich auf der harten Matratze in meinem Doppelstockbett einzuschlafen.


  • KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    Ich sitze aufrecht im Schneidersitz auf der grünen Couch meiner Eltern, die Fernbedienung fest umklammert. Während der Bildschirm aufflimmert, beugt sich meine Mutter über die Rückenlehne, um das dahinter verbaute Soundsystem einzuschalten. Und schon ballert die süße Melodie von Gamesofluck aus den Boxen. Ein Video von Parcels im Funkhaus Berlin leuchtet im Fernseher. Meine Arme zeichnen Wellen in die Luft und der Songtext liegt stumm auf meinen Lippen. Außer beim „ha! uhh“. Das lasse ich mir nicht nehmen.

    Mutti liegt neben mir und schaut gebannt wie bei einem Tatort zu. Als die fünf Australier in ein ausgedehntes Instrumental-Intermezzo abschweifen, frage ich mit einem Grinsen in den Raum: „Und, wer ist dein Lieblingsparcel?“. Die Augen weiterhin auf das Video geheftet, antwortet meine Mutter: „Der blonde da. Noah!“ Ich quietsche begeistert über ihr Insiderwissen. Dafür ernten wir nur einen verständnislosen Blick von meinem Vater, der das Geschehen vom Sessel aus beobachtet. „Ich habe die auch schon mal in echt gesehen“, sagt meine Mutter stolz zu ihrem Mann, den Finger auf die Band im Video gerichtet.

    „Du hast die schon gesehen? Wann denn das?“

    Es ist Anfang Oktober. Ich habe gerade mein Studium in Berlin angefangen. Da ich in der Hauptstadt noch auf Wohnungssuche bin, fand ich übergangsweise Unterschlupf bei meinen Eltern. Das bedeutete zwar eine stundenlange Zugfahrt jeden Tag, doch meine Euphorie für die neue Stadt bremste das nicht. Berlin ist nämlich voll von bisher unergriffenen Möglichkeiten. Konzerte, neue Kontakte. Und unverhoffte Kinoabende?

    Ich erinnere mich daran, wie ich wieder einmal viel zu früh in unserem Seminarraum saß. In der ersten Uni-Woche passiert das noch. Vielleicht ein, zwei weitere übermotivierte Studierende haben ebenfalls in den Reihen Platz genommen. Zum Glück ist das Gebäude hier mit dem besten WLAN ausgestattet und so krame ich in meiner Jackentasche nach dem Handy. Wenig später öffnet sich mein Mail-Postfach (mittlerweile bekomme ich mehr E-Mails als Nachrichten, also ist der Check vom Postfach eingefleischter als ein Blick auf Whatsapp).

    Und mich sollte tatsächlich eine ungelesene Mail erwarten, nachdem ich vorsorglich den Refresh-Button gedrückt habe. Bei dem Absender stockt mir kurz der Atem. Ich blicke mich ganz begeistert im Raum um, aber niemand nahm von mir Notiz. Komisch, dabei drehten meine Gedanken gerade einen Stepptanz unter dem wildesten Feuerwerk, aus irgendeiner Ecke drang lauter Hallelujah-Chorgesang. Denn diese E-Mail wurde von den Parcels versandt. Oder genauer: vom Parcels Pop Shop.

    Das Parcels Pop Shop Debüt Event

    Ich weiß nicht, mit wie großen Fans ich es hier zu tun habe, die diesen Text lesen. Daher eine kurze Erklärung: Der Pop Shop ist eine Art Fanclub. Du meldest dich an und bekommst einen exklusiven Newsletter, manchmal spezielle Merchdrops oder wirst vor allen anderen in nächste Band-Aktionen eingeweiht. Und für die ersten einhundert Personen, die eine Anmeldung einreichten, wird der Titel „Founding Members“ gehalten. Natürlich habe ich alles daran gesetzt, auch zu diesen Gründungsmitgliedern zu zählen, was einfacher gesagt als getan war. In ein paar Sekunden sind die hundert Plätze bereits besetzt. Ich war dreiundsechzigste. Das weiß ich so genau, weil ich meine Gründungsmitgliederkarte mit der Nummer 63 stolz und zu jeder Zeit in meinem Portemonnaie bei mir trage.

    Doch zurück zum elektronischen Postfach. Denn was ich dort bekommen hatte, war keine einfache Mail. Es war eine Einladung. Zu einem Kinoabend mit der Band. Ich bestellte direkt zwei Karten für den Mittwoch in der nächsten Woche. Und ging in Gedanken meinen Kleiderschrank durch. Was war denn bitte mit dem Dresscode „comfortable but not too comfortable“ gemeint?

    Ich entschied mich für eine ausgewaschene Jeans in Kombination mit einem braunen Pulli, der mir fast bis zu den Knien hängt. Um den Hals band ich mir in Stewardess Manier ein cremefarbenes Halstuch. Das Ergebnis einer langen Woche, in der ich mir nicht nur zum Outfit Gedanken machte, sondern auch nach Hinweisen Ausschau hielt, welchen Film die Jungs wohl ausgewählt haben. Ich weiß, dass sie gern Horrorfilme sehen. Und da meine Beziehung mit diesem Genre eher problematisch ist, wollte ich mich innerlich wenigstens darauf einstellen.

    Das Rätsel um die Filmauswahl sollte am Mittwoch des Kinoabends mein kleineres Problem bleiben. Ich bin morgens mit einer anbahnende Erkältung aufgestanden und musste feststellen, dass mir neben der nötigen Abwehrkräfte auch eine Begleitung für den Abend fehlt. Einige Stunden später sitze ich mit meiner Thermoskanne in der gelben U-Bahn, die ruckelnd Richtung Hermannstraße fährt. Mir gegenüber meine Mutti. Ich hatte ganz vergessen, sie über die Kleiderordnung zu informieren.

    Es ist schon dunkel, als wir am Hermannplatz ankommen. Am Ausgang der Station zuckt blaues Licht über den Gehweg. Sanitäter kümmern sich gerade um einen Besoffenen, der nicht mehr laufen kann. Und meine Mutti sieht mich geschockt an, als wir über die Ampel auf eine dunkle Straßenseite wechseln. Da wir viel zu früh dran sind, zögern wir die eigentlichen acht Minuten Fußweg zum Kino auf das Doppelte hinaus. Ein paar Häuser weiter erhellt ein Späti-Schaufenster den Bürgersteig. Direkt daneben prangt über einem Eingang die Schiebetafel des Neuen Off, deren Buchstaben „Parcels Pop Shop“ formen.

    Immer noch überpünktlich stellen wir uns vor die Schaukästen, die sonst das Kinoprogramm anzeigen. Heute hängen dort Plakate vom Pop Shop. Eine kleine Gruppe, die sich später ebenfalls den Parcels Fans anschließt, sitzt vor dem Späti auf Holzbänken. Ich trete von einem Bein auf das andere und werde zunehmend nervöser. Und weil ich so aufgeregt bin, wird meine Mutti auch aufgeregt. Ich versuche mir schon ein paar Sätze zurechtzulegen, die ich den Jungs dann sagen werde, wenn noch Zeit für ein kleines Gespräch bleibt. Doch immer, wenn ich eine Formulierung gefunden habe, verwerfe ich sie wieder.

    „Aber ich will auf keinen Fall mit denen reden!“, wirft Mutti ein. Ich unterbreche mein Selbstgespräch und bei dem Blick in ihr ernstes Gesicht, muss ich lachen: „Sie werden dich schon nichts fragen, wenn du nicht zu ihnen hingehst.“ Darauf bekomme ich nur ein „Hoffentlich! Ich versteh‘ doch nicht mal, was die von mir wollen“ zurück. Wie gut, dass wir grad drauf und dran sind, in einen englischen Film zu gehen.

    Mit Popcorn und Apfelschorle

    Es sammeln sich immer mehr Grüppchen vor dem Eingang des Kinos. Doch nicht zu viele. Insgesamt folgten nicht mehr als fünfzig Leute der Einladung der Parcels. Apropos. In diesem Moment hält neben meiner Mutti und mir ein Taxibus am Straßenrand. Hinten geht die Schiebetür auf und es steigt ein Bandmitglied nach dem anderen aus. Bei Noah hat auch meine Mutti erkannt, um wen es sich handelt: „Guck mal, die Parcels!“ Als dann auch Jules geduckt aus dem Auto steigt, nickt Mutti wissend mit dem Kopf. Durch den Schnurrbart war auch er eindeutig zu identifizieren.

    Wer ebenfalls einen Schnauzer trug war Jean Raclet, der nach dem Eintreffen der fünf Australier überall herumsprang und Fotos schoss. Vom Kino-Eingang. Dem schwarzweiß gefliesten Boden im Foyer. Ein Tisch mit gefüllten Popcorn-Tüten, in denen überall ein Sticker steckte. Ich holte meiner Mutti und mir eine Apfelschorle mit den Getränkemarken, die jede*r Besucher*in bekam. Langsam füllte sich der kleine Vorraum und auch auf den Tischen, die dort standen, waren liebevoll einige der roten Sticker drapiert. An den Wänden hingen weitere Parcels Plakate.

    Die Atmosphäre war sehr entspannt. Alle hatte ein Getränk in der Hand und hier und da sah man Jules‘ Jacke zwischen den Leuten aufblitzen. Oder den braunen Haarschopf von Patrick, der sich mit den Gästen unterhielt. Meine Mutti und ich beobachteten die Szenerie vor uns und überlegten, ob ich mir nachher noch eines dieser neuen Pop Shop T-Shirts kaufen sollte. Obwohl ich vermutlich schon mehr Parcels Merch im Schrank habe, als normale Shirts. Dieser Gedankengang wird von einem Klingeln unterbrochen. Das Signal, mit dem sich alle in den Kinosaal begeben.

    Und meine Güte, war das ein gemütlicher Saal! Die Sitze und der Vorhang waren in einen türkis-blauen Farbton getaucht, während die Wände mit weißem Stoff verkleidet sind. Wir lassen uns in einer der hinteren Reihen fallen und einige Besucher*innen testen begeistert die verstellbaren Lehnen der Sitze. Die Tüte mit dem Popcorn auf dem Schoß warten wir, bis das Licht gedimmt wird. Weiter vorn sind die Köpfe der Band auszumachen und direkt vor der Leinwand steht Jean Raclet für ein Gruppenfoto. Dann wird es dunkel.

    Melancholia von Lars von Trier

    Der Film startete mit sehr dramatischen Szenen, die bereits zu dem Ende einen Rahmen spannten. Unterlegt mit noch aufwühlenderer Musik. Ein fremder Planet kommt der Erde gefährlich nah und markiert den Weltuntergang. Zwei Schwestern sind die Hauptfiguren in diesem Schauspiel, das sehr seltsam aber gleichzeitig fesselnd war. Es gab keine Hintergrundmusik außer diesen einen furchteinflößenden Akkordaufbau, der immer in Verbindung mit dem einrasenden Planeten aufkam. Erst still und langsam, dann verzerrt er sich, so dass mir schon ganz schlecht wurde von dieser Wirkung.

    Ich sehe zu meiner Mutti rüber, die nicht ganz so begeistert zu sein scheint. Ihr war ebenfalls schlecht. Vielleicht lag das auch an dem Popcorn. Immerhin hatte ich ja noch meine Thermoskanne, von dessen Inhalt ich einen Schluck nahm. Da traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Wagner. Der Akkord ist aus Wagners Oper Tristan und Isolde. Endlich hat sich die Vorlesung in Musikgeschichte mal ausgezahlt. Dann kann ich mir den identifizierten und sogenannten „Tristan-Akkord“ nun nach Belieben zuhause anhören.

    Etwas erleichtert bin ich doch, als der Film nach über zwei Stunden endlich vorbei ist. Benommen trotten wir in den Vorraum, wo zwei Personen, die vorher den Einlass kontrolliert haben, jetzt Parcels T-Shirts verkaufen. Viele der Gäste haben sich vor die Tür gestellt, um frische Luft zu schnappen oder eine zu rauchen. Neben ihnen mache ich auch Toto, Louie und Patrick aus. Noah und Jules wuselten hingegen noch im Foyer umher. Ich war plötzlich ganz unsicher, wen ich nun ansprechen sollte.

    Ich war schon kurz davor, ohne ein Wort zu gehen. Auch Mutti drängelte bereits, da ihr wirklich schlecht zu sein schien. Also trat ich dicht von ihr gefolgt aus dem Gebäude. Und lief dabei direkt auf Louie zu. Das hielt mich zum Glück davon ab, unbemerkt zu verschwinden und so trat ich zu ihm, um mich für den Abend zu bedanken. Louie lächelte mich schon an, bevor ich ihn erreicht hatte und ich merkte nur noch, wie meine Mutti einfach ohne zu zucken an mir vorbei lief, als ich vor dem Keyboarder Halt mache.

    Noch bevor ich ein Wort sagen konnte, begrüßte mich Louie. „Hey! We talked on skype didn’t we? You were the one with the little small dog!“ Ich erinnere mich zurück an den Tag, als Patrick und Louie für den Parcels Podcast einige ihrer hundert Founding Members per Skype interviewten. Damals wohnte ich noch bei meiner Schwester in Hamburg und war unbeschreiblich aufgeregt, als ich in diesen Videoanruf schaltete. Wie zu erwarten, brachte das all meine Englischkenntnisse durcheinander und bei der Frage, was Tyson denn für eine Rasse sei, meinte ich sehr professionell: „a little small dog“.

    Ich war peinlich berührt, aber gleichzeitig beeindruckt, dass er sich mein Gesicht von dem Telefonat vor Monaten gemerkt hat. Mittlerweile ist auch Patrick zu uns gestoßen. Die beiden erkundigten sich, wie es Tyson geht und Louie fragt, ob ich denn extra aus Hamburg angereist bin. Nachdem wir ein bisschen gequatscht haben, verabschiedete ich mich. Und machte mich auf die Suche nach meiner Mutti, die dem Gespräch gekonnt ausgewichen ist (und der Film war zum Glück mit Untertiteln).


  • KAFFEE, KONZERTE, KING NUN

    KAFFEE, KONZERTE, KING NUN

    Es ist bereits dunkel. Der Feierabend drängt Leute in die Bahn, wo sich ihre vom Regen feuchten Mäntel berühren. Wer vorausschauend war, hat einen Schirm dabei. Ich wickele mir stattdessen meinen roten Schal um den Kopf, als ich an der Warschauer Straße aussteige. Der stete Nieselregen hat sich zwischen den zersprungenen Betonplatten auf dem RAW Gelände zu großen Pfützen gesammelt. Über den nassen Boden flimmert die Reflektion vereinzelter Lichterketten auf dem sonst unbeleuchteten Weg.

    Donnerstagabend im verregneten Berlin

    Zwischen bunt-verzerrten Graffitis, einem Stück Kopfsteinpflaster und dem Fotoautomaten vorm Badehaus ist der Eingang des Cassiopeia. Zwei Werbetafeln mit Plakaten, die auf anstehende Veranstaltungen hinweisen, rahmen den Durchgang zum Club ein. Biegt man rechts ab, gelangt man zum Kegel, einer Kletterhalle. Ich finde mich jedoch wenige Momente später vor einer Bühne wieder. Sie dient als Abstellplatz für Kisten und Boxen. Davor stehen deplatziert verlassene Barhocker. Im Nebenraum ist gerade Soundcheck.

    Die Uhr zeigt, es ist kurz nach fünf. Gerade habe ich meinen Schal abgelegt, als eine Gestalt schnellen Schrittes den Raum betritt. Die Hände zuerst in den Taschen seiner grauen Jacke vergraben, kommt er vor mir zum Stehen. Streckt dann in einer freundlichen Geste seine rechte Hand aus. Auf seinen Schultern haben Regentropfen frische Spuren hinterlassen. Die gestuften, rötlich schimmernden Haare teilen sich am Ansatz in nasse Strähnen. Es ist Theo Polyzoides, Sänger der Band King Nun, mit dem ich für ein Interview verabredet bin.

    Auf einen Kaffee mit dem Sänger von King Nun

    Lang hält es uns nicht im Club. Der Londoner hat auf seinem Weg von der Unterkunft hier her eine Ecke gefunden, in der es sich gut Kaffee trinken lassen könnte. Er führt mich durch den Raum, in dem sich The Sherlocks auf ihr Konzert vorbereiten. Der Club ist leer, überall stehen Instrumente und ihre Koffer. Dann treten wir ins Freie, und noch bevor ich wieder unter meinem Schal Schutz vor dem Regen suche, sind wir schon von Kaffeeduft, Tischen und Stühlen umringt. Es stellt sich heraus, dass Theo das kleine Restaurant Emma Pea direkt gegenüber vom Cassiopeia meinte.

    Orangenes Licht erhellt die hölzerne Veranda, auf der wir uns niederlassen. Blumenkästen mit mickrigem Grünzeug hängen am Geländer. Von den weißen Stühlen blättert die Farbe. Die Witterung hat den Vorbau gezeichnet, doch charmant heruntergekommen passt es gut an diesen Ort. Von den Gästen wagt sich heut keiner nach draußen.

    Das Debütalbum Mass

    Ungestört, mit zwei Tassen dampfendem Kaffee vor uns kommen Theo und ich also ins Gespräch. Und es gibt viel zu erzählen. Am 4. Oktober diesen Jahres veröffentlichten King Nun ihr Debütalbum Mass. Elf Songs zwischen rauer Ehrlichkeit, düsterer Atmosphäre und berauschenden (Bass-)Gitarren-Melodien. Die Essenz aus gut dreißig Titeln, die bei den Arbeiten am ersten Langspieler entstanden sind.

    „Man kann kein Album mit so vielen Songs veröffentlichen. Also haben wir es im Wesentlichen auf unsere Lieblingslieder reduziert und solche, die eine Geschichte erzählen können“,

    erklärt der Frontmann, nachdem er mit einem freudigen „oh fucking great!“ seine Gefühle für den zurückliegenden Release geäußert hat. Auch wenn das Publikum positiv zum Debüt der jungen Band resoniert, ist für Theo die eigene Meinung am wichtigsten: „Solang es mir gefällt, bin ich glücklich.“

    Und das scheint er zu sein. Ein breites Grinsen weicht die Gesichtszüge auf, die beim Ansehen der Musikvideos verschlossen, wutverzerrt oder sorgenvoll den Bildschirm dominieren. Doom and gloom. Englische Kultur als Faden, der in den schweren, vielleicht elegischen Bildern und Klanglandschaften von Mass verwoben ist. Auch die Idee, das Album wie eine Predigt zu konzeptualisieren, prägt seinen Charakter.

    „Die Songs handeln alle irgendwie von unserem Leben und ein Debütalbum ist dieses große Ereignis – daher machte es für mich den Eindruck, es müsse eine Feier werden. Für das was wir wurden und was wir aus unserem Leben gemacht haben.“

    Eine Art Tauf-Zeremonie, das aus Gedanken und Geräuschen Geborene zelebrierend. Geheimnisvoll. Es gibt keinen bestimmten Prediger. In den Kreis wird aufgenommen, wer sich auf die Musik einlässt. Diese Idee erinnert mich an ein Buch, das ich erst vor kurzem las. Thematisiert wurde darin die „okkulte Seite der Rockmusik“. Ist Musik eine unerklärliche Macht, die den Hörer, vielleicht seine Seele, in einem immateriellen Phänomen fesselt?

    Während ich meine Frage ausführe, nickt der Sänger von King Nun entzückt mit einem breiten Lächeln. „Fuck yeah! Für diese Frage habe ich genau den richtigen Ort ausgesucht.“ Eine ausladende Handbewegung unterstreicht seine Worte und lässt meinen Blick ein zweites Mal an diesem Tag über bunte Hauswände wandern. Neben unserem Tisch hängt ein großes Bild von einem Jungen, der graue Tränen weint.

    „Ich denke, Musik ist auch immer ein bisschen Religion. Wir versammeln uns, um sie gemeinsam zu erleben. Und ich persönlich verstehe nicht, wie Musik funktioniert oder warum sie bestimmte Dinge in uns auslöst. Damit will ich sagen – ich weiß nicht wirklich, warum es zum Beispiel die Definition gibt, dass dich ein Moll-Akkord traurig macht und ein Dur-Akkord fröhlich ist.“

    Nachdenklich, aber auch von dem Unerklärlichen hingerissen versucht Theo das Ungreifbare greifbar zu machen. Von seinem eigenen Gedanken, dass in der Musik „vermutlich etwas Besonderes vor sich geht“, muss er schmunzeln. „Das Zusammenfinden von Leuten um eine Sache, die nicht wirklich verstanden werden kann – das hat schon etwas Okkultes an sich.“

    Diese mysteriöse Grundstimmung visualisiert die Londoner Band auch in ihren Videos. Black Tree wird von nächtlicher Szene und Bildern aus einer von Kerzen erleuchteten Kirche geschmückt. Es ist das Werk Johnny Goddard’s. Ein Regisseur, mit dem die Band seit einiger Zeit zusammenarbeitet. Simple Ideen verwandelt er in ästhetische Augenweiden, die die Botschaft der Band transportieren.

    Vor meinem inneren Auge spielen sich die dunkelrot-atmosphärischen Sequenzen ab, als Theo erklärt: „Ursprünglich wollten wir viele Menschen in diesem Video. Wir wussten nicht wie es passieren sollte, aber wir wollten viele, viele, viele Leute versammeln. Und er [Johnny Goddard] verwandelte es in dieses schräge ‚wir sind in einer Kirche und draußen laufen verhüllte Personen über die Felder’“.

    Bald werden King Nun ein neues Video drehen. Für welchen Song, das darf ich noch spekulieren. Theo jedoch ist sich sicher, dass es noch besser wird, als all ihre bisherigen Musikvideos. Die Vorfreude des Frontmanns steckt an. Begeistert erzählt er, wie das Team im Moment über den Inhalt des Videos berät. Genaueres verraten wird er nicht. Nur: „Letztendlich könnte man daraus auch drei weitere Videos machen… Oder eben nur das eine, man weiß es nicht. Ich bin gespannt.“

    Musik und Kunst

    Vor Neugier ganz nervös geworden, stoße ich mit meinem Knie an die niedrige Tischplatte, als ich mein Bein überschlage. Ich nehme einen Schluck aus der kleinen Kaffeetasse, der Wind hat das Getränk bereits abgekühlt, und hänge gedanklich Bildern nach. Mich fasziniert diese besondere Ästhetik, vielleicht Inszenierung, der Band. Oder allgemein. Wenn Musik und Kunst aufeinandertreffen. Theo geht es genauso:

    „Als ich anfing Bands zu mögen, ging es natürlich hauptsächlich um die Musik. Aber auch der Name war wichtig für mich. Oder ein cooles visuelles Auftreten. Das Gefühl, als ob es eine Welt oder eine Gang gäbe, von der du Teil sein kannst. Das liebe ich an Bands! Ich glaube Name, Musik und Kunst – all das zusammen macht diesen Reiz aus.“

    Kurz überlege ich, ob King Nun bereits in einem ihrer vielen Interviews gefragt wurden, was hinter ihrem Namen steckt. Doch auch wenn mir das von meinen Recherchen nicht bewusst war, traue ich mich nicht, diese offensichtliche Frage einzuwerfen. Im Nachhinein hätte ich es gern erfahren.

    Stattdessen ziehe ich nun die Verbindung zu einer Diskussion, der ich eine Stunde vorher im Uni-Seminar beiwohnte. Das Thema war Authentizität. Und dass selbst im Interview der Gesprächspartner eine Performance seiner selbst ist. Kann man ehrliches Auftreten mit der von Theo und mir geliebten, künstlerischen Darstellung einer Band verbinden? Oder ist die Kunst künstlich? 

    „Meiner Meinung nach steckt in allem ein wenig Wahrheit. Ich glaube nicht, dass eine Person etwas kreieren kann, das nicht mindestens für ein winziges Stückchen Teil von ihr gewesen ist. In unserem Fall möchte ich es möglichst authentisch halten. So handeln beispielsweise alle Songs von realen Begebenheiten, die uns passiert sind.“

    Wir trinken beide einen Schluck und Theo hält kurz inne, um scheinbar sein eigenes Handeln zu reflektieren. Er offenbart: „Ich glaube, wenn ich nicht auf Tour bin, bin ich definitiv weniger gesprächig. Aber das Touren hat etwas an sich… Die Aufregung, Teil dieses Jobs zu sein, von dem wir so lange träumten – das macht eine aufgeschlossenere Person aus mir.“ 

    Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Die Art Person, die dich in den Regen rauszieht und sagt ‚lass uns einen Kaffee trinken gehen’“. Wir amüsieren uns beide über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Doch der Kaffee hat eine ganz eigene Bedeutung für den Sänger.

    Vergesst die Formalitäten

    Theo ist sehr auf eine entspannte Atmosphäre während des Interviews bedacht. Als er sich erkundigt, ob ich mir die Fragen irgendwo notiert habe und ich verneine, ist er kurz überrascht. Doch im positiven Sinn. Das Interview ist schon längst ein Gespräch geworden. Wie sich herausstellt, sind wir beide keine Fans von formalen Treffen. Er erzählt: „Ich gebe mein bestes, irgendwo hinzugehen, vielleicht auf eine Tasse Kaffee, damit es eher wie eine Unterhaltung ist. Da liegt weniger Druck auf einem und man kann besser reden.

    „Manchmal kann etwas so einfaches wie ein Kaffee alles wieder richten, also warum nicht? Und ich habe eh ein zu romantisiertes Bild davon, in Europa Kaffee zu trinken. Das ist auch so ein Touristending.“

    Dem Debütalbum ist es zu verdanken, dass die Londoner Band im letzten Jahr zweimal Europa bereisen konnte. Auch in Amerika spielten sie Konzerte. Und im Moment können Fans bereits Tickets für eine weitere UK und Europa Tour im kommenden Februar/März erwerben. Da ziehen einige Städte ins Land. Für Sänger Theo Polyzoides ist das aufregend.

    Gleichermaßen ist er froh über die Gastfreundschaft und Wärme, das gute Essen, das der Band entgegengebracht wird, wenn sie in fremden Städten einkehrt. Der Sänger sieht das im Gegensatz zu seiner Heimat, „wo sie dir ungelogen nur ein Bier mit den Worten ’nimm das und spiel den Gig‘ zuwerfen.“ 

    Zwischen Kulturschock und Konzert

    Gerade reden wir über Berlin und Theo sagt mit Blick auf das RAW Gelände: „Das ist so interessant hier. Wir haben nichts vergleichbares in London. Das ist – so touristisch es jetzt klingen mag – genau, wie ich mir Berlin vorgestellt habe.“ Da laufen einen Meter unter uns die restlichen Bandmitglieder an dem erhöhten Verandagerüst vorbei. Sie sehen sich um und suchen wohl nach dem Eingang zum Club, als sie uns entdecken.

    „Hello, this is the interview!“, ruft der Sänger ihnen entgegen. Alle drei – Caius Stockley-Young (Schlagzeug), Nathan Gane (Bass) und James Upton (Gitarre) – heben zur Begrüßung die Hand und verschwinden dann im Cassiopeia. Der Sänger gibt das Interview allein, um chaotisches Stimmengewirr zu vermeiden. Denn der angestauten Pre-Konzert-Begeisterung geschuldet, läuft es unter den vier Musiker nicht selten genau darauf hinaus.

    Die Bedeutung von Live-Musik

    Dass die Band nun auch an der Venue eingetroffen ist, lässt mich vermuten, dass bald der Soundcheck für sie startet. Bevor ich mein Gespräch mit Theo beenden muss, liegt mir jedoch noch eine Frage auf der Zunge: Ihr seid so viel mit der Band unterwegs. Obwohl man in Zeiten Spotify’s als Musiker doch einfach seine Songs hochladen und es dabei belassen könnte. Das tatsächliche Konzert wird ja nicht mehr wie früher so unvermeidbar zum Musik hören benötigt. Was für eine Bedeutung hat da Live-Musik für dich?

    „Oh, diese Frage mag ich sehr! Ich glaube jeder, der irgendwie künstlerisch tätig ist, sucht nach einer Art Flucht. Oder versucht eine andere Welt zu öffnen, wo du dich für eine Weile drin aufhalten und dich wie ein Freak benehmen kannst. Wenn wir eine Live-Show spielen, bin ich einfach an diesem komplett anderen Ort und lasse mich komplett fallen. Und sobald es vorbei ist, bist du wieder in der Realität.“

    „Das ist etwas, was nur Live-Musik kann. Wenn du vor anderen Leuten spielst, dann bist du dort. An diesem verdammten anderen Ort, weißt du.“

    Ich bin zwar eher Teil des Publikums. Doch das Gefühl, für einen Moment der Realität zu entkommen, oder sich vielleicht kurzzeitig eine neue Realität zu erschaffen, ist mir bekannt. Dafür gehe ich auf Konzerte. Für die Euphorie. Und all die Leute, die man kennenlernt, nur weil man diese eine Gemeinsamkeit, die Musik, teilt und liebt. Das sage ich aber Theo erstmal nicht, sondern frage ihn, ob er sich auch in die Besucher hineinversetzen kann. Warum gehen sie auf Konzerte? 

    Ich muss schmunzeln, als der Frontmann von King Nun beichtet, dass er keine Gigs besuchte, als er jünger war. „Ich fand sie ziemlich laut“, sagt Theo. „Wenn zu viele Leute da waren, würde ich eher im Hintergrund stehen. Es ist ziemlich schwierig für mich oder ich bin nicht sehr gut darin, Teil des Publikums zu sein. Ich sehe die Menschen tanzen und irgendwie gibt es diese Barriere, dass ich nicht mitmachen kann. Also musste ich von meinen eigenen Gigs lernen, was die Zuschauer davon haben.“

    „Ich war nie auf einem Festival, bevor wir selbst eins spielten. Und ich ging nie zu der Art von Konzerten, die wir nun selbst geben. Aber ich denke der Grund ist derselbe wie mit der Kunst – dieses ganze Ding mit der Flucht.“

    Heut Abend wird es laut im Cassiopeia. Besucher*innen aus der deutschen Hauptstadt fixieren die vernebelte Bühne mit ihren Augen. Ein Quartett betritt das diffuse Scheinwerferlicht und sogleich brettern Schlagzeug und Gitarre los. Fein in Hemd mit Kragen und der Kontrast zur rohen Musik. Die vier Londoner sind der Welt bereits entflohen, auf der Bühne oder davor.

    Jetzt hat Theo Polyzoides kein Problem durch die Reihen des Publikums zu schreiten, bevor er sich auf der Bühne seines Pullovers und darunterliegenden Hemdes entledigt. Roter Lippenstift. Ein Kreis und ein Pfeil. Während er singt, malt er sich dieses Motiv, das das Debütalbum samt Videos durchzieht, auf die Brust. Kriegsbemalung auf den Oberarmen, das Mikrofon rot wie die Lippen. Hung Around ist der letzte Song. 

    Der Text ist auf Grundlage eines Interviews entstanden, das ich am 21. November 2019 mit Theo Polyzoides, dem Sänger von King Nun, vor ihrem Support-Auftritt für The Sherlocks in Berlin führen durfte. Foto: Jordan Curtis Hughes


  • BLAENAVON

    BLAENAVON

    Die Dämmerung setzt ein. Doch auch am sonnigsten Tag tauchen dichte Baumkronen den Wald in Schatten. Geheimnisvoll. Und gleichzeitig vertraut, wie sich das kühle Moos unter den nackten Füßen anfühlt. Dunstschleier zeichnen die Umgebung weich. Es ist ruhig, nur der Herzschlag der Bäume. Knistern, wenn feine Äste unter meinen Sohlen entzweien. Die Luft riecht nach Regen.

    Ich streife durch die Tiefen des Waldes. Dünner Stoff streicht die Bäume. Blätter flüstern leise im Wind. Hier im Dunkeln liegt die Angst. Aber auch der Frieden. Wilde Blaubeeren ranken über den Boden. Sie schmecken süß und ehrlich, zergehen auf der Zunge. Um mich herum ist alles vergessen. Farn kitzelt an den Knöcheln und unter der Hand die raue Rinde. Robust und gleichwohl zerbrechlich. Alles atmet.

    Unter den Birken ist ein kleines Waldbett. Ich lege mich ins Moos. Waldgeister singen mit zarten Stimmen. Sie weinen. Tränen fallen auf den gewebten Stoff meines Kleids, kleine Tröpfchen hängen an Spinnennetzen. Und glitzern. Mit geschlossenen Augen lausche ich dem Zittern. Dem aufbauschenden Wind. Und der Erleichterung. Die Sonne glüht nur noch dicht über dem Boden. Faszination hindert mich am Heimweg. Es ist schon spät. Ich sollte gehen.

    Leise tippt mir eine Melodie auf die Schulter. Nimmt mich bei der Hand. Ihre Finger sind kalt, doch das Lächeln ist warm. Ein leichtfüßiger Tanz über den unebenen Boden. Sorgen wiegen sich mit den Blättern im Wind. Die Luft ist rein. Klare Stimmen schweben im Nebeln. Und wir drehen ausgelassen Pirouetten. 


  • IM SOG DER DÜSTEREN WELLEN

    IM SOG DER DÜSTEREN WELLEN

    Einzig eine schmale Tür hindert nunmehr den Zugang zu dem kleinen Raum. Abzweig eines gedrungenen, verwinkelten Gangs im Backstagebereich des Molotow. Von roten Wänden begrenzt. Ein schwarzer Stern hebt sich vom signalfarbenen Untergrund ab. Und drei mit Kreide darauf geschriebene Worte sind Hinweis, was das Senken der Türklinke offenbart. The Ninth Wave.

    Zwei Personen sitzen auf Holzhockern in dem winzigen Zimmer, das kaum Platz für weitere Möbel bietet. Ein runder Tisch, ebenfalls aus Holz, wirkt durch den ständig wechselnden Besuch in die Jahre gekommen. Kleine Pinsel, eine rechteckige Lidschattenpalette liegen darauf verteilt und warten, am heutigen Abend in Gebrauch genommen zu werden.

    „Wir gaben hier bereits drei Konzerte und haben dabei jedes Mal auf einer anderen Bühne gespielt. Außer der Skybar. Deshalb fühlt es sich so an, als würden wir heut unsere Auftritte im Molotow vervollständigen.“

    Mit einem Schmunzeln auf den Lippen erinnert sich Millie Kidd, eine Hälfte der Glasgower Band The Ninth Wave, an ihr letztes Erlebnis in Hamburg. Sie und ihr männlicher Gegenpart Haydn Park-Patterson erregten mit ihrem „Latexhandschuh tragenden Post-Punk“ im vergangenen September die Aufmerksamkeit der Reeperbahn Festival Teilnehmer.

    Erst seit ungefähr einem Jahr steht das Duo in seiner heutigen Konstellation auf der Bühne. Und doch wissen die beiden genau, wie sie ihr expressives Erscheinungsbild mit der Musik verbinden müssen, um ihren schweren, düsteren Klang zu manifestieren. Die Augen mit schwarz oder roten Schatten eingerahmt, Silberkette am Hosenbund. Ärmel schwarzer Spitze ergänzen das eng anliegende Oberteil von Millie, den schwarzen Bass um die Schultern gehängt. Während sich Haydn allmählich das Kabel des Mikrophons in Schlaufen um den Hals legt, wird das Publikum von Millie mit entzürnten Blicken bedacht. Ein bedrohlicher Eindruck, der nahezu dem von Seefahrern als neunte Welle beschriebenen Phänomen gleicht.

    In einer Aufeinanderfolge mehrerer Wellen sei die neunte, so heißt es, die stärkste und gefährlichste. Eine finstere Faszination rankt sich um dieses Naturphänomen, das in der irischen Mythologie als Tor zur „Otherworld“ gilt. Diese Welt ist eine für das Auge unsichtbare Insel, die nur Überlebende der unheilvollen Woge beschreiten können. Auch einige Künstler widmeten ihre Werke der „Ninth Wave“.

    In den Erzählgedichten Königsidyllen wird der Protagonist beispielsweise von ihr an Land gespült. Das Erlebnis schildert Dichter Alfred Tennyson in Zeilen, welche Fans der britischen Sängerin Kate Bush schon kennen dürften. Denn die zweite Seite ihrer Platte Hounds Of Love trägt nicht nur den Titel The Ninth Wave, sondern auch das besagte Zitat:

    Wave after wave, each mightier than the last / Til last, a ninth one, gathering half the deep / And full of voices, slowly rose and plunged / Roaring, and all the waves was in a flame

    Fragt man jedoch die junge Band aus Glasgow, ob dieser mythische Hintergrund zur Namensgebung führte, fällt die Antwort weniger positiv aus. Sänger Haydn und Gründer der Gruppe erklärt gelassen: „Der Name fiel mir ein, als wir noch ziemlich jung waren.“ Er scheint kurz zu überlegen. Dann lässt er seine Hand, auf die er zuvor das Kinn stütze, sinken und fährt amüsiert fort: „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht warum.“ Die Aussage bringt ihn selbst kurz zum Lachen, Millie stimmt mit ein. Das Duo gab ihrem Namen im Nachhinein Bedeutung. Füllte ihn während der Entfaltung ihrer Band mit neuem Sinn.

    Nun klauben sie angeregt diese Ideen aus ihrem Gedächtnis zusammen. Durch bekräftigenden Zuspruch bestätigt die eine den Gedanken des anderen. Es fallen bekannte Stichworte der Mythologie oder Seefahrt. Auch das Gemälde eines russisch armenischen Malers wird genannt, in dem die bedrohliche Szene der neunten Woge verbildlicht wurde, bereits neun Jahre bevor Tennyson dies in Worte fasste. Verrückt, wie ein willkürlich gewählter Name die Stimmung einer Band so passend einfassen kann. Nachträgliche Interpretationen spiegeln das von der Musik gezeichnete Bild im Kopf der Zuhörer.

    „Wie wurden wir letztens nochmal beschrieben?“ Haydn wendet sich an Millie in der Hoffnung, dass sie die treffende Formulierung erinnert. „Als Tragik von ihrer schönsten Seite“, erwidert die Bassistin und ebenfalls Sängerin von The Ninth Wave.

    Sie fügt hinzu: „Mir gefällt der Ausdruck ‚Post-Punk im Krieg’“. Diese Bezeichnung aus dem Mund Millie Kidd’s zu hören, klingt im ersten Moment abstrakt. Wortwahl als auffälliger Kontrast zu der aufgeschlossenen Person, die hier mit übergeschlagenen Beinen auf einem kleinen Hocker sitzt. Hinter der Bühne in gestreiftem Shirt und ohne schwarz unterlaufene Augen. Für ihren Auftritt als Band konstruiert das Duo eine zweite Welt, Inszenierung melancholischer Ästhetik. Teil eines detailliert durchdachten Konzepts ist all dies allerdings nicht.

    „Wir versuchen nicht, bestimmten Konzepten zu folgen. Wir enthüllen, was sich bereits in unseren Köpfen befindet.“

    Neben einer Vorliebe für verstörende Dinge ist es die Liebe zur Musik, die Gedankenfäden zu fesselnden Melodien spinnt. Das am 3. Mai erschienene Debütalbum Infancy Part 1 als ein aktuelles Beispiel. 6 Songs unterschiedlich und doch von gleicher Schwere durchzogen. Elektronische Drums und Klang mit Nachhall, der den bitteren Beigeschmack der Lyrics bei This Broken Design transportiert. Im zweiten Track All The Things We Do ausgetauscht durch klare Gitarrenlinie, der Hintergrund ein industrielles Soundgerüst. Zwischen abfälligem Unterton in Half Pure und dem umgarnenden Gesang Millie’s bei Used To Be Yours, der sich mit der Stimme Haydn’s ergänzt.

    Die hypnotisierenden Töne lösen sich in warmen, sehnsüchtigen Strukturen vom Sänger und erfüllen wie eine mysteriöse Gestalt den Raum.

    Nach der Veröffentlichung zweier EPs 2017 und 2018 ziehen sich schon dort angedeutete Themen auch durch das Debütalbum der Glasgower Band. In einem Gewand aus düster-romantischem Prunk, New Wave und Post-Punk, der in roten Latexhandschuhen steckend, Blechmülltonnen demoliert. Worte formen zu sich zu Texten, die Beziehungen zwischen Menschen beschreiben. Zerbrochene, das damit verbundene Alleinsein. Oder in einer Masse, der unbehagliche Anblick fremder Gesichter.

    Im Fokus steht ebenfalls unsere eitle Gesellschaft, der Drang zu Konsum und Oberflächlichkeit. Allein im Prozess der Veröffentlichung scheinen The Ninth Wave ihrer Kritik bereits Ausdruck verleihen zu wollen. Denn ihr Debüt besteht aus zwei Teilen, die im Abstand eines halben Jahres herausgegeben werden.

    „Wir möchten nicht, dass unser Album zu einem Einwegprodukt wird.“

    „Das Album erscheint in zwei Hälften, weil wir denken, dass die Songs so aufmerksamer gehört werden“, klärt der Sänger auf. Einsatz gegen die Schnelllebigkeit der heutigen Welt. Und nicht das einzige Problem, auf das die junge Band ihre Aufmerksamkeit lenken möchte.

    Weniger offensichtlich, aber in der Live-Musik-Szene alltäglicher als man sich bewusst wird, ist die sexuelle Belästigung von Frauen bei Konzerten. Um der davon ausgehenden Unsicherheit und den fehlenden Ansprechpartnern für Betroffene entgegenzuwirken, entstand in Schottland die Bewegung Girls Against. Ins Leben gerufen von fünf Mädchen hilft eine Gruppe von Freiwilligen bei Veranstaltungen, das Wohlergehen von Frauen zu sichern. Ein englisches Pendant dazu ist die Initiative Safe Gigs For Women. „Ich denke, diese Organisation ist wichtig, damit sich alle gut aufgehoben fühlen. Sie hilft Frauen, das zu genießen, was jedem Spaß machen und nicht nur eine von Männern dominierte Szene sein sollte“, macht Millie deutlich.

    Früher selbst davon betroffen, betont sie wie bedeutend es ist, Bescheid zu sagen, wenn man bedrängt wird. Dem Duo von The Ninth Wave freut es daher, dass Bands wie The Blinders, die sie auf ihrer Tour begleiten, diese Organisation unterstützen. Gewöhnlich ist deren Zielgruppe nämlich überwiegend männlich. An dem engagierten Tonfall und Millie’s ausführlicher Darstellung ist zu hören, dass ihr dieses Thema am Herzen liegt. Sie spricht aus Erfahrung, über längeren Zeitraum die einzige Frau in einem ausschließlich männlichen Umfeld zu sein: „Es kann auf die Dauer schon intensiv werden.“

    Anmerken lässt sie sich davon auf der Bühne nichts. Dort ist sie durch und durch Powerfrau, die das Publikum, egal ob männlich oder weiblich, fest im Griff hat. Und wenn die kühle Fassade im Scheinwerferlicht doch zu bröckeln beginnt, ist der Grund viel mehr erfreulich. Grinsend erinnert sich das Duo aus Glasgow an ihren letzten Auftritt im Molotow.

    „Bei der Band vor uns war ziemlich wenig los. Ich hatte mich schon damit abgefunden, vor nur zwanzig Leuten zu spielen“, beschreibt Millie die Situation beim Reeperbahn Festival.

    Ein belustigtes Glitzern in ihren Augen lässt die damals unvorhersehbare Wendung der Geschichte nun bereits erahnen. „Dann waren wir an der Reihe und es gab Schlangen an beiden Eingängen. Der Club war so überfüllt, dass nicht einmal unser Manager mehr rein kam, um uns spielen zu sehen.“ Die Bassistin lässt den Auftritt Revue passieren. In Gedanken die Überwältigung des Moments konserviert. Das war es auch, was die sonst beherrscht und einschüchternd wirkende Musikerin aus der Fassung brachte:

    „Ich brach einfach in Lachen aus und sagte etwas wie ‚Fuck me!‘ ins Mikrophon. Der Tonmann meldete sich mit einem ‚Millie, du kannst doch nicht fluchen!‘ in meinem Ohr. Doch ich hörte einfach nicht mehr zu grinsen auf.“

    Als The Ninth Wave am heutigen Abend die Bühne der Skybar betreten, wird ihr unnahbares Goth-Image gewahrt. Der Bass dröhnt aus den Lautsprechern. Die Atmosphäre elektrisiert. Das Publikum ist im Bann des schottischen Duos und ihrem leidenschaftlichen Ausdruck. Aufwallende Hitze breitet sich in dem kleinen Club aus.

    Oberkörperfrei und das Mikrophon in der einen Hand, die andere zur Faust geformt schlägt sich Haydn beim Outro zu jedem Swallow Me entrüstet auf die Brust. Auf der Bühne steht er längst nicht mehr. Während sich der Sänger rücklings auf dem Boden räkelt, hält Millie im Scheinwerferlicht die Stellung. Schweiß fließt in schwarzen Tränen über den Ausdruck von Zorn in ihrem Gesicht. Den Unterkiefer leicht vorgeschoben, die Strähnen ihrer weiß-blonden Haare ungebändigt. Kein Lächeln.

    Und als sich der letzte Ton in Rauch auflöst, bleibt die Faszination bestehen. The Ninth Wave, kein überlieferter Mythos und doch so berauschend, dass man es direkt weiterzählen möchte.

    Die Grundlage dieses Artikels bildet ein Interview, das in Zusammenarbeit mit René von Renés Redekiste entstanden ist. Wir durften Millie Kidd und Haydn Park-Patterson vor dem The Blinders Konzert (08.05.19, Molotow Hamburg) einige Fragen stellen und neben Hintergründen zur Band, auch der ein oder anderen Anekdote lauschen. Das ungekürzte Original-Interview gibt es bei René auf dem Blog. Fotos: Renés Redekiste


  • IM RAUSCH

    IM RAUSCH

    Ankmerkung: twenty one pilots in Hamburg und Berlin. Lang herbeigesehnt. Sehr emotional. Und zu einem gewissen Grad unbeschreiblich. In Voraussicht, dass die noch intensiven Eindrücke mit der Zeit verblassen, soll dieser Text als Erinnerung dienen. Da beide Konzerte für mich ein zusammenhängendes Erlebnis waren, verschmelze ich im Folgenden beide Perspektiven. Einmal Oberrang, einmal Innenraum, sechste Reihe. Der Text erzählt also eine Geschichte zweier Konzerte mit all den Details, Lyrics und Gefühlen, die die Abende für mich prägten. Achtung Fangirlalarm. Achtung Spoiler.

    Frühlingshaft bahnen sich zarte Sonnenstrahlen durch die dreckverschmierten Scheiben der S-Bahn. Ein Wechsel aus Licht und Schatten fliegt über mein Gesicht, während die Bahn ihren Weg fortsetzt. Vorbei an Gebäudekomplexen, Kleingärten, Industriegebiet. Die Türen öffnen sich und einen, auf beheizbare Sohle gebetteten Fuß vor den anderen trete ich ungeduldig die letzten Meter an. Butterbrote in den Jackentaschen, die Zeit auf dem Handy stets im Blick.

    Es ist kurz nach fünfzehn Uhr als ich an der Barclaycard Arena eintreffe. Eine Schlange an Wartenden ist bereits vor dem Eingang versammelt. Jemand hat eine Pizza bestellt.

    Unter all den in Gelb und Camouflage gekleideten Menschen sucht der Bote nach einem Gesicht, das seine Bestellung entgegennimmt. Zwischen angeregten Unterhaltungen, hin und wieder das Geräusch von zerreißendem Tape. Ich setze mich auf eine Rettungsdecke, die über das kalte Pflaster ausgebreitet war. Auf Augenhöhe mit den, von gelben Streifen umschlungenen, Beinen der Fans. In fünf Stunden würde erst das Konzert beginnen.

    Langsam färbt der frühe Abend den Himmel. Ungeduld breitet sich aus und es werden die letzten Reste des mitgebrachten Proviants durch die Reihen gegeben. So, wie vor einigen Stunden ein großes Plakat mit der Aufschrift „thank y∅u“, auf dem auch ich meinen Namen vermerkte. Kleine gelbe Zettel fliegen umher. Und plötzlich gibt es einen Ruck.

    Die aneinandergedrängte Menge rückt noch näher zusammen. Anstatt eines erleichterten Aufatmens wird gespannt die Luft angehalten. Es ist 18:00 Uhr, der Einlass hat begonnen.

    Hektisch taste ich prüfend meine Hosentaschen ab. Ticket, Ausweis, Schlüsselbund. Scheiße, wo ist mein Handy? Das habe ich in der Hand. Gut. Automatisch ziehe ich schon beim Durchschreiten des Eingangs meinen Mantel aus, reiche ihn meiner lieben Begleitung. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass viele dieselbe Idee verfolgen. Stunden vor der Venue ausharren, um dann die guten Plätze beim Anstehen für die Garderobe zu verlieren, war heut nicht drin.

    Also fokussiere ich mich auf mein Ziel. Die riesige Bühne. Vor der sich eine, noch übersichtliche Menschentraube gebildet hat. In Gedanken wäge ich die mir verfügbaren Optionen ab. Die Show direkt mittig platziert sehen. Oder lieber etwas von der Seite, wo bisher deutlich weniger Leute positioniert waren. Eher rechts, wo das Piano stand.

    Oder doch links vor dem Schlagzeug?

    Ich traf eine Entscheidung und freute mich irrsinnig darüber. Allein die Vorstellung, so nah am Geschehen zu sein, dass ich auf das Leinwandgroßbild verzichten konnte und trotzdem die Gesichtszüge der Bandmitglieder erkennen würde, steigerte meine ohnehin große Aufregung um ein Vielfaches. Nicht nur mir schien es so zu gehen.

    Gegen die Aufregung half auch keine Pseudo-Entspannungsmusik im Hintergrund. Ehrlich, warum spielte wer auch immer keine fetzigen Stücke, um die noch verbleibende Stunde zu verkürzen? Bis der Supportact das Konzert eröffnete, betrachtete ich also zu monotonen Beats ein Füllen der Ränge. Menschen als Ameisen mit gelben Köpfen.

    Später wurde mir klar, dass diese Melodie dem Computerspiel Fortnite entstammte.

    Pünktlich um zwanzig Uhr tritt ein junges Quartett ins Rampenlicht. Flankiert von zwei gigantischen Köpfen einer blauen Kreatur, rechts und links auf den Leinwänden abgebildet. Ob meine Rastlosigkeit der Grund ist. Ich raste komplett aus. Wie das verrückte Gesicht mit der ungesunden Hautfarbe.

    Die lebendigen, frechen Melodien verursachen bei mir gute Laune. Und das, obwohl ich zugegebenermaßen die Vorband am liebsten übersprungen hätte. Sofort sollte die ersehnte Show beginnen. Gier, gebremst von einem gigantischen Sichtschutz für den geheimnisvollen Umbau. Doch dann.

    Schatten zeichnen sich auf dem Vorhang ab. Abdrücke von Händen, im schwarzen Stoff nach Halt suchend. Ein fester Griff. Und zu donnernden Geräuschen aus den Lautsprechern wird mit einem Ruck die Bühne enthüllt.

    Genauso schlagartig erlöscht das Licht und taucht die Arena in Dunkelheit. Sofort gilt die Aufmerksamkeit einer einzelnen Person, die eine letzte verbliebene Lichtquelle bei sich führt. Mit brennender Fackel leuchtet sich der Schlagzeuger Josh Dun den Weg über die Bühne. Ein gelbes Halstuch verdeckt das Gesicht. Zwei gelbe Diagonalen, die jeweils von den Schultern ausgehen, bilden ein Kreuz auf seinem Brustkorb. Der Schnittpunkt ist auf Höhe des Herzens.

    Jumpsuit

    Die euphorischen Schreie und ein tobendes Publikum hatte meine Wahrnehmung für die ersten Sekunden ausgeblendet. So sehr zog mich diese initiale Szene in den Bann. Doch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, zerrissen dröhnend eine familiäre Bassline und dazu passende Lichtexplosionen das Bild. Ein entschlossener Rhythmus treibt voran. Das Set wird mit dem ersten Song des neuen Albums Trench eröffnet. Mich ergreift eine Aufbruchstimmung, die Luft ist wie elektrisiert.

    Dann öffnet sich der Boden. Drei Leinwände umrahmen ein Gerüst, das einer Zusammensetzung vieler Würfel ähnelt. Und vor dem sich nun aus dem Nichts ein ausgebranntes Auto erhebt. 

    Überbleibsel des Songs Heavydirtysoul, der bei der letzten Tour die Show eröffnete und auch Teil im Musikvideo zu Jumpsuit ist. Über Motorhaube und Kofferklappe züngeln die Flammen empor, während Sänger Tyler Joseph auf dem Dach der Karre hockt. Eine schwarze Skimaske verbirgt das Gesicht. Auch ihn zieren die gelben Streifen, jedoch nur über den Schultern.

    Die bedrohliche Schwere dieses Arrangements schlägt in der Bridge schlagartig zu einer hoffnungsvollen Sehnsucht um. Klischeehaft genieße ich diesen Moment, indem ich mit geschlossenen Augen meinen Kopf in den Nacken lege. Als etwas mein Gesicht streift.

    Gelbe Papierschnipsel wie Rosenblüten rieseln von der Decke herab.

    Neben mir recken einige Mädchen gelbe Blumen gen Bühne. Und vorher durch engagierte und organisierte Fans verteilte Papiersterne und Dreiecke lassen, vor die Handytaschenlampe gehalten, gelbe Lichtpunkte durch die Dunkelheit schweben. twenty one pilots haben eine ganze Welt mit in das Konzert gebracht.

    Levitate

    Fließend findet das zweite Lied Anschluss. Ohne Luft zu holen setzt Tyler zu dem schnellen Rap an, der den gesamten Song füllt. Überrascht bemerke ich, dass allen in meinem engen Umfeld ebenfalls die Zeilen auf den Lippen liegen. Wohingegen ich vor Faszination noch keines Wortes mächtig bin.

    Lässig schlendert der Sänger über die Bühne. Rechts neben sich das Schlagzeug, in gelbes Licht getaucht. You can learn to levitate with just a little help und die Scheinwerfer gehen aus. Langsam sinkt das Auto wieder unter die Bühne. Die wärmenden Flammen erlöschen begleitet von einem Drumsolo, bevor tosender Applaus losbricht.

    Fairly Local

    Dunkelheit und ein ohrenbetäubendes Geräusch. Das Bedürfnis, mein Gehör schützen zu müssen, wird in dem Moment von der Sorge übertroffen, dadurch etwas zu verpassen. Doch bald verschmilzt dieser deformierte Klang zu einem hui hui hui, das in den Song Fairly Local einleitet. Unwillkürlich muss ich schmunzeln.

    Der erste Song aus der Blurryface Ära an diesem Abend wird mit besonders lautem Publikumschor und einem Farbwechsel in der Beleuchtung bedacht. 

    Zwischen Kunstnebel und blauen Lichteffekten erheben sich zwei quadratische Podeste, auf denen das Duo einige Meter über der Bühne verweilt.  Yo, this song will never be on the radio. Ich schreie ohne Rücksicht auf überstrapazierte Stimmbänder den Text. Als Tyler sich rücklings fallen lässt und in derselben Grube wie zuvor das Auto verschwindet, verschlägt es mir die Sprache.

    Eine Sekunde später taucht er im Oberrang zwischen erstaunten Gesichtern wieder auf. Im Lichtkegel eines Scheinwerfers breitet der Sänger verheißungsvoll die Arme aus und setzt zum letzten Refrain an. Mit finalem oh zieht er sich kurzerhand die Skimaske über den Kopf. Die Besucher hörbar erfreut über den enthüllten Anblick.

    Alle Augen richten sich wieder nach vorn. Wenden sich der riesigen Leinwand zu, auf der ein Video eingespielt wird. Aufnahmen einer Stadt. Straßen gesäumt von Häuserfronten, ein Zebrastreifen und volle Mülltonnen.

    Eine rote Mütze, die durch diese unaufwändig gefilmte Kulisse kriecht. Dann plötzlich vom Deckengerüst der Arena an einem Drahtseil herabgelassen wird. Und kurz über dem Mikrophon des Sängers zum Halt kommt.

    Tyler Joseph, mittlerweile seiner Camouflage-Jacke entledigt und ganz in schwarz gekleidet, trifft wieder auf der Bühne ein. Zum Kontrast den weißen Bass über die Schulter gehangen, schreitet er auf seine charakteristische Kopfbedeckung zu. Der Schlagzeuger schließt sich der Szene mit einem Rhythmus an, der das nächste Lied erahnen lässt.

    Stressed Out

    Mit einem verschmitzten Grinsen zieht sich Tyler die Mütze auf. Rotlicht. Dumpfes Brummen, das vor zwei Jahren nahezu aus jedem Radio ertönte. Gedanklich ein in-die-Pedale-der-Dreiräder-Treten und der Song setzt sich in Gang. Ein Satz, dann überlässt der Sänger den Zuschauern das Wort. Jede Silbe auswendig könnend. 

    My name’s Blurryface and I care what you think. Die provozierende Rückfrage Tyler’s, what’s your name? My name’s Blurryface and I care what you think. Innehalten. Mit Freude quittiere ich, dass in der Bridge eine erfrischend abgewandelte Version der bekannten Melodie durch die Lautsprecher schallt. Gesang mindestens so beeindruckend wie auf Platte. Unvergleichliche Atmosphäre.

    Wake up you need to make money. Entrüstet stimmt das Publikum in rhythmisches Klatschen ein, das durch die gesamte Arena hallt.

    Vor dunklem Hintergrund mit erleuchtetem │- / Symbol beginnt der singende Part des Duos mit Turnübungen, die quer über die Bühne führen. Ein Sprung vom Piano, und wieder herauf. Das Mikrophon stets in der Hand. Begeisterte Pfiffe und Applaus. Erneute Dunkelheit. Allmählich mischen sich lila-grüne Farben in das schwarz. Eine Wolke umschließt eben jenes Instrument, das Tyler vor wenigen Sekunden als Sprungbrett benutzte. Nun sind es zwei Hände, die über Tasten wandern und stimmungsvolle Tonfolgen erklingen lassen.

    Heathens

    Allein die Farbkombination macht mir bewusst, dass sich an dieser Stelle ein Hit dem nächsten anschließt. Josh pausiert in seiner Schlagzeugkunst. Fokus allein auf seinen Freund und Bandkollegen, der gefühlvoll zu den ersten Zeilen von Heathens ansetzt. Das Publikum singt zur Klavierbegleitung. Intense. Nicht zu lang, dann steigen die Drums wieder ein.

    Piano gegen Bass getauscht. Schwarz. Es folgt meine Lieblingsszene. Während jeder Besucher zu einem „hands up, hands up“ von Tyler beide Gliedmaßen in die Höhe streckt, motiviert zum Takt auf und bewegt, schwingt der Sänger wie wahnsinnig sein pechschwarzes Instrument umher. Hält es, als könne er sich damit im Notfall verteidigen. Watch it, nachladen. Why’d you come, you knew you should have stayed.

    Der Beifall und die Schreie werden lauter. Josh Dun im gelben Lichtkegel, der präzise die Drums bearbeitet. Ein flinker Rhythmus.

    Die erste Reihe bereitet sich für den nächsten Programmpunkt vor. Schiebt sich Sonnenbrillen auf die Nasen. Aber anstatt der erwarteten Stimme Tyler’s, heißt eine aufgenommene Ansage uns zur Show willkommen. Und stellt unter erquickten Ausrufen den Mann hinter dem Schlagzeug vor. Bekannt für seine „dope beats and the freshest bed sheets. He appears offline but he sees your tweets. We are all his dad, don’t mess with our son. Look out baby, it’s Joshua Dun“. Ich weine, vor Lachen.

    We Don’t Believe What’s On TV

    Nun gesellt sich Tyler wieder dazu. Neues Outfit. Eines, das seinem Vater am wenigsten gefällt, wie er nebenbei verrät. Weißes Shirt, darüber ein Kimono mit Blumenmuster. Sonnenbrille. Die Ukulele fest im Griff. Und auch seinerseits begrüßt er das Publikum, wünscht in Berlin einen schönen Valentinstag. Verbunden mit der Widmung des nächsten Songs an seine Frau.

    Über den vorderen Reihen sieht man gelbe Herzluftballons fliegen. Um mich herum liegen sich Besucher in den Armen. Und stetig wird das Geschehen vom Schlagzeugrhythmus untermalt. Für den Song We Don’t Believe What’s On TV weist uns der Sänger in einen konzertüblichen Ablauf ein. Betont, dass Band und Zuschauer gemeinsam verantwortlich sind, die Show auf die Beine zu stellen.

    Also bringt Tyler sein gitarrenähnliches Zupfinstrument in Position für die ersten Akkorde. 1. 2. 3. Auf Kommando schreit es seitens des Publikums ein „yeah yeah yeah“.

    Das schnelle Tempo des Songs lädt zu ausgelassenem Umherzappeln ein. Ich schüttele all den Stress von den Schultern. Diese tragen heut einzig die Last meiner Arme, wenn ich sie zu euphorischem Winken über Kopf hebe. Wie es bei der Zeile I don’t care what’s in your hair. I just wanna know what’s on your mind der Fall ist.

    Der gesamte Innenraum verschwindet in einem Meer aus Armen. Gleichmäßig wogende Wellen, die bis auf den Oberrang überschwappen.

    Fast hätte ich, in meinem vor Glück berauschten Zustand, nicht darauf geachtet, wie Josh von seinem Schlagzeug ablässt. Und zu seiner Trompete greift.

    The Judge

    Na na na na oh oh. Der nächste Titel im Set wird ebenfalls verzückt in Empfang genommen. Von einem Publikum, das ausnahmslos zu jedem Lied mit einstimmt. Niedlicher Klang der Ukulele vermengt mit versonnenem Singen der ersten Strophe. I don’t know if this song is about me or the devil. Der Gesang wird entrüsteter. Hallt dann zum Refrain hemmungslos durch die hüpfenden Reihen. Kein besserer Platz zum Verlauten schiefer Töne, als beim free von The Judge. Und das mit jeder Wiederholung selbstsicherer.

    Bevor ein „Josh Dun, you’re the judge. Set me free.“ den Abschluss bildet. 

    Abermals wird die Bühne von Dunkelheit erfüllt, bevor gelbes Licht wie Sonnenstrahlen durch das Geäst eines, auf den Leinwänden abgebildeten Dschungels fällt. 

    Cut My Lip

    I don’t mind at all. Lean on my pride, lean on my pride. I’m a lion. Tyler, der sich den weißen Bass auf den Rücken geschwungen hat, schlendert mit ausgebreiteten Armen über die Bühne. Singt stumm diese Zeile. Mehr als zehntausend Menschen leihen ihm ihre Stimmen. Zeit spielt schon lange keine Rolle mehr. Tausend Eindrücke. Die Atmosphäre ist losgelöst. Ich lasse mich treiben auf der Musik. Noch einen Moment. Dann.

    Lane Boy

    Blau umnebelt wirkt die Melodie, verglichen mit vorheriger, distanziert. Kühle Ausstrahlung. Die jedoch nichts mit der tatsächlichen Temperatur in der Arena gemeinsam hat. Grund, warum Josh derzeit shirtlos den Takt angibt. Vom Tanzen ist mir auch nicht nur warm ums Herz geworden. If it wasn’t for this music I don’t know how I would have fought this. 

    Eine Hand am Mikrophon, den blumigen Kimono über das Gesicht gezogen. Bis zum zweiten Refrain, nach welchem sich Tyler der guten Stimmung im Pit vergewissert. Der Schlagzeuger stellt sich auf seinen Hocker. Während der Bandpartner das Publikum mit einem „get down looooooow“ dazu bewegt, auf dem Boden zusammenzukauern. Zwei in weiß gekleidete, hinter Gasmasken verborgene Figuren betreten die Bühne. 

    Die Luft ist zum Zerreißen gespannt.

    Warten auf ein Zeichen. Dann erheben sich alle, im Innenraum versammelten Menschen. Springen ungehalten zu den explodierenden Kunstnebelfontänen, die den Bühnenrand säumen. Blick auf die Maskenträger, die das Zentrum des Geschehens ihrerseits unsicher machen. Ebenfalls Patronen in den Händen, die mit CO²-Effekten das Publikum einnebeln. Ein willkommen frischer Windzug. Und Tyler, wieder den Kimono über dem Kopf, tanzt wie ein Irrer im Hintergrund über die Bühne.

    Daneben Josh am Schlagzeug, der auf seinem Podest emporgehoben wird. Gleichzeitig fahren quadratische Scheinwerferkränze herunter. Umschließen die Plattform. Und als schon tosender Beifall entbrennt, setzt ein krachendes Drumsolo ein. Grüne Lichter blitzen auf, zwischen ihnen der Schlagzeuger in seinem Element.

    Nico and the Niners

    Ein Wechsel findet statt. Eine spektakuläre Lasershow, die zuvor die Menge mit bunten Fäden überzog, färbt sich gelb. Die, von dem Würfelgerüst gebildete, Bühnenrückwand schimmert golden. Über sein weißes Shirt hat Tyler ein gelbes Hemd gezogen. Die Finger zieren Ringe, aus ebenfalls gelbem Tape. I’m lighter when I’m lower. Hingehockt verdeutlicht der Sänger die Zeile aus einer der ersten Singles zum aktuellen Album Trench.

    In jeder Bewegung die Melodie, während er die Breite der Bühne vollständig damit füllt. Und darüber hinaus. Ich wende mich nach rechts. Der Scheinwerfer wirft einen Lichtkegel an den äußeren Rand der Stehplätze. Wo sich Besucher ungläubig an einem provisorisch gespannten Seil aufreihen. Sie begrenzen den Weg zur B-Stage, den Tyler in der zweiten Strophe von Nico And The Niners antritt.

    Neon Gravestones

    Ein Piano und Schlagzeug finden sich gleichermaßen auf der kleineren Bühne im hinteren Teil des Innenraums wieder. Nur spärliche Beleuchtung zeichnet schemenhaft die Silhouette des Sängers ab. Dessen dramatisches Klavierintermezzo geleitet nun Josh zum zweiten Schauplatz, ebenfalls ein gelbes Hemd tragend. Aus der gespannten Atmosphäre tritt allmählich die Melodie der Mondscheinsonate Beethoven’s in Erscheinung.

    Das Intro zum nächsten Song. Ein ruhigerer Abschnitt des Abends beginnt. Tiefes Durchatmen. Zwischen zarter Traurigkeit und Sentimentalität. Über der Bühne scheinen Tropfen aus Licht an Stangen eines gigantischen Kronleuchters herabzurinnen. Sich zu Mustern zu formieren. Im Zwielicht blitzt ein Totenkopf auf. Neon gravestones try to call for my bones.

    Bandito

    Punkte gelber Taschenlampe schweben wie kleine Glühwürmchen durch die Luft. Gefühle sickern aus den Augenwinkeln. Und der ausdrucksvolle Gesang wird leiser. Es schließt sich das Lied Bandito an. I could take the high road. But I know that I’m going low. I’m a ban- I’m a bandito. Das Publikum wird erneut zum Chor, singt ergriffen. Der Brustkorb mit dem gelben Kreuz hebt und senkt sich.

    Wie das Tape der Besucher erstrahlen auch über der B-Stage die beiden Diagonalen. Sahlo Folina. Mit der Dynamik des letzten Refrains gibt Tyler eine zuckende Tanzeinlage. Flackerndes Licht. Dann ertönt eine neue Melodie über die Lautsprecher. Durch meinem Kopf hallt ein tiefe Stimme, die fortlaufend drei Silben rhythmisch wiederholt. 

    Pet Cheetah

    Die Arena bebt. Das Duo erhebt sich. Und zwei gelb gekleidete Musiker verlassen mitten im Song die hintere Bühne. Begeistert drängt das Publikum zu der Seite, wo Josh Wegezoll in Form von Handschlägen verteilt. Ich vermag die Euphorie der Besucher an ihrer Stirn abzulesen. Und den Satz „ich werde mir nie wieder die Hände waschen.“ Zielstrebig erreicht die Band die Hauptbühne. Sofort setzt die, für einen kurzen Moment pausierte, Musik wieder ein.

    Kleine Hocker bieten Fläche, um darauf positioniert auch vertikal das Bühnenbild auszufüllen. Nicht zu vergessen das Piano, auf welchem sich Tyler nun niederlässt. I sit here ‚til I find the problem. Das dauert nicht allzu lang. Und er ordnet an, die Füßen vom Boden zu lösen. Ein hüpfendes Publikum. Zu Nebelfontänen, die präzise das pet untermalen, trennt sich der Sänger selbst von der Plattform. Für einen halben Spagat in der Luft. Danach entfernt er sich in den Hintergrund.

    Holding on to You

    Neues Outfit. Ein schwarzes Shirt. Die bekannte rote Mütze. Trommelwirbel und Tyler verschwindet im Bühnengraben. Vor mir macht das Publikum einen Satz und staut sich auf engstem Raum zusammen, den nun ein Scheinwerfer erhellt. Der Sänger klettert auf die ausgestreckten Arme der ersten Reihen. Wird auf Händen getragen. I’ll be holding on to you. 

    Ein wackeliger Untergrund scheint beim Singen kein Problem. Und eingezwängt zwischen aufgeregten Fans beobachte ich das Spektakel fasziniert. Aus der Nähe, nur einen guten Meter entfernt. Verse, die in den letzten Tagen auf Repeat aus meinen Kopfhörern flossen, sind noch nie auf kürzerer Distanz von der Band zu mir gelangt.

    Für den Refrain begibt sich Tyler hinter die Tasten des Klaviers. Applaus für den Schlagzeuger, der frech die Zunge rausstreckt.

    Das Duo als schwarze Schatten vor einer, von Lichtsternen durchbrochenen, Nebelwand. Eine zierliche Tonfolge begleitet die Worte entertain my faith. Mit jeder Repitition dieser Aufforderung wächst die Entrüstung. Drums verleihen Nachdruck und brechen nach Erreichen des Höhepunktes ab.

    Beide Hauptpersonen des Abends stehen zum losgelösten Teil der Bridge nebeneinander. Auf dem Piano. Während Tyler seine Zeilen rappt, ist Josh bereit für den Rückwärtssalto. Bekannt als „Backflip vom Piano“. Das Publikum schreit. Und der Sänger schreit I’ll be holding on to you.

    Ride

    Nahtlos folgt der Übergang zum nächsten Song. Der dritte Radioerfolg. Laut mitsingen. Mitklatschen. Mitspringen. I’ve been thinking too much, help me. Melodien, die mich mitnehmen. Irgendwie ist die Zeit stehen geblieben, und doch schreiten die Ereignisse Schlag auf Schlag voran. Im einen Augenblick noch zu Ride getanzt. Im nächsten sind schon zwei Jahre vergangen. Aus rot wird gelb. Was bleibt sind die Skelett Hoodies.

    Als twenty one pilots den Auftakt geben, Licht pulsiert im Rhythmus des Schlagzeugs. Farben kräuseln sich auf den Leinwänden. When everyone you thought you knew deserts your fight, I’ll go with you.

    My Blood

    Lieder sind nicht für jeden gleich. Und für mich hängt besonders an My Blood ein ganzes, emotionales Paket. Das sich mit Progression der Melodie allmählich entschnürt. Dessen Inhalt mich aufs Neue überwältigt. Ich bin mir sicher, dass mich bisher kein Song im Laufe eines Konzerts im Inneren so berührte, dass mir ungehalten und unaufhaltsam die scheiß Tränen flossen. Nur am Rande sehe ich Tyler verkleidet seinen Bass über die Bühne schwingen. Er greift zum Mikrophon. Und bittet die Besucher um Hilfe. 

    Stay with me, no, you don’t need to run. Stay with me, my blood, you don’t need to run. Ein Chor von der linken Seite. Dann von der rechten Seite der Arena. Und alle gemeinsam. Tausende singen einen Refrain, die Atmosphäre ist unbeschreiblich. Ich versuche zwischen den Tränen mitzusingen. Das gelingt mir nur zum Teil.

    So viele, verschiedenste Personen, die unter Dirigat zweier Freunde zu einer riesigen Gemeinschaft werden. Unbeschreiblich.

    Keine Zeit, um zu verarbeiten. Im Call and Response Prinzip ensteht ein Dialog zwischen Sänger und Publikum. Aus yeah yeah yeahs und oh ohs. Abgetaucht in einer blau-grünen Lagune aus tropfenden Klängen. Tyler hockt sich vorn in der Mitte hin, beginnt zu singen. Ein Wechsel zwischen schnellen Strophen und Zurücklehnen im Refrain.

    Morph

    Für weitere yeahs gesellt sich der Sänger zum Schlagzeuger auf dessen Podest. Im Fokus der Scheinwerfer. Nicht lang, nach Anheben und Senken der Plattform wird die Musik ausgeblendet. Nur der reine Klang des Pianos, ein if I keep moving they won’t know von Tyler. Ein I’ll morph to someone else vom Publikum. What they throw at me’s too slow. I’ll morph to someone else, I’m just a ghost.

    In Gedanken freue ich mich schon auf den Instrumentalteil, der das Stück zum Ende abrundet. Doch dann sehe ich ein Crewmitglied, das uns vom Bühnengraben aus ansieht. Beide Hände mit Handflächen nach oben hebt. Und im nächsten Moment dreht sich mir der Kopf, als ich die Hinweise entschlüssele. Nicht nur Josh verlässt die Bühne, gelbe Drumsticks entschlossen umfasst. Es wird ebenfalls ein Brett, auf dem Hocker und Schlagzeug montiert sind, in das Publikum gegeben.

    Ich klammere den äußeren Rand der Druminsel fest. Auf der eine Hälfte meiner Lieblingsband nach lautem „Josh Dun“-Ruf aus dem Publikum zu einem Schlagzeugsolo ansetzt.

    Absolut fasziniert blicke ich an der Basedrum vorbei, hinter der der Schlagzeuger sitzt. Hinter dem die Leinwand das Spektakel überträgt, von dem ich ein Teil bin. Und bei der all der Aufregung fällt es auch nicht auf, dass Tyler hinter seinem Piano hockt und sich, die Skimaske über den Kopf ziehend, auf das nächste Lied vorbereitet.

    Car Radio

    Sofort stimmen die Zuschauer in den schnellen Rap ein. Schlichte Begleitung. Die Lichtwürfel leuchten nur dezent weiß im Hintergrund auf. I liked it better when my car had sound. Darin sind sich alle hörbar einig. Peace will win and fear will lose. Die Wörter strömen nur so aus meinem Mund. Keine Zeit zum Luft holen. Wenn das der Endspurt ist, gebe ich mehr als alles. „Let’s go! Jump!“ lässt sich niemand zweimal sagen.

    Die Nebelfontänen steigern die Dramaturgie. Die Menge singt ein ohhhohoh. Immer wieder. Bis Tyler seinen Weg von der Bühne, vorbei an der B-Stage zu einem kleinen, metallenen Turm gefunden hat. Er klettert das Gerüst hoch. Und breitet die Arme aus. Verneigt sich vor allen Seiten der Arena. Die Spannung ist zum Greifen nah. And now I just sit in silence. Ein Schrei aus der Seele. Der Sänger reißt sich zum zweiten Mal an diesem Abend die schwarze Maske vom Gesicht. Und der Beifall ebbt nicht ab.

    Chlorine

    Es wird dunkel. Doch das irritiert die Zuschauer nicht. Immer mehr stimmen in das ohhohoh von Car Radio zuvor ein. Und immer mehr zücken ihre Taschenlampen, um von sich aus die Venue zu erleuchten. Ein verzerrtes So where are you? It’s been a little while ertönt.

    Ned tanzt im Hintergrund über die Leinwand. Davor das Duo, auf emporgehobenen Plattformen. Josh mit Anglerhut. Wieder fügen sich Musikvideo und Konzert zusammen. Can you build my house with pieces? I’m just a chemical. Diese Zeile leistet mir Gesellschaft bis ich am nächsten Tag überdreht und übermüdet zugleich ins Bett falle. Gemeinsam gesungen. Wiederkehrend aneinander gereiht. Meinetwegen hätte es ewig so fortlaufen können.

    Leave The City

    Doch das nächste Lied macht klar: They know that it’s almost over. Bei dieser Feststellung aus Leave The City überkommt mich eine Melancholie. Die herzergreifende Klavierbegleitung und Hoffnungsschimmer im Gesang. In time, I will leave the city. For now, I will stay alive. Gelber Nebel sammelt sich auf der Bühne. Umspielt Piano und Schlagzeug als stünden sie auf einer Wolke.

    Aus dem Video auf der Leinwand wird ein Foto mit Zeichnungen. Skizzen. Rohversionen der Hintergründe, die während der Show erschienen sind. Bevor sie zu Schwarz verblenden. Ein Scheinwerfer ist auf Tyler gerichtet, der im Lichtkegel an seinem Keyboard steht. „You made it to the end.“

    Das Ende eines unglaublichen Konzerts. Nicht nur dank der Band, die mit Kreativität und Herzblut aus einer Idee eine ganze Welt erschaffen hat. Sondern auch dank einer Crew, die diese Show rechtzeitig auf- und abbaut. Und mit der Ladung von über einem Dutzend LKW die Grundlage für so ein faszinierendes Erlebnis schafft. Nicht zu vergessen die Konzertbesucher, ohne welche diese Mühe irrelevant wäre.

    Trees

    Ohne Pause geht Tyler’s Rede in den Text von Trees über. I can feel your breath. I can feel my death. I want to know you. I want to see. I want to say hello. Das Publikum singt ein letztes Mal für diesen Abend im Chor, der nur heut, nur zu dieser Sekunde, und nie wieder so existieren wird. „Get your feet off the floor!“

    Ein letztes Mal die Nebelfontänen, die im Rhythmus zu den hüpfenden Haarschöpfen explodieren.

    Ausgelassenes la la lalalalala. Meine Freude ist an dem Punkt unermesslich. Dass das Ende naht, spielt keine Rolle. Als ich wieder ein Brett vor meinen Kopf gesetzt bekomme, ist das Konzert für mich komplett. Ich greife zu und spüre wie sich die Platte unter dem Gewicht von Josh bewegt. Mit zwei Schlägeln in der einen Hand kniet er darauf und lächelt ins Publikum.

    Jemand streckt ihm seine Faust entgegen, worauf der Schlagzeuger mit einem fist bump antwortet. Ich strecke ihm ebenfalls meine Faust entgegen. Und bekomme den gleichen Gruß, bevor sich Josh abwendet, um unter gelbem Konfettiregen auf seine Trommel einzuschlagen. Genau wie Tyler, der synchron ausholt und die Zuschauer zu lauten hey-Rufen animiert. Ich kann gar nicht beschreiben, was in dem Moment bei mir abging. Meine Konzentration hat gerade so weit gereicht, keine gelben Papierschnipsel zu verschlucken und daran zu ersticken. Der Kopf dreht sich.

    Ein Duo. Nach 21 Songs die Verbeugung vor gelbem Hintergrund. Mit Aufschrift „The Bandito Tour“.

    „We are twenty one pilots. And so are you.“


  • DIE MIT DER MUSIK MALEN

    DIE MIT DER MUSIK MALEN

    Wo weißes Licht in seine verschiedenen Farben aufgespalten wird. Rot. Orange. Gelb. Grün. Blau. Violett. Und diese, ebenso wieder durch jenes optische Bauelement zusammengeführt, ein Ganzes ergeben – Verglichen mit einem Prisma wird nun jedoch ein breites Spektrum musikalischer Einflüsse gebündelt. Jazz. Soul. Pop. Reggae. Funk. Indie. HipHop. Die elementaren Bestandteile auf der Farbpalette der jungen Band, die mit der Musik malt: Prismala.

    Durch die Verknüpfung der beiden Wörter „Prisma“ und „Mandala“ wurde die wohl brisanteste Entscheidung in der Geschichte jeder Band – die Namensgebung – elegant und nicht weniger bedeutungsvoll gelöst. Eine Geschichte, die bei dem benannten Berliner Quartett vor nicht allzu langer Zeit ihren Anfang nahm. 

    „Ich glaube zwei Monate haben wir überhaupt erst als Band zusammen verbracht, was das Musikmachen angeht“,

    fasst Niklas zusammen, der seine drei Bandkollegen und engen Freunde Adama, Freddie und Basti eigentlich nur einige Tage im Sommer sieht. Ursache dafür: geografische Trennung während des Studiums – Doch kein Grund, um sich von Einschränkungen abschrecken zu lassen. Vielmehr gilt diese Zeit als individuelle Verbesserungs-phase. Als Vorbereitung auf zukünftige Projekte.

    „Dass es nicht so wird ‚wir machen mal auf gut Glück‘, sondern dass wir es mit einem Fundament angehen.“

    Denn als Plan für die Band steht fest, „nach dem Studium das Ganze richtig in Angriff zu nehmen. Wirklich mal ein Jahr investieren, um Musik zu schreiben. So viel aufzutreten wie möglich. Einfach das Wort von Prismala nach draußen zu bringen.“

    Einen Beweis für vorhandenes Grundpotenzial liefern die acht Songs des bereits veröffentlichten Debütalbums Colours Of A Summer. Rhythmus, Melodien und Gesang erschaffen im Zusammenwirken einen entspannt-lockeren Klang, der Herzlichkeit transportiert und die besondere Vielfalt der Band widerspiegelt.

    Eine ebenso wichtige Rolle steht der Bedeutung des Textes zu, die oftmals beeinflusst, wie das Lied schlussendlich klingt. Denn neben dem Experimentieren für einen einzigartigen Sound, gibt es eine weitere Intention, die Prismala mit ihren Songs verfolgt. Wie Sänger Adama formuliert:

    „Unsere Musik soll Emotionen erwecken. In meinem Hinterkopf versuche ich immer ein gewisses Gefühl, ein gewisses Bild mit unserem Klang zu erzeugen.“

    Mit dieser Vorstellung und einer Menge Ideen begeben sich die vier Bandmitglieder in den Entwicklungsprozess neuer Lieder. Die Herangehensweise dabei? Folgt meist dem selben Muster: „Gitarren- oder Bassmelodie fangen das Lied an und meistens hat jemand eine ganz gute Idee, wie sich das Lied so aufbauen wird. Sprich die Verses, die Choruses, die Bridges – wie das alles so zusammen passen wird. Und dann findet der Rest halt etwas, das dazu passt.“

    Dass Colours Of A Summer innerhalb der kurzen Zeit zweier Wochen entstand, lässt sich auf eine essentielle Komponente zurückführen. Dem Spaß an der Musik. Wenn Gemütszustand und Produktivität Hand in Hand gehen. Oder, um Basti zu zitieren: 

    „Das Ding war, wir hatten einfach Bock drauf.“

    Neben dem Stolz auf die eigenen Lieder fühlt sich jedoch das Schreiben dieser rückblickend etwas überstürtzt an. Erfahrungen, an denen die vier Jungs aus Berlin wachsen, um ihre Band weiterzubringen. Zu verbessern. Dass dies schon Anwendung findet, zeigt sich in der Frage nach einem Zukunftsausblick, die Adama wie folgt beantwortete: 

    „Wir planen wie gesagt ein zweites Projekt und haben jetzt auch schon fünf, sechs Lieder praktisch fertig. Einige Lieder kommen noch dazu, die gerade im Entwicklungsprozess sind. Schön zu merken ist auch, dass wir jetzt länger brauchen Lieder zu schreiben.

    Wir haben uns mehr Zeit dafür genommen und sind kritischer mit uns und unserer eigenen Arbeit. Das war ein wichtiger Punkt.“

    Ebenso gespannt wie auf das Endprodukt dieses zweiten Projektes, bin ich auch auf den weiteren Werdegang von Adama, Freddie, Basti und Niklas, die mit ihrer Band Prismala – einem exklusiven Noch-Geheimtipp – nicht nur einen Platz in meiner Playlist, sondern auch meine Sympathie für sich gewonnen haben. 


  • ZWISCHEN ENTZÜCKEN UND EUPHORIE

    ZWISCHEN ENTZÜCKEN UND EUPHORIE

    Der Teller setzt sich langsam in Bewegung, als ich vorsichtig den Tonarm senke und sich die Nadel des Plattenspielers perfekt in die Rillen des milchig-weißen Vinyls einfügt. Und obwohl dieses musikalische Schmuckstück erst seit Kurzem meine Sammlung bereichert, wirkt es doch wie ein alter Bekannter, dessen geschätzte Gesellschaft mit offenen Armen empfangen wird.

    Die ersten Töne bahnen sich ihren Weg durch die Lautsprecher. Rauer Gitarrenklang. Schlagzeug. Eine durchdringende, entrüstet klingende Stimme singt:

    „Why do you stop by / Why do you call in / When you know I won’t rest my head tonight“

    144 Stunden früher:

    Diese Nacht werde ich genauso wenig zur Ruhe kommen wie in der besungenen Liedzeile. In Berlin vor den Türen des Privatclubs wird es lebendig. Eine kleine, vorwiegend aus weiblichen Personen bestehende Menschentraube blickt dem Eingang der Location entgegen, die der heutige Austragungsort einer ausgelassenen Feier sein soll. Was denn zelebriert wird? Record-Release. 

    Doch der erst um 24 Uhr. Vorher gibt es ein exklusives Konzert. Nicht anders als erwartet, ist meine Wenigkeit auch mit von der Partie – platziert in der ersten Reihe. So nah am Geschehen, dass die Erinnerung auf Video aussieht, wie eine „Schweißtropfen-an-Schweißtropfen“ Experience. Wahrscheinlich sah es nicht nur so aus.

    Die vier Hauptakteure diesen Abends entflammten mit ihrem dynamischen, ergreifenden Indie-Rock beim Publikum Faszination und präsentierten in euphorischem Umfeld die neuen Songs.

    Gekennzeichnet durch eine intensive Stimme, beständigen Rhythmen und eingängigen Melodien, überzeugen diese die Zuhörer und bieten nicht nur Tanzgrundlage, sondern auch Ohrwurmpotential. „I wish that I could sleep but all my demons defeat me“

    140 Stunden früher:

    Statt Dämonen lassen mich meine angenehmen Erinnerungen an den vergangenen Auftritt nicht schlafen. Ich sitze wieder zuhause, gute achtzig Kilometer entfernt vom Privatclub – gedanklich jedoch direkt vor Ort. Wo genau jetzt wahrscheinlich auf die frisch veröffentlichte Platte angestoßen wird. Nocturnal. Am 8.9.17 um 00:00 Uhr.

    Doch die für die nächsten Tage tief in den Knochen sitzende Freude ließ mir keine Zeit zum Trübsalblasen oder wehmütiges in-die-Dunkelheit-Gestarre. Und außerdem war zwischen der ganzen Post-Konzert-Euphorie noch gespannte Erwartung auf mein eigenes Exemplar des Albums, welches schon heute ankommen soll. 

    124 Stunden früher:

    Um mich herum liegen Fetzen aus Pappe und Folie.

    Mein Entzücken über diese langersehnte Sendung ließ den Postboten verstört an unserer Pforte zurück. Jetzt halte auch ich das Objekt der Begierde endlich in den Händen und möchte bei dieser Gelegenheit anbringen, wie wunderschön ich die Aufmachung finde. Damit meine ich nicht nur das Albumcover. Das ganze Konzept. Well-Done.

    Jetzt, 13.9.17 um 20:00 Uhr:

    Nocturnal – das zweite Album von RAZZ dreht bei mir die hundertste Runde auf dem Plattenspieler. Lieblingslieder? Alle. Ich – schon in Gedanken beim nächstem Konzert, wo ein Konsum dieser Songs aus erster Hand meinen Hype wieder um hundert Prozent bestätigen wird. Vielleicht schon im Dezember, Leipzig, Cottbus. Oder später. Hamburg. Rostock. Bremen. Berlin. Wer begleitet mich?