Schlagwort: ANEKDOTE


  • DER SÄNGER VON METALLICA

    DER SÄNGER VON METALLICA

    Ein leeres Zugabteil. Außer meinem ist keiner der sechs Sitzplätze besetzt. Wir fahren von Berlin in Richtung Hamburg. Die Klimaanlage rauscht, draußen fliegen Wälder und öde Landschaft vorbei. Alles scheint vor Hitze zu flimmern.

    Dann wird langsam die Glastür aufgeschoben, die Kabine und Gang voneinander trennt. Ein Typ tritt ein. Er ist dürr, in Jeans und einen grauen Kapuzenpullover gekleidet, dessen Bauchtasche von einer Büchse Kautabak und einem kleinen Bluetooth-Lautsprecher ausgebeult ist. Seine Augen huschen unruhig durchs Abteil, bleiben kurz an mir hängen: „Darf ich mich hier dazusetzen?“

    Eigentlich ist mir nicht nach Begleitung, doch es sind nur noch zehn Minuten bis zu meiner Station. Ich nicke ihm zu. Und widme mich dann wieder der Landschaft hinter dem Fenster. Aus meinen Kopfhörern dringt leise Musik, zu der sich erneut die Stimme des Fremden mischt. „Du kommst auch aus Berlin, oder? Kennst du das Kottbusser Tor?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort: „Da kann man gut Haschisch kaufen.“

    Ob das Zeug dort an sich auch gut ist, wage ich zu bezweifeln. „Das wär‘ mir nicht neu, aber Drogen sind nicht so mein Ding“, sage ich ihm. „Du stehst eher auf Musik“, stellt der Typ mit einer Handbewegung zu seinen Ohren fest, die auf meine Kopfhörer hindeuten soll. „Kann man so sagen, ja.“ Ich pausiere den aktuellen Song, um mich diesem erzwungenen Gespräch zuzuwenden. Offensichtlich braucht mein Mitfahrer jemand, der ihm einen Moment zuhört.

    „Also keine Drogen. Rauchst du?“

    „Nö, auch nicht.“

    „Man scheiße. Dann wirst du ja bestimmt hundert Jahre alt. Krass… Ich arbeite im Altersheim, weißt du.“

    „Im Altersheim? Und, wie ist das so?“, versuche ich die Konversation irgendwie in eine harmlose Richtung zu lotsen. Der Fremde fummelt nervös an den ausgeleierten Ärmeln seines Pullovers, während er mir von seiner Arbeit erzählt. Von den alten Menschen, die sich teilweise in Gruppen gegeneinander verbündet haben. Davon, wie er den Bewohner*innen das unansehnliche Kantinenessen serviert, das eigentlich gar nicht schmecken kann und trotzdem bereitet es den Leuten immer wieder eine Freude.

    Er erinnert sich amüsiert an den Tag zurück, als er aus Versehen einen Joint neben dem Aschenbecher hat liegen lassen. Die Aufseher waren davon nicht begeistert. Doch ihm war das egal. Es gibt eh zu wenig Geld in dem Job, als dass er sich auch noch diese kleine Freude nehmen lässt. Immerhin kann er, wenn er selbst alt ist, zu Special-Tarifen in dem Altersheim wohnen.

    „Ey aber ich rate dir, nicht damit anzufangen. Mit dem Rauchen, meine ich. Ich war mal Hochleistungssportler im Ausdauerlauf. Da habe ich 220 Kilometer an einem Tag geschafft. Jetzt ist meine Lunge zerfickt und ich pack‘ nur noch 180.“ Nicht ganz wissend, was ich darauf erwidern soll, schweift mein Blick über die leeren Sitze in unserer Kabine. Ich verkneife mir gerade so den Kommentar, warum er dann noch mit der Bahn fährt und nicht einfach nach Hamburg gejoggt ist.

    Mein Gegenüber scheint zu merken, dass ich dieses Thema nicht weiter vertiefen möchte. Auf eine kurze, nachdenkliche Stille setzt er daher erneut an: „Hmm, zurück zu der Musik. Ich mache ja auch selbst Musik.“ Langsam frage ich mich, was er wohl nicht macht. „Soll ich dir etwas verraten?“ Ich blicke verwirrt drein, unsicher worauf das nun hinausläuft. „Sagt dir Metallica was?“ Ich bejahe.

    „Ich bin der Sänger von Metallica.“

    Ich muss kurz Schmunzeln. „Bist du dir sicher?“

    „Ja voll! …naja, also eigentlich schreibe ich nur die Texte.“

    Er muss mir meine Skepsis ansehen, denn unter einem leisen Grinsen, setzt er ein „No joke!“ nach. „Ich bin mega aktiv im Musikbusiness. Hörst du Hip Hop?“ Hat er nicht gerade von seinem Job im Altersheim erzählt? Im nächsten Moment berichtet er von einer innigen Freundschaft mit Sido. „Wir treffen uns immer bei ihm zum Kiffen. Das ist witzig“, der Typ lacht kurz in sich hinein, „doch wenn Carmen nach Hause kommt, muss ich die Fliege machen.“ Wer ist Carmen?

    Schon als ich denke, dass es nicht mehr abstruser werden kann, kramt mein mysteriöser Mitfahrer noch eine Fantasie aus seiner Hosentasche. Diesmal sind es Die Ärzte. „Bela B und so… Da brauchst du nur an den Wannsee kommen, ein paar Tütchen dabei und dann passt das. Obwohl, Frauen sind da immer gern gesehen. Vielleicht laufen wir uns da ja mal über den Weg.“ Der Zug rollt in den Hamburger Hauptbahnhof ein. „Aber nicht in der nächsten Woche, da mache ich hier in Hamburg Urlaub. Weißt du, eigentlich komme ich aus dem Norden. Ich habe vor zwanzig Jahren meine Ausbildung als Koch hier gemacht. Bei Tim Mälzer.“

    Mit einem letzten Kichern erhebt sich der Typ aus seinem Sitz und streckt mir eine silberne Dose entgegen. „Möchtest du ein bisschen Kautabak zum Abschied?“


  • KOPFHÖRER UND SOUNDMEDITATION

    KOPFHÖRER UND SOUNDMEDITATION

    Freitag, zehn Uhr. Es ist das letzte Seminar für diese Woche. Als ich mich vor den Bildschirm setze, sehe ich zuerst nur den Schweriner See. Dann, auf den zweiten Blick weichen die Gedanken an den bevorstehenden Wochenendausflug den kleinen Videokästchen auf meinem Laptop. Das Rechteck mit dem Gesicht unseres Dozenten ist grün eingerahmt, während er mit seinem amerikanischen Akzent das Thema der heutigen Diskussion vorstellt:

    Wie hat die Erfindung der Kopfhörer die Musik und das Musikhören beeinflusst?

    Mein erster Gedanke gilt den Topfpflanzen auf dem Fensterbrett, die ich vor meiner Abfahrt definitiv nochmal gießen sollte. Würde ich ständig Musik ohne Kopfhörer hören, wären sie schon längst eingegangen. Denn Rockmusik mögen Philodendron und Co absolut nicht. Besonders fatal wird es, wenn eine elektrische Gitarre involviert ist. Das grüne Gewächs gedeiht am besten bei klassischer Musik, Brahms und Schubert. Allen voran hört es natürlich Bach am liebsten. So steht es zumindest in einem Buch, das ich vor Kurzem las. Eine amüsante Verschwörungstheorie gegen die „satanische Rockmusik“.

    Doch zurück zu den Kopfhörern. Von mir am meisten genutzt auf langen Bahnfahrten. Begleiter auf Wegen von A nach B. Wie sehr ich mich an die musikalische Untermalung gewöhnt habe, wird erst so richtig klar, wenn sie fehlt. Die Geräusche werden intensiver und plötzlich fällt der Blick auf ganz neue, doch schon immer dagewesene Dinge. Der kleine Eckladen mit der flackernden Neonreklame. Oder das zurückgelassene Skelett eines lila lackierten Fahrrads an dieser einen Straßenlampe. Als hätte die Musik das Sehvermögen eingeschränkt.

    Von Handyakkus und Wanderliedern

    Manchmal werden jedoch ohne Musik die Wege länger und Zeit vergeht langsamer. Ich merke wie meine Motivation sinkt, als ich bei einer Stunde Fußweg an der Bundesstraße 5 nicht einfach die zwei kleinen Stöpsel in die Ohren stecken und mich mit fröhlichen Melodien berieseln lassen kann. Der Akku ist leer, kein Telefonjoker für mich auf diesem Weg nach Schwerin. Nachdem das Personal die Fahrgäste zwei Stationen hinter Berlin aus dem Zug lotste – wegen einer Streckensperrung gibt es ab hier keine Weiterfahrt – und ich zu ungeduldig für ein Warten auf den Ersatzverkehr war, habe ich nach anderen Fortbewegungsmöglichkeiten gesucht.

    So startet der Wochenendausflug jedenfalls abenteuerlich. Doch per Anhalter zu fahren, habe ich mir einfacher vorgestellt. Jetzt liegen acht der zwanzig Kilometer zum nächsten Bahnhof hinter mir und noch kein Autofahrer hat auf meinen ausgestreckten Daumen reagiert. Kleine Grashalme vom frisch gemähten Seitenstreifen piksen in meinen Schuhen. Und da ich keine Musik hören kann, beschließe ich, selbst welche zu machen. Warum will mir in dieser Situation kein anderes Lied als Im Frühtau zu Berge einfallen? Und selbst davon kann ich nur die erste Strophe.

    Neben mir wird ein Auto langsamer. Es ist ein kleines weißes, mit schwarzen Türgriffen aus rauem Plastik. Die Beifahrerscheibe ist heruntergekurbelt. Ein Typ, vielleicht Anfang dreißig, lächelt mir breit entgegen. „Kann ich dich ein Stück mitnehmen?“ In meinem Kopf leuchten die Lämpchen abwechselnd rot und grün, während ich die Vertrauenswürdigkeit des Unbekannten einzuschätzen versuche. Noch ganz außer Atem vom vielen Im Frühtau zu Berge singen, frage ich ihn, ob er am nächsten Bahnhof vorbeifährt. Er nickt, ich steige ich ein. Zwei bunte, geknüpfte Armbänder baumeln am Handgelenk des Fahrers und auf der Rückbank entdecke ich im Kindersitz einen kleinen Jungen.

    Haferbrei statt Hautausschlag

    Hätte der kleine Junge Kopfhörer, würden wir jetzt nicht auf voller Lautstärke den kleinen Drachen Kokosnuss hören. Ich könnte mich mit dem Typen unterhalten. Über seinen missglückten Versuch, ab einer Autobahneinfahrt zu trampen. Stattdessen schildert der Erzähler im Hörbuch gerade, dass Drachen kein Fleisch vertragen. Sie bekommen davon Hautausschlag. Haferbrei scheint da die einzig richtige Alternative. Ich mag Haferbrei, der Fahrer auch. Bevor ich das Ende der Geschichte um den kleinen Drachen hören kann, muss ich schon wieder aussteigen.

    Meinem Ziel, der Mecklenburg-Vorpommerischen Landeshauptstadt, bin ich nun ein Stück näher. Ich setze mich erneut in den Zug und die Kopfhörer auf. Das Handy hängt an einem Kabel an der Steckdose. Die nächste Stunde ist dem neuen Album von Denai Moore gewidmet. So sind alle Passagiere stumm geschalten, Beschwerden über verspätete Züge ausgeblendet. Und genauso froh wie ich über das ersparte Gerede bin, sind wahrscheinlich auch die Anderen, da sie nicht einen einzelnen Song, Grapefruit on The Porch, in unablässliger Dauerschleife hören müssen.

    Nachts (und nackt?) im Hafenbecken

    Dann gibt es wiederum Situationen, in denen Kopfhörer gänzlich fehl am Platz sind. Wie sähe die ausgelassene Hausparty aus, wenn am Eingang diese Geräte verteilt würden und jeder doch wieder für sich ist? Was wird aus dem nächtlichen Abhängen am Hafen? Unter Mondschein zerreißt laute Musik die Dunkelheit. Ich wälze mich auf der Pritsche im Boot und öffne das kleine Bullauge. Neben kühler Nachtluft und ausgelassenen Melodien, weht mir das Klirren von Bierflaschen entgegen. Auf dem gegenüberliegenden Steg hat sich eine Gruppe Jugendlicher zusammengefunden.

    Es ist Vollmond. Er glitzert auf dem leicht gekräuselten Wasser. Das Boot wippt erst nur leicht, dann fängt es an zu schaukeln. Eine der in Dunkelheit gehüllten Personen ist mit lautem Knall im Hafenbecken gelandet. Kurz ärgere ich mich über die Wetterlage, die mein Vorhaben im Schweriner See zu baden durchkreuzte. Vielleicht sollte ich mich dem Typen anschließen. Sein Kopf gleitet durch das Wasser. War das gewollt, oder ist es dem Alkohol geschuldet? Dann kommt die Wasserschutzpolizei. Noch mehr Wellen, zu denen das Boot auf und ab schaukelt.

    Der Nachtschwimmer steigt wieder an Land. Die Musik wird gedämpft, es gab Beschwerden wegen Ruhestörung. Und die Gruppe sammelt sich um den triefenden Typen, der sich irgendwo das Knie aufgeschlagen hat. Der Lichtkegel einer Taschenlampe wandert über das blutrote Bein. Ein Verband wird unbeholfen angelegt. Sieht aus, als wäre die Party vorbei. Ich schließe das Bullauge und lege mich zurück auf die Pritsche.

    Frühstück zum neuen Joris Song

    Neben den Hörgewohnheiten hat sich auch die Musik durch Kopfhörer verändert. Es gibt keine großen Dynamiken mehr. Orchester, die ein Stück unsagbar leise beginnen und in einen ohnmächtigen Paukenschlag münden, sollten nicht durch den Kopfhörer schallen. Und wer will, ständig einen Finger am Regler, die Lautstärke neu einstellen? So werden die meisten Songs auf eine konstante Dynamik geeicht, komprimiert. Töne im Hintergrund verlieren an Tiefe, wie uns der Dozent an einem Beispiel seines jaulenden Hunds erklärt.

    Er weist uns zur Soundmeditation an. Jeden Tag zehn Minuten. Vielleicht zum Frühstück oder nachts um drei auf einem Dach in Berlin. Dabei konzentriert man sich auf die Geräusche der Umgebung, ohne sie spezifisch einer Quelle zuzuordnen. Ziel ist es, den am weitesten entfernten Klang herauszufiltern. Dann soll später die Identifikation solcher Songs, die in alter Manier noch Tiefe aufweisen, neben den für Kopfhörer geebneten leichter fallen. Also setzte ich mich auf den Steg neben das Boot meiner Eltern. Mit geschlossenen Augen lausche ich dem Wind, den klappernden Masten der Segelboote und dem Verkehr von weither.

    Bis mein Vater mich zum Frühstück ruft. Der neue Joris Song Nur die Musik läuft gerade. Das Radio wird lauter gedreht. „Jetzt mach mal hier deine Meditation und sag mir, was das für eine Flöte ist.“ Ich mag Joris nicht. Das weiß Papa, deshalb grinst er auch so. Nachdem ich auf die Stelle nach dem Refrain warte, vermute ich ein einfaches Pfeifen hinter diesem krächzenden Geflöte. Dann beiße ich in mein Marmeladen-Brötchen. Es ist Sonntag, das Schwerin Wochenende neigt sich dem Ende.


  • KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    Ich sitze aufrecht im Schneidersitz auf der grünen Couch meiner Eltern, die Fernbedienung fest umklammert. Während der Bildschirm aufflimmert, beugt sich meine Mutter über die Rückenlehne, um das dahinter verbaute Soundsystem einzuschalten. Und schon ballert die süße Melodie von Gamesofluck aus den Boxen. Ein Video von Parcels im Funkhaus Berlin leuchtet im Fernseher. Meine Arme zeichnen Wellen in die Luft und der Songtext liegt stumm auf meinen Lippen. Außer beim „ha! uhh“. Das lasse ich mir nicht nehmen.

    Mutti liegt neben mir und schaut gebannt wie bei einem Tatort zu. Als die fünf Australier in ein ausgedehntes Instrumental-Intermezzo abschweifen, frage ich mit einem Grinsen in den Raum: „Und, wer ist dein Lieblingsparcel?“. Die Augen weiterhin auf das Video geheftet, antwortet meine Mutter: „Der blonde da. Noah!“ Ich quietsche begeistert über ihr Insiderwissen. Dafür ernten wir nur einen verständnislosen Blick von meinem Vater, der das Geschehen vom Sessel aus beobachtet. „Ich habe die auch schon mal in echt gesehen“, sagt meine Mutter stolz zu ihrem Mann, den Finger auf die Band im Video gerichtet.

    „Du hast die schon gesehen? Wann denn das?“

    Es ist Anfang Oktober. Ich habe gerade mein Studium in Berlin angefangen. Da ich in der Hauptstadt noch auf Wohnungssuche bin, fand ich übergangsweise Unterschlupf bei meinen Eltern. Das bedeutete zwar eine stundenlange Zugfahrt jeden Tag, doch meine Euphorie für die neue Stadt bremste das nicht. Berlin ist nämlich voll von bisher unergriffenen Möglichkeiten. Konzerte, neue Kontakte. Und unverhoffte Kinoabende?

    Ich erinnere mich daran, wie ich wieder einmal viel zu früh in unserem Seminarraum saß. In der ersten Uni-Woche passiert das noch. Vielleicht ein, zwei weitere übermotivierte Studierende haben ebenfalls in den Reihen Platz genommen. Zum Glück ist das Gebäude hier mit dem besten WLAN ausgestattet und so krame ich in meiner Jackentasche nach dem Handy. Wenig später öffnet sich mein Mail-Postfach (mittlerweile bekomme ich mehr E-Mails als Nachrichten, also ist der Check vom Postfach eingefleischter als ein Blick auf Whatsapp).

    Und mich sollte tatsächlich eine ungelesene Mail erwarten, nachdem ich vorsorglich den Refresh-Button gedrückt habe. Bei dem Absender stockt mir kurz der Atem. Ich blicke mich ganz begeistert im Raum um, aber niemand nahm von mir Notiz. Komisch, dabei drehten meine Gedanken gerade einen Stepptanz unter dem wildesten Feuerwerk, aus irgendeiner Ecke drang lauter Hallelujah-Chorgesang. Denn diese E-Mail wurde von den Parcels versandt. Oder genauer: vom Parcels Pop Shop.

    Das Parcels Pop Shop Debüt Event

    Ich weiß nicht, mit wie großen Fans ich es hier zu tun habe, die diesen Text lesen. Daher eine kurze Erklärung: Der Pop Shop ist eine Art Fanclub. Du meldest dich an und bekommst einen exklusiven Newsletter, manchmal spezielle Merchdrops oder wirst vor allen anderen in nächste Band-Aktionen eingeweiht. Und für die ersten einhundert Personen, die eine Anmeldung einreichten, wird der Titel „Founding Members“ gehalten. Natürlich habe ich alles daran gesetzt, auch zu diesen Gründungsmitgliedern zu zählen, was einfacher gesagt als getan war. In ein paar Sekunden sind die hundert Plätze bereits besetzt. Ich war dreiundsechzigste. Das weiß ich so genau, weil ich meine Gründungsmitgliederkarte mit der Nummer 63 stolz und zu jeder Zeit in meinem Portemonnaie bei mir trage.

    Doch zurück zum elektronischen Postfach. Denn was ich dort bekommen hatte, war keine einfache Mail. Es war eine Einladung. Zu einem Kinoabend mit der Band. Ich bestellte direkt zwei Karten für den Mittwoch in der nächsten Woche. Und ging in Gedanken meinen Kleiderschrank durch. Was war denn bitte mit dem Dresscode „comfortable but not too comfortable“ gemeint?

    Ich entschied mich für eine ausgewaschene Jeans in Kombination mit einem braunen Pulli, der mir fast bis zu den Knien hängt. Um den Hals band ich mir in Stewardess Manier ein cremefarbenes Halstuch. Das Ergebnis einer langen Woche, in der ich mir nicht nur zum Outfit Gedanken machte, sondern auch nach Hinweisen Ausschau hielt, welchen Film die Jungs wohl ausgewählt haben. Ich weiß, dass sie gern Horrorfilme sehen. Und da meine Beziehung mit diesem Genre eher problematisch ist, wollte ich mich innerlich wenigstens darauf einstellen.

    Das Rätsel um die Filmauswahl sollte am Mittwoch des Kinoabends mein kleineres Problem bleiben. Ich bin morgens mit einer anbahnende Erkältung aufgestanden und musste feststellen, dass mir neben der nötigen Abwehrkräfte auch eine Begleitung für den Abend fehlt. Einige Stunden später sitze ich mit meiner Thermoskanne in der gelben U-Bahn, die ruckelnd Richtung Hermannstraße fährt. Mir gegenüber meine Mutti. Ich hatte ganz vergessen, sie über die Kleiderordnung zu informieren.

    Es ist schon dunkel, als wir am Hermannplatz ankommen. Am Ausgang der Station zuckt blaues Licht über den Gehweg. Sanitäter kümmern sich gerade um einen Besoffenen, der nicht mehr laufen kann. Und meine Mutti sieht mich geschockt an, als wir über die Ampel auf eine dunkle Straßenseite wechseln. Da wir viel zu früh dran sind, zögern wir die eigentlichen acht Minuten Fußweg zum Kino auf das Doppelte hinaus. Ein paar Häuser weiter erhellt ein Späti-Schaufenster den Bürgersteig. Direkt daneben prangt über einem Eingang die Schiebetafel des Neuen Off, deren Buchstaben „Parcels Pop Shop“ formen.

    Immer noch überpünktlich stellen wir uns vor die Schaukästen, die sonst das Kinoprogramm anzeigen. Heute hängen dort Plakate vom Pop Shop. Eine kleine Gruppe, die sich später ebenfalls den Parcels Fans anschließt, sitzt vor dem Späti auf Holzbänken. Ich trete von einem Bein auf das andere und werde zunehmend nervöser. Und weil ich so aufgeregt bin, wird meine Mutti auch aufgeregt. Ich versuche mir schon ein paar Sätze zurechtzulegen, die ich den Jungs dann sagen werde, wenn noch Zeit für ein kleines Gespräch bleibt. Doch immer, wenn ich eine Formulierung gefunden habe, verwerfe ich sie wieder.

    „Aber ich will auf keinen Fall mit denen reden!“, wirft Mutti ein. Ich unterbreche mein Selbstgespräch und bei dem Blick in ihr ernstes Gesicht, muss ich lachen: „Sie werden dich schon nichts fragen, wenn du nicht zu ihnen hingehst.“ Darauf bekomme ich nur ein „Hoffentlich! Ich versteh‘ doch nicht mal, was die von mir wollen“ zurück. Wie gut, dass wir grad drauf und dran sind, in einen englischen Film zu gehen.

    Mit Popcorn und Apfelschorle

    Es sammeln sich immer mehr Grüppchen vor dem Eingang des Kinos. Doch nicht zu viele. Insgesamt folgten nicht mehr als fünfzig Leute der Einladung der Parcels. Apropos. In diesem Moment hält neben meiner Mutti und mir ein Taxibus am Straßenrand. Hinten geht die Schiebetür auf und es steigt ein Bandmitglied nach dem anderen aus. Bei Noah hat auch meine Mutti erkannt, um wen es sich handelt: „Guck mal, die Parcels!“ Als dann auch Jules geduckt aus dem Auto steigt, nickt Mutti wissend mit dem Kopf. Durch den Schnurrbart war auch er eindeutig zu identifizieren.

    Wer ebenfalls einen Schnauzer trug war Jean Raclet, der nach dem Eintreffen der fünf Australier überall herumsprang und Fotos schoss. Vom Kino-Eingang. Dem schwarzweiß gefliesten Boden im Foyer. Ein Tisch mit gefüllten Popcorn-Tüten, in denen überall ein Sticker steckte. Ich holte meiner Mutti und mir eine Apfelschorle mit den Getränkemarken, die jede*r Besucher*in bekam. Langsam füllte sich der kleine Vorraum und auch auf den Tischen, die dort standen, waren liebevoll einige der roten Sticker drapiert. An den Wänden hingen weitere Parcels Plakate.

    Die Atmosphäre war sehr entspannt. Alle hatte ein Getränk in der Hand und hier und da sah man Jules‘ Jacke zwischen den Leuten aufblitzen. Oder den braunen Haarschopf von Patrick, der sich mit den Gästen unterhielt. Meine Mutti und ich beobachteten die Szenerie vor uns und überlegten, ob ich mir nachher noch eines dieser neuen Pop Shop T-Shirts kaufen sollte. Obwohl ich vermutlich schon mehr Parcels Merch im Schrank habe, als normale Shirts. Dieser Gedankengang wird von einem Klingeln unterbrochen. Das Signal, mit dem sich alle in den Kinosaal begeben.

    Und meine Güte, war das ein gemütlicher Saal! Die Sitze und der Vorhang waren in einen türkis-blauen Farbton getaucht, während die Wände mit weißem Stoff verkleidet sind. Wir lassen uns in einer der hinteren Reihen fallen und einige Besucher*innen testen begeistert die verstellbaren Lehnen der Sitze. Die Tüte mit dem Popcorn auf dem Schoß warten wir, bis das Licht gedimmt wird. Weiter vorn sind die Köpfe der Band auszumachen und direkt vor der Leinwand steht Jean Raclet für ein Gruppenfoto. Dann wird es dunkel.

    Melancholia von Lars von Trier

    Der Film startete mit sehr dramatischen Szenen, die bereits zu dem Ende einen Rahmen spannten. Unterlegt mit noch aufwühlenderer Musik. Ein fremder Planet kommt der Erde gefährlich nah und markiert den Weltuntergang. Zwei Schwestern sind die Hauptfiguren in diesem Schauspiel, das sehr seltsam aber gleichzeitig fesselnd war. Es gab keine Hintergrundmusik außer diesen einen furchteinflößenden Akkordaufbau, der immer in Verbindung mit dem einrasenden Planeten aufkam. Erst still und langsam, dann verzerrt er sich, so dass mir schon ganz schlecht wurde von dieser Wirkung.

    Ich sehe zu meiner Mutti rüber, die nicht ganz so begeistert zu sein scheint. Ihr war ebenfalls schlecht. Vielleicht lag das auch an dem Popcorn. Immerhin hatte ich ja noch meine Thermoskanne, von dessen Inhalt ich einen Schluck nahm. Da traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Wagner. Der Akkord ist aus Wagners Oper Tristan und Isolde. Endlich hat sich die Vorlesung in Musikgeschichte mal ausgezahlt. Dann kann ich mir den identifizierten und sogenannten „Tristan-Akkord“ nun nach Belieben zuhause anhören.

    Etwas erleichtert bin ich doch, als der Film nach über zwei Stunden endlich vorbei ist. Benommen trotten wir in den Vorraum, wo zwei Personen, die vorher den Einlass kontrolliert haben, jetzt Parcels T-Shirts verkaufen. Viele der Gäste haben sich vor die Tür gestellt, um frische Luft zu schnappen oder eine zu rauchen. Neben ihnen mache ich auch Toto, Louie und Patrick aus. Noah und Jules wuselten hingegen noch im Foyer umher. Ich war plötzlich ganz unsicher, wen ich nun ansprechen sollte.

    Ich war schon kurz davor, ohne ein Wort zu gehen. Auch Mutti drängelte bereits, da ihr wirklich schlecht zu sein schien. Also trat ich dicht von ihr gefolgt aus dem Gebäude. Und lief dabei direkt auf Louie zu. Das hielt mich zum Glück davon ab, unbemerkt zu verschwinden und so trat ich zu ihm, um mich für den Abend zu bedanken. Louie lächelte mich schon an, bevor ich ihn erreicht hatte und ich merkte nur noch, wie meine Mutti einfach ohne zu zucken an mir vorbei lief, als ich vor dem Keyboarder Halt mache.

    Noch bevor ich ein Wort sagen konnte, begrüßte mich Louie. „Hey! We talked on skype didn’t we? You were the one with the little small dog!“ Ich erinnere mich zurück an den Tag, als Patrick und Louie für den Parcels Podcast einige ihrer hundert Founding Members per Skype interviewten. Damals wohnte ich noch bei meiner Schwester in Hamburg und war unbeschreiblich aufgeregt, als ich in diesen Videoanruf schaltete. Wie zu erwarten, brachte das all meine Englischkenntnisse durcheinander und bei der Frage, was Tyson denn für eine Rasse sei, meinte ich sehr professionell: „a little small dog“.

    Ich war peinlich berührt, aber gleichzeitig beeindruckt, dass er sich mein Gesicht von dem Telefonat vor Monaten gemerkt hat. Mittlerweile ist auch Patrick zu uns gestoßen. Die beiden erkundigten sich, wie es Tyson geht und Louie fragt, ob ich denn extra aus Hamburg angereist bin. Nachdem wir ein bisschen gequatscht haben, verabschiedete ich mich. Und machte mich auf die Suche nach meiner Mutti, die dem Gespräch gekonnt ausgewichen ist (und der Film war zum Glück mit Untertiteln).


  • ERSTE KLASSE GANGSTER

    ERSTE KLASSE GANGSTER

    Diese Quarantäne macht Dinge mit mir, die ich niemals erwartet hätte. Zum Beispiel habe ich letztens meine Schwester nach dem Link zu ihrer Playlist gefragt. Ich sitze also nun in meinem Kellerzimmer und die niedrige Decke bebt von einem DMX Song. An die zehn Stunden Material hat sie da in ihrer Liste gesammelt. Hauptsächlich das beste an Hip Hop und Gangster Rap aus den frühen 2000ern. Manchmal hat sich auch ein Capital Bra dazwischengedrängelt. Warte – ein Song von Rammstein? Das ist mir neu.

    X Gon‘ Give It To Ya – DMX

    Ich weiß noch, wie ich den Musikgeschmack meiner Schwester verflucht habe. Auf den ganzen Autofahrten von zuhause nach Hamburg und zurück. Wenn sie mit ihren frisch gemachten Acrylnägeln auf dem Lenkrad trommelt. Aus dem Alter, wo man das, was die großen Geschwister hören, super cool findet, bin ich wohl raus. Um diese Sorte Musik zu feiern (was ich selten aber manchmal tue), muss ich schon in Stimmung sein.

    So wie in diesem Moment. Ich sitze also in meinem Zimmer und wackel mit dem Kopf zu Gangsta Nation. Da packt mich auf einmal eine ganz seltsame Erinnerung. An eine Autofahrt. Aber nicht wie oben beschrieben. Diese Fahrt ist schon einige Jahre her. Es ist Spätsommer in 2006, ich bin gerade eingeschult worden. Meine Schwester ist in ihrem letzten Jahr vor den Abiturprüfungen…

    Gangsta Nation – Westside Connection

    Ich sitze in einer Art Baumhaus. Raues Holz unter den Knien, während ich durch einen Spalt zwischen zwei Brettern die Umgebung betrachte. Besser gesagt den Spielplatz, der sich im Schatten der Bäume vor mir erstreckt. Es wuseln nur noch vereinzelt Kinder zwischen den bunten Gerüsten herum, bis auch sie endlich von ihren Eltern abgeholt werden.

    Es ist ein Freitag und irgenwann gegen vier Uhr. Ich ging während meines ersten Schuljahrs nach Unterrichtsschluss immer in den Hort, bis meine Mutter von der Arbeit kam. Das war nicht unbedingt meine beste Zeit, da ich hier keine Sau kannte und auch kein großes Interesse hegte, jemanden kennenzulernen. Meist vertrieb ich mir die Stunden mit Stiften und Papier. Heute sollte mich meine Schwester abholen.

    Ante Up Remix – M. O. P.

    Blöd nur, dass schönes Wetter war. Denn das bedeutet, alle Betreuerinnen schließen ihre Räume drinnen ab, um auch Kinder wie mich dazu zu bewegen, an die frische Luft zu gehen. So fand ich also meinen Weg in diese Holzhütte auf Stelzen. Über eine kleine Leiter konnte man diese erreichen und auf der anderen Seite mittels einer Rutsche wieder verlassen.

    Zu meinem Glück war dieser Platz nicht so beliebt und ich hatte meine Ruhe. Gekonnt ignorierte ich quasi jegliche soziale Kontakte. Vielleicht versteckte ich mich auch vor den Betreuerinnen – denn dummerweise hatte ich nämlich noch meine Hausschuhe an. Und riesen Schiss davor, Ärger deswegen zu bekommen. Wehmütig denke ich an meine Straßenschuhe, die in einem der Räume eingeschlossen waren.

    Kleine Sandkörner bohren sich in meine Erstklässlerhände, während ich gedankenverloren den Dreck auf dem Bretterboden hin und her schob. Langsam näherten sich zwei Personen dem Tor, das Parkplatz und Hortgelände voneinander trennt. Ein blondhaariges Mädchen, das ich als meine Schwester identifiziere, und ein schlaksiger Typ mit pechschwarzem Haar. Sie brauchen nicht lang, um mich zu finden und melden mich bei dem Betreuer ab, der keine Notiz von meinen Hausschuhen nimmt.

    Poppin‘ Them Thangs – G-Unit

    Gemeinsam gehen wir zum Auto des Typen, den ich auffällig von der Seite beobachte. Es ist nicht das erste Mal, dass ich meine Schwester in Begleitung von ihm sehe. Da ich nicht wusste, wie er heißt, taufte ich ihn aufgrund seiner Statur „Fritte“. Die tiefsitzenden, ausgewaschenen Jeans, die seine langen Stelzen verhüllten, machten das Gesamtbild nicht besser. Nach unten hin wurden die Hosenbeine weiter und schlossen bei seinen klobigen Turnschuhen mit einem ausgefransten Saum ab.

    Er verlangsamte seine Schritte, als wir an einem Auto ankamen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein silberner Opel Astra G war. Die Lehnen der Vordersitze waren so weit zurückgestellt, dass man praktisch lag. Und am Rückspiegel hing neben aufgefädelten Plastik-Hawaiiblüten, eine goldene Kette an der ein monströser Eminem-Anhänger baumelte.

    Forgot About Dre – Dr. Dre, Eminem

    Schnell fand mein Blick von der Inneneinrichtung zu einer weiteren Person, die auf dem Beifahrersitz chillte. Ebenfalls ein Kumpel meiner Schwester. Er war deutlich muskulöser gebaut als Fritte, die Ärmel seines weißes T-Shirts spannten sich um seinen Bizeps. Dazu hat er eine graue Jogginghose kombiniert. Und an seinem Hals blinkte ein Goldkettchen.

    Mein sechsjähriges Ich gab ihm den Namen „Harte Nuss“, da er seine Haare raspelkurz rasiert hatte und nur kleine rotblonde Stoppeln seine mit Sommersprossen übersähte Kopfhaut überzogen. Er strahlte definitiv etwas Einschüchterndes aus, weshalb ich mich lieber wieder der Fritte zuwendete.

    Purple Pills – D12

    Einmal sollte ich Harte Nuss nach dieser Fahrt jedoch noch wiedersehen. Ungefähr sechs Jahre später. Meine Schwester war für fast genauso lang schon von Zuhause ausgezogen und hatte ihre Ausbildung am Gericht abgeschlossen. Ihre Baggy Pants hatte sie, genau wie den glitzernden Lippenpiercing lange abgelegt.

    Sie besuchte uns oft an den Wochenenden und wir machten einen Spaziergang mit dem Hund. Auch heut, als uns auf halbem Weg Harte Nuss entgegen kam, den ich zuerst nicht erkannte. Die Haare trug er nun etwas länger, ein Muskelpaket war er nach wie vor. Nur kleiner. Aber das lag vielleicht daran, da ich in der Zwischenzeit ein wenig gewachsen war.

    Er und meine Schwester begrüßten sich. Ein erstes Wiedersehen, nachdem er die letzten Jahre im Knast saß (?). Komischerweise fand ich das damals überhaupt nicht seltsam. Ich habe einfach abwartend neben den beiden gestanden und die Leine vom Hund festgehalten. Das Treffen dauerte nicht lange, da musste Harte Nuss auch wieder gehen. Er besucht heut noch seine vierjährige Tochter, die er nur alle zwei Wochen sehen darf.

    Da Rockwilder – Method Man, Redman

    Okay. Im Nachhinein eine seltsame Begegnung. Was aus Fritte wurde, weiß ich nicht. Beim Hören dieser Playlist habe ich noch vor Augen, wie er vor mir in dem Auto sitzt. Oder besser gesagt im Fahrersitz liegt. Mit einem ausgestreckten Arm hält er das Lenkrad, die andere Hand liegt lässig auf dem Schaltknüppel. Langsam schieben wir uns an den Parklücken vorbei durch die Dreißiger-Zone.

    Meine Schwester reicht dem Beifahrer eine mit Edding bekritzelte CD, die in einem chaotischen Haufen in der Mittelkonsole steckte und bald hallt ein lauter Bass aus der Boombox im Kofferraum. Jetzt fehlen eigentlich nur noch diese Hydraulikpumpen, die Frittes Karre über die Straße hüpfen lassen und Fritte wäre sicherlich vollends glücklich. Während ich mir fast in die Hosen machte, weil ich ohne Kindersitz mitfuhr. Ohne Kindersitz, verdammte Scheiße! Und obendrein hatte ich doch noch immer meine Hausschuhe an! Wenn das rauskommt.

    ps: auf dem Titelbild bin ich zu sehen, noch keine sechs Jahre alt, aber die Gangster-Thematik fand ich passend


  • KRAFTKLUB

    KRAFTKLUB

    In der S-Bahn ist es stickig. Die Feierabendzeit drängt Leute zwischen die ausgeblichenen Polster und klebrigen Metallstangen. Meine Hand schwitzt unter dem glatten Material, während die Bahn am Westhafen vorbeiruckelt. In den Gesichtern der Leute spiegelt sich Routine. Angestrengt ins Nichts sehen, wenn der Geigenspieler eine Tür weiter seine Musik gegen Kleingeld eintauschen möchte.

    Er fidelt seine Version von Señorita. Ich wollte schon immer Geige lernen. Schmerzlich an mein schwaches Durchsetzungsvermögen erinnert, beobachte ich das S-Bahn-Konzert. Kleingeld habe ich nicht dabei. Doch ein Herr kramt in der Hosentasche. Er sitzt hinten links. Gestriegelt, in Anzug mit Schlips. Auf seinem Schoß ruht ein überdimensional großer Blumenstrauß. Ein monströses Blatt durchsichtiger Folie würgt die zarten Blüten.

    Hortensien und weiße Lilien

    Ich frage mich, welchen Anlass dieser Strauß zieren wird. Das Blau der Hortensien steht dem Schlipsträger nicht. Er wirft ein paar Münzen in den ausgefransten Becher des Geigenspielers. Dann verschwinden beide durch die sich schließenden Türen. Ausdruckslose Blicke richten sich erneut aus den Fenstern, als ein Mann, ich schätze ihn auf Anfang dreißig, mit kleckernder Bierflasche durch den Gang stolpert.

    Seine drahtige Statur kommt neben mir zum Stehen. Jetzt erst scheint ihm aufzufallen, dass der Inhalt seiner Flasche in Flecken den Boden ziert. An einen älteren Herren neben mir gewandt, fragt er mit schwerer Zunge: „Oh das tut mir Leid, habe ich dein Hemd schmutzig gemacht?“. Das desinteressierte Kopfschütteln seines Gesprächspartners nimmt der Anfang Dreißigjährige nicht wahr und fährt unbeirrt fort.

    „Mein Bruder trägt neuerdings auch Karohemden. Und seit er studiert, holt er seine Bassgitarre gar nicht mehr raus.“

    Verzweiflung und Enttäuschung spricht aus seiner Stimme. Einige Leute schmunzeln. Für mich entfalten diese Worte eine unglaubliche Tragik. Zerbrochene Träume und erwachsene Kindheitshelden. Mit glasigen Augen nimmt er auf einem frei werdenden Sitz Platz. Es wird kurz still. Lange bleibt es nicht so, da setzt der Typ erneut an. Entrüstet diesmal. „All die scheiß Werbeplakate an der Fassade.“ Um ihn herum werden die Reisenden unruhiger. „Bei jeder Reklame denk ich an dich.“ Vielleicht denken sie, er ist verrückt. Blick in die Ferne. Er redet vor sich hin.

    „Ich habe seit Tagen nicht mehr geschlafen. Ich geh durch die Straßen und denke an dich.“

    Die Situation ist so realistisch, erst langsam klickt es bei mir. Die ehrlich präsentierten Gedanken sind bereits bekannt. „Ich sitze zuhause, kiff auf der Couch. Doch wie viel ich auch rauche, ich denke an dich.“ Im Hintergrund setzt eine krasse Gitarrenline ein. Und ich frage mich, ob die anderen Personen hier es nun auch hören. 

    Poetry Slam ähnlich reiht er die Worte in seinem Rhythmus aneinander. Eine kurze Pause, bevor er schief und mit gebrochener Stimme anfängt zu singen. „Denn ganz egal woran ich grade denke, am Ende denk ich immer nur an dich.“ Ostkreuz. Ich steige aus. Und summe diese letzte Zeile vor mich hin. Bisher erschien sie mir harmlos.

    Der Mann in der Bahn hat mir damit das Herz gebrochen.

    Ich bin kein Kraftklub Fan. Außer Sklave hat sich keins ihrer Lieder bei mir durchgesetzt.  Auftritte der Band, die ich bereits sah, waren unterhaltsam. Und jetzt bin ich hier, tief bewegt. Dass mir die Existenzkrise eines Fremden Zugang zur Musik verschafft, hätte ich nie erträumt. Sonst ist Musik da, wenn wir allein sind. Abgeschirmt im Liebeskummer. Er trug sie in dem Moment bei sich. Pur. Eine Version besser als das Original.


  • WIR SIND HELDEN

    WIR SIND HELDEN

    Es ist September, einer der wenigen sonnigen Tage. Asphalt zieht sich durch die Landschaft. Sonnenstrahlen wechseln sich mit den Schatten der Bäume ab. Im Auto ist es stickig. Eigentlich zu warm für einen Pullover, den ich notdürftig bis zu den Ellenbogen hochgeschoben habe. Das Radio ist kaputt. Die Musik dringt blechern aus meinem Handy, das zwischen ein paar verblichenen Parktickets und Tankrechnungen lieblos in der Mittelkonsole liegt.

    Mein Blick ist in die Ferne gerichtet. Oder in die Zukunft. Die Straßen sind heut nicht viel befahren. Vier Räder rollen scheinbar zum Takt der Musik. Von der Rückbank kommt ab und zu ein Rascheln. Gesellschaft leistet mir allein meine Yucca Palme, die ich fest auf den Sitz gegurtet habe. Der Kofferraum ist tetrisartig mit meinen sieben Sachen verbaut und aus dem Handschuhfach klappern leise Fläschchen mit Kaltgärhefe aneinander (ein Gefallen für meinen Vater). Im Fußraum liegen kleine, knallrote Chili-Schoten verstreut. Und ich?

    „Ich weiß nicht weiter. Ich weiß nicht wo wir sind. Von hier an blind.“

    Das spricht mir aus der Seele. Wo ich doch gerade eher spontan dem letzten Jahr meines Lebens den Rücken kehre. Ohne große Erklärungen oder Abschiedsworte. Manch einer wird verwundert die Stirn runzeln, dass mein Platz im Theorie-Seminar frei bleibt. Wenn ich längst in einer anderen Stadt meine ersten Kurse verpasse. Oder es fällt halt keinem auf. Denn vermutlich bin ich gar nicht so bedeutend, wie ich es mir manchmal gern einbilde.

    Rasant habe ich traute Gewohnheiten auf links gedreht, wie den durchgeschwitzten Pullover nach meiner Ankunft. Wo mir der Kopf steht, weiß ich nicht. Darum singe ich laut den Refrain, gemeinsam mit Wir Sind Helden. Ich warte auf den Einsatz der tiefen, zweiten Stimme. Abwechselnd steige ich dann dort ein. Oder singe, wenn mir danach ist, in verzweifeltem Ton an der Seite Judith Holofernes‘. Auf Spotify leuchtet das on repeat-Zeichen grün. 

    Das Lied ist nicht nur schön, weil es mich auf dem Weg in die Ungewissheit begleitet. Es ebnet auch eine Bahn zur Erinnerung, wo alles anfing.

    Irgendwo in der Grundschule. Mit schmutzigen Hosenbeinen und Dreck unter den Fingernägeln, weil der Sandkasten eine wahre Goldgrube war. Ständig verloren die Kinder ihr Essensgeld und ich war stets da, es wieder aus den sandigen Buddellöchern herauszupulen. Wenn ich das nicht tat, saß ich nach Schulschluss vermutlich mit einem Sandkastenfreund auf dem Klettergerüst und sang. Er zeigte mir auch das Lied, unsere Pausenhymne, Denkmal von Wir Sind Helden. 

    Ohne so wirklich zu wissen, um was es geht, lernten wir den Text nur vom Hören. Wir sinnierten darüber, warum die Leute im Song das Denkmal blöd fanden und kamen zu keinem Entschluss. Ich fragte meine Mutter, was Parolen sind. Und Jahre später fand erst der Begriff ‚engagieren‘ zu meinem Wortschatz. Mit Tomatensoße bekleckert gingen wir gemeinsam aus der schäbigen Kantine. Über die zerbrochenen Betonplatten des Pausenhofs. Wo rote Linien auf dem Boden noch respekteinflößend waren. Ich habe es nie gewagt, einen Fuß darüber zu setzen. Nur vorgestellt habe ich es mir.

    Vom Suchen und Finden

    Genau wie ich mir damals vorstellte, Kosmetikerin oder Maskenbildnerin (der Begriff Make-up Artist war noch nicht gängig) zu werden. Was würde mein sechsjähriges Ich nun dazu sagen, dass Musik mein Ding ist. Waren das nicht früher Dinos? Oder Hunde? Und der Wunsch ein Fundbüro zu eröffnen? Wenn man wüsste, wo man Dinge fände, dann müsste man gar nicht erst suchen. 

    Ich suche gern. Nach alten Fotos, auf denen ich mit unserem Hund Jacky im Garten sitze. Oder nach Kassetten mit der Hitparade 99. Ich suche in Menschenmengen nach bekannten Gesichtern. Oder in fremden Gebäuden nach Räumen. Eigentlich bin ich ständig auf der Suche. Manchmal weiß ich nicht einmal nach was. Und dann mache ich Von hier an blind an. Die Lautsprecher aufgedreht oder im Auto mit gepresstem Ton aus dem Handy.

    Und dann fühle ich mich gut. Und schlecht, weil ich nicht weiter weiß. Das wiederum ist erfreulich. Denn immer zu wissen, wie es weitergeht, wäre auch langweilig. Und letztendlich sind die Gefühle verwirrt. Ich im Sandkasten. Ich auf dem Mond. Wahrscheinlicher zwischen unausgepackten Kisten im Bett, die Yucka Palme raschelt zustimmend.