DER SÄNGER VON METALLICA

Ein leeres Zugabteil. Außer meinem ist keiner der sechs Sitzplätze besetzt. Wir fahren von Berlin in Richtung Hamburg. Die Klimaanlage rauscht, draußen fliegen Wälder und öde Landschaft vorbei. Alles scheint vor Hitze zu flimmern.

Dann wird langsam die Glastür aufgeschoben, die Kabine und Gang voneinander trennt. Ein Typ tritt ein. Er ist dürr, in Jeans und einen grauen Kapuzenpullover gekleidet, dessen Bauchtasche von einer Büchse Kautabak und einem kleinen Bluetooth-Lautsprecher ausgebeult ist. Seine Augen huschen unruhig durchs Abteil, bleiben kurz an mir hängen: „Darf ich mich hier dazusetzen?“

Eigentlich ist mir nicht nach Begleitung, doch es sind nur noch zehn Minuten bis zu meiner Station. Ich nicke ihm zu. Und widme mich dann wieder der Landschaft hinter dem Fenster. Aus meinen Kopfhörern dringt leise Musik, zu der sich erneut die Stimme des Fremden mischt. „Du kommst auch aus Berlin, oder? Kennst du das Kottbusser Tor?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort: „Da kann man gut Haschisch kaufen.“

Ob das Zeug dort an sich auch gut ist, wage ich zu bezweifeln. „Das wär‘ mir nicht neu, aber Drogen sind nicht so mein Ding“, sage ich ihm. „Du stehst eher auf Musik“, stellt der Typ mit einer Handbewegung zu seinen Ohren fest, die auf meine Kopfhörer hindeuten soll. „Kann man so sagen, ja.“ Ich pausiere den aktuellen Song, um mich diesem erzwungenen Gespräch zuzuwenden. Offensichtlich braucht mein Mitfahrer jemand, der ihm einen Moment zuhört.

„Also keine Drogen. Rauchst du?“

„Nö, auch nicht.“

„Man scheiße. Dann wirst du ja bestimmt hundert Jahre alt. Krass… Ich arbeite im Altersheim, weißt du.“

„Im Altersheim? Und, wie ist das so?“, versuche ich die Konversation irgendwie in eine harmlose Richtung zu lotsen. Der Fremde fummelt nervös an den ausgeleierten Ärmeln seines Pullovers, während er mir von seiner Arbeit erzählt. Von den alten Menschen, die sich teilweise in Gruppen gegeneinander verbündet haben. Davon, wie er den Bewohner*innen das unansehnliche Kantinenessen serviert, das eigentlich gar nicht schmecken kann und trotzdem bereitet es den Leuten immer wieder eine Freude.

Er erinnert sich amüsiert an den Tag zurück, als er aus Versehen einen Joint neben dem Aschenbecher hat liegen lassen. Die Aufseher waren davon nicht begeistert. Doch ihm war das egal. Es gibt eh zu wenig Geld in dem Job, als dass er sich auch noch diese kleine Freude nehmen lässt. Immerhin kann er, wenn er selbst alt ist, zu Special-Tarifen in dem Altersheim wohnen.

„Ey aber ich rate dir, nicht damit anzufangen. Mit dem Rauchen, meine ich. Ich war mal Hochleistungssportler im Ausdauerlauf. Da habe ich 220 Kilometer an einem Tag geschafft. Jetzt ist meine Lunge zerfickt und ich pack‘ nur noch 180.“ Nicht ganz wissend, was ich darauf erwidern soll, schweift mein Blick über die leeren Sitze in unserer Kabine. Ich verkneife mir gerade so den Kommentar, warum er dann noch mit der Bahn fährt und nicht einfach nach Hamburg gejoggt ist.

Mein Gegenüber scheint zu merken, dass ich dieses Thema nicht weiter vertiefen möchte. Auf eine kurze, nachdenkliche Stille setzt er daher erneut an: „Hmm, zurück zu der Musik. Ich mache ja auch selbst Musik.“ Langsam frage ich mich, was er wohl nicht macht. „Soll ich dir etwas verraten?“ Ich blicke verwirrt drein, unsicher worauf das nun hinausläuft. „Sagt dir Metallica was?“ Ich bejahe.

„Ich bin der Sänger von Metallica.“

Ich muss kurz Schmunzeln. „Bist du dir sicher?“

„Ja voll! …naja, also eigentlich schreibe ich nur die Texte.“

Er muss mir meine Skepsis ansehen, denn unter einem leisen Grinsen, setzt er ein „No joke!“ nach. „Ich bin mega aktiv im Musikbusiness. Hörst du Hiphop?“ Hat er nicht gerade von seinem Job im Altersheim erzählt? Im nächsten Moment berichtet er von einer innigen Freundschaft mit Sido. „Wir treffen uns immer bei ihm zum Kiffen. Das ist witzig“, der Typ lacht kurz in sich hinein, „doch wenn Carmen nach Hause kommt, muss ich die Fliege machen.“ Wer ist Carmen?

Schon als ich denke, dass es nicht mehr abstruser werden kann, kramt mein mysteriöser Mitfahrer noch eine Fantasie aus seiner Hosentasche. Diesmal sind es Die Ärzte. „Bela B und so… Da brauchst du nur an den Wannsee kommen, ein paar Tütchen dabei und dann passt das. Obwohl, Frauen sind da immer gern gesehen. Vielleicht laufen wir uns da ja mal über den Weg.“ Der Zug rollt in den Hamburger Hauptbahnhof ein. „Aber nicht in der nächsten Woche, da mache ich hier in Hamburg Urlaub. Weißt du, eigentlich komme ich aus dem Norden. Ich habe vor zwanzig Jahren meine Ausbildung als Koch hier gemacht. Bei Tim Mälzer.“

Mit einem letzten Kichern erhebt sich der Typ aus seinem Sitz und streckt mir eine silberne Dose entgegen. „Möchtest du ein bisschen Kautabak zum Abschied?“

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