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  • PRINTMAGAZINMÄDELS

    PRINTMAGAZINMÄDELS

    Der Blick heftet sich auf den Display vor meinen Augen. Das halbe Leben ist im Internet. Digitale Magazine, Videointerviews. Ein Fingerwischen und die Buchstaben ziehen an dir vorbei. Hier blinkt Werbung auf, da kommt eine Chatbenachrichtigung ins Fenster geslided. Wie wäre es zur Abwechslung mit einem gedruckten Heft? Doch wer macht sich heutzutage noch den Aufwand, ein Printmagazin auf die Beine zu stellen? Und warum?

    Das Internet ist voll mit guten Inhalten. Was uns fehlte, war die Zeit sie zu konsumieren. Print zwingt uns dazu, das Handy wegzulegen und uns auf eine Sache zu konzentrieren.

    Es ist vielleicht das, was am nächsten an „mit den Händen arbeiten“ dran ist, wenn man mit Gedanken arbeitet. Wenn man als Schreibende*r nicht gerade Bücher veröffentlicht, hält man sonst selten etwas in der Hand, nachdem man mit der Arbeit fertig ist.

    Ich war damals 15 Jahre alt, als ich eine Bucketlist geschrieben und an meinen Spiegel geklebt habe. „Ein eigenes Magazin“ stand darauf. Jahre später schien der Wunsch umsetzbarer und somit ging die Arbeit für das erste Printmagazin los.

    Und in diesen großen Haufen an Arbeit stürzten sich Melanie, Vanessa, Sara und Lea. Es entstanden drei unterschiedliche, vor allem unabhängige Magazine. Über Musik: b-seite und house in the sand, sowie Allerlei: PEEING IN THE SHOWER. Die drei Parteien wagen sich mit ihren Ideen in für sie bisher unbekanntes Terrain – ein erstes eigenes Printmagazin – und stehen damit vor so einigen Fragen:

    Wie soll das Magazin aussehen?

    Wie vergüte ich die Autor*innen und Mitwirkenden?

    Welche Themen wollen wir behandeln?

    Was mache ich, wenn mir ein eingereichter Beitrag nicht gefällt?

    Wie wollen wir das finanzieren?

    Werden wir das jemals schaffen?

    Am meisten aber haben wir uns gefragt, ob das alles irgendjemanden außer uns selbst interessiert.

    Doch bis die gedruckten Seiten auf die anvisierte Zielgruppe losgelassen werden – die Konzertgänger*innen, Merchkäufer*innen und Spotify-Premiumkund*innen, die Musikfans und Musiker*innen selbst, die Deutschlehrer*innen, Großeltern und alle Leute, die einfach mal ihre Ruhe haben und sich überraschen lassen wollen – bis das fertige Heft von all jenen in den Händen gehalten werden kann, wird hinter den Kulissen geschuftet, was das Zeug hält.

    Wir haben gelernt: Wie man ein Unternehmen gründet. Wie man ein Unternehmen gründet, während man Vollzeit arbeitet. Wie man ein Unternehmen gründet, während man Vollzeit arbeitet und täglich drei Stunden pendelt. Wie der Kosmos Musikindustrie funktioniert, wie man InDesign benutzt und welche Datei die Druckerei braucht, damit am Ende der richtige Glanzlack auf dem Cover ist. Wir haben kein professionelles Equipment, Lea hat das ganze Ding auf ihrem 14-Zoll Laptop ohne Maus und zeitweise auch ohne Schreibtisch designt.

    Von der ersten Mail bis zum Release waren es etwa vier Monate, in Stunden wahrscheinlich 100, die ich reingebuttert habe. Und das sind nur meine, jeder Beitrag braucht ja auch Zeit zum Entstehen.

    Es ist unheimlich viel Aufwand. Wir arbeiten monatelang an den Ausgaben, müssen für die meisten Shoots reisen. Das Magazin erarbeite ich mit meinem Kumpel und Grafikdesigner Chris Stringer und zu zweit ist der Arbeitsaufwand echt groß.

    Und wie bei so einem Projekt zu erwarten ist, geht nicht immer alles glatt. Es wird gezweifelt, ob die alte Spiegelreflexkamera für das Covershooting noch durchhält (was sie zum Glück tut). Probleme mit der Druckerei beeinflussen die Lieferzeit. Oder Leute, die zuerst begeistert zusagen, reichen im Nachhinein doch keinen Text ein. Vielleicht verpulvert man auch die ganze Arbeit für nichts, wenn das Crowdfunding am Ende scheitert. Wenn mal gar nichts klappt, dann hilft nur eins:

    Laptop zu, Schuhe an und an die frische Luft. Auf dem Rückweg Take-Away holen, dann Gilmore Girls oder Queer Eye schauen und bloß nicht über die b-seite reden.

    Meist reicht schon ein Wort, um uns gegenseitig aufzumunter – denn wenn wir teilweise bis spät in die Nacht arbeiten, kommt immer dieser Punkt des Deliriums, an dem alles lustig wird und die besten Insiderwitze entstehen.

    Aber wie sagt man so schön, wo man den steinigen und steilen Berg mit Schwierigkeit erklommen hat, kann man am anderen Ende schwungvoll hinunterrutschen. Und damit meine ich all die Dinge, die bei der Realisation des Magazin einfacher von Hand gingen, als gedacht. Das war zum Beispiel:

    Die Kommunikation mit Labels, Managements und Künstler*innen! Wir waren echt begeistert, wie super das geklappt und wie involviert alle Parteien waren. Gerade die Fotoshoots, die wir selbst übernommen haben, liefen problemlos ab.

    Der Verkauf! Ich hätte gedacht, dass die Leute dem Bezahlsystem misstrauischer gegenüberstehen (es handelt sich um pay what you what und dann auch noch via PayPal) und dass es schwerer wird, alle Hefte loszuwerden. Außerdem: Die Leute im Internet, vor denen man Angst hat, weil sie so cool aussehen, die sind genauso einsam/verzweifelt/voller Durst nach Nähe/Tatendrang wie man selbst und bisher hat niemand, den ich angeschrieben habe, nein gesagt. Die Leute wollen mitmachen, man muss nur fragen.

    Problem und Lösung. Schreibblockade und Textfluss. Tief und Kreativität. De- und Motivation. All dies haben sie überwunden. Sara und Lea halten ihre b-seite in der Hand (und arbeiten gerade an der zweiten Ausgabe), Melanie ging vor kurzem mit dem PEEING IN THE SHOWER Zine in eine zweite Ausgabe und Vanessa kann ebenfalls bereits zwei eigens konzipierte Hefte verzeichnen. Was ist das schönste am gesamten Prozess?

    Wenn man die Druckfreigabe erteilt hat und den Laptop zuklappt, wenn sich die Kisten im Wohnzimmer stapeln und wenn uns Leser*innen ihr Feedback schicken. Wenn man begreift, dass es da draußen wirklich Leute gibt, die sich mit dem, was man da gemacht hat, beschäftigen.

    Der Moment, wenn der Druck geliefert wird und man seine Arbeit zum ersten Mal in den Händen hält. Aber tatsächlich freue ich mich mehr, wenn die Leser*innen und Musiker*innen, die im Magazin gefeatured sind, die Ausgaben erhalten.

    Der Releasetag! Die erste Bestellung! Wenn die Mitwirkenden das Magazin und die anderen Teammitglieder zum ersten Mal sehen und sich neue Bande bilden! Und auch ganz vorn auf der Liste: Wenn der Zyklus endlich wieder vorbei (ausverkauft, das letzte Heft verschickt, Promo abgeschlossen) ist.

    Mit diesem geschlossenen Zyklus, endet ein ganzer Abschnitt. Dann ist das Projekt in neuer Obhut. Die der Leser*innen. Die oben angesprochene Zielgruppe und vielleicht auch ganz unerwartete Gesichter, die nun die Seiten ihrer Ausgabe vor sich haben. Augen fliegen über bedrucktes Blatt. Und sie sehen, ja was genau?

    Hoffentlich sehen sie Herzblut und Leidenschaft in Verbindung mit interessanten Themen, schönen Bildern und guten Geschichten. Sie sehen nicht die unzähligen Nächte und Wochenenden, die Autofahrten nach Frankfurt, bei denen die Beifahrerin morgens geschlafen und auf dem Heimweg an der b-seite gearbeitet hat. Sie sehen auch nicht, die Verzweiflung, weil keiner von uns beiden weiß, wie man DIESE SCHEIß FARBKANÄLE IN INDESIGN EXORTIERT oder wir uns Sorgen machen, aus einem Termin ohne vernünftige Fotos rauszugehen. Und hoffentlich auch nicht, welche Arbeit hinter der Vermarktung steckt, wenn man alles ohne Werbebudget macht.

    Sie sehen 80 Seiten, gefüllt mit Geschichten aus sämtlichen Ecken der Musikindustrie. Sie sehen hoffentlich, wie viel Liebe zum Detail drin steckt. Was sie nicht sehen, sind die Schreibkrämpfe, die wir haben, wenn etwas nicht klappt.

    Sie sehen hoffentlich Unterhaltung, viel Fantasie und eine Alternative. Was sie nicht sehen, ist die Arbeit im Hintergrund. Sie sehen nur das Papier vor sich und bewerten monetär oft auch nur das.

    Ihre ersten eigenen Printmagazine waren ein Erfolg. Das erklärt die jeweiligen zweiten Ausgaben. Am Ende überwiegen die schönen Momente, der Wille eine Alternative zu schaffen. Eine Alternative für all die unruhigen Internetseiten, weg von Massenprodukten hin zu etwas Handgemachtem, zu kleinen Lesekreisen und realem Austausch. Print ist auch in unserer Online-Welt noch immer im Gespräch. Und wird es bleiben, denn:

    Für uns hat Print einen ähnlichen Stellenwert wie Analogfotografie oder Schallplatten: Es gibt moderne Alternativen, die fühlen sich aber nicht so gut an. Es wird immer Leute geben, die frisch bedrucktes Papier ihrem schmierigen Handydisplay vorziehen. Nicht für tägliche Nachrichten, sondern für schöne Dinge, für die man sich bewusst Zeit nehmen will.

    Ich nehme Magazine unheimlich gern mit auf Reisen. Deswegen ist Print für mich ein treuer Begleiter.

    Ich lese gern ein schön gemachtes Magazin, ich möchte ein schön gemachtes Magazin anbieten. Es geht auch darum, einen Unterschied zu machen, zu dezentralisieren, die Besteller*innen wegzuholen von den seelenlosen Outlets und hin zu echten Menschen wie meiner Crew oder ähnlichen Produkten.

    So ist das mit den Printmagazinen. Oder zumindest mit denen von Melanie, Vanessea, Lea und Sara. Die Printmagazinmädels, die mit diesem Einblick ein kleines Geschmäckle geben, wie es ist, ein eigenes Heft auf die Beine zu stellen. Zeit, für einen kurz und knackigen Recap?

    Vorher war uns nicht klar, dass viele wichtige Menschen mit dir sprechen, wenn du einfach fragst. Und im Nachhinein hätten wir auf den Glanzlack auf dem Cover verzichten können, der war nämlich richtig teuer

    Vorher war uns nicht klar, dass die Arbeit so lange dauern würde. Und im Nachhinein hätten wir auf die Sponsorensuche verzichten können.

    Vorher war mir nicht klar, dass es so einfach ist, ein Magazin zu machen. Es ist viel Arbeit, aber es ist keine komplizierte oder schwere Arbeit. Es ist vor allem Fleiß. Satz, Druck, Vertrieb – das kann man alles relativ einfach lösen.

    Dabei darf man nicht vergessen,

    dass uns die b-seite immer noch Spaß machen soll. An manchen Abenden ist Phase 10 wichtiger als ein Instagram-Post.

    dass es unfassbar viel physische, aber auch emotionale Arbeit ist.

    dass die Musikindustrie sehr schnelllebig ist.

    Und zu guter letzt:

    Ohne

    Eigeninitiative

    Kommunikation

    Risiko und Apfellinge

    funktioniert gar nichts.

    Vielen Dank an Sara und Lea von der b-seite, an Melanie vom PEEING IN THE SHOWER Zine und an Vanessa von house in the sand für die Einblicke hinter die Kulissen des Making-of eines eigenen Printmagazins!


  • KOPFHÖRER UND SOUNDMEDITATION

    KOPFHÖRER UND SOUNDMEDITATION

    Freitag, zehn Uhr. Es ist das letzte Seminar für diese Woche. Als ich mich vor den Bildschirm setze, sehe ich zuerst nur den Schweriner See. Dann, auf den zweiten Blick weichen die Gedanken an den bevorstehenden Wochenendausflug den kleinen Videokästchen auf meinem Laptop. Das Rechteck mit dem Gesicht unseres Dozenten ist grün eingerahmt, während er mit seinem amerikanischen Akzent das Thema der heutigen Diskussion vorstellt:

    Wie hat die Erfindung der Kopfhörer die Musik und das Musikhören beeinflusst?

    Mein erster Gedanke gilt den Topfpflanzen auf dem Fensterbrett, die ich vor meiner Abfahrt definitiv nochmal gießen sollte. Würde ich ständig Musik ohne Kopfhörer hören, wären sie schon längst eingegangen. Denn Rockmusik mögen Philodendron und Co absolut nicht. Besonders fatal wird es, wenn eine elektrische Gitarre involviert ist. Das grüne Gewächs gedeiht am besten bei klassischer Musik, Brahms und Schubert. Allen voran hört es natürlich Bach am liebsten. So steht es zumindest in einem Buch, das ich vor Kurzem las. Eine amüsante Verschwörungstheorie gegen die „satanische Rockmusik“.

    Doch zurück zu den Kopfhörern. Von mir am meisten genutzt auf langen Bahnfahrten. Begleiter auf Wegen von A nach B. Wie sehr ich mich an die musikalische Untermalung gewöhnt habe, wird erst so richtig klar, wenn sie fehlt. Die Geräusche werden intensiver und plötzlich fällt der Blick auf ganz neue, doch schon immer dagewesene Dinge. Der kleine Eckladen mit der flackernden Neonreklame. Oder das zurückgelassene Skelett eines lila lackierten Fahrrads an dieser einen Straßenlampe. Als hätte die Musik das Sehvermögen eingeschränkt.

    Von Handyakkus und Wanderliedern

    Manchmal werden jedoch ohne Musik die Wege länger und Zeit vergeht langsamer. Ich merke wie meine Motivation sinkt, als ich bei einer Stunde Fußweg an der Bundesstraße 5 nicht einfach die zwei kleinen Stöpsel in die Ohren stecken und mich mit fröhlichen Melodien berieseln lassen kann. Der Akku ist leer, kein Telefonjoker für mich auf diesem Weg nach Schwerin. Nachdem das Personal die Fahrgäste zwei Stationen hinter Berlin aus dem Zug lotste – wegen einer Streckensperrung gibt es ab hier keine Weiterfahrt – und ich zu ungeduldig für ein Warten auf den Ersatzverkehr war, habe ich nach anderen Fortbewegungsmöglichkeiten gesucht.

    So startet der Wochenendausflug jedenfalls abenteuerlich. Doch per Anhalter zu fahren, habe ich mir einfacher vorgestellt. Jetzt liegen acht der zwanzig Kilometer zum nächsten Bahnhof hinter mir und noch kein Autofahrer hat auf meinen ausgestreckten Daumen reagiert. Kleine Grashalme vom frisch gemähten Seitenstreifen piksen in meinen Schuhen. Und da ich keine Musik hören kann, beschließe ich, selbst welche zu machen. Warum will mir in dieser Situation kein anderes Lied als Im Frühtau zu Berge einfallen? Und selbst davon kann ich nur die erste Strophe.

    Neben mir wird ein Auto langsamer. Es ist ein kleines weißes, mit schwarzen Türgriffen aus rauem Plastik. Die Beifahrerscheibe ist heruntergekurbelt. Ein Typ, vielleicht Anfang dreißig, lächelt mir breit entgegen. „Kann ich dich ein Stück mitnehmen?“ In meinem Kopf leuchten die Lämpchen abwechselnd rot und grün, während ich die Vertrauenswürdigkeit des Unbekannten einzuschätzen versuche. Noch ganz außer Atem vom vielen Im Frühtau zu Berge singen, frage ich ihn, ob er am nächsten Bahnhof vorbeifährt. Er nickt, ich steige ich ein. Zwei bunte, geknüpfte Armbänder baumeln am Handgelenk des Fahrers und auf der Rückbank entdecke ich im Kindersitz einen kleinen Jungen.

    Haferbrei statt Hautausschlag

    Hätte der kleine Junge Kopfhörer, würden wir jetzt nicht auf voller Lautstärke den kleinen Drachen Kokosnuss hören. Ich könnte mich mit dem Typen unterhalten. Über seinen missglückten Versuch, ab einer Autobahneinfahrt zu trampen. Stattdessen schildert der Erzähler im Hörbuch gerade, dass Drachen kein Fleisch vertragen. Sie bekommen davon Hautausschlag. Haferbrei scheint da die einzig richtige Alternative. Ich mag Haferbrei, der Fahrer auch. Bevor ich das Ende der Geschichte um den kleinen Drachen hören kann, muss ich schon wieder aussteigen.

    Meinem Ziel, der Mecklenburg-Vorpommerischen Landeshauptstadt, bin ich nun ein Stück näher. Ich setze mich erneut in den Zug und die Kopfhörer auf. Das Handy hängt an einem Kabel an der Steckdose. Die nächste Stunde ist dem neuen Album von Denai Moore gewidmet. So sind alle Passagiere stumm geschalten, Beschwerden über verspätete Züge ausgeblendet. Und genauso froh wie ich über das ersparte Gerede bin, sind wahrscheinlich auch die Anderen, da sie nicht einen einzelnen Song, Grapefruit on The Porch, in unablässliger Dauerschleife hören müssen.

    Nachts (und nackt?) im Hafenbecken

    Dann gibt es wiederum Situationen, in denen Kopfhörer gänzlich fehl am Platz sind. Wie sähe die ausgelassene Hausparty aus, wenn am Eingang diese Geräte verteilt würden und jeder doch wieder für sich ist? Was wird aus dem nächtlichen Abhängen am Hafen? Unter Mondschein zerreißt laute Musik die Dunkelheit. Ich wälze mich auf der Pritsche im Boot und öffne das kleine Bullauge. Neben kühler Nachtluft und ausgelassenen Melodien, weht mir das Klirren von Bierflaschen entgegen. Auf dem gegenüberliegenden Steg hat sich eine Gruppe Jugendlicher zusammengefunden.

    Es ist Vollmond. Er glitzert auf dem leicht gekräuselten Wasser. Das Boot wippt erst nur leicht, dann fängt es an zu schaukeln. Eine der in Dunkelheit gehüllten Personen ist mit lautem Knall im Hafenbecken gelandet. Kurz ärgere ich mich über die Wetterlage, die mein Vorhaben im Schweriner See zu baden durchkreuzte. Vielleicht sollte ich mich dem Typen anschließen. Sein Kopf gleitet durch das Wasser. War das gewollt, oder ist es dem Alkohol geschuldet? Dann kommt die Wasserschutzpolizei. Noch mehr Wellen, zu denen das Boot auf und ab schaukelt.

    Der Nachtschwimmer steigt wieder an Land. Die Musik wird gedämpft, es gab Beschwerden wegen Ruhestörung. Und die Gruppe sammelt sich um den triefenden Typen, der sich irgendwo das Knie aufgeschlagen hat. Der Lichtkegel einer Taschenlampe wandert über das blutrote Bein. Ein Verband wird unbeholfen angelegt. Sieht aus, als wäre die Party vorbei. Ich schließe das Bullauge und lege mich zurück auf die Pritsche.

    Frühstück zum neuen Joris Song

    Neben den Hörgewohnheiten hat sich auch die Musik durch Kopfhörer verändert. Es gibt keine großen Dynamiken mehr. Orchester, die ein Stück unsagbar leise beginnen und in einen ohnmächtigen Paukenschlag münden, sollten nicht durch den Kopfhörer schallen. Und wer will, ständig einen Finger am Regler, die Lautstärke neu einstellen? So werden die meisten Songs auf eine konstante Dynamik geeicht, komprimiert. Töne im Hintergrund verlieren an Tiefe, wie uns der Dozent an einem Beispiel seines jaulenden Hunds erklärt.

    Er weist uns zur Soundmeditation an. Jeden Tag zehn Minuten. Vielleicht zum Frühstück oder nachts um drei auf einem Dach in Berlin. Dabei konzentriert man sich auf die Geräusche der Umgebung, ohne sie spezifisch einer Quelle zuzuordnen. Ziel ist es, den am weitesten entfernten Klang herauszufiltern. Dann soll später die Identifikation solcher Songs, die in alter Manier noch Tiefe aufweisen, neben den für Kopfhörer geebneten leichter fallen. Also setzte ich mich auf den Steg neben das Boot meiner Eltern. Mit geschlossenen Augen lausche ich dem Wind, den klappernden Masten der Segelboote und dem Verkehr von weither.

    Bis mein Vater mich zum Frühstück ruft. Der neue Joris Song Nur die Musik läuft gerade. Das Radio wird lauter gedreht. „Jetzt mach mal hier deine Meditation und sag mir, was das für eine Flöte ist.“ Ich mag Joris nicht. Das weiß Papa, deshalb grinst er auch so. Nachdem ich auf die Stelle nach dem Refrain warte, vermute ich ein einfaches Pfeifen hinter diesem krächzenden Geflöte. Dann beiße ich in mein Marmeladen-Brötchen. Es ist Sonntag, das Schwerin Wochenende neigt sich dem Ende.


  • MENSCH – MASCHINE – MUSIK

    MENSCH – MASCHINE – MUSIK

    Letztes Jahr trat Ólafur Arnalds beim Reeperbahn Festival auf. Zusammen mit „Stratus“, seiner selbst programmierten Audio-Software. Während der Isländer sich hinter einem Klavier platzierte und die Finger sanft über die Tasten bewegte, ergänzte Stratus auf zwei weiteren Klavieren die Komposition. Zu jedem Ton, den Ólafur anschlug, dachte sich die Software passende Melodien und Klänge aus.

    Holly Herndon veröffentlichte im vergangenen Mai ihr Album PROTO. Doch nicht nur die aus Tennessee stammende Künstlerin ist darauf zu hören, sondern auch „Spawn“. Eine künstliche Intelligenz, der Holly das Singen beigebracht hat. Dazu lieh sie Spawn ihre Stimme und fütterte die KI mit weiteren von Menschen produzierten Gesängen. Spawn entwickelte ihre eigene Klangfarbe und Holly den Dialog mit der Technologie. Im Rahmen eines Pop Albums.

    Künstliche Intelligenz in der Kunst

    Ein Mensch und zwei von selbst spielende Klaviere oder das Duett mit der künstlichen Intelligenz – beides ist seit einiger Zeit keine Zukunftsmusik mehr. Die Möglichkeiten, Technologie in die Songkomposition einzubeziehen, gehen mittlerweile über elektronische Keyboards oder Computerprogramme zur Tonbearbeitung hinaus. Und das Verständnis von Software als reines Werkzeug des Menschen wird mit Projekten wie denen von Holly Herndon oder Ólafur Arnalds hinterfragt.

    Seit kurzem reiht sich ein weiteres Musikprojekt in die Versuche ein, neue Klangwelten mit der Hilfe einer Künstlichen Intelligenz zu erschaffen. Das Produzentenduo dp und die KI „Lucy“ veröffentlichten am Neujahrstag 2020 ihren ersten gemeinsamen Track Endless. Am 24. Januar folgte die zweite Single Ciao (Let Me Be Your Pick) und der dritte Song im Bunde, The Journey, wird morgen für die breite Öffentlichkeit zu hören sein.

    Lucy Dreams

    „Lucy Dreams ist für uns wie eine zufällig aufgestoßene Tür in ein unbekanntes Sound Universum. Musik und Melodien haben uns immer schon fasziniert, ebenfalls technologischer Fortschritt. Eine Kombination aus diesen zwei Leidenschaften hat dazu geführt, dass wir mit einem System an Effekten unerwartet spannende Klänge erzeugt haben. Zu Beginn waren wir selbst überrascht, was möglich ist. Wir, dp, sind gerade dabei, dieses Universum Schritt für Schritt zu erkunden. dp deswegen, weil wir uns mit einem popkulturellen Augenzwinkern in die zweite Reihe stellen und der Maschine die Bühne überlassen.“

    Aus der Kopplung digitaler und analoger Effekte entstand zufällig ein System, das in Zukunft eigene Soundstrukturen produzieren sollte. Ohne eine konkrete Idee zu verfolgen, haben dp Einstellungen an ihrem Effekt-System vorgenommen, Klänge eingespeist, experimentiert. Als Grundlage dienten Stücke von Kraftwerk, Mozart und Pink Floyd, die mittlerweile durch verschiedenste Sounds erweitert wurde. Und am Ende wurde beobachtet, was nach ihrem Input wieder herauskommt.

    „Teilweise dauerte es mehrere Minuten, bis erkennbare Strukturen zu hören waren. Diese Resultate waren für uns unerwartet und faszinierend. Also haben wir weiter mit diesem System gespielt und es Lucy getauft. Die Resultate, also die erkennbaren Strukturen, sind Lucys Träume.“

    Diese Träume sind in den genannten Songs von Lucy Dreams bereits zu hören. Melodien und Rhythmen. So ist zum Beispiel die Melodie der Vocals im Refrain von Ciao (Let Me Be Your Pick) ein Ergebnis der Klangexperimente. „Natürlich braucht es menschliches Zutun, dass daraus dann ein Popsong entsteht. Es ist jedoch faszinierend, diesen digitalen Quell als Ausgangspunkt zu nehmen.“

    Die Traumlandschaft Lucy’s ist verlockend und ein noch längst nicht erschöpfter Topf an Möglichkeiten, Bits und Bytes tanzen zu lassen. Und neben der morgigen Songveröffentlichung, wird die Neugier des Produzentenduos dp künftig für weitere Experimente sorgen: „Der Kosmos, in den wir uns selbst geschossen haben, verführt uns jeden Tag aufs Neue. Wir arbeiten an neuen Songs.“

    „Und es entstehen auch laufend frische Ideen, so soll zum Beispiel in Zukunft die Hörerschaft die Möglichkeit bekommen, Lucy zu füttern.“

    Doch zu all der Faszination für den technologischen Fortschritt gesellt sich auch die Skepsis. Für mich, aus einer Sicht als Hörerin, scheint dieser Einbezug einer künstlichen Intelligenz in die Songkomposition noch so ungreifbar. Das macht einen gewissen Reiz aus. Gleichzeitig frage ich mich, inwieweit künstliche Intelligenzen in Zukunft die Produktion von Musik selbstständig übernehmen können. Bei den Hintergrundsounds von Computerspielen ist das ja jetzt schon ein Ding. Wird sich das Verhältnis von Mensch und Maschine wenden? Wird unsere Kreativität das Werkzeug der Software und nicht mehr andersrum?

    Das sind nur einige vage Fragen. Und Lucy Dreams ist eines der Projekte auf dem Weg dieser spannenden Entwicklung. Was in ein paar Jahren sein wird, können auch dp bisher nur vermuten: „Es wird neue, wegweisende Formen der Komposition geben. Spannende Blicke in die Zukunft hat zum Beispiel das Ars Electronica in Linz mit der Ausstellung AIxMusic gewagt. Die Rolle der Maschine wird eine bedeutende sein.“

    „Die wesentlichen Elemente der Kunst, wie etwa die Fantasie, bleiben aber in den Händen des Menschen und seinen Emotionen.“

    Das Gefühl. Künstler*innen und Bands schreiben Songs mit der Intention, bei ihren Hörer*innen etwas damit auszulösen. Eine Gefühlsregung, ob gut oder schlecht. Und es ist bekannt, dass Maschinen (noch?) nicht fühlen können. Wie entstehen zwischen Signalen und Codes der künstlichen Intelligenz die Emotionen?

    „Basiert nicht vieles im Leben auf Signalen und Codes? Unsere DNA ist ein Code, Bienen kommunizieren mit Signalen, Sprache ist ein Code. Unsere Sinne entscheiden dann, ob wir den Code verstehen und ob er Gefühle in uns auslöst. Neben dem Erzeugen eines positiven Gefühls ist das Spannende an Musik auch, dass sie das Ohr herausfordert. Unbekannte Klänge, womöglich durch neuartige Signale und Codes erzeugt, können bewirken, dass man sich umso mehr mit dem Gehörten und in weiterer Folge mit sich selbst auseinandersetzt.“

    „Solche künstlichen Elemente sind also interessanter Bestandteil von Musik, sie funktionieren aber nur, wenn sie kreativ eingesetzt werden. Diese Kreativität, der spontane Sinn für das Schöne, der unserem Handeln innewohnt, wird schwer maschinell reproduzierbar sein. Zum Glück.“

    Dieser Text basiert auf einem Interview mit dp aus dem April 2020.