Kategorie: INTERVIEW


  • HYPERPOP ZUCKERSCHOCK

    In einem breiten Ringordner, der in ein kariertes Küchentuch eingeschlagen ist, bewahrt meine Mutter ihre Rezepte auf. Für Kuchen, Kekse oder Kürbiskernbrot. Bei Fragen nach der Menge einzelner Zutaten oder einer Backzeit ist immer gewiss eine Antwort auf den eingehefteten linierten Karteikarten zu finden.

    Wie wäre es, wenn das Songschreiben auf ähnliche Art verläuft? Und zwischen den mit Filzstift umrahmten Lieblingsrezepten hier und da die Melodie des nächsten Charterfolgs aufgeschlüsselt in seine kleinsten Bestandteile und Stimmungen daliegt?

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  • EIN BEAT, EINE GITARRE UND EINE STIMME

    EIN BEAT, EINE GITARRE UND EINE STIMME

    Schon von Weitem ist die rot leuchtende, Bowie-eske Frisur von Crayon Jones zu erkennen. Die Gitarre im Rucksack über der Schulter wartet er zusammen mit seinen Bandkolleginnen Nico Rosch und Vik Chi vor dem Geschwister Nothaft Café, wo es noch einen Matcha Latte auf die Hand gibt, bevor die Probe beginnt. Wie sonst jeden Donnerstag trifft sich das Trio in Berlin Neukölln, um für das gemeinsame Bandprojekt zu üben – Indie, Garagenrock und DIY treffen hier unter dem Namen LOBSTERBOMB aufeinander. 

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  • VON TRAUMWELTEN UND SCHLAFLOSEN NÄCHTEN

    VON TRAUMWELTEN UND SCHLAFLOSEN NÄCHTEN

    Morgens immer müde. Das liegt nicht allein an durchtanzten Nächten, wie es Laing in ihrem 2012er Radiohit besingen. Mit einer anderen Form der schlaflosen Stunden beschäftigt sich neun Jahre später die Wuppertaler Künstlerin Maria Basel. In the silence when my thoughts get loud / In the void I find myself at night / I lie back and start thinking about all the memories come crashing back to me now.

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  • ÜBER UNIVERSITÄTSKINDER UND FAKE TV-SHOWS

    ÜBER UNIVERSITÄTSKINDER UND FAKE TV-SHOWS

    Ein sonniger Tag Mitte März. Die gold-gelben Strahlen fallen durch das große Fenster auf mein Gesicht, während ich auf den Hinterhof blicke. Das Dach gegenüber glitzert im Licht. Und irgendwo aus der Entfernung lässt sich eine lieblich trunkene Melodie vernehmen. Mysteriös und umarmend zugleich. Sie weitet sich aus zu einer Songfolge, die ich in den letzten Tagen so oft gehört habe, dass mich ihr Klang mittlerweile auch ohne Kopfhörer oder Anlage begleitet. Paradigmes der Gruppe La Femme – was für ein wundervolles Album!

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  • WIE ENTDECKEN WIR HEUTZUTAGE MUSIK?

    Was war der letzte Song, den du gefunden hast und vor allem – wie? Wie entdecken wir heutzutage Musik? Und ist das Suchen und Finden von Songs durch Streamingdienste und algorithmische Playlists unemotionaler, unpersönlicher geworden? Welche Rolle spielen dabei Fernsehserien, Konzerte und die Empfehlungen von Freund*innen? Über all das habe ich mich mit der Münchener Musikerin MOLA unterhalten und in dem folgenden Audio-Interview festgehalten

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  • DIE IDEOLOGIE AUTHENTISCHER ROCKMUSIK

    DIE IDEOLOGIE AUTHENTISCHER ROCKMUSIK

    „Das alles klingt wie ein britischer Sturm, ein bisschen Pöbeln und eine gewisse Coolness stehen über allem […]. Aber eben so stimmig, dass der Noise-Faktor und die Hektik dieser geladenen Songs den Effekt von Authentizität verstärken.“ – Bedroomdisco 2021

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  • DESIGN UND MUSIK

    „Es war immer ein großer Traum von mir, etwas in Verbindung mit Musik zu machen.“ Da er kein Instrument spielte, blieb Sandro Rybak’s Wunsch, in einer Band zu spielen, jedoch unerfüllt. Bis klar wurde, dass man gar nicht musikalisch aktiv sein muss, um seinen Teil zur Musiklandschaft beizutragen. „Und jetzt kann ich mit meinen Designs einer davon sein!“ Denn zu einem Album, einer Band gehört mehr als ein paar Personen mit Instrumenten in der Hand. 

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  • FRAGEN UND FACES

    FRAGEN UND FACES

    Wann hast du dich das letzte Mal in ein Freund*innenbuch eingetragen? Bei mir ist das schon eine Weile her (siehe Titelbild; wie alt bin ich da? sechs?). Nicht ganz so lang her ist es bei den folgenden 18 Personen/Bands, die Anna und ich mit unseren Fragebögen konfrontiert haben.

    Eine kleine Erklärung: Anna führte vor einiger Zeit ebenfalls einen Musikblog und hat dort ihre Fragen Bands wie Leoniden oder Von Wegen Lisbeth vor ihrem „großen Durchbruch“ zugeschoben. Um in alten Zeiten zu schwelgen, haben wir uns kurzerhand zusammengetan und nicht nur das Freund*innenbuch wieder aufleben lassen, sondern auch musikthematisch einige Aspekte verarbeitet, die in meinen regulären Interviews eher nicht zur Sprache kommen. Wir haben den Bogen jeweils an unsere Lieblingskünstler*innen gesendet und das kam dabei raus. have fun:

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  • PRINTMAGAZINMÄDELS

    PRINTMAGAZINMÄDELS

    Der Blick heftet sich auf den Display vor meinen Augen. Das halbe Leben ist im Internet. Digitale Magazine, Videointerviews. Ein Fingerwischen und die Buchstaben ziehen an dir vorbei. Hier blinkt Werbung auf, da kommt eine Chatbenachrichtigung ins Fenster geslided. Wie wäre es zur Abwechslung mit einem gedruckten Heft? Doch wer macht sich heutzutage noch den Aufwand, ein Printmagazin auf die Beine zu stellen? Und warum?

    Das Internet ist voll mit guten Inhalten. Was uns fehlte, war die Zeit sie zu konsumieren. Print zwingt uns dazu, das Handy wegzulegen und uns auf eine Sache zu konzentrieren.

    Es ist vielleicht das, was am nächsten an „mit den Händen arbeiten“ dran ist, wenn man mit Gedanken arbeitet. Wenn man als Schreibende*r nicht gerade Bücher veröffentlicht, hält man sonst selten etwas in der Hand, nachdem man mit der Arbeit fertig ist.

    Ich war damals 15 Jahre alt, als ich eine Bucketlist geschrieben und an meinen Spiegel geklebt habe. „Ein eigenes Magazin“ stand darauf. Jahre später schien der Wunsch umsetzbarer und somit ging die Arbeit für das erste Printmagazin los.

    Und in diesen großen Haufen an Arbeit stürzten sich Melanie, Vanessa, Sara und Lea. Es entstanden drei unterschiedliche, vor allem unabhängige Magazine. Über Musik: b-seite und house in the sand, sowie Allerlei: PEEING IN THE SHOWER. Die drei Parteien wagen sich mit ihren Ideen in für sie bisher unbekanntes Terrain – ein erstes eigenes Printmagazin – und stehen damit vor so einigen Fragen:

    Wie soll das Magazin aussehen?

    Wie vergüte ich die Autor*innen und Mitwirkenden?

    Welche Themen wollen wir behandeln?

    Was mache ich, wenn mir ein eingereichter Beitrag nicht gefällt?

    Wie wollen wir das finanzieren?

    Werden wir das jemals schaffen?

    Am meisten aber haben wir uns gefragt, ob das alles irgendjemanden außer uns selbst interessiert.

    Doch bis die gedruckten Seiten auf die anvisierte Zielgruppe losgelassen werden – die Konzertgänger*innen, Merchkäufer*innen und Spotify-Premiumkund*innen, die Musikfans und Musiker*innen selbst, die Deutschlehrer*innen, Großeltern und alle Leute, die einfach mal ihre Ruhe haben und sich überraschen lassen wollen – bis das fertige Heft von all jenen in den Händen gehalten werden kann, wird hinter den Kulissen geschuftet, was das Zeug hält.

    Wir haben gelernt: Wie man ein Unternehmen gründet. Wie man ein Unternehmen gründet, während man Vollzeit arbeitet. Wie man ein Unternehmen gründet, während man Vollzeit arbeitet und täglich drei Stunden pendelt. Wie der Kosmos Musikindustrie funktioniert, wie man InDesign benutzt und welche Datei die Druckerei braucht, damit am Ende der richtige Glanzlack auf dem Cover ist. Wir haben kein professionelles Equipment, Lea hat das ganze Ding auf ihrem 14-Zoll Laptop ohne Maus und zeitweise auch ohne Schreibtisch designt.

    Von der ersten Mail bis zum Release waren es etwa vier Monate, in Stunden wahrscheinlich 100, die ich reingebuttert habe. Und das sind nur meine, jeder Beitrag braucht ja auch Zeit zum Entstehen.

    Es ist unheimlich viel Aufwand. Wir arbeiten monatelang an den Ausgaben, müssen für die meisten Shoots reisen. Das Magazin erarbeite ich mit meinem Kumpel und Grafikdesigner Chris Stringer und zu zweit ist der Arbeitsaufwand echt groß.

    Und wie bei so einem Projekt zu erwarten ist, geht nicht immer alles glatt. Es wird gezweifelt, ob die alte Spiegelreflexkamera für das Covershooting noch durchhält (was sie zum Glück tut). Probleme mit der Druckerei beeinflussen die Lieferzeit. Oder Leute, die zuerst begeistert zusagen, reichen im Nachhinein doch keinen Text ein. Vielleicht verpulvert man auch die ganze Arbeit für nichts, wenn das Crowdfunding am Ende scheitert. Wenn mal gar nichts klappt, dann hilft nur eins:

    Laptop zu, Schuhe an und an die frische Luft. Auf dem Rückweg Take-Away holen, dann Gilmore Girls oder Queer Eye schauen und bloß nicht über die b-seite reden.

    Meist reicht schon ein Wort, um uns gegenseitig aufzumunter – denn wenn wir teilweise bis spät in die Nacht arbeiten, kommt immer dieser Punkt des Deliriums, an dem alles lustig wird und die besten Insiderwitze entstehen.

    Aber wie sagt man so schön, wo man den steinigen und steilen Berg mit Schwierigkeit erklommen hat, kann man am anderen Ende schwungvoll hinunterrutschen. Und damit meine ich all die Dinge, die bei der Realisation des Magazin einfacher von Hand gingen, als gedacht. Das war zum Beispiel:

    Die Kommunikation mit Labels, Managements und Künstler*innen! Wir waren echt begeistert, wie super das geklappt und wie involviert alle Parteien waren. Gerade die Fotoshoots, die wir selbst übernommen haben, liefen problemlos ab.

    Der Verkauf! Ich hätte gedacht, dass die Leute dem Bezahlsystem misstrauischer gegenüberstehen (es handelt sich um pay what you what und dann auch noch via PayPal) und dass es schwerer wird, alle Hefte loszuwerden. Außerdem: Die Leute im Internet, vor denen man Angst hat, weil sie so cool aussehen, die sind genauso einsam/verzweifelt/voller Durst nach Nähe/Tatendrang wie man selbst und bisher hat niemand, den ich angeschrieben habe, nein gesagt. Die Leute wollen mitmachen, man muss nur fragen.

    Problem und Lösung. Schreibblockade und Textfluss. Tief und Kreativität. De- und Motivation. All dies haben sie überwunden. Sara und Lea halten ihre b-seite in der Hand (und arbeiten gerade an der zweiten Ausgabe), Melanie ging vor kurzem mit dem PEEING IN THE SHOWER Zine in eine zweite Ausgabe und Vanessa kann ebenfalls bereits zwei eigens konzipierte Hefte verzeichnen. Was ist das schönste am gesamten Prozess?

    Wenn man die Druckfreigabe erteilt hat und den Laptop zuklappt, wenn sich die Kisten im Wohnzimmer stapeln und wenn uns Leser*innen ihr Feedback schicken. Wenn man begreift, dass es da draußen wirklich Leute gibt, die sich mit dem, was man da gemacht hat, beschäftigen.

    Der Moment, wenn der Druck geliefert wird und man seine Arbeit zum ersten Mal in den Händen hält. Aber tatsächlich freue ich mich mehr, wenn die Leser*innen und Musiker*innen, die im Magazin gefeatured sind, die Ausgaben erhalten.

    Der Releasetag! Die erste Bestellung! Wenn die Mitwirkenden das Magazin und die anderen Teammitglieder zum ersten Mal sehen und sich neue Bande bilden! Und auch ganz vorn auf der Liste: Wenn der Zyklus endlich wieder vorbei (ausverkauft, das letzte Heft verschickt, Promo abgeschlossen) ist.

    Mit diesem geschlossenen Zyklus, endet ein ganzer Abschnitt. Dann ist das Projekt in neuer Obhut. Die der Leser*innen. Die oben angesprochene Zielgruppe und vielleicht auch ganz unerwartete Gesichter, die nun die Seiten ihrer Ausgabe vor sich haben. Augen fliegen über bedrucktes Blatt. Und sie sehen, ja was genau?

    Hoffentlich sehen sie Herzblut und Leidenschaft in Verbindung mit interessanten Themen, schönen Bildern und guten Geschichten. Sie sehen nicht die unzähligen Nächte und Wochenenden, die Autofahrten nach Frankfurt, bei denen die Beifahrerin morgens geschlafen und auf dem Heimweg an der b-seite gearbeitet hat. Sie sehen auch nicht, die Verzweiflung, weil keiner von uns beiden weiß, wie man DIESE SCHEIß FARBKANÄLE IN INDESIGN EXORTIERT oder wir uns Sorgen machen, aus einem Termin ohne vernünftige Fotos rauszugehen. Und hoffentlich auch nicht, welche Arbeit hinter der Vermarktung steckt, wenn man alles ohne Werbebudget macht.

    Sie sehen 80 Seiten, gefüllt mit Geschichten aus sämtlichen Ecken der Musikindustrie. Sie sehen hoffentlich, wie viel Liebe zum Detail drin steckt. Was sie nicht sehen, sind die Schreibkrämpfe, die wir haben, wenn etwas nicht klappt.

    Sie sehen hoffentlich Unterhaltung, viel Fantasie und eine Alternative. Was sie nicht sehen, ist die Arbeit im Hintergrund. Sie sehen nur das Papier vor sich und bewerten monetär oft auch nur das.

    Ihre ersten eigenen Printmagazine waren ein Erfolg. Das erklärt die jeweiligen zweiten Ausgaben. Am Ende überwiegen die schönen Momente, der Wille eine Alternative zu schaffen. Eine Alternative für all die unruhigen Internetseiten, weg von Massenprodukten hin zu etwas Handgemachtem, zu kleinen Lesekreisen und realem Austausch. Print ist auch in unserer Online-Welt noch immer im Gespräch. Und wird es bleiben, denn:

    Für uns hat Print einen ähnlichen Stellenwert wie Analogfotografie oder Schallplatten: Es gibt moderne Alternativen, die fühlen sich aber nicht so gut an. Es wird immer Leute geben, die frisch bedrucktes Papier ihrem schmierigen Handydisplay vorziehen. Nicht für tägliche Nachrichten, sondern für schöne Dinge, für die man sich bewusst Zeit nehmen will.

    Ich nehme Magazine unheimlich gern mit auf Reisen. Deswegen ist Print für mich ein treuer Begleiter.

    Ich lese gern ein schön gemachtes Magazin, ich möchte ein schön gemachtes Magazin anbieten. Es geht auch darum, einen Unterschied zu machen, zu dezentralisieren, die Besteller*innen wegzuholen von den seelenlosen Outlets und hin zu echten Menschen wie meiner Crew oder ähnlichen Produkten.

    So ist das mit den Printmagazinen. Oder zumindest mit denen von Melanie, Vanessea, Lea und Sara. Die Printmagazinmädels, die mit diesem Einblick ein kleines Geschmäckle geben, wie es ist, ein eigenes Heft auf die Beine zu stellen. Zeit, für einen kurz und knackigen Recap?

    Vorher war uns nicht klar, dass viele wichtige Menschen mit dir sprechen, wenn du einfach fragst. Und im Nachhinein hätten wir auf den Glanzlack auf dem Cover verzichten können, der war nämlich richtig teuer

    Vorher war uns nicht klar, dass die Arbeit so lange dauern würde. Und im Nachhinein hätten wir auf die Sponsorensuche verzichten können.

    Vorher war mir nicht klar, dass es so einfach ist, ein Magazin zu machen. Es ist viel Arbeit, aber es ist keine komplizierte oder schwere Arbeit. Es ist vor allem Fleiß. Satz, Druck, Vertrieb – das kann man alles relativ einfach lösen.

    Dabei darf man nicht vergessen,

    dass uns die b-seite immer noch Spaß machen soll. An manchen Abenden ist Phase 10 wichtiger als ein Instagram-Post.

    dass es unfassbar viel physische, aber auch emotionale Arbeit ist.

    dass die Musikindustrie sehr schnelllebig ist.

    Und zu guter letzt:

    Ohne

    Eigeninitiative

    Kommunikation

    Risiko und Apfellinge

    funktioniert gar nichts.

    Vielen Dank an Sara und Lea von der b-seite, an Melanie vom PEEING IN THE SHOWER Zine und an Vanessa von house in the sand für die Einblicke hinter die Kulissen des Making-of eines eigenen Printmagazins!


  • ALL TOGETHER NOW

    ALL TOGETHER NOW

    Ein markerschütternder Schrei zerreißt den sonst sonnigen Samstagnachmittag. Adrenalinrausch. Mit 9,81 Metern pro Sekunde beschleunigt der Körper im freien Fall. Die Füße sind mit einem elastischen Seil an der Hebebühne befestigt, kopfüber dem blanken Betonboden entgegenrasend. Ich steuere mit meinem Fahrrad direkt auf das Szenario zu, vorbei an der Bahnstation Warschauer Straße und zum Eingang des RAW Geländes. Mehr oder weniger gekonnt manövriere ich an den ganzen Schaulustigen vorbei, die ihre Handykameras dem blauen Himmel entgegenstrecken.

    Dann blicke ich ebenfalls auf mein Handy. Doch nicht um ein Video zu machen, sondern mir eines anzusehen. Es zeigt rar besetzte Biergarten-Garnituren, eine bretterbeschlagene Bar und schwarze Sonnenschirme. Wäre im Hintergrund nicht ein Turm mit Boulderwand zu sehen, hätte ich den Ort der Aufnahme und mein heutiges Ziel fast nicht erkannt – der Kegel neben dem Cassiopeia. Also rolle ich über das mit Schlaglöchern versehene Gelände, zu beiden Seiten leuchten die Graffitis in der Sonne. Neben dem Cassiopeia schwinge ich mich vom Sattel und schließe mein Fahrrad kurzerhand an dem Terrassengerüst vom Emma Pea Café an. Dort war ich das letzte Mal zum King Nun Interview mit Theo. Heut darf ich dem Trio von Koko meine Fragen stellen.

    Das Fahrradschloss klickt, ich schultere meinen Rucksack. Am Ende des Gangs, der links vom Musikclub, rechts vom Kegel begrenzt wird, winkt mir bereits die Band zu. Ich schreite unter der Diskokugel und einem Netz aus bunten Lichtern hindurch, dann stehe ich selbst in dem Biergarten. Neben mir ein Tisch, an dem Harry, Oli und Ashley in Begleitung ihres Managers sitzen. Jemand bringt die leeren Biergläser weg, während ich mich mit Ashley, dem Gitarristen der Band, über Frisuren und meine bereits verblichene grüne Haarfarbe unterhalte.

    Das letzte Mal als ich die Gruppe sah, war Anfang April über den Bildschirm des Mobiltelefons. Wir verabredeten uns zu einem Videocall und der Release ihrer ersten EP Follow lag noch nicht lang zurück. Jetzt, fast ein halbes Jahr später, steht die Veröffentlichung ihrer zweiten EP bevor, Shows beim Reeperbahn Festival wurden gespielt und ein Ausflug nach Berlin geplant. Als sie mir damals am Telefon versprachen, dieses Jahr auf jeden Fall noch nach Deutschland zu kommen, habe ich nicht wirklich daran geglaubt. Und nun schreiten wir zu fünft über das Gelände, auf der Suche nach einer ruhigeren Ecke. Vom Badehaus erklingt Livemusik bei einem Sitzkonzert, unweit des Astra Kulturhauses der gelegentliche Schrei von Bungee Springenden.

    Oli und Harry, den Handrücken fest gegen den Riemen der Handycam gepresst, filmen Nahaufnahmen von ihren zu Grimassen verzogenen Gesichtern und der bunten Kulisse. Dann überreichen sie den silbernen Rekorder mit Klappdisplay an ihren Manager, um sich neben mir auf einer Treppenstufe niederzulassen. Abgesehen von zwei Mädchen, die zu lateinamerikanischer Musik ein Tanzvideo filmen, sind wir hier ungestört und ich krame im Rucksack nach dem Handy für den Voice Recorder und im Gedächtnis nach einer ersten Frage für die britische Band.

    „Wie wär’s, wenn ihr damit anfangt, dass ihr in Hamburg fast verhaftet wurdet?“, kommt es vom Koko Manager, der am Treppengeländer lehnt und mit einem breiten Grinsen die Handycam auf uns richtet. Sogleich tauschen die drei Jungs belustigte Blicke aus, bevor Harry zu einer Anekdote ansetzt, die auf dem Gebrauch von Elektrorollern in der Hansestadt basiert. „Wir sind in Hamburg mit so einem gefahren.“ Wohlwissend, dass pro Gefährt nur eine Person zugelassen ist, schwang sich Harry zu Oli auf den Roller und dann… naja: „Die Polizei ist aus ihrem Auto gesprungen und hat uns angehalten. Aber wir sind glücklicherweise nochmal davongekommen.“ Mit einem Augenzwinkern fügt Oli hinzu, dass sie ja „aus England kommen und das nicht wussten.“

    So kamen Koko unbeschadet aus dieser Sache raus und für ihre beiden Auftritte beim Reeperbahn Festival auf die Bühne. Einmal unter freiem Himmel im Festival Village und einmal im Uebel und Gefährlich. Auch wenn die Konzerte unter den Corona-Beschränkungen stattfanden, ist das Trio glücklich wieder vor Publikum zu spielen: „Wir hatten einiges für den Sommer geplant, Gigs und Festivals. Wegen Covid konnten wir dann nicht viel machen, außer Musik zu schreiben. Deshalb war es umso schöner, wieder auf der Bühne zu stehen – auch wenn es etwas ungewohnt war, dass die Leute in kleinen aufgemalten Kästchen saßen.“

    Nach kurzem Überlegen sagt Oli: „Es war schon etwas seltsam. Die Leute durften sich auch nicht so wirklich bewegen und wir sind ein tanzendes und springendes Publikum gewohnt,“ seine Hände spielen unruhig mit den Ärmeln seines Pullovers, der locker um die Schultern gelegt ist, „Aber diese Erfahrung ist trotzdem besser, als wenn wir es gar nicht gemacht hätten.“ Mit leuchtenden Augen versichert der Sänger die Liebe der Band zu Konzerten. Und auch wenn ein Virus sie aktuell von den Bühnen fern hält, über ausgelassene Shows und Traumauftritte zu fantasieren, lenkt einen Moment von der eher tristen Aussicht für Livemusik ab.

    „Also als erstes würden wir in einem Raumschiff auf die Bühne kommen.“ Noch während diese Worte gesprochen werden, hört man bereits verrücktes und amüsiertes Lachen von den anderen Bandmitgliedern. „Wir würden in einer Arena auftreten, mit atemberaubender Lasershow. Es gäbe Bier umsonst, das unablässig in die Menge gegeben wird. Und im Publikum würden alle ihre Shirts ausziehen, verschwitzt vom vielen Tanzen. That’s what we want. Wir wollen, dass jede*r bei unseren Konzerten einfach eine gute Zeit hat.“

    Auch in ihren letzten Veröffentlichungen versucht die Band, negative Gedanken durch einen optimistischeren Blick auszutauschen. Mit den Singles All Together Now oder So Nice To Meet You, die schon vor einiger Zeit entstanden sind, spiegeln sie unbeschwerte Momente, neue Begegnungen wieder. Beim Tanzen kurz die Alltagssituationen vergessen oder tongue out, get silly with it. Verbunden mit dem sorglosen Gefühl der Songs löst die Farbe Gelb der kommenden EP das Pink ihres Vorgängers ab. 

    „Was würdest du denn als nächste Farbe vorschlagen?“, fragt mich Oli neugierig. Vergeben sind bereits pink, gelb, und rot für die beiden alleinstehenden, musikalisch aggressiveren Stücke (I Don’t Wanna) Start Fights und Now That I’m Wanting More. Doch ohne den Sound der kommenden Songs zu kennen, fällt mir keine passende Antwort ein. „Fair Enough… Es wird Clubmusik.“ Wieder müssen wir lachen, während der Sänger mit einem itzitzitz scherzhaft einen Beat imitiert. „Ist als nächstes denn wieder eine EP geplant oder kommt bald das Debütalbum?“, stelle ich die Gegenfrage.

    „Jetzt sind wir ja grad bei der zweiten EP. Darauf folgen vielleicht noch ein, zwei. Wir wollen erst eine Fanbase aufbauen, bevor wir ins kalte Wasser springen und gleich zehn Songs auf einmal veröffentlichen. Aber ein Album wird kommen!“ 

    „Ja! Denn wir sind ständig am Schreiben,“ schließt sich Ashley an die Erklärung von Harry an, „Wir schreiben selbst hier in Berlin an neuen Songs.“ Und das zum Beispiel zusammen mit der Künstlerin Nina Chuba. Die neue Stadt und neue Personen bringen dem Trio frische Energie und Ideen, gelegentliche Abwechslung im kreativen Prozess. „Es ist cool mit jemandem zusammenzuarbeiten, die den gleichen Vibe hat wie wir. Nachdem man so lange mit denselben Leuten im Studio steckt, macht es Spaß, sich auch mal mit anderen auszutauschen.“

    Ashley wackelt mit seinen Latschen, in denen ein Paar weißer Socken stecken. Auf dem Kopf ein schwarzer Anglerhut mit St.Pauli Schriftzug und Totenkopf. „Coole Mütze!“ ruft eine Frau, die uns beim Vorbeigehen beobachtet hat. Ich muss grinsen, doch erst als Ashley unbeirrt mit seiner Beschreibung vom Songwriting Prozess fortfährt, fällt mir ein, dass die Jungs das Kompliment der Fremden ja gar nicht verstanden haben. 

    „Ich glaube mit der Entwicklung von EP 1 zu EP 2 hat sich vor allem unser Denkvorgang geändert, was das Schreiben betrifft. Zu Anfang sind wir mit einem Plan in die Session gekommen und haben uns vorher Gedanken gemacht. Aber ein konkreter Plan kann meist nicht genau erfüllt werden. Wenn man stattdessen offen an die Sache rangeht, ist alles möglich. Wenn es gut wird, wird es gut und wenn nicht, dann eben nicht. Wir bekommen bessere Ergebnisse, seit wir nicht mehr im Voraus die Messlatte so hoch legen, dass wir dann nicht drüber kommen.“

    Sie schreiben, was sie wollen. Im wahrsten Sinne des Wortes und ohne festes Genre. „Wer sagt, dass wir nächste Woche keinen Jazz Song veröffentlichen können?“, wendet sich Oli an die Runde. Es entbrandet eine Diskussion über Einflüsse und der Versuch, den Sound von Koko zu beschreiben. Zwischen Elementen aus Hip Hop, Dance Music und vielleicht Punk. Doch die Haltung bleibt Anti-Genre. „Wir wissen zwar, was wir wollen, aber wir können es nicht beschreiben, bevor der Song fertig ist.“

    Und in der Regel sind neue Lieder bei Koko schnell in Sack und Tüten. „Nachdem wir anfangen zu schreiben, ist der Song in beinahe zwei Stunden fertig. Das geht schnell bei uns. Und wenn wir es am Ende des Tages nur bis zum Chorus geschafft haben, dann werden wir es wahrscheinlich nicht mehr abschließen und gehen direkt zum nächsten.“ Ich kann mein Erstaunen darüber kaum verbergen und frage das Trio, ob sich bei so einem kurzlebigen Prozess nicht im Nachhinein Zweifel an den getroffenen Entscheidungen oder Änderungswünsche einschleichen. 

    „Kommt drauf an… Wir haben immer ein kleines Team um uns, das uns unterstützt. Wenn wir Songs geschrieben haben und sie dann zur Seite packen, kann es vorkommen, dass jemand sein Gefallen an einem bestimmten Element aus einem vorigen Stück äußert. Dann nehmen wir uns auch ältere Songs wieder vor und schauen uns das nochmal an“, erklärt Harry. Das gleiche gilt auch für die dazugehörigen Texte. Ein Beispiel dafür ist Eyes So Wide, den Oli direkt anstimmt, um mir den ursprünglichen Chorus im Vergleich zum jetzigen vorzuführen.

    Ashley fasst das Ganze abschließend mit einem „Jeder Song hat seinen eigenen Prozess“ zusammen. Und dass das Studio einen großen Einfluss beim Entstehungsprozess von Koko’s Musik hat, bestätigt die Band mit nachdrücklichem Kopfnicken. Der Versuch neue Stücke in Hotelzimmern oder während der Quarantäne über Zoom zu komponieren wollte nicht so richtig gelingen. Es ist einfach nicht das selbe ein gemeinsames Treffen im Studio. „Wir lieben dort die Möglichkeit, direkt beim Herumprobieren die Freiheit zu haben, dazu zu tanzen und den Vibe auf uns wirken zu lassen.“ 

    Anders als Gitarrenbands, die beim Jammen schreiben, erspürt das Trio die Dynamik des Songs im Raum, der zuerst mit einem elektronischen Beat erfüllt wird. Dann folgt das melodiöse Gerüst. Bei Ashley’s Erklärung dreht sich Oli kurz vom Treppenaufgang weg. Als der Sänger wieder schmunzelnd in die Runde blickt, deutet er mit dem Daumen hinter sich: „Ich liebe, dass es alle zehn Sekunden einen Schrei von diesem Bungee Jumping dort drüben gibt.“ Darüber müssen wir alle lachen. (Auch als ich dieses Interview anhand der Tonaufnahme abschreibe, amüsiere ich mich noch über die im Hintergrund ertönenden Soundeffekte).

    „Ich würde übrigens niemals Bungee jumpen, also fragt mich das nicht! Ich habe Höhenangst.“ Ashley geht da einen Schritt weiter als Oli: „Ich würde aus einem Flugzeug springen. Aber nur wenn mich jemand, der das professionell macht, begleitet. Doch Bungee Jumping… Erst recht nicht mit dem blanken Beton als Aussicht.“ Harry nimmt zu dieser luftigen Thematik keine Stellung. Seine Sonnenbrille steckt in den wirren Haaren, während er belustigt mit dem Kopf wackelt. 

    Dafür ist er der erste, der auf meine Frage nach aktuellen musikalischen Neuentdeckungen antwortet. „Daði Freyr! Wir hatten seinen Song Think About Things an, als wir uns fürs Reeperbahn Festival fertig gemacht haben.“ Oli hörte in letzter Zeit das neue Album von Charlie XCX. Ashley setzt auf Drake. Doch auch hier folgen Koko keinem Genre. Manchmal läuft die Massive Dance Hits Playlist, gefolgt von einem Elvis Album oder Johnny Cash. 

    Dieser Kontrast schein Ashley zu faszinieren, der anfängt über die Relevanz von Album vs. Playlist nachzudenken. „Ein ganzes Album anzuhören, das hat schon einen roten Faden und macht Sinn. Und Musik heutzutage ist so vergänglich, nur noch Hit nach Hit.“ Darauf erwidert Oli etwas, das ich nicht verstehe und schneller als ich mich versehe, brechen die Jungs erneut in Lachen aus. Harry und Oli haben den gleichen Gedanken synchron ausgesprochen. Es folgt ein Schmunzeln, Abklatschen und Harry sagt: „Du schuldest mir ein Bier!“ Was Oli nur mit einem „wait what. I bought you like ten last night“ erwidert.

    Schmunzelnd verlassen wir den Treppenaufgang, auf dem wir die letzte halbe Stunde verbracht haben. Wir streichen unsere Hosen glatt, Oli dreht seine schwarze Kappe mit dem Schirm nach hinten. Noch ein letztes Foto vor einer bunten Häuserwand. Dann trennen sich unsere Wege am Standort der Hebebühne wieder, nachdem wir kurz selbst die Springenden beobachten. Der Hebearm bis zur letzten Stufe ausgefahren und oben auf der Plattform gibt ein Typ den letzten Schubs zum freien Fall.

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Koko am 19.09.2020 in Berlin entstanden.


  • UP CLOSE

    UP CLOSE

    Der Karton fühlt sich glatt an, als ich sanft über die quadratische Hülle streiche. Eine rote Sonne zerfließt unter meinen Fingerspitzen, während die surreale Landschaft still in der Abenddämmerung liegt. Sterne glitzern auf dem von unberührten Dimensionen gekerbten Boden und leichte Wolken schweben im aprikosen-fliederfarbenen Himmel. Vorsichtig ziehe ich eine schwarze mit weißem Text bedruckte Schutzhülle aus dem Cover. Die letzte Schicht und das Herzstück ist freigelegt.

    Gedankenverloren drehe ich die Schallplatte in meinen Händen. Orange, hier und da schimmert etwas Gelb, von rostroten Fäden durchzogen. Die Farbe leuchtet satt in dem schräg durch das Fenster einfallenden Licht. Und geht Ton in Ton mit der Rückseite des Covers, auf der in großen Buchstaben zehn Songtitel stehen. Fünf davon blicken mir vom Plattenlabel entgegen, das sich langsam auf dem Drehteller bewegt. B-Seite, Up Close EP und in einem Kästchen darüber der Bandname: Sultans Court.

    Good Enough

    Bedacht senkt sich der Tonarm des Plattenspielers ab. Es knistert kurz, dann tauchen aus einem kindlichen Stimmengewirr entfernte Sirenen auf. Sie tragen den Refrain des ersten Songs. Auftakt der neuen EP und gleichzeitig ein markiertes Ende im Songwriting Prozess. Bis hierhin haben Julius Klaus und Konstantin Hennecke als Duo Songs geschrieben und produziert, danach zieht ein Vierergespann die Register für alle Melodien. Was auf einer Mitfahrgelegenheit zum MS Dockville Festival als Zweierkonstellation entstand, bekam durch erste Konzertauftritte Zuwachs und wurde zu einer Band. So finden sich für Up Close auch Markus Hartung und Leander Kohn zum Songwriting im Studio wieder.

    Neu ist nicht nur das gemeinsame Komponieren, auch die eigenen Ansprüche sind im Vergleich zu ihrer Debüt EP From Afar gestiegen. Sultans Court wollen mit ihrer Musik etwas Originelles erschaffen, sich auf neues Territorium vorwagen und vor allem: „Sich selbst überraschen! Wir haben eine Abneigung dagegen, den gleichen musikalischen Move nochmal zu wiederholen, nur weil er früher funktioniert hat. Das wird direkt langweilig und steril.“

    Also begeben sich die vier Musiker auf eine Reise. Zu sich selbst, den Abgründen ihrer Kreativität und ins Weserbergland. Dort befindet sich Markus’ Elternhaus, das sie für die Entstehung von EP Nummer zwei als Rückzugsort vor dem Großstadtwahn Berlins aufsuchen. An mehreren Wochenenden und einem verlängerten Aufenthalt über den Jahreswechsel hat die Band die Möglichkeit, sich komplett auf ihren Sound einzulassen und den Fokus weg vom städtischen Alltag auf die Musik zu lenken.

    „Ich glaube, das ist kopfmäßig schon hilfreich, wenn man nicht nur stückweise zwischendurch daran arbeitet, sondern sich voll darauf konzentriert“, sagt Julius, der zuvor mit Konstantin zusammen in dessen Zimmer an Songs gefeilt hat. „Wenn man extra dafür wegfährt, gibt es auch diesen festgelegten Zeitraum, wo man weiß, am Ende möchte man mit irgendetwas rausgehen, das inspiriert und vielleicht sogar eine Tür für einen kompletten Song öffnet. Das haben wir auch oft geschafft. Aber nicht immer.“

    Denn so schön die Vorstellung von einem gemeinsamen Wochenende in WG-Atmosphäre auch ist, mit Kochabenden oder Saunagängen, so schmerzlich fühlt sich ein Tag ohne brauchbare Ergebnisse an. „Musikproduktion ist das Gegenteil von Fließbandarbeit“ und werden sie nicht gerade von der Muse geküsst, die aus anfänglichen Loops die schönsten Klangskulpturen meißeln lässt, stehen Sultans Court als Band auch einigen Herausforderungen gegenüber.

    Running

    Beständig kreist die Schallplatte auf dem Spieler, die Nadel tastet sich die Rille entlang. Aus den Lautsprechern fließt ein flimmernder Klang, bald von einem Beat, einer luftigen Flötenmelodie begleitet. Für den zweiten Song auf der EP war diese Flötenmelodie der Schlüssel oder eher das Brecheisen, um eine lang verschlossene Tür einzutreten. Die grundlegende Idee, aus der sich ein Song entwickelte, der bis dahin für Verzweiflung und strapazierte Nerven sorgte.

    „Die größte Herausforderung war der letzte Track, den wir geschrieben haben, Running. Wie auf der vorigen EP wollten wir nochmal fünf Songs veröffentlichen, doch wir hatten erst vier geschrieben, die wir cool fanden. Also brauchten wir noch einen. Und dann sollte es auch potenziell eine Single werden. Das war über Silvester und irgendwie war das ganze Jahr schon gelaufen, wir hatten viel geschrieben und waren deshalb ziemlich leer. Da ist dann Tag für Tag vergangen und es kam nichts bei rum. Am Ende wurde es natürlich immer zäher.“

    Kreativität kann man nicht erzwingen, wie Sultans Court feststellen mussten. Und manchmal kommt sie dann unvorhersehbar, ohne ein Wissen woher, zwei Tage vor der Abfahrt. „Wir sind auf diese Flötenmelodie gekommen und das war dann endlich der Auslöser.“ Oder die Ablösung von Tagen, die auch Markus als sehr schwierig und anstrengend in Erinnerung hat. Sonst war er immer der erste, der sich nachts ausgelaugt ins Bett fallen ließ. Doch „als wir gemerkt haben, dass sich endlich der Song entwickelt, saßen wir die letzte Nacht noch bis fünf, sechs Uhr morgens daran. Da meinte Julius nur ’jetzt scheint es interessant zu werden, Markus bleibt so lange wach.’“

    Mit einem Schmunzeln rufen die Bandmitglieder den Moment zurück ins Gedächtnis, an dem sich ihr Tunnelblick entschärfte und die Sicht auf vorher nicht berücksichtigte Möglichkeiten freigab. Auch Julius, der nach halbherzigen Gesangaufnahmen kurzerhand das Mikrofon hinwarf, ließ sich im Nachhinein von deren ungeahnten Potenzial überzeugen. „Ich dachte erst, das ist totaler Bullshit, den ich gerade gemacht habe… Und dann wurde das aber der Chorus.“

    Nach langer Arbeit ist es soweit. Ein eigener Song, stimmig und den gesetzten Anforderungen entsprechend. Glückshormone werden ausgeschüttet oder Höchstgefühl, ein Kick. Das Streben danach sollte jedoch nie das eigene Wohlbefinden einschränken. „Darauf wollen wir achten. Es kann auch gefährlich sein, sich diesem Druck auszusetzen, weil man sich dadurch komplett entleert. Die Energien sind weg, die man normalerweise in sich selbst investiert. Denn in Musik Energie reinzustecken bedeutet nicht gleichzeitig, dass man sich pflegt und etwas für sich macht. Ich glaube, das haben wir bei der letzten und auch dieser EP wieder gelernt.“ 

    Mit einem Ausflug in die Therme sind Markus und Julius der ständigen Suche nach einer passender Melodie entflohen. Konstantin schwingt, um kurzzeitig Abstand zur Arbeit zu gewinnen, lieber den Kochlöffel. Dass sich das Songwriting jedoch nicht immer so zäh ziehen muss wie bei Running, zeigen die ersten Schreibversuche in der Viererkonstellation. 

    Warning Signs

    Der dritte Song schließt sich unmittelbar an einen letzten Textfetzen vom vorigen an. Dumpfe Drums, düster-sirrende Atmosphäre über die sich gehauchter Gesang legt. Irgendwann sind im Hintergrund zwitschernde Amseln aus dem Weserbergland zu hören. Warning Signs ist der erste Song, den Julius, Konstantin, Markus und Leander gemeinsam geschrieben haben. Die Herangehensweise war entspannt und durch den gelungenen Start in die EP mit Good Enough beeinflusst, sodass die Band nicht lange auf die zündende Idee warten musste.

    „Es gab relativ schnell diesen Moment, wo es einfach geflossen ist. Wir hatten wieder einen Loop und dann diese Bassline. Die hat eigentlich entschieden, wie der Song endet.“ Dass die Entstehung von Warning Signs intuitiv so gut lief, sieht man auch, wie Konstantin findet, an den nur minimal vorhandenen Unterschieden zwischen Demo und Endversion des Songs. „Selbst Mixing-Einstellungen wie die Vocals, die in der Demo meist eher sporadisch sind, blieben am Ende fast genauso. Der Vibe war perfekt.“

    Einen Song im Nachhinein aufzupolieren ist immer eine Gradwanderung. Und die Entscheidung schwer, ab wann das Kompromisslose und Raue beim Versuch, das beste aus einem Stück herauszuholen, verloren geht. In manchen Momenten bedeutet es auch, wieder mit den nachträglichen Einstellungen zurückzurudern. „Am Ende sollte die ganze Sache noch Reibung erzeugen können. Dadurch muss es an bestimmten Stellen einfach rough bleiben und man lässt eigenartige Elemente drin, die man am Anfang macht. Das gibt dem Song Charakter.“

    Zwischen Banalität und Komplexität finden Sultans Court ihren Sound. Gegensätzliche Herangehensweisen der Bandmitglieder treffen genau in der Mitte aufeinander. Wo Julius noch einen draufsetzen will: „Ich wäre nie fertig mit einem Song und würde immer weiter machen“, zieht Konstantin die Schlusslinie: „Bei mir liegt das auch daran, dass ich zu Anfang Hip Hop Beats produziert habe. Die sind ja oft sehr simpel und dadurch ist man schnell an dem Punkt, dass es jetzt passt“.

    Run Over

    Die Nadel des Plattenspielers hat bereits die zweite Hälfte der B-Seite überschritten, unter ihr dreht sich das gesprenkelte Orange. Run Over als Beispiel dafür, dass sich Julius mit seinem zerstörerischen Ansatz beim Songwriting auch durchsetzen kann. „Der Song wurde nochmal komplett auseinandergenommen.“ Nichtsdestotrotz versichert der Sänger: „Es gibt schon einen Punkt, an dem man das Gefühl bekommt, es ist jetzt gut.“

    Sobald das erreicht ist und die Songversion fürs erste final, kommt mit angekündigten Konzerten eine erneute Überarbeitung auf die Gruppe zu. Die meisten Stücke werden ganz ohne Berücksichtigung von späteren Live-Auftritten geschrieben, um die vier Musiker in ihrer Kreativität nicht einzuschränken. Markus, der durch frühere Bands noch direkt bei den Proben an Songs arbeitete, merkt „wie befreiend es sein kann, weil man eben nicht so viel hinterfragt. Vieles lässt sich für einen Live-Kontext auch im Nachhinein noch lösen und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Dann klingt es halt ein bisschen anders.“

    „Ich selbst freue mich als Konzertgänger und Zuhörer, dass die Studioversion auch anders klingen kann als die Liveversion,“ fügt Julius hinzu. „Und es ist total spannend als Musiker das Ganze wie eine Art Übersetzer zu betrachten. Zu sehen, was in der Studioversion funktioniert und live überhaupt nicht. Und sich dann zu überlegen, wie man es am besten übersetzt.“ Dass sie all ihre Songs ausschließlich am Computer komponieren, trägt auch zu dem Ansatz bei, ständig das Gesamtbild im Blick zu haben. Hier gibt es keine Egos. „Wenn die Gitarre nur einen Ton spielt, dann spielt sie nur einen Ton. Insgesamt macht die Summe aller Teile es gut und nicht ein einzelnes.“

    Dabei schimmert der Perfektionismus von Sultans Court durch. Die Liebe zu jedem kleinen Detail, das seinen Weg in einen Song findet und ihn damit für die Band so hörenswert macht. Und auch wenn es manchmal auslaugend ist, sich die Musik nur digital zu erschließen, wenn ein unveränderter Loop tagelang durchläuft oder das Gefühl des Musikmachens beim Kuratieren vom eigenen Material für kurze Zeit in den Hintergrund rückt – „Ein einziges gutes Sample oder Instrument, was du zuvor noch nie gehört hast, kann direkt eine neue Ebene öffnen. Und in eine Richtung lenken, die vielleicht spannend ist.“ Zuerst scheint es vielleicht absurd, doch bekennt man „Mut zur Dummheit“, ist offen für neue Elemente, dann kann der nächste Ohrwurm entstehen. Oder eine ganze EP.

    Sublime

    Der letzte Song breitet sich wie eine rauschende Welle aus. 4:20 Minuten, dann ebbt der Klang ab. Mit einem Ruck hebt sich der Tonarm, der Drehteller wird langsamer. Ich halte die farbige Scheibe erneut in den Händen und stecke sie behutsam zurück in ihre Hülle. Das ist also Up Close. Die A-Seite hat ihre eigene Geschichte. Noch einmal streiche ich fasziniert über das Cover, bevor es ganz vorn im Stapel meine Plattenkiste ziert.

    Dieser Text ist auf Grundlage eines Interviews mit Julius, Konstantin und Markus am 25.09.2020 in Berlin entstanden. Fotos: Steve Glashier (1,3), Jeanette von Bear Film (2,4)


  • MERCURY IN RETROGRADE

    MERCURY IN RETROGRADE

    Merkur ist der sonnennächste Planet. Aufgrund seiner kurzen Umlaufbahn kreist er viermal schneller um die Sonne als wir. Und wenn er die Erde auf seinem Weg überholt, sieht es für einen Moment so aus, als würde er rückwärts laufen. Mercury in Retrograde. Die Bezeichnung eines kosmischen Phänomens und gleichzeitig der Titel für das zweite Album der Künstlerin Anehka. Keine Sammlung von Songs, sondern eine visualisierte Klanggeschichte, eine Reise, bewegte Bilder und leuchtende Atmosphäre.

    „Ich möchte das, was ich in der Musik sehe, auch auf den Bildschirm übertragen.“

    Menschen verlassene Landschaft, Baumkronen und ein Weg mit unerkennbarem Ziel. Während ausgehöhlte Töne wie stehende Luft im Hintergrund flimmern, breitet Anehka ihre Träume und Wünsche darüber aus. Eine engelsgleiche Harmonie formt das Wort „freedom“, Zugvögel am Himmel hinter den Astspitzen. Mit Soul Pleasure beginnt das Visual Album und eine Selbstreflexion, festgehalten in Musik und Film.

    Die Hamburger Künstlerin hat mit ihrem Sound experimentiert, sich neu strukturiert und nach Abschluss ihres Studiums in London nach einer, ihrer, Richtung gesucht. Begleitet wurde sie von ihrem Partner Jean Claude Mandji, der Emotionen und Stimmung auf Videokassette gebannt hat. Neben Kamera und Schnitt übernahm er zum Entstehungsprozess auch Mix und Master im Heimstudio. Von Januar bis Anfang Juli 2020 haben Anehka und Jean Claude am Projekt Mercury in Retrograde gearbeitet, vielleicht auch schon ein bisschen früher.

    „Zu der Zeit fühlte ich mich sehr inspiriert von Solange’s Album When I Get Home. Das ist so schön, die Bilder und die Symbolik betrachtend.“

    Als weitere Ideenquelle dienen nicht selten Traumfragmente oder die titelgebende Planetenumstellung selbst. In ihren Texten verarbeitet Anehka die Bedeutung von Geträumtem, den Einfluss der im Universum vorhandenen Energien. Die Musik bildet die Grundlage und Leinwand für eine Auseinandersetzung mit sich selbst, Zweifeln und Hoffnungen. „Je mehr ich mich damit beschäftige und meine Gedanken nicht für mich behalte, sondern sie mit anderen teile, umso mehr habe ich das Gefühl, den Leuten näher zu kommen. Eine Verbindung zu schaffen.“

    Das Gefühl von Verbundenheit, während sich die Künstlerin als einzige Darstellerin in einem Film aus Sonnenaufgangsschnipseln und gekräuselter Wasseroberfläche dem steinigen Ufer nähert. Eine Bitte an die glitzernden Wellen vorträgt. Die Stimme spricht dicht am Ohr. In der Ferne klappern Schienen, wenn ein Zug vorbeifährt. Dann wird das Wellenrauschen durch leichte Klaviernoten ausgetauscht, die zu einer fließenden Akkordfolge übergehen.

    „Manchmal habe ich mit einem Klassenkameraden in London Songs geschrieben, nach der Schule oder in der Mittagspause. Er hat angefangen Klavier zu spielen und ich habe dazu gesungen. Dabei ist der Song Interdependent entstanden.“

    Vor einer mit leichtem Windzug durchzogenen Kulisse bildet sich ungetrübter Gesang ab. Gedämpfte Drums, wie ein Herzschlag. Und natürlich das Klavier. Auch wenn das gemeinsame, improvisierte Stück mit Klassenkamerad James Attwood Ausgang für eine Entwicklung in Mercury in Retrograde war, säte Anehka den musikalischen Keim ihrer Stücke überwiegend am Computer.

    „Durch mein letztes Album Planet Orange habe ich mich mehr ins Produzieren reingefunden und auch gemerkt, wie viel Spaß das machen kann. Ich habe mich daran gewöhnt, Beats zu machen, anstatt mit einer Melodie oder einem Akkord anzufangen.“

    Das nächste Stück My Mind Is the Ocean ist auf einen Beat gebettet, der sich aus dem Wechselspiel dumpfer Trommelschläge und perlender Tropfen zusammensetzt. Es mischen sich süß-schwebender Gesang, gesprochenes Wort in englisch oder deutsch und fordernde Rufe. Zwischen raschelnden Zweigen und zitternden Grashalmen fügt sich auch hier eine glitzernde Wasseroberfläche ins Bild ein.

    Wiederkehrende Ausschnitte und Zeilen von Meer und Wasser als Symbol für Reinheit und Wiedergeburt. Ein Strom der Emotionen mit dem man fließt oder in dem man untergeht. Das Meer übt eine besondere Anziehung auf Anehka aus:

    „Es ist für mich ein Ort der Ruhe. Im Meer kann ich mich von allen negativen Gedanken und Gefühlen klären und eins mit dem Universum sein.“

    Ein Videodreh an der Nordsee war für ihr Visual Album geplant, am liebsten auf Sylt. Doch ein Ausflug zu der friesischen Insel war wegen der Corona-Maßnahmen im März nicht mehr möglich. Auch an der Ostsee waren keine Besucher zugelassen. „Dann haben wir so schnell wie möglich alle Szenen in Hamburg und Umgebung gefilmt. Innerhalb von drei Tagen, da wir unsicher waren, ob es eine Ausgangssperre geben wird.“

    Hinter den Schatten der knorpeligen Äste erscheint Anehka, wie sie im übergroßen Mantel durch die Landschaft läuft. Zeitlupe, das Video wird zu einer Aneinanderreihung vieler Fotos. Dann eine blinkende Boje in der Nacht. Bei untergegangener Sonne sieht man die schwarze Silhoutte der Künstlerin vor einer Straßenlaterne. Das Bild körnig, der Zoom wackelig und warm-weiche Farben. Das Video hat Jean Claude mit einer Sony Handycam gedreht. Qualität und Atmosphäre der Aufnahmen als perfekter Vermittler der Stimmung von Mercury in Retrograde.

    Wenn dann bei I Keep My Dreams in a Diary das Bild in der nächtlichen Dunkelheit versinkt, setzt sich eine liebliche Melodie fort. Man taucht in einen Chor aus Wohlklang. Ein bisschen melancholisch, sehnsüchtig, verträumt. Lässt sich treiben. Bis die Entrüstung des anschließenden Stückes wieder wachrüttelt. Eine Antwort auf die im Raum stehenden Fragen rückt ein Stück näher. Jeder Song ist ein ergänzendes Puzzleteil auf der Suche nach Zugehörigkeit und sich selbst.

    „Ich brauche immer eine Lösung, daher sollte sich auch bei meinem Projekt Mercury in Retrograde am Ende alles aufklären. Und so singe ich, dass ich zu mir nach Hause komme, dass ich mein eigenes Zuhause bin.“

    „Wenn man sich dieses Gefühl irgendwo hinzugehören selbst gibt, dann ist es zeitlos. Dann kann es dir auch niemand nehmen.“

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Anehka am 23.07.2020 entstanden. Fotos und Albumcover: Jean Claude Mandji


  • FENG SUAVE

    FENG SUAVE

    Eine sanfte Brise. Oder Feng Suave. Übersetzt man den Namen des Bandprojekts von Daniël Schoemaker und Daniël de Jong, kommt raus, wonach ihre Musik klingt. Ein süßer Windhauch an einem warmen Sommertag. Dabei war diese treffende Namensgebung eher zufällig. Inspiriert wurde das Duo von einem Freund, der den portugiesischen „ultra suave“ Schriftzug seiner Shampooflasche in ein Wortspiel verwandelte. Das löste die vorläufige Idee von „The Public Burning“ ab. Und all die lieblich verträumten Melodien der beiden Daniëls wurden Feng Suave.

    Bei einem Talentwettbewerb haben sich Daniël de Jong und Daniël Schoemaker zum ersten Mal getroffen. Dass sie neben demselben Vornamen auch eine Passion für Musik teilen, führte dann zu einer musikalischen Partnerschaft. „Wir fanden die Idee mit jemandem zusammenzuarbeiten ansprechend. Daher war es ziemlich mühelos, gemeinsam etwas zu starten und uns anzufreunden.“ Ein weiterer Vorteil dieser Kollaboration ist, dass sich im Idealfall das eingebrachte Talent verdoppelt. Im Fall von Feng Suave bedeutet das also:

    „Jetzt ergeben wir gemeinsam einen Musiker. Einzeln sind wir es beide nur zur Hälfte.“

    Nun ergänzen sie gegenseitig ihre Ideen. Beenden, was im Kopf des anderen mit ein paar Tönen, einem Rhythmus begonnen hat. Stellen manches in Frage und lassen sich wiederum von der Kritik ihres musikalischen Gegenparts nicht vom Pfad abbringen. „Wir nehmen uns beide die Freiheit, auszuprobieren, was immer wir wollen. Und anschließend teilen wir es miteinander. Es kommt auch vor, dass einer von uns eine Idee nicht mag. Wenn man selbst aber total davon überzeugt ist, dann arbeitet man eben so lange daran, bis der andere umgestimmt wird.“

    Auf diesem Weg hat das Duo aus Amsterdam mittlerweile zwei EPs veröffentlicht. Ihr Debüt feierten sie 2017 mit den vier Songs ihrer selbstbetitelten EP Feng Suave. Ein Jahr später folgte der Song Venus Flytrap. Und letzten Freitag gab es mit Warping Youth die ersehnte zweite EP. In dieser Zeit hat sich bei Feng Suave einiges getan. An den ersten gemeinsam geschriebenen Song erinnern sich die beiden Daniëls nur ungern zurück, da der sich nie so richtig abgeschlossen angefühlt hat. „Aber er hat uns in die richtige Richtung gelenkt.“ Jetzt sind die Techniken und der Songwriting Prozess ausgefeilter. Auch der Blick auf die Musik.

    „Wir tendieren jetzt dazu, Songs eher als Bewegungen und Dynamiken zu sehen, anstatt eine Aneinanderreihung von Loops.“

    Mit der aktuellen EP kam eine weitere Veränderung im musikalischen Schaffensprozess dazu. Denn anders als bei dem im heimischen Schlafzimmer aufgenommenen und produzierten Debüt, waren die beiden Daniëls für Warping Youth das erste Mal in einem Studio. „Der Unterschied ist, dass man sich viel mehr Zeit für einen Song nimmt, wenn man ihn im eigenen Schlafzimmer aufnimmt und es keine Studiozeiten gibt, an die man sich anpassen muss.“ Dass sie nicht so viel umherprobieren konnten wie gewohnt, verlangte eine professionellere Einstellung und setzte auch einen neuen Lernprozess in Gang.

    „Der Studiobesuch war neu für uns. Wir wussten anfangs nicht recht, wie wir beginnen sollten. Also nahmen wir zuerst Schlagzeug und Bass auf und mussten dann von dort weitermachen. Jetzt wissen wir, dass wir beim nächsten Mal vorbereiteter sein wollen. Denn anders als zuhause kann man nicht ständig zurückgehen und alles wieder ändern.“

    „Bevor wir das nächste Mal ins Studio gehen, wollen wir das gesamte Ding erst in unseren Schlafzimmern fertig machen. Sodass wir jeden Quadratzentimeter unserer Songs kennen und der Aufnahmeprozess raffinierter wird.“

    Der Gedanke, ein ganzes Album komplett im Studio zu schreiben, ist daher für die beiden Amsterdamer außer Reichweite. Die Vorliebe alles genau zu durchdenken, lässt sich zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht mit den teuren Studiomieten vereinbaren. Und manchmal entstehen wegen der begrenzten Möglichkeiten Spontaneitäten, durch die die Musik lebendiger wird. Einem Live-Auftritt näher kommt. Nicht zu vergessen das nostalgische Gefühl zwischen den Notenzeilen. Dieses Gefühl, das das Duo aus ihren Lieblingssongs der 60er/70er-Jahre kennt und versucht hat mit altem, hochwertigem Equipment ebenfalls auf Warping Youth einzufangen.

    Mit dem Equipment ist das auch nochmal so eine komplizierte Sache, wie Daniël Schoemaker erklärt. Besonders was die Gitarristen betrifft: „Wenn es darum geht, neueste Gitarren in den verschiedensten Modellen zu verwenden, bleiben die Leute lieber beim Alten. Weil sie denken, dass es besser ist und sich bewährt hat. Und irgendwo denken wir auch so. Das ist ähnlich wie bei Violinen. Die wurden auch für ein Jahrhundert gemacht.“

    Nach eineinhalb Jahren des Songschreibens und den vergangenen Studio-Sessions finden sechs Lieder unter dem Titel Warping Youth zusammen. Die EP kreist um Themen, „die meistens beim gemeinsamen Kaffee Trinken aufkamen“ und sich für Feng Suave deswegen ziemlich persönlich anfühlen. Beim Hören wird man Teil eines Gesprächs, das bei Half-Moon Bag in beruhigendem Ton dazu veranlasst, die verrückte Welt da draußen für einen Moment zu vergessen. Die Melodie, getragen von musikalischen Seufzern.

    Der zweite Track auf der EP ist mit Toking, Dozing die erste Single, mit der das Duo eine Folge neuer Releases eingeleitet hat. Im dazugehörigen Musikvideo schieben die beiden Daniëls ihr Baby im Kinderwagen durch die Straßen Amsterdams. Bevor ein rotes Auto durchs Weltall fährt, die Insassen kostümiert mit großen Hüten. Dann gehen Wälder in Flammen auf und was ist denn nun mit den Delfinen?

    „Ich glaube, das ist unser bestes Video. Wir haben es vor einem Greenscreen gedreht und selbst inszeniert. Eigentlich ist es hauptsächlich Bullshit, zu dem wir uns gegenseitig überredet haben.“

    Eine Portion scheinbar wild zusammengewürfelter Bilder, die am Ende trotzdem als Gesamtkonzept ineinandergreifen. Und ein kompletter Kontrast zum Video von Maybe Another Time. Ästethische Aufnahmen der französischen Küstenlandschaft, in der die herausgeputzten Mitglieder Feng Suave’s, mal mit wehendem Haar oder dem Weinglas in der Hand, platziert wurden. Hier transportieren die Szenen viel mehr die Atmosphäre des Songs als eine inhaltliche Botschaft. „Just looking slick in France“, kommentiert Daniël de Jong mit einem Augenzwinkern die Idee hinter dem Video.

    Mit einem kleinen Augenzwinkern rinnt auch der Gesang über ernste Gedanken und biegt sie zu charmanten Zeilen, die nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wie die erste Strophe von I’m Warping Here: There’s some things I regret / Like torturing insects in the garden when I was ten / Faking tears for grandma’s death / Stealing toys from all my favourite friends / But do whatever you want / Cause it’s the time of your life and it’s gonna level out

    Dann der vorletzte Song. People Wither ist in ein weiches Gewand gebettet, das die Warping Youth EP einhüllt. Wo die Klänge wie ein Pinselstrich beim Aquarell schimmernd leichte Farben hinterlassen, die sich fließend mit neuen Nuancen verbinden. Bevor dann beim letzten und längsten Song Day One ein knisternd verzerrtes Geräusch die Gitarren zu einem sehnsüchtigen Solo aktiviert, das meinetwegen ewig so weitergehen kann…

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Feng Suave am 20.06.2020 entstanden. Fotos: Max D’orsogna


  • FIEBERTRAUM

    FIEBERTRAUM

    Kennt ihr diese LED Lichtleisten, die auf Knopfdruck in den verschiedensten Farben erstrahlen? Stell dir vor, es ist später Abend und du wählst die rote Taste. Das Zimmer wird in gedimmtes Licht getaucht. Mit einigen leisen Schritten erreichst du deinen Plattenspieler und senkst die Nadel langsam auf das schwarze Vinyl. Der Plattenteller dreht sich. In der rot getünchten Luft hängen düstere Klänge.

    „Eine richtige Mood!“, wie Julius sagen würde.

    Julius kommt aus der Nähe von Hamburg und macht Musik. Unter dem Namen Fiebertraum veröffentlichte er bereits eine selbstbetitelte EP und den Song Labyrinth Lady. Musik, die schranzig klingt und nach lauen Sommerabenden. Als hätte man den Kopf unter Wasser getaucht. Oder wie eine Seite aus dem Fotoalbum, in dem neben gepressten Wiesenblumen ein Fotoabzug vom ersten eigenen Moped und der zerknitterte Kassenzettel einer Packung Eis am Stiel von Aldi klebt.

    Bei einem Dreh für das Pabst Musikvideo zum Song Skyline haben Julius und ich uns das erste Mal getroffen. Einige Wochen später unterhalten wir uns dann per Videoanruf über Lieblingsalben, eine ganz besondere Simpsons-Folge und warum Akustik-Alben eigentlich immer als Sommersoundtrack funktionieren.

    Nicht zu vergessen die roten LEDs! Denn die passen perfekt zur Atmosphäre vom 1982er The Cure Album Pornography. Dementsprechend sind die vier Wände von Julius nicht selten in Rot getaucht, während er das Albumcover mit den drei verschwommenen Gestalten im selben Farbton zwischen den Fingern dreht. Auf die Band hat ihn sein Vater gebracht:

    „Irgendwann bin ich bei meinem Dad im Auto mitgefahren und sollte dann über sein Handy Musik abspielen. Da meinte er, ich solle mal The Cure anmachen. Und ich fand das richtig geil direkt. Gleich nachdem ich wieder zuhause ankam, musste ich mir ein Platte von denen bestellen.“

    Etwas Goth-mäßiges mit ästhetischem Cover-Artwork, darauf sollte Julius‘ Wahl fallen. Begeistert schildert er mir, wie ihn dieses basslastige Album mit den halligen Gitarren und typischem 80er Jahre Drum-Sound in den Bann gezogen hat. Hinzu kommen die düsteren, fast surrealen Texte, die den psychedelischen Gesamteindruck zusammenschnüren. Nur mäßig geeignet als Gutenachtgeschichte, wie Julius eigens erfahren musste:

    „Ich habe das mal zum Einschlafen gehört und dann ganz ganz komisch geträumt.“

    Nicht weniger absonderlich geht es auf In The Aeroplane Over The Sea von Neutral Milk Hotel zu. Ein weiteres essenzielles Album für Julius, „weil es so ein krank gutes Konzeptalbum ist! Eins, das man als Gesamtprodukt sehen muss.“ Ein expressionistisches Kunstwerk in seiner Gänze, wo die abschließenden Zeilen nochmal auf Songs davor zurückkommen. Die Worte, die dem Sänger über die Lippen kommen, sind so emotional aufgeladen, dass es unter die Haut geht. Ebenso die darin formulierten Themen und nach mancher Ansicht – versteckten Botschaften.

    „Es gibt auch einige Verschwörungstheorien zu der Geschichte, die hinter dem Album steckt. Zum Beispiel, dass der Sänger eine Zeitmaschine gebaut und Anne Frank gerettet hat, die jetzt als seine Frau an seiner Seite lebt.“ Vielleicht hat der Versuch, die kryptischen Gedanken hinter dem Song Holland 1945 zu entschlüsseln, diese Vermutungen gesäht.

    Nachdenkliche Stimmung legt sich ebenfalls auf diese Zeile des Titeltracks: „One day we will die and our ashes will fly in the aeroplane over the sea“, die mit einer beflügelten Schwere gut in den Winter passt. Und in den Sommer. „Es ist sowohl ein geiles Sommer- als auch ein geiles Winteralbum.“ Wo wir bei dem Thema wären, was so gut wie immer in die heißen Monate passt:

    „Akustikalben, weil die so leicht und warm sind!“ Da geht auch mal Folk, selbst wenn man das sonst nicht so oft hört. Neil Young zum Beispiel.

    Bevor Julius mit einem weiteren Titel meine ihm gestellte Aufgabe nach drei essential Alben beantwortet, schweifen wir kurz ab. Denn die Wahl für den letzten Platz in dieser Dreisamkeit war nicht ganz so einfach: „Das erste, was mir in den Sinn gekommen ist, war Nirvana. Ich habe vor Jahren eine Show im Fernsehen gesehen. Ich glaube, es war so ein 90er Countdown. Und da sah man Kurt, wie er ‚Hi, I’m Kurt‘ in die Kamera sagt und das fand ich so scheiße cool! Ich wollte so sein wie er und habe dann auch angefangen Nirvana zu hören.“

    Auch die Simpsons-Folge Die wilden 90er hat dazu einen bleibenden Eindruck mit ihrer Parodie auf Nirvana und das Grunge-Movement hinterlassen. Kurzerhand ergreift Julius seine Gitarre und stimmt eine Melodie aus dem Soundtrack dieser Folge an. Die erste, die er auf der Gitarre lernte. Doch der Grund, dieses Instrument überhaupt in die Hand zu nehmen, ist einem anderen Werk zu verdanken: Drive North von swmrs.

    „Ich glaube, ich habe kein Album so oft gehört wie dieses.“

    Das ließ Julius auch Cole, dem Sänger der Band, nach einem Konzert wissen. Dieses Album war lebensverändernd. Nach einer Phase, in der er viel Hip Hop hörte, wandte sich Julius dem Rock zu, lernte Gitarre und schrieb dann seine eigenen Melodien. Das Faszinierende an dem, vom Fidlar Sänger Zac Carper produzierten, Album Drive North ist seine Vielschichtigkeit.

    „Es hat so viele verschiedene Vibes. Da gibt es einerseits die softeren Songs Hannah oder Lose It und auf der anderen Seite stehen dann Songs wie Palm Trees. Oder Harry Dean. Was ich an dem Album so cool finde, ist, dass man reinhört und erst denkt – ok, das ist eine Punkband. Dann kommt ein geiler Rocksong, der auch auf eine Weise in einer zweiten Hook oder mit dem Hinzunehmen einer zweiten Gitarre mit den Zuhörern spielt. Und darauf folgt wiederum Hannah oder Miss Yer Kiss, wo nicht mal wirklich eine Gitarre drin ist.“

    „Dieses Unvorhersehbare finde ich super.“

    Julius‘ Vorliebe für Musik, die verschiedene Richtungen vereint, findet sich auch im Projekt Fiebertraum wieder. Das Spiel mit Schichten, Elementen und Texturen in einem Raum zwischen Hall und Echo. Die Hörer zu überraschen, und auch sich selbst, ist eine Priorität: „Ich habe halt keine Lust, immer nur das Gleiche und das eine zu machen.“

    Die perfekten Worte, um unser Gespräch fürs erste zu schließen. Bevor ich erneut in den rankenden Strukturen der Fiebertraum EP versinke. Und die drei Alben Pornography von The Cure, In The Aeroplane Over The Sea von Neutral Milk Hotel und Drive North von swmrs meine nächsten Stunden musikalisch erfüllen.

    Dieser Text ist auf Grundlage eines Interviews mit Julius von Fiebertraum entstanden. Foto: Leontine Fruck


  • MENSCH – MASCHINE – MUSIK

    MENSCH – MASCHINE – MUSIK

    Letztes Jahr trat Ólafur Arnalds beim Reeperbahn Festival auf. Zusammen mit „Stratus“, seiner selbst programmierten Audio-Software. Während der Isländer sich hinter einem Klavier platzierte und die Finger sanft über die Tasten bewegte, ergänzte Stratus auf zwei weiteren Klavieren die Komposition. Zu jedem Ton, den Ólafur anschlug, dachte sich die Software passende Melodien und Klänge aus.

    Holly Herndon veröffentlichte im vergangenen Mai ihr Album PROTO. Doch nicht nur die aus Tennessee stammende Künstlerin ist darauf zu hören, sondern auch „Spawn“. Eine künstliche Intelligenz, der Holly das Singen beigebracht hat. Dazu lieh sie Spawn ihre Stimme und fütterte die KI mit weiteren von Menschen produzierten Gesängen. Spawn entwickelte ihre eigene Klangfarbe und Holly den Dialog mit der Technologie. Im Rahmen eines Pop Albums.

    Künstliche Intelligenz in der Kunst

    Ein Mensch und zwei von selbst spielende Klaviere oder das Duett mit der künstlichen Intelligenz – beides ist seit einiger Zeit keine Zukunftsmusik mehr. Die Möglichkeiten, Technologie in die Songkomposition einzubeziehen, gehen mittlerweile über elektronische Keyboards oder Computerprogramme zur Tonbearbeitung hinaus. Und das Verständnis von Software als reines Werkzeug des Menschen wird mit Projekten wie denen von Holly Herndon oder Ólafur Arnalds hinterfragt.

    Seit kurzem reiht sich ein weiteres Musikprojekt in die Versuche ein, neue Klangwelten mit der Hilfe einer Künstlichen Intelligenz zu erschaffen. Das Produzentenduo dp und die KI „Lucy“ veröffentlichten am Neujahrstag 2020 ihren ersten gemeinsamen Track Endless. Am 24. Januar folgte die zweite Single Ciao (Let Me Be Your Pick) und der dritte Song im Bunde, The Journey, wird morgen für die breite Öffentlichkeit zu hören sein.

    Lucy Dreams

    „Lucy Dreams ist für uns wie eine zufällig aufgestoßene Tür in ein unbekanntes Sound Universum. Musik und Melodien haben uns immer schon fasziniert, ebenfalls technologischer Fortschritt. Eine Kombination aus diesen zwei Leidenschaften hat dazu geführt, dass wir mit einem System an Effekten unerwartet spannende Klänge erzeugt haben. Zu Beginn waren wir selbst überrascht, was möglich ist. Wir, dp, sind gerade dabei, dieses Universum Schritt für Schritt zu erkunden. dp deswegen, weil wir uns mit einem popkulturellen Augenzwinkern in die zweite Reihe stellen und der Maschine die Bühne überlassen.“

    Aus der Kopplung digitaler und analoger Effekte entstand zufällig ein System, das in Zukunft eigene Soundstrukturen produzieren sollte. Ohne eine konkrete Idee zu verfolgen, haben dp Einstellungen an ihrem Effekt-System vorgenommen, Klänge eingespeist, experimentiert. Als Grundlage dienten Stücke von Kraftwerk, Mozart und Pink Floyd, die mittlerweile durch verschiedenste Sounds erweitert wurde. Und am Ende wurde beobachtet, was nach ihrem Input wieder herauskommt.

    „Teilweise dauerte es mehrere Minuten, bis erkennbare Strukturen zu hören waren. Diese Resultate waren für uns unerwartet und faszinierend. Also haben wir weiter mit diesem System gespielt und es Lucy getauft. Die Resultate, also die erkennbaren Strukturen, sind Lucys Träume.“

    Diese Träume sind in den genannten Songs von Lucy Dreams bereits zu hören. Melodien und Rhythmen. So ist zum Beispiel die Melodie der Vocals im Refrain von Ciao (Let Me Be Your Pick) ein Ergebnis der Klangexperimente. „Natürlich braucht es menschliches Zutun, dass daraus dann ein Popsong entsteht. Es ist jedoch faszinierend, diesen digitalen Quell als Ausgangspunkt zu nehmen.“

    Die Traumlandschaft Lucy’s ist verlockend und ein noch längst nicht erschöpfter Topf an Möglichkeiten, Bits und Bytes tanzen zu lassen. Und neben der morgigen Songveröffentlichung, wird die Neugier des Produzentenduos dp künftig für weitere Experimente sorgen: „Der Kosmos, in den wir uns selbst geschossen haben, verführt uns jeden Tag aufs Neue. Wir arbeiten an neuen Songs.“

    „Und es entstehen auch laufend frische Ideen, so soll zum Beispiel in Zukunft die Hörerschaft die Möglichkeit bekommen, Lucy zu füttern.“

    Doch zu all der Faszination für den technologischen Fortschritt gesellt sich auch die Skepsis. Für mich, aus einer Sicht als Hörerin, scheint dieser Einbezug einer künstlichen Intelligenz in die Songkomposition noch so ungreifbar. Das macht einen gewissen Reiz aus. Gleichzeitig frage ich mich, inwieweit künstliche Intelligenzen in Zukunft die Produktion von Musik selbstständig übernehmen können. Bei den Hintergrundsounds von Computerspielen ist das ja jetzt schon ein Ding. Wird sich das Verhältnis von Mensch und Maschine wenden? Wird unsere Kreativität das Werkzeug der Software und nicht mehr andersrum?

    Das sind nur einige vage Fragen. Und Lucy Dreams ist eines der Projekte auf dem Weg dieser spannenden Entwicklung. Was in ein paar Jahren sein wird, können auch dp bisher nur vermuten: „Es wird neue, wegweisende Formen der Komposition geben. Spannende Blicke in die Zukunft hat zum Beispiel das Ars Electronica in Linz mit der Ausstellung AIxMusic gewagt. Die Rolle der Maschine wird eine bedeutende sein.“

    „Die wesentlichen Elemente der Kunst, wie etwa die Fantasie, bleiben aber in den Händen des Menschen und seinen Emotionen.“

    Das Gefühl. Künstler*innen und Bands schreiben Songs mit der Intention, bei ihren Hörer*innen etwas damit auszulösen. Eine Gefühlsregung, ob gut oder schlecht. Und es ist bekannt, dass Maschinen (noch?) nicht fühlen können. Wie entstehen zwischen Signalen und Codes der künstlichen Intelligenz die Emotionen?

    „Basiert nicht vieles im Leben auf Signalen und Codes? Unsere DNA ist ein Code, Bienen kommunizieren mit Signalen, Sprache ist ein Code. Unsere Sinne entscheiden dann, ob wir den Code verstehen und ob er Gefühle in uns auslöst. Neben dem Erzeugen eines positiven Gefühls ist das Spannende an Musik auch, dass sie das Ohr herausfordert. Unbekannte Klänge, womöglich durch neuartige Signale und Codes erzeugt, können bewirken, dass man sich umso mehr mit dem Gehörten und in weiterer Folge mit sich selbst auseinandersetzt.“

    „Solche künstlichen Elemente sind also interessanter Bestandteil von Musik, sie funktionieren aber nur, wenn sie kreativ eingesetzt werden. Diese Kreativität, der spontane Sinn für das Schöne, der unserem Handeln innewohnt, wird schwer maschinell reproduzierbar sein. Zum Glück.“

    Dieser Text basiert auf einem Interview mit dp aus dem April 2020.