Kategorie: NÄHKÄSTCHEN


  • HYPERPOP ZUCKERSCHOCK

    In einem breiten Ringordner, der in ein kariertes Küchentuch eingeschlagen ist, bewahrt meine Mutter ihre Rezepte auf. Für Kuchen, Kekse oder Kürbiskernbrot. Bei Fragen nach der Menge einzelner Zutaten oder einer Backzeit ist immer gewiss eine Antwort auf den eingehefteten linierten Karteikarten zu finden.

    Wie wäre es, wenn das Songschreiben auf ähnliche Art verläuft? Und zwischen den mit Filzstift umrahmten Lieblingsrezepten hier und da die Melodie des nächsten Charterfolgs aufgeschlüsselt in seine kleinsten Bestandteile und Stimmungen daliegt?

    (mehr …)

  • BÜCHER, DIE ICH LAS / MÄRZ 22

    DOCH – Drangsal

    Die meisten Bücher, die ich von Künstler*innen las, waren ein Anlass zum genaueren Hinhören, Sezieren bis dato mir nicht so bekannter Musik. Nicht so bei diesem Buch, was weder Roman noch Biographie ist. Eine Sammlung an Gedanken, die in 173 Seiten durch Erinnerungen, Fantasien, Absurditäten oder Süßigkeiten führen. Ein lyrischer Output, der in dem Maße nicht in Songtexte passt. Das Buch ist kurzweilig, perfekt für eine Bahnfahrt. Es ist ein sanftes Buch. Und beim Lesen habe ich die Stimme des Autors im Hinterkopf, die aus Podcasts und Interviews nur zu vertraut ist. Nichtsdestotrotz ist der Tonfall etwas anders. Verzierte und gleichzeitig unverblümte Worte überwiegen den Text und manchmal denke ich, da haben wir etwas gemeinsam, wenn sich die Erlebnisse wie bei „Lachen“ auf dem Papier ausfalten.

    (mehr …)

  • BANDS IN BOILERSUITS

    Ein Einteiler. Er sitzt locker, sowohl langärmlig als auch mit langem Bein. Und ist nicht ganz so fashionable wie ein Jumpsuit – laut Wikipedia. Der Boilersuit! In Nordamerika wird er als verhüllendere Variante des Overalls einfallsreich „Coverall“ genannt. Und dass dieses Kleidungsstück außerhalb einer Hausmeister*innenkluft auch für sexy, charmante und lässige Outfits sorgt, beweist die aktuelle Musikszene.

    Ursprünglich entstand der Boilersuit als Arbeitskleidung für Reperaturen von mit Kohle beheizten – achtung – Boilern. Das wichtigste Feature dieses Outfits war die lückenlose Verbindung von Hose und Jacke, sodass beim Ein- und Ausstieg durch das enge Feuerloch des Kessels ein Hängenbleiben oder Hochrutschen einzelner Teile vermieden wurde. Die beste Voraussetzung, dass ebenfalls bei einem wilden Bühnenauftritt alles an Ort und Stelle bleibt. Denn heute rocken Bands diesen einteiligen Look. Mit Kajal umrahmten Augen, über die Schulter geworfener E-Gitarre oder in kühlem Neonlicht. Doch – who wore it best?

    (mehr …)

  • BUCHEMPFEHLUNGEN APRIL 2021

    A ram sam sam! A ram sam sam! Kuni kuni kuni kuni ram sam sam! A ka yéh joopi a ka yéh! A roo a roo a ni ki chi!

    Eine Aneinanderreihung von Silben, die einigen so ähnlich aus einem marokkanischen Kinderlied bekannt sein dürften. Jedenfalls ist es dieses Kinderlied, was zum Refrain von Wordy Rappinghood der Band Tom Tom Club inspiriert hat, wie Chris Frantz in seinem Buch auf Seite 279 beschreibt. „Remain In Love“ ist der Titel der Autobiografie eines Musikers, der nicht nur Gründungsmitglied des Tom Tom Clubs, sondern auch Drummer der Band Talking Heads ist.

    (mehr …)

  • FIKTION: DIE LADY MIT HUT

    „Es war an einem Tag im Winter.“

    „Hat es geschneit?“

    „Unaufhörlich! Knietief ist man im Schnee versunken.“

    „Und war die Luft auch klar vor Kälte?“

    „Ja, es war klirrend, nein bitterkalt.“

    (mehr …)

  • 7 IDEEN EIN BANDSHIRT ZU STYLEN

    7 IDEEN EIN BANDSHIRT ZU STYLEN

    Die Idee, einen Outfitbeitrag zusammenzustellen, verfolgt mich schon seit ich diesen Blog gegründet habe. Doch die Gelegenheit als Fashionbloggerin durchzustarten habe ich irgendwie verpasst, weil ich stattdessen über Musik und Bands abgegangen bin und es für mich nicht ins Bild gepasst hat, zwischendrin Style Inspirationen zu präsentieren.

    Aber ganz ehrlich – wieso eigentlich? Deshalb folgt heut ein kleines Lookbook mit unterschiedlichen Ideen, wie ein Bandshirt gestylt werden kann. Dazu bedanke ich mich bei allen Teilnehmer*innen, die ausgehend vom Herzstück , dem besagten Shirt, ein persönliches Outfit zusammengestellt haben. Lass dich inspirieren:

    (mehr …)

  • EIN NACHTGEDICHT

    EIN NACHTGEDICHT

    in der Stadt ist Nacht

    der Mond hell

    es spielt ein Lied

    und jeder Schritt

    ein Beat

    auf regennassen Pflastersteinen

    schmatzt welkes Laub

    unter den Sohlen

    Hände in den Taschen

    ein Lied in den Ohren

    und der Herzmuskel

    pumpt in BPM

    von Dunkelheit verschluckt

    sind nur Schatten zu erkenn‘

    vor denen

    glimmende Zigarettenstummel

    schweben

    es spielt ein Lied

    und alle Stimmen im Chor

    während die Stadt

    in der Nacht

    an Lautstärke verlor

    zuckende Straßenlampen

    spenden spärliches Licht

    und ich denke an nichts

    nicht mal

    an dich


  • CHICK CHAT

    CHICK CHAT

    ölkjöl

    www.abgefreakt.de/abgefeiert [20:09]

    [20:12] lol wie witzig? ich hab grad vor ein paar Tagen morgens im Bett das abgefeiert gelesen und mega viel gefunden, wo wir schon vor Jahren beide waren 😂😂

    na top 😂😂 [20:13]
    ich glaub, ich mach mir noch ein bisschen beruhigende Musik im Hintergrund an haha [20:29]

    [20:29] machst direkt ein Ritual draus? 😂

    yes, genau das [20:29]
    ist jetzt meine Primetime [20:30]
    also geb dir Mühe [20:30]
    lol [20:30]

    [20:30] pressure 🥰🥰🥰

    alrighty, also du warst auch 2017 bei Giant Rooks? das war tatsächlich eins der ersten Konzerte, über die ich aufm Blog geschrieben hab 😅 [20:31]

    [20:32] das war eiskalt mein erstes & letztes Konzert, auf dem ich alleine war 👀

    warte [20:32]
    du warst nur ein einziges Mal ohne Begleitung aufm Konzert?! [20:32]
    no way [20:32]

    [20:32] absolut ist das so 😂

    das ist echt crazy, bei mir will immer keiner mitkommen😂😂 [20:33]
    also oftmals [20:33]
    siehe Kaltenkirchen haha [20:33]

    [20:33] ich schlepp meinen besten Freund halt immer mit, ob er will oder nicht 😂
    [20:33] siehe Kaltenkirchen 😂

    hahahahahaha [20:34]
    nee aber mal ehrlich, ich finde das ab und an auch super befreiend, allein auf Konzerte zu gehen [20:34]
    da haste niemanden, dem du dich anpassen musst. ist doch top? [20:34]
    oder war das Giant Rooks Konzert damals so ne schlechte Erfahrung, dass du danach nicht mehr solo losziehen wolltest? [20:35]


    [20:36] auf keinen Fall, das war sogar ziemlich schön, weil das Konzert schön war! aber ich teile währenddessen einfach viel zu gerne. ich glaube mir fehlt einfach was, wenn ich keinem mir bekannten Menschen sagen kann, wie geil ich das grad alles finde

    hmm [20:37]
    😂 [20:38]

    [20:38] verstehste nicht? 😂

    nee, ich hab ja das Internet, dem ich im Nachhinein alles erzählen kann [20:38]

    [20:39] ich hab wohl ein sehr großes Mitteilungsbedürfnis — sowohl vor Ort, als auch im Nachhinein. deshalb schreib ich auch am liebsten Konzertberichte

    das hört sich an wie eine Antwort bei nem Bewerbungsgespräch hahahah [20:40]

    [20:41] hier, dieses Foto hab ich damals meinem besten Freund vom Giant Rooks Konzert geschickt.. ich glaube, ich hatte eine gute Zeit 😂
    [20:41] (hab wie ne Sau geschwitzt mit dem Hoodie ey)

    .

    ….

    .

    .

    .

    .

    .

    ..

    hahaha sieht nach guten Vibes aus 😂🤡 [20:41]
    und beim ersten Merchdrop gleich zugeschlagen [20:42]

    [20:43] das hatte ich mir damals schon organisiert, als sie den Von Wegen Lisbeth Support gemacht haben & ich mich in teils Minderjährige schockverliebt habe, die am nächsten Tag Mathe-Abi geschrieben haben 😂😂

    haha, aber ich hab auch so ein Foto, warte… you would not recognize me [20:42]

    ….

    ….

    adfasdfa

    ….

    sfd

    ….

    hahahahah [20:44]
    😂🤡 [20:44]

    [20:45] oh was, die Kleine mit der Brille hab ich ne Zeit lang auf JEDEM verdammten Konzert gesehen 😂😂😂

    ahahahahahahhahah GEIL [20:45]
    und mich nicht?! [20:45]

    [20:45] nee, da klingelt gar nix 😂😂

    na toll 😂😂😂 [20:45]


    [20:46] offtopic: was geht eigentlich bei ihr, hab sie ewig nicht gespotted 😂😂
    [20:47] sonst war immer klar: wenn wir irgendwo schon sau früh aufgeschlagen sind.. sie war noch früher da 😂

    ach, das ist echt witzig. man man [20:48]
    wir waren auf jeden Fall auch zusammen bei Pure&Crafted und der Malzwiese und RAZZ [20:50]

    [20:50] das Pure&Crafted war g e i l

    voll! erste Mal, dass ich RAZZ live gesehn hab und da hatte ich ja mal so den Fangirl Moment haha [20:51]

    [20:53] Beim P&C haben doch auch abends die Kytes gespielt, das war auch heiß

    ja, da haben Kytes gespielt. das war auch der Grund, warum wir am zweiten Tag überhaupt hin sind. und alle nur so Interpol!1! und ich wusste damals noch nicht, wer Interpol sind [20:55]
    aber RAZZ, bester Auftritt [20:55]

    [20:56] … und meine Nocturnal Fanbox hat immer noch einen special Platz


    ja man [20:56]
    ich hab da alle meine Konzertkarten drin aufbewahrt 😅 [20:56]

    [20:57] hast du mir nicht letztens gesagt, dass da ein Rezept drin ist und ich wusste es einfach nicht? 😂😂😂

    jap. du hast das Lachs Rezept [20:57]
    ich hab Steffens Pancakes 😂 [20:57]
    aber die sind leider nicht vegan [20:57]

    [20:58] exactly! und ich hab’s immer noch nicht ausprobiert 🤡

    Skandal [20:58]
    dann haste ja jetzt Inspiration fürs Wochenende [20:58]

    [20:59] Nocturnal mal wieder ballern & dazu Lachsfilet snacken ✨

    yeehaw [20:59]
    ok hau raus. welches Konzert der oben angeführten fandest du am besten [21:13]
    bzw womit hast du jetzt im Nachhinein die schönste Erinnerung [21:13]

    [21:16] gimme a sec

    da brauchst du aber schon echt lang, um dich zu entscheiden [21:19]

    [21:21] Sorry, meine Nachbarin hat Zigaretten geschnorrt 😂😂😂😂

    haha [21:21]

    [21:25] also das RAZZ-Konzert im Festsaal war für uns stimmungsmäßig geil, ganz subjektiv! auf der Malzwiese war ich einfach dauerhaft angetrunken — da haben wir auch in der RAZZ-Crowd unangenehm auf uns aufmerksam gemacht. Da war aber der Rikas-Slot phänomenal geil, weil es war heiß & die Jungs haben dafür die perfekten Vibes.
    Drangsi & Giant Rooks jeweils im Huxleys waren einfach strange geil, weil man so ne krasse Entwicklung allein schon aufgrund der Zuschaueranzahl gefühlt hat. Aber am meisten gecatched hat mich von denen, auf denen wir gemeinsam waren, glaube das, was wir tatsächlich auch zum ersten Mal bewusst zusammen erlebt haben: Kaltenkirchen und Trille!
    [21:27] am witzigsten war der Cassia-Slot aufm Malzwiese, als diese aufblasbaren Strandbälle ins Publikum geschmissen wurden & die einfach alle 2 Sekunden im Pressegraben gelandet sind und die dann einfach irgendwann aufgegeben haben, die zurück ins Publikum zu werfen 😂

    siehst du das mit der RAZZ-Crowd ist mir gar nicht aufgefallen, weil ich ganz vorne stand haha😂😂😂😂 [21:32]
    und die Wasserbälle einfach, die niemand wollte. das war schon ein Highlight wow [21:33]
    Malzwiese war schon echt lustig, lieb ja immer noch das Festival und die ganze Geländegestaltung und so richtig. das war wie eine Grillparty nur in cool und mit Bands [21:34]

    [21:44] das war wirklich wunderschön ✨ die Stimmung war auch irgendwie einmalig. es war entspannen, es war feiern, es war BESTES EIS EVER.

    dieses Eis am Stiel? [21:46]

    [21:46] Yeeeeees, das war sooooooo geil

    genauso wie das Milchreiseis beim Stadt ohne Meer Festival [21:47]

    [22:04] äh? ich möchte bitte Milchreis? 🥺🥺
    [22:12] aber was war es denn bei dir? also das beste Konzert

    deeefinitiv Drangsal im Huxley’s [22:13]

    Vielen Dank an Jule für den abendlichen Chat!




  • UMBLÄTTERN

    UMBLÄTTERN

    Alternativer Titel: 10 Buchempfehlungen für ruhige Lektürestunden. Natürlich alles irgendwo auf die Musik bezogen. Zwischen Roman, Ratgeber und Wissenserweiterung.

    1. How Music Works – David Byrne

    David Byrne, vielen vielleicht bekannt als Sänger von Talking Heads, hat in die Seiten dieses Buches so ein umfassendes Wissen über Musik fließen lassen, dass ich es direkt zwei Mal lesen musste. Es ist eine Mischung aus Einblicken in seine eigenen Projekte und Gedanken zu Geschichte, Wirkung, Entstehung und Beschaffenheit von Musik. Wer wissen möchte, how music works, findet in diesem Werk die Ansätze für ein angeregtes Nachdenken darüber.

    2. Fangirls – Hannah Ewens

    Von der Lisztomanie – einer ersten Fanbewegung um den Komponisten Franz Liszt – bis zu den Fans von Lady Gaga, den Little Monsters. Hannah Ewens hält in ihrem Buch fest, was es bedeutet, ein Fangirl zu sein. Mit persönlichen Geschichten von Girls und für „every girl who has ever had an obsession“ sammelt die Autorin Szenen aus verschiedenen Fandoms und beleuchtet die Musikkultur mal nicht mit Blick auf die Künstler*innen, sondern deren Rückgrat – die Fans. 

    3. Der Tastenficker / Heute hat die Welt Geburtstag – Flake

    Flake ist der Tastenficker, der Keyboarder von Rammstein. In seinem ersten Buch erzählt er über sich, sein Leben, erste Banderfahrungen und Flugangst. Dann folgen in Heute hat die Welt Geburtstag schriftlich festgehaltene Rammstein-Momente. Vielleicht stimmt es und „niemand würde dieses Buch in die Hand nehmen, wenn [er] nicht in dieser Band spielen würde.“ Doch nachdem ich einige unterhaltsame Stunden mit beiden Werken verbracht habe und diese dann an meine Mutter (absolut KEIN Rammstein Fan) weitergab, war auch sie davon begeistert. Das liegt an dem Schreibstil, Humor oder der Verknüpfung und Verzettelung von Erinnerungen aus Flakes Leben. 

    4. Clothes, Clothes, Clothes. Music, Music, Music. Boys, Boys, Boys. – Viv Albertine

    Viv Albertine, the Slits und die Geschichte einer Frau, die sich ihren Weg in die britische Rockmusik erkämpft. Es geht um Music, Boys und Clothes wie die von Vivienne Westwood. Unbeschönigt und trotzdem mit einer Prise Witz gibt die Autorin einen Einblick in ihr Leben, die Höhen, rauen Tiefen und die Punkszene der Siebziger Jahre. 

    5. Wir zwei sind Du und Ich – Diana Raufelder

    Ich habe dieses Buch bestimmt schon zehn Mal gelesen. Weil es recht kurz ist. Aber vor allem, weil es ein wahres Wohlfühl-Buch ist, wenn es sowas gibt. Es ist eins der wenigen fiktionalen Geschichten, die noch in meinem Regal stehen, doch die Geschichte von Ri und Ben – einer ganz besonderen Freundschaft wärmt einfach das Herz an kalten Tagen. Die Autorin vereint in ihrer Erzählung Themen wie das Erwachsenwerden, Liebe, Herkunft, Verlust und dem Lampenfieber vorm ersten Bühnenauftritt. Mit einer Hauptfigur, die im Trubel von Berlin am liebsten in Plattenläden rumhängt und Leonard Cohen hört. 

    6. Lost and Sound. Berlin, Techno und der EasyJet – Tobias Rapp

    Auch dieses Buch findet in Berlin seine Kulisse. Der Titel verrät es schon, es geht um die Clubszene der Hauptstadt, das Nachtleben, die Partytouristen, die Afterhour. Berghain, Billigflieger und Bebauungsplane. DJs, House, Techno, Spreeufer für alle, Tresor, Watergate, Panoramabar. Ich könnte die Liste der Worte, mit denen Tobias Rapp auf dem Einband seinen Buchinhalt beschreibt noch fortführen, aber du konntest dir sicherlich bereits ein Bild machen. 

    7. All My Sons – Arthur Miller

    Wer sich schonmal gefragt hat wie Bands zu ihrer Namensgebung gekommen sind, weiß, dass sich manchmal die abgefahrensten Geschichten dahinter verbergen. Eine Geschichte, oder besser gesagt ein Drama, ist es im wahrsten Sinne des Wortes auch, das twenty one pilots zu ihrem Namen verhalf. All My Sons spielt im kleinbürgerlichen Umfeld der Familie Keller, die bei einem Treffen nicht nur das Verhältnis von Vater und Sohn, sondern auch Geschäftsethik und persönlicher Moral in Frage stellt und dabei gleichzeitig beantwortet, warum einundzwanzig Piloten sterben mussten. 

    8. Das Geschäft mit der Musik – Berthold Seliger

    Kritik an der Musikindustrie. Die übt Berthold Seliger in seinem Buch aus. Er beleuchtet dabei verschiedene Bereiche von Tonträger-Industrie, Gema bis zum Sponsoring, auch der Musikjournalismus ist mit von der Partie. Ich bin mir nicht sicher, wie aktuell einzelne Fakten, Zahlen und Ansichten sind, so sieben Jahre nach dem Ersterscheinungstag des Buches. Aber auch heute noch blätterte ich nachträglich ab und an durch die Seiten, um Strukturen und Vorgänge bei Musikveröffentlichungen, Konzertplanungen, Albenbesprechungen zu hinterfragen und zu überdenken. 

    9. Chasing Sound – Susan Schmidt Horning

    Von der Erfindung des Phonographen bis zur LP, Susan Schmidt Horning schildert in ihrem Buch die „Technology, Culture & the Art of Studio Recording“ mit Augenmerk auf die United States. Tonstudios und ihre Rolle bei der Musikproduktion. Von Momenten der Phonograph Fright, die die Musiker*innen überkam, weil sie es nicht gewohnt waren in Aufnahmegeräte zu singen. Oder die Arbeit von Tonmeister, -techniker, Produzent im Wandel der Zeit und Studioausstattung.

    10. Just Kids – Patti Smith

    Ein Klassiker. Wer dieses Buch noch nicht gelesen hat, sollte das schleunigst nachholen. Patti Smith beschreibt darin ihre Erinnerung an die Zeit und Freundschaft mit Robert Mapplethorpe. Und das tut sie mit einer gewaltigen Ausdruckskraft, Ehrlichkeit und Poesie, die ergreift. Ich hatte Tränen in den Augen und war gleichzeitig so bewegt, inspiriert von ihrer Leidenschaft für die Kunst, dass ich tagelang nicht schlafen konnte und spontan eine Reise nach London unternahm. Einfach, weil in dieser Geschichte so eine Energie steckt, die auf eine Art und Weise beflügelt. Just Kids ist definitiv eines meiner absoluten Lieblingsbücher. 


  • KAPITEL EINS

    KAPITEL EINS

    Tagebuch, Kapitel 1:

    Wo bleibt die Schwerelosigkeit? Wo sind die sorglosen Tagträume? Die Pläne für morgen? Wann fühlt sich der Alltag wieder an wie ein Riesenrad auf dem Jahrmarkt und nicht mehr wie ein Hamsterrad? Gibt es im Dezembergrau dieses Jahr noch etwas, worauf es sich lohnt zu warten? Oder Spontaneität? Einen Schritt aus der Komfortzone?

    Seit einem Monat hat die Vorlesungszeit an der Uni wieder begonnen. Genauso lang arbeite ich in meinem neuen Job. Immer von Montags bis Mittwochs. Der Rest der Woche geht für die Vorbereitung und Durchführung der Zoom-Seminare drauf. Zwischen dem Texte Lesen oder Telefonaten mit den Mitstudierenden laufe ich durch Berlin. Am liebsten, wenn es dunkel ist und mich niemand stört. Manchmal ist das alles, was ich an einem Tag schaffe. Da muss ich mich schon dran erinnern, zwischendurch auch etwas zu essen. Denn ganz ohne wäre es nicht wirklich gesund. Nur morgens, da gehe ich nichts ohne eine Portion Haferbrei mit Banane an. Und Kamillentee. Das ist genauso essenziell wie die Räucherkerze am Abend, die mein Zimmer vollqualmt und dabei hilft, Albträume vorzubeugen. 

    Immer wenn ich so ziellos durch die Straßen wandere, kommen mir unglaublich viele Ideen. Die Gedanken sprießen quasi zwischen meinen Schläfen, hinter die ich unablässig Musik pumpe, während meine Füße mich von Kreuzung zu Kreuzung und den Columbiadamm entlang tragen. Vor der Columbiahalle bleibe ich kurz stehen und kann kaum glauben, dass es noch dieses Jahr war, als Two Door Cinema Club hier ein Konzert gaben. Das war kurz bevor ich aus meiner Wohnung im Prenzlauer Berg geflogen bin. Dann zwischen meinem Elternhaus in Brandenburg, den Klausuren an der Uni und irgendwie einer King Nun Englandtour hin und her gependelt bin. Februar. Da haben sich die Ereignisse wie gewohnt überschlagen. Und irgendwie vermisse ich dieses spontane Pläne schmieden. 

    Mittlerweile habe ich mich in einer neuen Wohnung und meinem sehr schönen Zimmer eingelebt. Meine Familie habe ich seit über vier Wochen nicht mehr gesehen. Da bin ich mehr als dankbar und froh über die Arbeit und Uni im Moment, die mir wieder allerhand Aufgaben servieren. Vom verpassten Sommer ablenken. Und eine Beschäftigung geben, die über den Blog hinaus geht. Apropos, ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass ich ohne all die Konzertberichte fast ausschließlich Texte über Interviews schreibe? 

    Ist es komisch, dass ich doch allerhand zu tun habe und mich trotzdem genau jetzt nach mehr Action sehne? Ein bisschen Abwechslung? Wann habe ich das letzte Mal über neue Musik geschrieben, ohne dass mich jemand darum gebeten hat? Und wann die letzte Platte im verkramten Laden um die Ecke gekauft? Wo sind die Geschichten über Leute, die ich nach Konzerten beim Warten auf die Band treffe? Warum muss ich beim Schreiben jeden Satz zehn Mal überdenken, bevor er mir gefällt?

    Bin ich festgefahren? In den eigens gesetzten Grenzen? Wie auch immer die Antworten darauf ausfallen, ich habe die letzten Tage eine Menge Spaziergänge gemacht. Und eine Menge an Ideen und Gedanken, neuen Songs, Rezepten und Bekanntschaften versammelt. Ich will was verändern, will die ganze Physik. Ich will mich verändern, so wie Dynamit.


  • DER SÄNGER VON METALLICA

    DER SÄNGER VON METALLICA

    Ein leeres Zugabteil. Außer meinem ist keiner der sechs Sitzplätze besetzt. Wir fahren von Berlin in Richtung Hamburg. Die Klimaanlage rauscht, draußen fliegen Wälder und öde Landschaft vorbei. Alles scheint vor Hitze zu flimmern.

    Dann wird langsam die Glastür aufgeschoben, die Kabine und Gang voneinander trennt. Ein Typ tritt ein. Er ist dürr, in Jeans und einen grauen Kapuzenpullover gekleidet, dessen Bauchtasche von einer Büchse Kautabak und einem kleinen Bluetooth-Lautsprecher ausgebeult ist. Seine Augen huschen unruhig durchs Abteil, bleiben kurz an mir hängen: „Darf ich mich hier dazusetzen?“

    Eigentlich ist mir nicht nach Begleitung, doch es sind nur noch zehn Minuten bis zu meiner Station. Ich nicke ihm zu. Und widme mich dann wieder der Landschaft hinter dem Fenster. Aus meinen Kopfhörern dringt leise Musik, zu der sich erneut die Stimme des Fremden mischt. „Du kommst auch aus Berlin, oder? Kennst du das Kottbusser Tor?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort: „Da kann man gut Haschisch kaufen.“

    Ob das Zeug dort an sich auch gut ist, wage ich zu bezweifeln. „Das wär‘ mir nicht neu, aber Drogen sind nicht so mein Ding“, sage ich ihm. „Du stehst eher auf Musik“, stellt der Typ mit einer Handbewegung zu seinen Ohren fest, die auf meine Kopfhörer hindeuten soll. „Kann man so sagen, ja.“ Ich pausiere den aktuellen Song, um mich diesem erzwungenen Gespräch zuzuwenden. Offensichtlich braucht mein Mitfahrer jemand, der ihm einen Moment zuhört.

    „Also keine Drogen. Rauchst du?“

    „Nö, auch nicht.“

    „Man scheiße. Dann wirst du ja bestimmt hundert Jahre alt. Krass… Ich arbeite im Altersheim, weißt du.“

    „Im Altersheim? Und, wie ist das so?“, versuche ich die Konversation irgendwie in eine harmlose Richtung zu lotsen. Der Fremde fummelt nervös an den ausgeleierten Ärmeln seines Pullovers, während er mir von seiner Arbeit erzählt. Von den alten Menschen, die sich teilweise in Gruppen gegeneinander verbündet haben. Davon, wie er den Bewohner*innen das unansehnliche Kantinenessen serviert, das eigentlich gar nicht schmecken kann und trotzdem bereitet es den Leuten immer wieder eine Freude.

    Er erinnert sich amüsiert an den Tag zurück, als er aus Versehen einen Joint neben dem Aschenbecher hat liegen lassen. Die Aufseher waren davon nicht begeistert. Doch ihm war das egal. Es gibt eh zu wenig Geld in dem Job, als dass er sich auch noch diese kleine Freude nehmen lässt. Immerhin kann er, wenn er selbst alt ist, zu Special-Tarifen in dem Altersheim wohnen.

    „Ey aber ich rate dir, nicht damit anzufangen. Mit dem Rauchen, meine ich. Ich war mal Hochleistungssportler im Ausdauerlauf. Da habe ich 220 Kilometer an einem Tag geschafft. Jetzt ist meine Lunge zerfickt und ich pack‘ nur noch 180.“ Nicht ganz wissend, was ich darauf erwidern soll, schweift mein Blick über die leeren Sitze in unserer Kabine. Ich verkneife mir gerade so den Kommentar, warum er dann noch mit der Bahn fährt und nicht einfach nach Hamburg gejoggt ist.

    Mein Gegenüber scheint zu merken, dass ich dieses Thema nicht weiter vertiefen möchte. Auf eine kurze, nachdenkliche Stille setzt er daher erneut an: „Hmm, zurück zu der Musik. Ich mache ja auch selbst Musik.“ Langsam frage ich mich, was er wohl nicht macht. „Soll ich dir etwas verraten?“ Ich blicke verwirrt drein, unsicher worauf das nun hinausläuft. „Sagt dir Metallica was?“ Ich bejahe.

    „Ich bin der Sänger von Metallica.“

    Ich muss kurz Schmunzeln. „Bist du dir sicher?“

    „Ja voll! …naja, also eigentlich schreibe ich nur die Texte.“

    Er muss mir meine Skepsis ansehen, denn unter einem leisen Grinsen, setzt er ein „No joke!“ nach. „Ich bin mega aktiv im Musikbusiness. Hörst du Hip Hop?“ Hat er nicht gerade von seinem Job im Altersheim erzählt? Im nächsten Moment berichtet er von einer innigen Freundschaft mit Sido. „Wir treffen uns immer bei ihm zum Kiffen. Das ist witzig“, der Typ lacht kurz in sich hinein, „doch wenn Carmen nach Hause kommt, muss ich die Fliege machen.“ Wer ist Carmen?

    Schon als ich denke, dass es nicht mehr abstruser werden kann, kramt mein mysteriöser Mitfahrer noch eine Fantasie aus seiner Hosentasche. Diesmal sind es Die Ärzte. „Bela B und so… Da brauchst du nur an den Wannsee kommen, ein paar Tütchen dabei und dann passt das. Obwohl, Frauen sind da immer gern gesehen. Vielleicht laufen wir uns da ja mal über den Weg.“ Der Zug rollt in den Hamburger Hauptbahnhof ein. „Aber nicht in der nächsten Woche, da mache ich hier in Hamburg Urlaub. Weißt du, eigentlich komme ich aus dem Norden. Ich habe vor zwanzig Jahren meine Ausbildung als Koch hier gemacht. Bei Tim Mälzer.“

    Mit einem letzten Kichern erhebt sich der Typ aus seinem Sitz und streckt mir eine silberne Dose entgegen. „Möchtest du ein bisschen Kautabak zum Abschied?“


  • KOPFHÖRER UND SOUNDMEDITATION

    KOPFHÖRER UND SOUNDMEDITATION

    Freitag, zehn Uhr. Es ist das letzte Seminar für diese Woche. Als ich mich vor den Bildschirm setze, sehe ich zuerst nur den Schweriner See. Dann, auf den zweiten Blick weichen die Gedanken an den bevorstehenden Wochenendausflug den kleinen Videokästchen auf meinem Laptop. Das Rechteck mit dem Gesicht unseres Dozenten ist grün eingerahmt, während er mit seinem amerikanischen Akzent das Thema der heutigen Diskussion vorstellt:

    Wie hat die Erfindung der Kopfhörer die Musik und das Musikhören beeinflusst?

    Mein erster Gedanke gilt den Topfpflanzen auf dem Fensterbrett, die ich vor meiner Abfahrt definitiv nochmal gießen sollte. Würde ich ständig Musik ohne Kopfhörer hören, wären sie schon längst eingegangen. Denn Rockmusik mögen Philodendron und Co absolut nicht. Besonders fatal wird es, wenn eine elektrische Gitarre involviert ist. Das grüne Gewächs gedeiht am besten bei klassischer Musik, Brahms und Schubert. Allen voran hört es natürlich Bach am liebsten. So steht es zumindest in einem Buch, das ich vor Kurzem las. Eine amüsante Verschwörungstheorie gegen die „satanische Rockmusik“.

    Doch zurück zu den Kopfhörern. Von mir am meisten genutzt auf langen Bahnfahrten. Begleiter auf Wegen von A nach B. Wie sehr ich mich an die musikalische Untermalung gewöhnt habe, wird erst so richtig klar, wenn sie fehlt. Die Geräusche werden intensiver und plötzlich fällt der Blick auf ganz neue, doch schon immer dagewesene Dinge. Der kleine Eckladen mit der flackernden Neonreklame. Oder das zurückgelassene Skelett eines lila lackierten Fahrrads an dieser einen Straßenlampe. Als hätte die Musik das Sehvermögen eingeschränkt.

    Von Handyakkus und Wanderliedern

    Manchmal werden jedoch ohne Musik die Wege länger und Zeit vergeht langsamer. Ich merke wie meine Motivation sinkt, als ich bei einer Stunde Fußweg an der Bundesstraße 5 nicht einfach die zwei kleinen Stöpsel in die Ohren stecken und mich mit fröhlichen Melodien berieseln lassen kann. Der Akku ist leer, kein Telefonjoker für mich auf diesem Weg nach Schwerin. Nachdem das Personal die Fahrgäste zwei Stationen hinter Berlin aus dem Zug lotste – wegen einer Streckensperrung gibt es ab hier keine Weiterfahrt – und ich zu ungeduldig für ein Warten auf den Ersatzverkehr war, habe ich nach anderen Fortbewegungsmöglichkeiten gesucht.

    So startet der Wochenendausflug jedenfalls abenteuerlich. Doch per Anhalter zu fahren, habe ich mir einfacher vorgestellt. Jetzt liegen acht der zwanzig Kilometer zum nächsten Bahnhof hinter mir und noch kein Autofahrer hat auf meinen ausgestreckten Daumen reagiert. Kleine Grashalme vom frisch gemähten Seitenstreifen piksen in meinen Schuhen. Und da ich keine Musik hören kann, beschließe ich, selbst welche zu machen. Warum will mir in dieser Situation kein anderes Lied als Im Frühtau zu Berge einfallen? Und selbst davon kann ich nur die erste Strophe.

    Neben mir wird ein Auto langsamer. Es ist ein kleines weißes, mit schwarzen Türgriffen aus rauem Plastik. Die Beifahrerscheibe ist heruntergekurbelt. Ein Typ, vielleicht Anfang dreißig, lächelt mir breit entgegen. „Kann ich dich ein Stück mitnehmen?“ In meinem Kopf leuchten die Lämpchen abwechselnd rot und grün, während ich die Vertrauenswürdigkeit des Unbekannten einzuschätzen versuche. Noch ganz außer Atem vom vielen Im Frühtau zu Berge singen, frage ich ihn, ob er am nächsten Bahnhof vorbeifährt. Er nickt, ich steige ich ein. Zwei bunte, geknüpfte Armbänder baumeln am Handgelenk des Fahrers und auf der Rückbank entdecke ich im Kindersitz einen kleinen Jungen.

    Haferbrei statt Hautausschlag

    Hätte der kleine Junge Kopfhörer, würden wir jetzt nicht auf voller Lautstärke den kleinen Drachen Kokosnuss hören. Ich könnte mich mit dem Typen unterhalten. Über seinen missglückten Versuch, ab einer Autobahneinfahrt zu trampen. Stattdessen schildert der Erzähler im Hörbuch gerade, dass Drachen kein Fleisch vertragen. Sie bekommen davon Hautausschlag. Haferbrei scheint da die einzig richtige Alternative. Ich mag Haferbrei, der Fahrer auch. Bevor ich das Ende der Geschichte um den kleinen Drachen hören kann, muss ich schon wieder aussteigen.

    Meinem Ziel, der Mecklenburg-Vorpommerischen Landeshauptstadt, bin ich nun ein Stück näher. Ich setze mich erneut in den Zug und die Kopfhörer auf. Das Handy hängt an einem Kabel an der Steckdose. Die nächste Stunde ist dem neuen Album von Denai Moore gewidmet. So sind alle Passagiere stumm geschalten, Beschwerden über verspätete Züge ausgeblendet. Und genauso froh wie ich über das ersparte Gerede bin, sind wahrscheinlich auch die Anderen, da sie nicht einen einzelnen Song, Grapefruit on The Porch, in unablässliger Dauerschleife hören müssen.

    Nachts (und nackt?) im Hafenbecken

    Dann gibt es wiederum Situationen, in denen Kopfhörer gänzlich fehl am Platz sind. Wie sähe die ausgelassene Hausparty aus, wenn am Eingang diese Geräte verteilt würden und jeder doch wieder für sich ist? Was wird aus dem nächtlichen Abhängen am Hafen? Unter Mondschein zerreißt laute Musik die Dunkelheit. Ich wälze mich auf der Pritsche im Boot und öffne das kleine Bullauge. Neben kühler Nachtluft und ausgelassenen Melodien, weht mir das Klirren von Bierflaschen entgegen. Auf dem gegenüberliegenden Steg hat sich eine Gruppe Jugendlicher zusammengefunden.

    Es ist Vollmond. Er glitzert auf dem leicht gekräuselten Wasser. Das Boot wippt erst nur leicht, dann fängt es an zu schaukeln. Eine der in Dunkelheit gehüllten Personen ist mit lautem Knall im Hafenbecken gelandet. Kurz ärgere ich mich über die Wetterlage, die mein Vorhaben im Schweriner See zu baden durchkreuzte. Vielleicht sollte ich mich dem Typen anschließen. Sein Kopf gleitet durch das Wasser. War das gewollt, oder ist es dem Alkohol geschuldet? Dann kommt die Wasserschutzpolizei. Noch mehr Wellen, zu denen das Boot auf und ab schaukelt.

    Der Nachtschwimmer steigt wieder an Land. Die Musik wird gedämpft, es gab Beschwerden wegen Ruhestörung. Und die Gruppe sammelt sich um den triefenden Typen, der sich irgendwo das Knie aufgeschlagen hat. Der Lichtkegel einer Taschenlampe wandert über das blutrote Bein. Ein Verband wird unbeholfen angelegt. Sieht aus, als wäre die Party vorbei. Ich schließe das Bullauge und lege mich zurück auf die Pritsche.

    Frühstück zum neuen Joris Song

    Neben den Hörgewohnheiten hat sich auch die Musik durch Kopfhörer verändert. Es gibt keine großen Dynamiken mehr. Orchester, die ein Stück unsagbar leise beginnen und in einen ohnmächtigen Paukenschlag münden, sollten nicht durch den Kopfhörer schallen. Und wer will, ständig einen Finger am Regler, die Lautstärke neu einstellen? So werden die meisten Songs auf eine konstante Dynamik geeicht, komprimiert. Töne im Hintergrund verlieren an Tiefe, wie uns der Dozent an einem Beispiel seines jaulenden Hunds erklärt.

    Er weist uns zur Soundmeditation an. Jeden Tag zehn Minuten. Vielleicht zum Frühstück oder nachts um drei auf einem Dach in Berlin. Dabei konzentriert man sich auf die Geräusche der Umgebung, ohne sie spezifisch einer Quelle zuzuordnen. Ziel ist es, den am weitesten entfernten Klang herauszufiltern. Dann soll später die Identifikation solcher Songs, die in alter Manier noch Tiefe aufweisen, neben den für Kopfhörer geebneten leichter fallen. Also setzte ich mich auf den Steg neben das Boot meiner Eltern. Mit geschlossenen Augen lausche ich dem Wind, den klappernden Masten der Segelboote und dem Verkehr von weither.

    Bis mein Vater mich zum Frühstück ruft. Der neue Joris Song Nur die Musik läuft gerade. Das Radio wird lauter gedreht. „Jetzt mach mal hier deine Meditation und sag mir, was das für eine Flöte ist.“ Ich mag Joris nicht. Das weiß Papa, deshalb grinst er auch so. Nachdem ich auf die Stelle nach dem Refrain warte, vermute ich ein einfaches Pfeifen hinter diesem krächzenden Geflöte. Dann beiße ich in mein Marmeladen-Brötchen. Es ist Sonntag, das Schwerin Wochenende neigt sich dem Ende.


  • MEPPEN 2019

    MEPPEN 2019

    Es ist irgendwann gegen Mitternacht. Der spärlich beleuchtete Weg vor mir wirkt nicht sehr einladend. Nur hier und da reiht sich ein orangefarbener Lichtkegel zwischen die Bäume am Straßenrand. Nachts scheint diese Strecke nur wenig befahren zu sein. Und doch nähert sich genau in diesem Moment ein Auto. Ich höre wie es langsamer wird. Neben mir dann das Geräusch der automatischen Fensterscheibe. Angespannt laufe ich weiter, als eine Stimme an mein Ohr dringt: “ ‚Tschuldigung. Wo geht’s zu McDonalds?“

    Ich merke, dass ich die Luft angehalten habe, als mir ein atemloses Lachen entweicht. Eine Gruppe Jugendlicher, die genauso harmlos ist wie die Reihenhäuser mit Terrassentür zum Vorgarten, wo sich nachts um halb zwölf die TV-Quizshow im Fensterglas spiegelt, blickt mir ahnungslos entgegen. Leider kann ich ihnen nicht helfen. Meine Kenntnis reicht nur bis zu dem Thai-Laden am Bahnhof. Und der hat gerade Sommerpause.

    Enttäuscht kurbeln sie die Scheibe wieder hoch und es wird wild auf dem Handy herumgetippt. Ein kleiner werdender Lichtpunkt, der im Dunkel verschwindet. Ich setze meinen Weg zur Jugendherberge fort. Nur drei, vier der etlichen Fenster in der Fassade des komischen, langgezogenen Klotzes sind noch erleuchtet. Ich löse meinen Schlüssel von dem Karabiner an meiner Gürtelschlaufe und schließe die gläserne Eingangstür auf. Mein Zimmer ist im zweiten Stock.

    Außer einer handvoll Gäste scheint die Herberge nicht ausgebucht zu sein. Die meisten davon sind mit dem gleichen Zug wie ich gekommen. Das habe ich schon bei der Fahrt gemerkt. An Ramones-Fanshirts oder den Semestertickets der Bremer Uni. Diese Leute reisen nicht einfach so nach Meppen. Die haben ein Ziel. Und zwar das gleiche wie ich. Das Kleinstadtfestival. Von dort komme ich gerade und lasse mich nun müde auf eines der vier freien Betten fallen.

    Irgendwie schäle ich mich noch aus meiner kurzen Hose und dem blauen Top. Und bemerke dabei, dass ich Sonnenbrand an den Waden habe. Der kommt garantiert vom langen Anstehen an der Pommesbude. Die Schlange führte einmal quer über das Gelände und unter der prallen Sonne zeichnet sich der Schweiß auf den Gesichtern der Wartenden ab. Im Hintergrund animiert irgendein Rapper die noch spärlich versammelte Menge vor der Bühne zum Mitklatschen.

    Nach einer gefühlten Ewigkeit schaufele ich endlich die viel zu salzigen Fritten in mich rein. Deswegen und aufgrund der Hitze an diesem außerordentlich schönen Juli-Samstag war mein nächster Stop der weiße Getränkewagen links von der Bühne. Ungeduldig versuche ich mir am Tresen einen Platz zwischen all den Bechertürme haltenden Mittvierzigern zu ergattern. Und siehe da, hier betrug die Wartezeit nur wenige Minuten, als sich ein netter Typ nach meinem Getränkewunsch erkundigt.

    „Ein Wasser bitte.“ „Ein Wasser?!“, fragt er ungläubig und etwas verwirrt nach. Da bricht eine junge, braunhaarige Frau hinter mir in schallendes Gelächter aus: „hahahaha, DER war GUT!“. Sie knallt zwei dieser Papphalter auf die Theke, in denen jeweils sechs leere Becher stecken. „Ich hätt‘ gern nochmal zwölf Bier.“ Schmunzelnd nehme ich mein Wasser entgegen und mache ein paar Schritte auf die Bühne zu.

    Bald ist es so weit, dass mein Grund für diesen spontanen Ausflug das Rampenlicht betritt. Kurz denke ich an unseren Hund, den ich kurzfristig zur Nachbarin abschieben musste. Und danke meinem Gedächtnis, dass es in der Eile weder das Festivalticket, noch die Zimmerreservierung für die Herberge vergessen hatte. Einzig einen Stadtplan hatte ich nicht zur Hand, genauso wenig wie ausreichendes Datenvolumen auf dem Handy. Doch wenn ich ehrlich bin, irrt man nicht allzu lang in Meppen umher, bis man durch Zufall auf ein Freibad stößt. Schon gar nicht, wenn dort laut Musik gespielt wird.

    Es ist Umbaupause. Die Band fuhrwerkt an ihren Instrumenten herum, Kabel werden gerichtet und die ersten bekannten Gesichter aus der nun wachsenden Menge vor der Bühne begrüßt. Für den nächsten Act ist das ein Heimspiel. Ich stehe mittig in der zweiten Reihe und neben mir umarmt der Drummer gerade ein Mädchen und ihre Begleitung, die sich dazu über die Barrikade beugen. Schon erraten, von welcher Band ich hier schreibe?

    Die Rede ist von RAZZ. Und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass die Stimmung wirklich ein Kracher war. Es dauerte nicht lang und ich wurde von meiner Position in den Moshpit hinter mir gesogen. Wenn gerade kein Text zum Mitsingen vorhanden war, gab ich die Gitarrenmelodie zum besten. Beim Herumwirbeln blickte ich in viele glückliche Gesichter und mittlerweile stand die Sonne nicht mehr so hoch am Himmel.

    Ich habe letztens nachgesehen – es war bis dato mein siebtes Konzert des Quartetts aus dem Emsland. Und jedes Mal werde ich erneut von der leuchtenden Atmosphäre ihrer Live-Auftritte gepackt. Wer weiß, vielleicht ist zwischen den ganzen Lieblingsliedern auch ein neuer Song? Die Zeile „don’t you know, dust settled on my skin“ ist mir jedenfalls nicht bekannt. Gleich bin ich Feuer und Flamme für die ruhelosen Drums.

    Es ging bestimmt nicht nur mir so. Das Publikum war begeistert. Und beim letzten Song rissen wir alle unsere Hände in die Luft und sangen zu Youth & Enjoyment. Die Euphorie reichte auch für den Auftritt der nächsten Band, als ich lachend in den Armen von völlig Fremden lag und wir eingehakt zur Musik tanzten. Erst als die Sonne längst untergegangen war und nur das bunte Bühnenlicht über den zertrampelten Rasen zuckte, beschloss ich zu gehen. Um später glücklich auf der harten Matratze in meinem Doppelstockbett einzuschlafen.


  • KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    Ich sitze aufrecht im Schneidersitz auf der grünen Couch meiner Eltern, die Fernbedienung fest umklammert. Während der Bildschirm aufflimmert, beugt sich meine Mutter über die Rückenlehne, um das dahinter verbaute Soundsystem einzuschalten. Und schon ballert die süße Melodie von Gamesofluck aus den Boxen. Ein Video von Parcels im Funkhaus Berlin leuchtet im Fernseher. Meine Arme zeichnen Wellen in die Luft und der Songtext liegt stumm auf meinen Lippen. Außer beim „ha! uhh“. Das lasse ich mir nicht nehmen.

    Mutti liegt neben mir und schaut gebannt wie bei einem Tatort zu. Als die fünf Australier in ein ausgedehntes Instrumental-Intermezzo abschweifen, frage ich mit einem Grinsen in den Raum: „Und, wer ist dein Lieblingsparcel?“. Die Augen weiterhin auf das Video geheftet, antwortet meine Mutter: „Der blonde da. Noah!“ Ich quietsche begeistert über ihr Insiderwissen. Dafür ernten wir nur einen verständnislosen Blick von meinem Vater, der das Geschehen vom Sessel aus beobachtet. „Ich habe die auch schon mal in echt gesehen“, sagt meine Mutter stolz zu ihrem Mann, den Finger auf die Band im Video gerichtet.

    „Du hast die schon gesehen? Wann denn das?“

    Es ist Anfang Oktober. Ich habe gerade mein Studium in Berlin angefangen. Da ich in der Hauptstadt noch auf Wohnungssuche bin, fand ich übergangsweise Unterschlupf bei meinen Eltern. Das bedeutete zwar eine stundenlange Zugfahrt jeden Tag, doch meine Euphorie für die neue Stadt bremste das nicht. Berlin ist nämlich voll von bisher unergriffenen Möglichkeiten. Konzerte, neue Kontakte. Und unverhoffte Kinoabende?

    Ich erinnere mich daran, wie ich wieder einmal viel zu früh in unserem Seminarraum saß. In der ersten Uni-Woche passiert das noch. Vielleicht ein, zwei weitere übermotivierte Studierende haben ebenfalls in den Reihen Platz genommen. Zum Glück ist das Gebäude hier mit dem besten WLAN ausgestattet und so krame ich in meiner Jackentasche nach dem Handy. Wenig später öffnet sich mein Mail-Postfach (mittlerweile bekomme ich mehr E-Mails als Nachrichten, also ist der Check vom Postfach eingefleischter als ein Blick auf Whatsapp).

    Und mich sollte tatsächlich eine ungelesene Mail erwarten, nachdem ich vorsorglich den Refresh-Button gedrückt habe. Bei dem Absender stockt mir kurz der Atem. Ich blicke mich ganz begeistert im Raum um, aber niemand nahm von mir Notiz. Komisch, dabei drehten meine Gedanken gerade einen Stepptanz unter dem wildesten Feuerwerk, aus irgendeiner Ecke drang lauter Hallelujah-Chorgesang. Denn diese E-Mail wurde von den Parcels versandt. Oder genauer: vom Parcels Pop Shop.

    Das Parcels Pop Shop Debüt Event

    Ich weiß nicht, mit wie großen Fans ich es hier zu tun habe, die diesen Text lesen. Daher eine kurze Erklärung: Der Pop Shop ist eine Art Fanclub. Du meldest dich an und bekommst einen exklusiven Newsletter, manchmal spezielle Merchdrops oder wirst vor allen anderen in nächste Band-Aktionen eingeweiht. Und für die ersten einhundert Personen, die eine Anmeldung einreichten, wird der Titel „Founding Members“ gehalten. Natürlich habe ich alles daran gesetzt, auch zu diesen Gründungsmitgliedern zu zählen, was einfacher gesagt als getan war. In ein paar Sekunden sind die hundert Plätze bereits besetzt. Ich war dreiundsechzigste. Das weiß ich so genau, weil ich meine Gründungsmitgliederkarte mit der Nummer 63 stolz und zu jeder Zeit in meinem Portemonnaie bei mir trage.

    Doch zurück zum elektronischen Postfach. Denn was ich dort bekommen hatte, war keine einfache Mail. Es war eine Einladung. Zu einem Kinoabend mit der Band. Ich bestellte direkt zwei Karten für den Mittwoch in der nächsten Woche. Und ging in Gedanken meinen Kleiderschrank durch. Was war denn bitte mit dem Dresscode „comfortable but not too comfortable“ gemeint?

    Ich entschied mich für eine ausgewaschene Jeans in Kombination mit einem braunen Pulli, der mir fast bis zu den Knien hängt. Um den Hals band ich mir in Stewardess Manier ein cremefarbenes Halstuch. Das Ergebnis einer langen Woche, in der ich mir nicht nur zum Outfit Gedanken machte, sondern auch nach Hinweisen Ausschau hielt, welchen Film die Jungs wohl ausgewählt haben. Ich weiß, dass sie gern Horrorfilme sehen. Und da meine Beziehung mit diesem Genre eher problematisch ist, wollte ich mich innerlich wenigstens darauf einstellen.

    Das Rätsel um die Filmauswahl sollte am Mittwoch des Kinoabends mein kleineres Problem bleiben. Ich bin morgens mit einer anbahnende Erkältung aufgestanden und musste feststellen, dass mir neben der nötigen Abwehrkräfte auch eine Begleitung für den Abend fehlt. Einige Stunden später sitze ich mit meiner Thermoskanne in der gelben U-Bahn, die ruckelnd Richtung Hermannstraße fährt. Mir gegenüber meine Mutti. Ich hatte ganz vergessen, sie über die Kleiderordnung zu informieren.

    Es ist schon dunkel, als wir am Hermannplatz ankommen. Am Ausgang der Station zuckt blaues Licht über den Gehweg. Sanitäter kümmern sich gerade um einen Besoffenen, der nicht mehr laufen kann. Und meine Mutti sieht mich geschockt an, als wir über die Ampel auf eine dunkle Straßenseite wechseln. Da wir viel zu früh dran sind, zögern wir die eigentlichen acht Minuten Fußweg zum Kino auf das Doppelte hinaus. Ein paar Häuser weiter erhellt ein Späti-Schaufenster den Bürgersteig. Direkt daneben prangt über einem Eingang die Schiebetafel des Neuen Off, deren Buchstaben „Parcels Pop Shop“ formen.

    Immer noch überpünktlich stellen wir uns vor die Schaukästen, die sonst das Kinoprogramm anzeigen. Heute hängen dort Plakate vom Pop Shop. Eine kleine Gruppe, die sich später ebenfalls den Parcels Fans anschließt, sitzt vor dem Späti auf Holzbänken. Ich trete von einem Bein auf das andere und werde zunehmend nervöser. Und weil ich so aufgeregt bin, wird meine Mutti auch aufgeregt. Ich versuche mir schon ein paar Sätze zurechtzulegen, die ich den Jungs dann sagen werde, wenn noch Zeit für ein kleines Gespräch bleibt. Doch immer, wenn ich eine Formulierung gefunden habe, verwerfe ich sie wieder.

    „Aber ich will auf keinen Fall mit denen reden!“, wirft Mutti ein. Ich unterbreche mein Selbstgespräch und bei dem Blick in ihr ernstes Gesicht, muss ich lachen: „Sie werden dich schon nichts fragen, wenn du nicht zu ihnen hingehst.“ Darauf bekomme ich nur ein „Hoffentlich! Ich versteh‘ doch nicht mal, was die von mir wollen“ zurück. Wie gut, dass wir grad drauf und dran sind, in einen englischen Film zu gehen.

    Mit Popcorn und Apfelschorle

    Es sammeln sich immer mehr Grüppchen vor dem Eingang des Kinos. Doch nicht zu viele. Insgesamt folgten nicht mehr als fünfzig Leute der Einladung der Parcels. Apropos. In diesem Moment hält neben meiner Mutti und mir ein Taxibus am Straßenrand. Hinten geht die Schiebetür auf und es steigt ein Bandmitglied nach dem anderen aus. Bei Noah hat auch meine Mutti erkannt, um wen es sich handelt: „Guck mal, die Parcels!“ Als dann auch Jules geduckt aus dem Auto steigt, nickt Mutti wissend mit dem Kopf. Durch den Schnurrbart war auch er eindeutig zu identifizieren.

    Wer ebenfalls einen Schnauzer trug war Jean Raclet, der nach dem Eintreffen der fünf Australier überall herumsprang und Fotos schoss. Vom Kino-Eingang. Dem schwarzweiß gefliesten Boden im Foyer. Ein Tisch mit gefüllten Popcorn-Tüten, in denen überall ein Sticker steckte. Ich holte meiner Mutti und mir eine Apfelschorle mit den Getränkemarken, die jede*r Besucher*in bekam. Langsam füllte sich der kleine Vorraum und auch auf den Tischen, die dort standen, waren liebevoll einige der roten Sticker drapiert. An den Wänden hingen weitere Parcels Plakate.

    Die Atmosphäre war sehr entspannt. Alle hatte ein Getränk in der Hand und hier und da sah man Jules‘ Jacke zwischen den Leuten aufblitzen. Oder den braunen Haarschopf von Patrick, der sich mit den Gästen unterhielt. Meine Mutti und ich beobachteten die Szenerie vor uns und überlegten, ob ich mir nachher noch eines dieser neuen Pop Shop T-Shirts kaufen sollte. Obwohl ich vermutlich schon mehr Parcels Merch im Schrank habe, als normale Shirts. Dieser Gedankengang wird von einem Klingeln unterbrochen. Das Signal, mit dem sich alle in den Kinosaal begeben.

    Und meine Güte, war das ein gemütlicher Saal! Die Sitze und der Vorhang waren in einen türkis-blauen Farbton getaucht, während die Wände mit weißem Stoff verkleidet sind. Wir lassen uns in einer der hinteren Reihen fallen und einige Besucher*innen testen begeistert die verstellbaren Lehnen der Sitze. Die Tüte mit dem Popcorn auf dem Schoß warten wir, bis das Licht gedimmt wird. Weiter vorn sind die Köpfe der Band auszumachen und direkt vor der Leinwand steht Jean Raclet für ein Gruppenfoto. Dann wird es dunkel.

    Melancholia von Lars von Trier

    Der Film startete mit sehr dramatischen Szenen, die bereits zu dem Ende einen Rahmen spannten. Unterlegt mit noch aufwühlenderer Musik. Ein fremder Planet kommt der Erde gefährlich nah und markiert den Weltuntergang. Zwei Schwestern sind die Hauptfiguren in diesem Schauspiel, das sehr seltsam aber gleichzeitig fesselnd war. Es gab keine Hintergrundmusik außer diesen einen furchteinflößenden Akkordaufbau, der immer in Verbindung mit dem einrasenden Planeten aufkam. Erst still und langsam, dann verzerrt er sich, so dass mir schon ganz schlecht wurde von dieser Wirkung.

    Ich sehe zu meiner Mutti rüber, die nicht ganz so begeistert zu sein scheint. Ihr war ebenfalls schlecht. Vielleicht lag das auch an dem Popcorn. Immerhin hatte ich ja noch meine Thermoskanne, von dessen Inhalt ich einen Schluck nahm. Da traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Wagner. Der Akkord ist aus Wagners Oper Tristan und Isolde. Endlich hat sich die Vorlesung in Musikgeschichte mal ausgezahlt. Dann kann ich mir den identifizierten und sogenannten „Tristan-Akkord“ nun nach Belieben zuhause anhören.

    Etwas erleichtert bin ich doch, als der Film nach über zwei Stunden endlich vorbei ist. Benommen trotten wir in den Vorraum, wo zwei Personen, die vorher den Einlass kontrolliert haben, jetzt Parcels T-Shirts verkaufen. Viele der Gäste haben sich vor die Tür gestellt, um frische Luft zu schnappen oder eine zu rauchen. Neben ihnen mache ich auch Toto, Louie und Patrick aus. Noah und Jules wuselten hingegen noch im Foyer umher. Ich war plötzlich ganz unsicher, wen ich nun ansprechen sollte.

    Ich war schon kurz davor, ohne ein Wort zu gehen. Auch Mutti drängelte bereits, da ihr wirklich schlecht zu sein schien. Also trat ich dicht von ihr gefolgt aus dem Gebäude. Und lief dabei direkt auf Louie zu. Das hielt mich zum Glück davon ab, unbemerkt zu verschwinden und so trat ich zu ihm, um mich für den Abend zu bedanken. Louie lächelte mich schon an, bevor ich ihn erreicht hatte und ich merkte nur noch, wie meine Mutti einfach ohne zu zucken an mir vorbei lief, als ich vor dem Keyboarder Halt mache.

    Noch bevor ich ein Wort sagen konnte, begrüßte mich Louie. „Hey! We talked on skype didn’t we? You were the one with the little small dog!“ Ich erinnere mich zurück an den Tag, als Patrick und Louie für den Parcels Podcast einige ihrer hundert Founding Members per Skype interviewten. Damals wohnte ich noch bei meiner Schwester in Hamburg und war unbeschreiblich aufgeregt, als ich in diesen Videoanruf schaltete. Wie zu erwarten, brachte das all meine Englischkenntnisse durcheinander und bei der Frage, was Tyson denn für eine Rasse sei, meinte ich sehr professionell: „a little small dog“.

    Ich war peinlich berührt, aber gleichzeitig beeindruckt, dass er sich mein Gesicht von dem Telefonat vor Monaten gemerkt hat. Mittlerweile ist auch Patrick zu uns gestoßen. Die beiden erkundigten sich, wie es Tyson geht und Louie fragt, ob ich denn extra aus Hamburg angereist bin. Nachdem wir ein bisschen gequatscht haben, verabschiedete ich mich. Und machte mich auf die Suche nach meiner Mutti, die dem Gespräch gekonnt ausgewichen ist (und der Film war zum Glück mit Untertiteln).


  • ERSTE KLASSE GANGSTER

    ERSTE KLASSE GANGSTER

    Diese Quarantäne macht Dinge mit mir, die ich niemals erwartet hätte. Zum Beispiel habe ich letztens meine Schwester nach dem Link zu ihrer Playlist gefragt. Ich sitze also nun in meinem Kellerzimmer und die niedrige Decke bebt von einem DMX Song. An die zehn Stunden Material hat sie da in ihrer Liste gesammelt. Hauptsächlich das beste an Hip Hop und Gangster Rap aus den frühen 2000ern. Manchmal hat sich auch ein Capital Bra dazwischengedrängelt. Warte – ein Song von Rammstein? Das ist mir neu.

    X Gon‘ Give It To Ya – DMX

    Ich weiß noch, wie ich den Musikgeschmack meiner Schwester verflucht habe. Auf den ganzen Autofahrten von zuhause nach Hamburg und zurück. Wenn sie mit ihren frisch gemachten Acrylnägeln auf dem Lenkrad trommelt. Aus dem Alter, wo man das, was die großen Geschwister hören, super cool findet, bin ich wohl raus. Um diese Sorte Musik zu feiern (was ich selten aber manchmal tue), muss ich schon in Stimmung sein.

    So wie in diesem Moment. Ich sitze also in meinem Zimmer und wackel mit dem Kopf zu Gangsta Nation. Da packt mich auf einmal eine ganz seltsame Erinnerung. An eine Autofahrt. Aber nicht wie oben beschrieben. Diese Fahrt ist schon einige Jahre her. Es ist Spätsommer in 2006, ich bin gerade eingeschult worden. Meine Schwester ist in ihrem letzten Jahr vor den Abiturprüfungen…

    Gangsta Nation – Westside Connection

    Ich sitze in einer Art Baumhaus. Raues Holz unter den Knien, während ich durch einen Spalt zwischen zwei Brettern die Umgebung betrachte. Besser gesagt den Spielplatz, der sich im Schatten der Bäume vor mir erstreckt. Es wuseln nur noch vereinzelt Kinder zwischen den bunten Gerüsten herum, bis auch sie endlich von ihren Eltern abgeholt werden.

    Es ist ein Freitag und irgenwann gegen vier Uhr. Ich ging während meines ersten Schuljahrs nach Unterrichtsschluss immer in den Hort, bis meine Mutter von der Arbeit kam. Das war nicht unbedingt meine beste Zeit, da ich hier keine Sau kannte und auch kein großes Interesse hegte, jemanden kennenzulernen. Meist vertrieb ich mir die Stunden mit Stiften und Papier. Heute sollte mich meine Schwester abholen.

    Ante Up Remix – M. O. P.

    Blöd nur, dass schönes Wetter war. Denn das bedeutet, alle Betreuerinnen schließen ihre Räume drinnen ab, um auch Kinder wie mich dazu zu bewegen, an die frische Luft zu gehen. So fand ich also meinen Weg in diese Holzhütte auf Stelzen. Über eine kleine Leiter konnte man diese erreichen und auf der anderen Seite mittels einer Rutsche wieder verlassen.

    Zu meinem Glück war dieser Platz nicht so beliebt und ich hatte meine Ruhe. Gekonnt ignorierte ich quasi jegliche soziale Kontakte. Vielleicht versteckte ich mich auch vor den Betreuerinnen – denn dummerweise hatte ich nämlich noch meine Hausschuhe an. Und riesen Schiss davor, Ärger deswegen zu bekommen. Wehmütig denke ich an meine Straßenschuhe, die in einem der Räume eingeschlossen waren.

    Kleine Sandkörner bohren sich in meine Erstklässlerhände, während ich gedankenverloren den Dreck auf dem Bretterboden hin und her schob. Langsam näherten sich zwei Personen dem Tor, das Parkplatz und Hortgelände voneinander trennt. Ein blondhaariges Mädchen, das ich als meine Schwester identifiziere, und ein schlaksiger Typ mit pechschwarzem Haar. Sie brauchen nicht lang, um mich zu finden und melden mich bei dem Betreuer ab, der keine Notiz von meinen Hausschuhen nimmt.

    Poppin‘ Them Thangs – G-Unit

    Gemeinsam gehen wir zum Auto des Typen, den ich auffällig von der Seite beobachte. Es ist nicht das erste Mal, dass ich meine Schwester in Begleitung von ihm sehe. Da ich nicht wusste, wie er heißt, taufte ich ihn aufgrund seiner Statur „Fritte“. Die tiefsitzenden, ausgewaschenen Jeans, die seine langen Stelzen verhüllten, machten das Gesamtbild nicht besser. Nach unten hin wurden die Hosenbeine weiter und schlossen bei seinen klobigen Turnschuhen mit einem ausgefransten Saum ab.

    Er verlangsamte seine Schritte, als wir an einem Auto ankamen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein silberner Opel Astra G war. Die Lehnen der Vordersitze waren so weit zurückgestellt, dass man praktisch lag. Und am Rückspiegel hing neben aufgefädelten Plastik-Hawaiiblüten, eine goldene Kette an der ein monströser Eminem-Anhänger baumelte.

    Forgot About Dre – Dr. Dre, Eminem

    Schnell fand mein Blick von der Inneneinrichtung zu einer weiteren Person, die auf dem Beifahrersitz chillte. Ebenfalls ein Kumpel meiner Schwester. Er war deutlich muskulöser gebaut als Fritte, die Ärmel seines weißes T-Shirts spannten sich um seinen Bizeps. Dazu hat er eine graue Jogginghose kombiniert. Und an seinem Hals blinkte ein Goldkettchen.

    Mein sechsjähriges Ich gab ihm den Namen „Harte Nuss“, da er seine Haare raspelkurz rasiert hatte und nur kleine rotblonde Stoppeln seine mit Sommersprossen übersähte Kopfhaut überzogen. Er strahlte definitiv etwas Einschüchterndes aus, weshalb ich mich lieber wieder der Fritte zuwendete.

    Purple Pills – D12

    Einmal sollte ich Harte Nuss nach dieser Fahrt jedoch noch wiedersehen. Ungefähr sechs Jahre später. Meine Schwester war für fast genauso lang schon von Zuhause ausgezogen und hatte ihre Ausbildung am Gericht abgeschlossen. Ihre Baggy Pants hatte sie, genau wie den glitzernden Lippenpiercing lange abgelegt.

    Sie besuchte uns oft an den Wochenenden und wir machten einen Spaziergang mit dem Hund. Auch heut, als uns auf halbem Weg Harte Nuss entgegen kam, den ich zuerst nicht erkannte. Die Haare trug er nun etwas länger, ein Muskelpaket war er nach wie vor. Nur kleiner. Aber das lag vielleicht daran, da ich in der Zwischenzeit ein wenig gewachsen war.

    Er und meine Schwester begrüßten sich. Ein erstes Wiedersehen, nachdem er die letzten Jahre im Knast saß (?). Komischerweise fand ich das damals überhaupt nicht seltsam. Ich habe einfach abwartend neben den beiden gestanden und die Leine vom Hund festgehalten. Das Treffen dauerte nicht lange, da musste Harte Nuss auch wieder gehen. Er besucht heut noch seine vierjährige Tochter, die er nur alle zwei Wochen sehen darf.

    Da Rockwilder – Method Man, Redman

    Okay. Im Nachhinein eine seltsame Begegnung. Was aus Fritte wurde, weiß ich nicht. Beim Hören dieser Playlist habe ich noch vor Augen, wie er vor mir in dem Auto sitzt. Oder besser gesagt im Fahrersitz liegt. Mit einem ausgestreckten Arm hält er das Lenkrad, die andere Hand liegt lässig auf dem Schaltknüppel. Langsam schieben wir uns an den Parklücken vorbei durch die Dreißiger-Zone.

    Meine Schwester reicht dem Beifahrer eine mit Edding bekritzelte CD, die in einem chaotischen Haufen in der Mittelkonsole steckte und bald hallt ein lauter Bass aus der Boombox im Kofferraum. Jetzt fehlen eigentlich nur noch diese Hydraulikpumpen, die Frittes Karre über die Straße hüpfen lassen und Fritte wäre sicherlich vollends glücklich. Während ich mir fast in die Hosen machte, weil ich ohne Kindersitz mitfuhr. Ohne Kindersitz, verdammte Scheiße! Und obendrein hatte ich doch noch immer meine Hausschuhe an! Wenn das rauskommt.

    ps: auf dem Titelbild bin ich zu sehen, noch keine sechs Jahre alt, aber die Gangster-Thematik fand ich passend