Schlagwort: BERLIN


  • HYPERPOP ZUCKERSCHOCK

    In einem breiten Ringordner, der in ein kariertes Küchentuch eingeschlagen ist, bewahrt meine Mutter ihre Rezepte auf. Für Kuchen, Kekse oder Kürbiskernbrot. Bei Fragen nach der Menge einzelner Zutaten oder einer Backzeit ist immer gewiss eine Antwort auf den eingehefteten linierten Karteikarten zu finden.

    Wie wäre es, wenn das Songschreiben auf ähnliche Art verläuft? Und zwischen den mit Filzstift umrahmten Lieblingsrezepten hier und da die Melodie des nächsten Charterfolgs aufgeschlüsselt in seine kleinsten Bestandteile und Stimmungen daliegt?

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  • ALL TOGETHER NOW

    ALL TOGETHER NOW

    Ein markerschütternder Schrei zerreißt den sonst sonnigen Samstagnachmittag. Adrenalinrausch. Mit 9,81 Metern pro Sekunde beschleunigt der Körper im freien Fall. Die Füße sind mit einem elastischen Seil an der Hebebühne befestigt, kopfüber dem blanken Betonboden entgegenrasend. Ich steuere mit meinem Fahrrad direkt auf das Szenario zu, vorbei an der Bahnstation Warschauer Straße und zum Eingang des RAW Geländes. Mehr oder weniger gekonnt manövriere ich an den ganzen Schaulustigen vorbei, die ihre Handykameras dem blauen Himmel entgegenstrecken.

    Dann blicke ich ebenfalls auf mein Handy. Doch nicht um ein Video zu machen, sondern mir eines anzusehen. Es zeigt rar besetzte Biergarten-Garnituren, eine bretterbeschlagene Bar und schwarze Sonnenschirme. Wäre im Hintergrund nicht ein Turm mit Boulderwand zu sehen, hätte ich den Ort der Aufnahme und mein heutiges Ziel fast nicht erkannt – der Kegel neben dem Cassiopeia. Also rolle ich über das mit Schlaglöchern versehene Gelände, zu beiden Seiten leuchten die Graffitis in der Sonne. Neben dem Cassiopeia schwinge ich mich vom Sattel und schließe mein Fahrrad kurzerhand an dem Terrassengerüst vom Emma Pea Café an. Dort war ich das letzte Mal zum King Nun Interview mit Theo. Heut darf ich dem Trio von Koko meine Fragen stellen.

    Das Fahrradschloss klickt, ich schultere meinen Rucksack. Am Ende des Gangs, der links vom Musikclub, rechts vom Kegel begrenzt wird, winkt mir bereits die Band zu. Ich schreite unter der Diskokugel und einem Netz aus bunten Lichtern hindurch, dann stehe ich selbst in dem Biergarten. Neben mir ein Tisch, an dem Harry, Oli und Ashley in Begleitung ihres Managers sitzen. Jemand bringt die leeren Biergläser weg, während ich mich mit Ashley, dem Gitarristen der Band, über Frisuren und meine bereits verblichene grüne Haarfarbe unterhalte.

    Das letzte Mal als ich die Gruppe sah, war Anfang April über den Bildschirm des Mobiltelefons. Wir verabredeten uns zu einem Videocall und der Release ihrer ersten EP Follow lag noch nicht lang zurück. Jetzt, fast ein halbes Jahr später, steht die Veröffentlichung ihrer zweiten EP bevor, Shows beim Reeperbahn Festival wurden gespielt und ein Ausflug nach Berlin geplant. Als sie mir damals am Telefon versprachen, dieses Jahr auf jeden Fall noch nach Deutschland zu kommen, habe ich nicht wirklich daran geglaubt. Und nun schreiten wir zu fünft über das Gelände, auf der Suche nach einer ruhigeren Ecke. Vom Badehaus erklingt Livemusik bei einem Sitzkonzert, unweit des Astra Kulturhauses der gelegentliche Schrei von Bungee Springenden.

    Oli und Harry, den Handrücken fest gegen den Riemen der Handycam gepresst, filmen Nahaufnahmen von ihren zu Grimassen verzogenen Gesichtern und der bunten Kulisse. Dann überreichen sie den silbernen Rekorder mit Klappdisplay an ihren Manager, um sich neben mir auf einer Treppenstufe niederzulassen. Abgesehen von zwei Mädchen, die zu lateinamerikanischer Musik ein Tanzvideo filmen, sind wir hier ungestört und ich krame im Rucksack nach dem Handy für den Voice Recorder und im Gedächtnis nach einer ersten Frage für die britische Band.

    „Wie wär’s, wenn ihr damit anfangt, dass ihr in Hamburg fast verhaftet wurdet?“, kommt es vom Koko Manager, der am Treppengeländer lehnt und mit einem breiten Grinsen die Handycam auf uns richtet. Sogleich tauschen die drei Jungs belustigte Blicke aus, bevor Harry zu einer Anekdote ansetzt, die auf dem Gebrauch von Elektrorollern in der Hansestadt basiert. „Wir sind in Hamburg mit so einem gefahren.“ Wohlwissend, dass pro Gefährt nur eine Person zugelassen ist, schwang sich Harry zu Oli auf den Roller und dann… naja: „Die Polizei ist aus ihrem Auto gesprungen und hat uns angehalten. Aber wir sind glücklicherweise nochmal davongekommen.“ Mit einem Augenzwinkern fügt Oli hinzu, dass sie ja „aus England kommen und das nicht wussten.“

    So kamen Koko unbeschadet aus dieser Sache raus und für ihre beiden Auftritte beim Reeperbahn Festival auf die Bühne. Einmal unter freiem Himmel im Festival Village und einmal im Uebel und Gefährlich. Auch wenn die Konzerte unter den Corona-Beschränkungen stattfanden, ist das Trio glücklich wieder vor Publikum zu spielen: „Wir hatten einiges für den Sommer geplant, Gigs und Festivals. Wegen Covid konnten wir dann nicht viel machen, außer Musik zu schreiben. Deshalb war es umso schöner, wieder auf der Bühne zu stehen – auch wenn es etwas ungewohnt war, dass die Leute in kleinen aufgemalten Kästchen saßen.“

    Nach kurzem Überlegen sagt Oli: „Es war schon etwas seltsam. Die Leute durften sich auch nicht so wirklich bewegen und wir sind ein tanzendes und springendes Publikum gewohnt,“ seine Hände spielen unruhig mit den Ärmeln seines Pullovers, der locker um die Schultern gelegt ist, „Aber diese Erfahrung ist trotzdem besser, als wenn wir es gar nicht gemacht hätten.“ Mit leuchtenden Augen versichert der Sänger die Liebe der Band zu Konzerten. Und auch wenn ein Virus sie aktuell von den Bühnen fern hält, über ausgelassene Shows und Traumauftritte zu fantasieren, lenkt einen Moment von der eher tristen Aussicht für Livemusik ab.

    „Also als erstes würden wir in einem Raumschiff auf die Bühne kommen.“ Noch während diese Worte gesprochen werden, hört man bereits verrücktes und amüsiertes Lachen von den anderen Bandmitgliedern. „Wir würden in einer Arena auftreten, mit atemberaubender Lasershow. Es gäbe Bier umsonst, das unablässig in die Menge gegeben wird. Und im Publikum würden alle ihre Shirts ausziehen, verschwitzt vom vielen Tanzen. That’s what we want. Wir wollen, dass jede*r bei unseren Konzerten einfach eine gute Zeit hat.“

    Auch in ihren letzten Veröffentlichungen versucht die Band, negative Gedanken durch einen optimistischeren Blick auszutauschen. Mit den Singles All Together Now oder So Nice To Meet You, die schon vor einiger Zeit entstanden sind, spiegeln sie unbeschwerte Momente, neue Begegnungen wieder. Beim Tanzen kurz die Alltagssituationen vergessen oder tongue out, get silly with it. Verbunden mit dem sorglosen Gefühl der Songs löst die Farbe Gelb der kommenden EP das Pink ihres Vorgängers ab. 

    „Was würdest du denn als nächste Farbe vorschlagen?“, fragt mich Oli neugierig. Vergeben sind bereits pink, gelb, und rot für die beiden alleinstehenden, musikalisch aggressiveren Stücke (I Don’t Wanna) Start Fights und Now That I’m Wanting More. Doch ohne den Sound der kommenden Songs zu kennen, fällt mir keine passende Antwort ein. „Fair Enough… Es wird Clubmusik.“ Wieder müssen wir lachen, während der Sänger mit einem itzitzitz scherzhaft einen Beat imitiert. „Ist als nächstes denn wieder eine EP geplant oder kommt bald das Debütalbum?“, stelle ich die Gegenfrage.

    „Jetzt sind wir ja grad bei der zweiten EP. Darauf folgen vielleicht noch ein, zwei. Wir wollen erst eine Fanbase aufbauen, bevor wir ins kalte Wasser springen und gleich zehn Songs auf einmal veröffentlichen. Aber ein Album wird kommen!“ 

    „Ja! Denn wir sind ständig am Schreiben,“ schließt sich Ashley an die Erklärung von Harry an, „Wir schreiben selbst hier in Berlin an neuen Songs.“ Und das zum Beispiel zusammen mit der Künstlerin Nina Chuba. Die neue Stadt und neue Personen bringen dem Trio frische Energie und Ideen, gelegentliche Abwechslung im kreativen Prozess. „Es ist cool mit jemandem zusammenzuarbeiten, die den gleichen Vibe hat wie wir. Nachdem man so lange mit denselben Leuten im Studio steckt, macht es Spaß, sich auch mal mit anderen auszutauschen.“

    Ashley wackelt mit seinen Latschen, in denen ein Paar weißer Socken stecken. Auf dem Kopf ein schwarzer Anglerhut mit St.Pauli Schriftzug und Totenkopf. „Coole Mütze!“ ruft eine Frau, die uns beim Vorbeigehen beobachtet hat. Ich muss grinsen, doch erst als Ashley unbeirrt mit seiner Beschreibung vom Songwriting Prozess fortfährt, fällt mir ein, dass die Jungs das Kompliment der Fremden ja gar nicht verstanden haben. 

    „Ich glaube mit der Entwicklung von EP 1 zu EP 2 hat sich vor allem unser Denkvorgang geändert, was das Schreiben betrifft. Zu Anfang sind wir mit einem Plan in die Session gekommen und haben uns vorher Gedanken gemacht. Aber ein konkreter Plan kann meist nicht genau erfüllt werden. Wenn man stattdessen offen an die Sache rangeht, ist alles möglich. Wenn es gut wird, wird es gut und wenn nicht, dann eben nicht. Wir bekommen bessere Ergebnisse, seit wir nicht mehr im Voraus die Messlatte so hoch legen, dass wir dann nicht drüber kommen.“

    Sie schreiben, was sie wollen. Im wahrsten Sinne des Wortes und ohne festes Genre. „Wer sagt, dass wir nächste Woche keinen Jazz Song veröffentlichen können?“, wendet sich Oli an die Runde. Es entbrandet eine Diskussion über Einflüsse und der Versuch, den Sound von Koko zu beschreiben. Zwischen Elementen aus Hip Hop, Dance Music und vielleicht Punk. Doch die Haltung bleibt Anti-Genre. „Wir wissen zwar, was wir wollen, aber wir können es nicht beschreiben, bevor der Song fertig ist.“

    Und in der Regel sind neue Lieder bei Koko schnell in Sack und Tüten. „Nachdem wir anfangen zu schreiben, ist der Song in beinahe zwei Stunden fertig. Das geht schnell bei uns. Und wenn wir es am Ende des Tages nur bis zum Chorus geschafft haben, dann werden wir es wahrscheinlich nicht mehr abschließen und gehen direkt zum nächsten.“ Ich kann mein Erstaunen darüber kaum verbergen und frage das Trio, ob sich bei so einem kurzlebigen Prozess nicht im Nachhinein Zweifel an den getroffenen Entscheidungen oder Änderungswünsche einschleichen. 

    „Kommt drauf an… Wir haben immer ein kleines Team um uns, das uns unterstützt. Wenn wir Songs geschrieben haben und sie dann zur Seite packen, kann es vorkommen, dass jemand sein Gefallen an einem bestimmten Element aus einem vorigen Stück äußert. Dann nehmen wir uns auch ältere Songs wieder vor und schauen uns das nochmal an“, erklärt Harry. Das gleiche gilt auch für die dazugehörigen Texte. Ein Beispiel dafür ist Eyes So Wide, den Oli direkt anstimmt, um mir den ursprünglichen Chorus im Vergleich zum jetzigen vorzuführen.

    Ashley fasst das Ganze abschließend mit einem „Jeder Song hat seinen eigenen Prozess“ zusammen. Und dass das Studio einen großen Einfluss beim Entstehungsprozess von Koko’s Musik hat, bestätigt die Band mit nachdrücklichem Kopfnicken. Der Versuch neue Stücke in Hotelzimmern oder während der Quarantäne über Zoom zu komponieren wollte nicht so richtig gelingen. Es ist einfach nicht das selbe ein gemeinsames Treffen im Studio. „Wir lieben dort die Möglichkeit, direkt beim Herumprobieren die Freiheit zu haben, dazu zu tanzen und den Vibe auf uns wirken zu lassen.“ 

    Anders als Gitarrenbands, die beim Jammen schreiben, erspürt das Trio die Dynamik des Songs im Raum, der zuerst mit einem elektronischen Beat erfüllt wird. Dann folgt das melodiöse Gerüst. Bei Ashley’s Erklärung dreht sich Oli kurz vom Treppenaufgang weg. Als der Sänger wieder schmunzelnd in die Runde blickt, deutet er mit dem Daumen hinter sich: „Ich liebe, dass es alle zehn Sekunden einen Schrei von diesem Bungee Jumping dort drüben gibt.“ Darüber müssen wir alle lachen. (Auch als ich dieses Interview anhand der Tonaufnahme abschreibe, amüsiere ich mich noch über die im Hintergrund ertönenden Soundeffekte).

    „Ich würde übrigens niemals Bungee jumpen, also fragt mich das nicht! Ich habe Höhenangst.“ Ashley geht da einen Schritt weiter als Oli: „Ich würde aus einem Flugzeug springen. Aber nur wenn mich jemand, der das professionell macht, begleitet. Doch Bungee Jumping… Erst recht nicht mit dem blanken Beton als Aussicht.“ Harry nimmt zu dieser luftigen Thematik keine Stellung. Seine Sonnenbrille steckt in den wirren Haaren, während er belustigt mit dem Kopf wackelt. 

    Dafür ist er der erste, der auf meine Frage nach aktuellen musikalischen Neuentdeckungen antwortet. „Daði Freyr! Wir hatten seinen Song Think About Things an, als wir uns fürs Reeperbahn Festival fertig gemacht haben.“ Oli hörte in letzter Zeit das neue Album von Charlie XCX. Ashley setzt auf Drake. Doch auch hier folgen Koko keinem Genre. Manchmal läuft die Massive Dance Hits Playlist, gefolgt von einem Elvis Album oder Johnny Cash. 

    Dieser Kontrast schein Ashley zu faszinieren, der anfängt über die Relevanz von Album vs. Playlist nachzudenken. „Ein ganzes Album anzuhören, das hat schon einen roten Faden und macht Sinn. Und Musik heutzutage ist so vergänglich, nur noch Hit nach Hit.“ Darauf erwidert Oli etwas, das ich nicht verstehe und schneller als ich mich versehe, brechen die Jungs erneut in Lachen aus. Harry und Oli haben den gleichen Gedanken synchron ausgesprochen. Es folgt ein Schmunzeln, Abklatschen und Harry sagt: „Du schuldest mir ein Bier!“ Was Oli nur mit einem „wait what. I bought you like ten last night“ erwidert.

    Schmunzelnd verlassen wir den Treppenaufgang, auf dem wir die letzte halbe Stunde verbracht haben. Wir streichen unsere Hosen glatt, Oli dreht seine schwarze Kappe mit dem Schirm nach hinten. Noch ein letztes Foto vor einer bunten Häuserwand. Dann trennen sich unsere Wege am Standort der Hebebühne wieder, nachdem wir kurz selbst die Springenden beobachten. Der Hebearm bis zur letzten Stufe ausgefahren und oben auf der Plattform gibt ein Typ den letzten Schubs zum freien Fall.

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Koko am 19.09.2020 in Berlin entstanden.


  • KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    KINO MIT MUTTI UND DER LIEBLINGSBAND

    Ich sitze aufrecht im Schneidersitz auf der grünen Couch meiner Eltern, die Fernbedienung fest umklammert. Während der Bildschirm aufflimmert, beugt sich meine Mutter über die Rückenlehne, um das dahinter verbaute Soundsystem einzuschalten. Und schon ballert die süße Melodie von Gamesofluck aus den Boxen. Ein Video von Parcels im Funkhaus Berlin leuchtet im Fernseher. Meine Arme zeichnen Wellen in die Luft und der Songtext liegt stumm auf meinen Lippen. Außer beim „ha! uhh“. Das lasse ich mir nicht nehmen.

    Mutti liegt neben mir und schaut gebannt wie bei einem Tatort zu. Als die fünf Australier in ein ausgedehntes Instrumental-Intermezzo abschweifen, frage ich mit einem Grinsen in den Raum: „Und, wer ist dein Lieblingsparcel?“. Die Augen weiterhin auf das Video geheftet, antwortet meine Mutter: „Der blonde da. Noah!“ Ich quietsche begeistert über ihr Insiderwissen. Dafür ernten wir nur einen verständnislosen Blick von meinem Vater, der das Geschehen vom Sessel aus beobachtet. „Ich habe die auch schon mal in echt gesehen“, sagt meine Mutter stolz zu ihrem Mann, den Finger auf die Band im Video gerichtet.

    „Du hast die schon gesehen? Wann denn das?“

    Es ist Anfang Oktober. Ich habe gerade mein Studium in Berlin angefangen. Da ich in der Hauptstadt noch auf Wohnungssuche bin, fand ich übergangsweise Unterschlupf bei meinen Eltern. Das bedeutete zwar eine stundenlange Zugfahrt jeden Tag, doch meine Euphorie für die neue Stadt bremste das nicht. Berlin ist nämlich voll von bisher unergriffenen Möglichkeiten. Konzerte, neue Kontakte. Und unverhoffte Kinoabende?

    Ich erinnere mich daran, wie ich wieder einmal viel zu früh in unserem Seminarraum saß. In der ersten Uni-Woche passiert das noch. Vielleicht ein, zwei weitere übermotivierte Studierende haben ebenfalls in den Reihen Platz genommen. Zum Glück ist das Gebäude hier mit dem besten WLAN ausgestattet und so krame ich in meiner Jackentasche nach dem Handy. Wenig später öffnet sich mein Mail-Postfach (mittlerweile bekomme ich mehr E-Mails als Nachrichten, also ist der Check vom Postfach eingefleischter als ein Blick auf Whatsapp).

    Und mich sollte tatsächlich eine ungelesene Mail erwarten, nachdem ich vorsorglich den Refresh-Button gedrückt habe. Bei dem Absender stockt mir kurz der Atem. Ich blicke mich ganz begeistert im Raum um, aber niemand nahm von mir Notiz. Komisch, dabei drehten meine Gedanken gerade einen Stepptanz unter dem wildesten Feuerwerk, aus irgendeiner Ecke drang lauter Hallelujah-Chorgesang. Denn diese E-Mail wurde von den Parcels versandt. Oder genauer: vom Parcels Pop Shop.

    Das Parcels Pop Shop Debüt Event

    Ich weiß nicht, mit wie großen Fans ich es hier zu tun habe, die diesen Text lesen. Daher eine kurze Erklärung: Der Pop Shop ist eine Art Fanclub. Du meldest dich an und bekommst einen exklusiven Newsletter, manchmal spezielle Merchdrops oder wirst vor allen anderen in nächste Band-Aktionen eingeweiht. Und für die ersten einhundert Personen, die eine Anmeldung einreichten, wird der Titel „Founding Members“ gehalten. Natürlich habe ich alles daran gesetzt, auch zu diesen Gründungsmitgliedern zu zählen, was einfacher gesagt als getan war. In ein paar Sekunden sind die hundert Plätze bereits besetzt. Ich war dreiundsechzigste. Das weiß ich so genau, weil ich meine Gründungsmitgliederkarte mit der Nummer 63 stolz und zu jeder Zeit in meinem Portemonnaie bei mir trage.

    Doch zurück zum elektronischen Postfach. Denn was ich dort bekommen hatte, war keine einfache Mail. Es war eine Einladung. Zu einem Kinoabend mit der Band. Ich bestellte direkt zwei Karten für den Mittwoch in der nächsten Woche. Und ging in Gedanken meinen Kleiderschrank durch. Was war denn bitte mit dem Dresscode „comfortable but not too comfortable“ gemeint?

    Ich entschied mich für eine ausgewaschene Jeans in Kombination mit einem braunen Pulli, der mir fast bis zu den Knien hängt. Um den Hals band ich mir in Stewardess Manier ein cremefarbenes Halstuch. Das Ergebnis einer langen Woche, in der ich mir nicht nur zum Outfit Gedanken machte, sondern auch nach Hinweisen Ausschau hielt, welchen Film die Jungs wohl ausgewählt haben. Ich weiß, dass sie gern Horrorfilme sehen. Und da meine Beziehung mit diesem Genre eher problematisch ist, wollte ich mich innerlich wenigstens darauf einstellen.

    Das Rätsel um die Filmauswahl sollte am Mittwoch des Kinoabends mein kleineres Problem bleiben. Ich bin morgens mit einer anbahnende Erkältung aufgestanden und musste feststellen, dass mir neben der nötigen Abwehrkräfte auch eine Begleitung für den Abend fehlt. Einige Stunden später sitze ich mit meiner Thermoskanne in der gelben U-Bahn, die ruckelnd Richtung Hermannstraße fährt. Mir gegenüber meine Mutti. Ich hatte ganz vergessen, sie über die Kleiderordnung zu informieren.

    Es ist schon dunkel, als wir am Hermannplatz ankommen. Am Ausgang der Station zuckt blaues Licht über den Gehweg. Sanitäter kümmern sich gerade um einen Besoffenen, der nicht mehr laufen kann. Und meine Mutti sieht mich geschockt an, als wir über die Ampel auf eine dunkle Straßenseite wechseln. Da wir viel zu früh dran sind, zögern wir die eigentlichen acht Minuten Fußweg zum Kino auf das Doppelte hinaus. Ein paar Häuser weiter erhellt ein Späti-Schaufenster den Bürgersteig. Direkt daneben prangt über einem Eingang die Schiebetafel des Neuen Off, deren Buchstaben „Parcels Pop Shop“ formen.

    Immer noch überpünktlich stellen wir uns vor die Schaukästen, die sonst das Kinoprogramm anzeigen. Heute hängen dort Plakate vom Pop Shop. Eine kleine Gruppe, die sich später ebenfalls den Parcels Fans anschließt, sitzt vor dem Späti auf Holzbänken. Ich trete von einem Bein auf das andere und werde zunehmend nervöser. Und weil ich so aufgeregt bin, wird meine Mutti auch aufgeregt. Ich versuche mir schon ein paar Sätze zurechtzulegen, die ich den Jungs dann sagen werde, wenn noch Zeit für ein kleines Gespräch bleibt. Doch immer, wenn ich eine Formulierung gefunden habe, verwerfe ich sie wieder.

    „Aber ich will auf keinen Fall mit denen reden!“, wirft Mutti ein. Ich unterbreche mein Selbstgespräch und bei dem Blick in ihr ernstes Gesicht, muss ich lachen: „Sie werden dich schon nichts fragen, wenn du nicht zu ihnen hingehst.“ Darauf bekomme ich nur ein „Hoffentlich! Ich versteh‘ doch nicht mal, was die von mir wollen“ zurück. Wie gut, dass wir grad drauf und dran sind, in einen englischen Film zu gehen.

    Mit Popcorn und Apfelschorle

    Es sammeln sich immer mehr Grüppchen vor dem Eingang des Kinos. Doch nicht zu viele. Insgesamt folgten nicht mehr als fünfzig Leute der Einladung der Parcels. Apropos. In diesem Moment hält neben meiner Mutti und mir ein Taxibus am Straßenrand. Hinten geht die Schiebetür auf und es steigt ein Bandmitglied nach dem anderen aus. Bei Noah hat auch meine Mutti erkannt, um wen es sich handelt: „Guck mal, die Parcels!“ Als dann auch Jules geduckt aus dem Auto steigt, nickt Mutti wissend mit dem Kopf. Durch den Schnurrbart war auch er eindeutig zu identifizieren.

    Wer ebenfalls einen Schnauzer trug war Jean Raclet, der nach dem Eintreffen der fünf Australier überall herumsprang und Fotos schoss. Vom Kino-Eingang. Dem schwarzweiß gefliesten Boden im Foyer. Ein Tisch mit gefüllten Popcorn-Tüten, in denen überall ein Sticker steckte. Ich holte meiner Mutti und mir eine Apfelschorle mit den Getränkemarken, die jede*r Besucher*in bekam. Langsam füllte sich der kleine Vorraum und auch auf den Tischen, die dort standen, waren liebevoll einige der roten Sticker drapiert. An den Wänden hingen weitere Parcels Plakate.

    Die Atmosphäre war sehr entspannt. Alle hatte ein Getränk in der Hand und hier und da sah man Jules‘ Jacke zwischen den Leuten aufblitzen. Oder den braunen Haarschopf von Patrick, der sich mit den Gästen unterhielt. Meine Mutti und ich beobachteten die Szenerie vor uns und überlegten, ob ich mir nachher noch eines dieser neuen Pop Shop T-Shirts kaufen sollte. Obwohl ich vermutlich schon mehr Parcels Merch im Schrank habe, als normale Shirts. Dieser Gedankengang wird von einem Klingeln unterbrochen. Das Signal, mit dem sich alle in den Kinosaal begeben.

    Und meine Güte, war das ein gemütlicher Saal! Die Sitze und der Vorhang waren in einen türkis-blauen Farbton getaucht, während die Wände mit weißem Stoff verkleidet sind. Wir lassen uns in einer der hinteren Reihen fallen und einige Besucher*innen testen begeistert die verstellbaren Lehnen der Sitze. Die Tüte mit dem Popcorn auf dem Schoß warten wir, bis das Licht gedimmt wird. Weiter vorn sind die Köpfe der Band auszumachen und direkt vor der Leinwand steht Jean Raclet für ein Gruppenfoto. Dann wird es dunkel.

    Melancholia von Lars von Trier

    Der Film startete mit sehr dramatischen Szenen, die bereits zu dem Ende einen Rahmen spannten. Unterlegt mit noch aufwühlenderer Musik. Ein fremder Planet kommt der Erde gefährlich nah und markiert den Weltuntergang. Zwei Schwestern sind die Hauptfiguren in diesem Schauspiel, das sehr seltsam aber gleichzeitig fesselnd war. Es gab keine Hintergrundmusik außer diesen einen furchteinflößenden Akkordaufbau, der immer in Verbindung mit dem einrasenden Planeten aufkam. Erst still und langsam, dann verzerrt er sich, so dass mir schon ganz schlecht wurde von dieser Wirkung.

    Ich sehe zu meiner Mutti rüber, die nicht ganz so begeistert zu sein scheint. Ihr war ebenfalls schlecht. Vielleicht lag das auch an dem Popcorn. Immerhin hatte ich ja noch meine Thermoskanne, von dessen Inhalt ich einen Schluck nahm. Da traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Wagner. Der Akkord ist aus Wagners Oper Tristan und Isolde. Endlich hat sich die Vorlesung in Musikgeschichte mal ausgezahlt. Dann kann ich mir den identifizierten und sogenannten „Tristan-Akkord“ nun nach Belieben zuhause anhören.

    Etwas erleichtert bin ich doch, als der Film nach über zwei Stunden endlich vorbei ist. Benommen trotten wir in den Vorraum, wo zwei Personen, die vorher den Einlass kontrolliert haben, jetzt Parcels T-Shirts verkaufen. Viele der Gäste haben sich vor die Tür gestellt, um frische Luft zu schnappen oder eine zu rauchen. Neben ihnen mache ich auch Toto, Louie und Patrick aus. Noah und Jules wuselten hingegen noch im Foyer umher. Ich war plötzlich ganz unsicher, wen ich nun ansprechen sollte.

    Ich war schon kurz davor, ohne ein Wort zu gehen. Auch Mutti drängelte bereits, da ihr wirklich schlecht zu sein schien. Also trat ich dicht von ihr gefolgt aus dem Gebäude. Und lief dabei direkt auf Louie zu. Das hielt mich zum Glück davon ab, unbemerkt zu verschwinden und so trat ich zu ihm, um mich für den Abend zu bedanken. Louie lächelte mich schon an, bevor ich ihn erreicht hatte und ich merkte nur noch, wie meine Mutti einfach ohne zu zucken an mir vorbei lief, als ich vor dem Keyboarder Halt mache.

    Noch bevor ich ein Wort sagen konnte, begrüßte mich Louie. „Hey! We talked on skype didn’t we? You were the one with the little small dog!“ Ich erinnere mich zurück an den Tag, als Patrick und Louie für den Parcels Podcast einige ihrer hundert Founding Members per Skype interviewten. Damals wohnte ich noch bei meiner Schwester in Hamburg und war unbeschreiblich aufgeregt, als ich in diesen Videoanruf schaltete. Wie zu erwarten, brachte das all meine Englischkenntnisse durcheinander und bei der Frage, was Tyson denn für eine Rasse sei, meinte ich sehr professionell: „a little small dog“.

    Ich war peinlich berührt, aber gleichzeitig beeindruckt, dass er sich mein Gesicht von dem Telefonat vor Monaten gemerkt hat. Mittlerweile ist auch Patrick zu uns gestoßen. Die beiden erkundigten sich, wie es Tyson geht und Louie fragt, ob ich denn extra aus Hamburg angereist bin. Nachdem wir ein bisschen gequatscht haben, verabschiedete ich mich. Und machte mich auf die Suche nach meiner Mutti, die dem Gespräch gekonnt ausgewichen ist (und der Film war zum Glück mit Untertiteln).


  • KOꓘO

    KOꓘO

    Mit einem großen Schritt steige ich auf den kniehohen Eckschrank und setze mich neben den Plattenspieler. Darauf bedacht, die elektronischen Geräte nicht aus Versehen zu Boden zu befördern, versuche ich es mir in der kleinen Lücke zwischen Drehteller und Lautsprecher gemütlich zu machen. So gut es eben geht. Warum das ganze? Nun, näher werde ich der WLAN-Quelle wohl nicht mehr kommen. Und für mein heutiges Vorhaben ist eine stabile Internetverbindung Voraussetzung.

    Es ist kurz vor 13 Uhr. Mein Handy lehnt gegen den Bildschirm meines Laptops, welcher wiederum auf einem kleinen Tischchen vor mir platziert ist. Und mit ausgestrecktem Arm tippe ich auf dem Telefon herum, bis ich durch die Innenkamera einen Blick auf mein Gesicht vor Setlist behangenem Hintergrund erhasche. Gerade möchte ich mich wieder vom Display abwenden, als eine Nachricht am oberen Bildschirmrand aufploppt.

    Gebt mir fünf Minuten, dann starte ich einen Videoanruf.

    Ich öffne den Gruppenchat, dem diese Nachricht entstammt. In der linken Ecke leuchtet mir eine schwarze Wortmarke auf pinkem Grund entgegen, wo sich sonst das Profilbild befindet. Vier Teilnehmer bilden diese exklusive Runde und so teilt sich auch das Bild auf meinem Display in vier, als ich einen eingehenden Anruf entgegennehme.

    In den oberen Kästchen tauchen zwei Personen auf. Beide tragen diese kleinen In-Ear-Kopfhörer, die durch ein weißes Kabel an ihre Handys angeschlossen sind. Aus der rechten Ecke werde ich mit einem freundlichen Lächeln begrüßt. Es ist von Harry Dobson, Bassist und Synthie-Spieler der Band KOKO. Ein mittellanger, brauner Haarschopf, von dem einzelne Strähnen wild nach allen Seiten abstehen, rahmt sein Gesicht ein. Er trägt ein ärmelloses, weißes Shirt und der blaue Himmel im Hintergrund zeichnet den Beginn eines sonnigen Donnerstagnachmittags.

    Daneben mache ich das Video von Ashley C aus, Gitarrist bei KOKO und ebenfalls an den Synths zu finden. Der begrünten Aussicht nach, befindet auch er sich draußen, vielleicht in einem Garten. Doch mit seinem schwarzen Beanie und dem schlichten, grauen Kapuzenpulli ist er eher für einen Herbst- als einen wolkenlosen Frühlingstag gekleidet. Das letzte Viertel auf meinem Display bleibt noch schwarz. Der dritte im Bunde dieser britischen Band ist Sänger Oliver Garland. Er wird erst in ein paar Minuten dem Gruppenanruf beitreten.

    Seit Ende 2017 oder Anfang 2018 – so genau erinnern sie sich selbst nicht mehr – macht das Trio zusammen Musik. Eine Party sollte sie damals von drei unterschiedlichen Lebenswegen auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Oliver wuchs in Thailand auf und war angehender Boxer. Harry strebte eine Karriere als Skateboarder an, die jedoch durch eine Verletzung verfrüht enden musste. Und Ashley hatte mit Angstzuständen zu kämpfen, durch die er sich manchmal monatelang von seinem Umfeld abschottete. Trotz dieser individuellen Hintergründe – alle teilen eine Leidenschaft für den gleichen Beat.

    „Wir haben zwar unterschiedliche Einflüsse, doch wenn wir Songs schreiben, vermischt sich all das zu einem Ganzen und kreiert genau den Sound, der KOKO ist.“

    Und noch etwas haben die drei Musiker gemeinsam, wie Ashley mir erklärt: „Wir haben alle diese“, der Gitarrist wedelt mit seinen Händen vorm Gesicht herum, während er mit gedämpfter Stimme einen verrückten Schrei mimt, „- Energie“. Auch bekannt als „KOKO Dreieck“. Denn schon so manche, die die Jungs das erste Mal in einem Raum vereint trafen, wurden von ihrer geballten Power überrollt.

    Mittlerweile ist auch Oliver, oder kurz Ollie, aus seinem Wohnzimmer zu unserem Telefonat geschaltet und entschuldigt sich für die Verspätung. Er fasst sich zur Begrüßung kurz an den Schirm seines schwarzen Basecaps, das Ton in Ton mit dem T-Shirt geht, was er trägt. Ich habe gar nicht mitbekommen, wie Ashley sich währenddessen ins Haus begeben hat. Entfernt ist irgendwo Hundegebell zu hören, zu dem sich Harry’s Stimme mischt.

    „Wir haben tatsächlich ausschließlich an Songs gearbeitet, sehr viel geschrieben, entwickelt und ausprobiert, was für uns am besten funktioniert“,

    antwortet der Bassist auf meine Frage, was sie in der Zeit zwischen dem besagten Kennenlernen und ihrer ersten Veröffentlichung als KOKO im November 2019 so getrieben haben. Und das dabei entstandene Material deckt nicht nur ihre Debüt-EP ab. Das Trio hat auch noch den ein oder anderen Song in Reserve, denn gedanklich sind die drei Engländer schon sechs Monate voraus.

    Das verwundert mich nicht. Betrachtet man ihre bisherigen Veröffentlichungen – Songs, Artwork und Musikvideos – dann wirkt alles detailverliebt und durchdacht. Nicht so, als hätte man die letzten Monate nur ein paar Jamsessions in Vater’s Garage abgehalten. Das haben sie außerdem.

    An die Debütsingle Freak schlossen sich drei weitere Songs an, Eyes So Wide, Tell Me Do You Care und Follow, wobei letzter Track namensgebend für die EP war. Alle Stücke, an deren Entstehung die Bandmitglieder zu gleichem Maße beteiligt waren, fangen diese besondere Stimmung ein. Diesen Moment zwischen Flackerlicht im Club mit den niedrigen Decken, von denen der Schweiß tropft. Und einem ersten Blick auf den vom Sonnenaufgang orange-pink gefärbten Himmel, wenn die U-Bahn an dieser einen Stelle aus dem Tunnel auftaucht.

    Die Melodien sind umhüllt von Ekstase und wiegen gleichzeitig schwer, wenn die Sicht durch halb geschlossene Lider leicht verschwimmt. Im Remix von Freak vibriert der Boden, während er sich in der A.M. Version von Eyes So Wide langsam öffnet und die Euphorie darin versinkt, um einem Morgen danach den Weg zu ebnen. Dieser Charakter, der alle Songs des Trios durchzieht, kommt nicht von ungefähr. Jedes neue KOKO Stück wird der gedanklichen Probe unterzogen, ob es um vier Uhr morgens auf einem Feld mit vielen Leuten für Stimmung sorgen könnte.

    „Wir lieben es, Festivals zu besuchen. Und kennst du diesen Moment, wenn der letzte Headliner gespielt hat und alle zu diesem einen Zelt gehen, wo jeder komplett abdreht?“ Ich nicke Harry bejahend zu, als Ashley ergänzt: „Und von der Musik, die dort gespielt wird, möchten wir unsere eigene Interpretation erschaffen.“

    Das schreit ja schon fast nach einer perfekten Vorlage für Liveauftritte. Und fragt man die Jungs nach ihrem Ziel als Band, bekommt man die eindeutige Antwort: zu touren! Was der Reiz hinter eigenen Konzerte ist, teilt Ollie ohne eine Sekunde zu zögern mit: „Die Energie! Das Adrenalin! Diesen Rausch bekommt man nirgendwo anders.“ Bisher können KOKO nur ein einziges Konzert verzeichnen, im Londoner The Waiting Room. Doch diese Show im Januar sorgte bereits für eine Erkenntnis, die jeden kommenden Auftritt der Band prägen wird.

    „Wir spielen keine Konzerte für das Publikum, sondern mit ihnen zusammen.“

    Die Einbindung und Interaktion mit den Besuchern ist für Ashley, Harry und Ollie von großer Bedeutung. Selbst beim Komponieren der Songs ist ein kleiner Teil der Drei bereits im Club und testet das Bühnenpotenzial der werdenden Stücke. „Ob es eine kleine Zeile vor dem Refrain ist, die das Publikum uns entgegensingen kann oder etwas anderes – wir möchten immer ein Element im Song haben, das wir gut auf die Bühne bringen können.“

    Das klingt nach einem wahren Erlebnis und ich würde bei dem Gedanken daran, dass der nächste Konzerttermin ungewiss ist, am liebsten wehmütig seufzen. Doch noch habe ich mein Handy mit den Videos dreier Bandmitglieder vor mir, die gerade versichern, dass sie so schnell es geht, für eine Show nach Deutschland kommen wollen. Das und lautes Vogelgezwitscher bei Harry im Hintergrund sind mir ein kleiner Trost. Bis es so weit ist, bleibt mir ja immerhin das aktuelle Musikvideo von KOKO und dessen atmosphärische Bilder in Dauerschleife.

    Zu Tell Me Do You Care wurde bereits ein Video veröffentlicht. Vor kurzem folgte dann eines zu Freak, was die Episode der ersten EP mit einem schönen Rahmen umspannt. Visuell fährt das Trio in diesem Musikvideo neue Geschütze auf. Ihr pinker Farbcode wird gebrochen. Und zum ersten Mal steckt eine große Crew mit Kamera, Licht und allem drum und dran hinter der Produktion. Gedreht wurden die Sequenzen in einem umfunktionierten Club. „Es war ein langer Tag! Wir haben um sieben Uhr angefangen und waren gegen Mitternacht fertig. Aber für das, was wir geschafft haben, ist es schon beeindruckend“, erinnert sich Harry.

    Das Trio tauschte ihre Ideen für die Bilder mit dem Regisseur Matthew Hoult aus, „der es wie einen dieser japanischen Horrorfilme aussehen lassen wollte – mit den Käfern zum Beispiel. Oder besonders an der Stelle, wo Ollie durch den Gang geschliffen wird.“ Auch dem Wunsch nach dem Effekt eines Fischaugenobjektivs wie in alten Hip Hop Videos wurde nachgegangen. Die düsteren und zum Teil unheimlich wirkenden Szenen sind das Silbertablett auf dem die Grundstimmung des Songs transportiert wird.

    Vereinzelte gelbe und blau-grüne Farbtupfer im Musikvideo bringen die Band und mich dann wieder zu einem Gespräch über das Pink in ihren Coverartworks. Und ich beichte, dass ich bei der Kombination aus Rosatönen mit Schwarzweiß als erstes Yungblud vor Augen hatte. Das bringt Ashley zum Lachen: „Alle sagen immer, das Pink erinnert an The 1975. Aber mit Yungblud hat das bisher niemand verglichen.“ Ich erfahre auch, dass ich mich jetzt, wo die Debüt-EP veröffentlicht, das erste Projekt abgeschlossen ist, nicht zu sehr an das Pink gewöhnen sollte. „Doch was als nächstes kommt ist noch“, Ashley legt seinen Zeigefinger an die Lippen und grinst verschwörerisch, „-shh“.

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Oliver Garland, Harry Dobson und Ashley C von KOKO am 09.04.2020 entstanden.


  • KAFFEE, KONZERTE, KING NUN

    KAFFEE, KONZERTE, KING NUN

    Es ist bereits dunkel. Der Feierabend drängt Leute in die Bahn, wo sich ihre vom Regen feuchten Mäntel berühren. Wer vorausschauend war, hat einen Schirm dabei. Ich wickele mir stattdessen meinen roten Schal um den Kopf, als ich an der Warschauer Straße aussteige. Der stete Nieselregen hat sich zwischen den zersprungenen Betonplatten auf dem RAW Gelände zu großen Pfützen gesammelt. Über den nassen Boden flimmert die Reflektion vereinzelter Lichterketten auf dem sonst unbeleuchteten Weg.

    Donnerstagabend im verregneten Berlin

    Zwischen bunt-verzerrten Graffitis, einem Stück Kopfsteinpflaster und dem Fotoautomaten vorm Badehaus ist der Eingang des Cassiopeia. Zwei Werbetafeln mit Plakaten, die auf anstehende Veranstaltungen hinweisen, rahmen den Durchgang zum Club ein. Biegt man rechts ab, gelangt man zum Kegel, einer Kletterhalle. Ich finde mich jedoch wenige Momente später vor einer Bühne wieder. Sie dient als Abstellplatz für Kisten und Boxen. Davor stehen deplatziert verlassene Barhocker. Im Nebenraum ist gerade Soundcheck.

    Die Uhr zeigt, es ist kurz nach fünf. Gerade habe ich meinen Schal abgelegt, als eine Gestalt schnellen Schrittes den Raum betritt. Die Hände zuerst in den Taschen seiner grauen Jacke vergraben, kommt er vor mir zum Stehen. Streckt dann in einer freundlichen Geste seine rechte Hand aus. Auf seinen Schultern haben Regentropfen frische Spuren hinterlassen. Die gestuften, rötlich schimmernden Haare teilen sich am Ansatz in nasse Strähnen. Es ist Theo Polyzoides, Sänger der Band King Nun, mit dem ich für ein Interview verabredet bin.

    Auf einen Kaffee mit dem Sänger von King Nun

    Lang hält es uns nicht im Club. Der Londoner hat auf seinem Weg von der Unterkunft hier her eine Ecke gefunden, in der es sich gut Kaffee trinken lassen könnte. Er führt mich durch den Raum, in dem sich The Sherlocks auf ihr Konzert vorbereiten. Der Club ist leer, überall stehen Instrumente und ihre Koffer. Dann treten wir ins Freie, und noch bevor ich wieder unter meinem Schal Schutz vor dem Regen suche, sind wir schon von Kaffeeduft, Tischen und Stühlen umringt. Es stellt sich heraus, dass Theo das kleine Restaurant Emma Pea direkt gegenüber vom Cassiopeia meinte.

    Orangenes Licht erhellt die hölzerne Veranda, auf der wir uns niederlassen. Blumenkästen mit mickrigem Grünzeug hängen am Geländer. Von den weißen Stühlen blättert die Farbe. Die Witterung hat den Vorbau gezeichnet, doch charmant heruntergekommen passt es gut an diesen Ort. Von den Gästen wagt sich heut keiner nach draußen.

    Das Debütalbum Mass

    Ungestört, mit zwei Tassen dampfendem Kaffee vor uns kommen Theo und ich also ins Gespräch. Und es gibt viel zu erzählen. Am 4. Oktober diesen Jahres veröffentlichten King Nun ihr Debütalbum Mass. Elf Songs zwischen rauer Ehrlichkeit, düsterer Atmosphäre und berauschenden (Bass-)Gitarren-Melodien. Die Essenz aus gut dreißig Titeln, die bei den Arbeiten am ersten Langspieler entstanden sind.

    „Man kann kein Album mit so vielen Songs veröffentlichen. Also haben wir es im Wesentlichen auf unsere Lieblingslieder reduziert und solche, die eine Geschichte erzählen können“,

    erklärt der Frontmann, nachdem er mit einem freudigen „oh fucking great!“ seine Gefühle für den zurückliegenden Release geäußert hat. Auch wenn das Publikum positiv zum Debüt der jungen Band resoniert, ist für Theo die eigene Meinung am wichtigsten: „Solang es mir gefällt, bin ich glücklich.“

    Und das scheint er zu sein. Ein breites Grinsen weicht die Gesichtszüge auf, die beim Ansehen der Musikvideos verschlossen, wutverzerrt oder sorgenvoll den Bildschirm dominieren. Doom and gloom. Englische Kultur als Faden, der in den schweren, vielleicht elegischen Bildern und Klanglandschaften von Mass verwoben ist. Auch die Idee, das Album wie eine Predigt zu konzeptualisieren, prägt seinen Charakter.

    „Die Songs handeln alle irgendwie von unserem Leben und ein Debütalbum ist dieses große Ereignis – daher machte es für mich den Eindruck, es müsse eine Feier werden. Für das was wir wurden und was wir aus unserem Leben gemacht haben.“

    Eine Art Tauf-Zeremonie, das aus Gedanken und Geräuschen Geborene zelebrierend. Geheimnisvoll. Es gibt keinen bestimmten Prediger. In den Kreis wird aufgenommen, wer sich auf die Musik einlässt. Diese Idee erinnert mich an ein Buch, das ich erst vor kurzem las. Thematisiert wurde darin die „okkulte Seite der Rockmusik“. Ist Musik eine unerklärliche Macht, die den Hörer, vielleicht seine Seele, in einem immateriellen Phänomen fesselt?

    Während ich meine Frage ausführe, nickt der Sänger von King Nun entzückt mit einem breiten Lächeln. „Fuck yeah! Für diese Frage habe ich genau den richtigen Ort ausgesucht.“ Eine ausladende Handbewegung unterstreicht seine Worte und lässt meinen Blick ein zweites Mal an diesem Tag über bunte Hauswände wandern. Neben unserem Tisch hängt ein großes Bild von einem Jungen, der graue Tränen weint.

    „Ich denke, Musik ist auch immer ein bisschen Religion. Wir versammeln uns, um sie gemeinsam zu erleben. Und ich persönlich verstehe nicht, wie Musik funktioniert oder warum sie bestimmte Dinge in uns auslöst. Damit will ich sagen – ich weiß nicht wirklich, warum es zum Beispiel die Definition gibt, dass dich ein Moll-Akkord traurig macht und ein Dur-Akkord fröhlich ist.“

    Nachdenklich, aber auch von dem Unerklärlichen hingerissen versucht Theo das Ungreifbare greifbar zu machen. Von seinem eigenen Gedanken, dass in der Musik „vermutlich etwas Besonderes vor sich geht“, muss er schmunzeln. „Das Zusammenfinden von Leuten um eine Sache, die nicht wirklich verstanden werden kann – das hat schon etwas Okkultes an sich.“

    Diese mysteriöse Grundstimmung visualisiert die Londoner Band auch in ihren Videos. Black Tree wird von nächtlicher Szene und Bildern aus einer von Kerzen erleuchteten Kirche geschmückt. Es ist das Werk Johnny Goddard’s. Ein Regisseur, mit dem die Band seit einiger Zeit zusammenarbeitet. Simple Ideen verwandelt er in ästhetische Augenweiden, die die Botschaft der Band transportieren.

    Vor meinem inneren Auge spielen sich die dunkelrot-atmosphärischen Sequenzen ab, als Theo erklärt: „Ursprünglich wollten wir viele Menschen in diesem Video. Wir wussten nicht wie es passieren sollte, aber wir wollten viele, viele, viele Leute versammeln. Und er [Johnny Goddard] verwandelte es in dieses schräge ‚wir sind in einer Kirche und draußen laufen verhüllte Personen über die Felder’“.

    Bald werden King Nun ein neues Video drehen. Für welchen Song, das darf ich noch spekulieren. Theo jedoch ist sich sicher, dass es noch besser wird, als all ihre bisherigen Musikvideos. Die Vorfreude des Frontmanns steckt an. Begeistert erzählt er, wie das Team im Moment über den Inhalt des Videos berät. Genaueres verraten wird er nicht. Nur: „Letztendlich könnte man daraus auch drei weitere Videos machen… Oder eben nur das eine, man weiß es nicht. Ich bin gespannt.“

    Musik und Kunst

    Vor Neugier ganz nervös geworden, stoße ich mit meinem Knie an die niedrige Tischplatte, als ich mein Bein überschlage. Ich nehme einen Schluck aus der kleinen Kaffeetasse, der Wind hat das Getränk bereits abgekühlt, und hänge gedanklich Bildern nach. Mich fasziniert diese besondere Ästhetik, vielleicht Inszenierung, der Band. Oder allgemein. Wenn Musik und Kunst aufeinandertreffen. Theo geht es genauso:

    „Als ich anfing Bands zu mögen, ging es natürlich hauptsächlich um die Musik. Aber auch der Name war wichtig für mich. Oder ein cooles visuelles Auftreten. Das Gefühl, als ob es eine Welt oder eine Gang gäbe, von der du Teil sein kannst. Das liebe ich an Bands! Ich glaube Name, Musik und Kunst – all das zusammen macht diesen Reiz aus.“

    Kurz überlege ich, ob King Nun bereits in einem ihrer vielen Interviews gefragt wurden, was hinter ihrem Namen steckt. Doch auch wenn mir das von meinen Recherchen nicht bewusst war, traue ich mich nicht, diese offensichtliche Frage einzuwerfen. Im Nachhinein hätte ich es gern erfahren.

    Stattdessen ziehe ich nun die Verbindung zu einer Diskussion, der ich eine Stunde vorher im Uni-Seminar beiwohnte. Das Thema war Authentizität. Und dass selbst im Interview der Gesprächspartner eine Performance seiner selbst ist. Kann man ehrliches Auftreten mit der von Theo und mir geliebten, künstlerischen Darstellung einer Band verbinden? Oder ist die Kunst künstlich? 

    „Meiner Meinung nach steckt in allem ein wenig Wahrheit. Ich glaube nicht, dass eine Person etwas kreieren kann, das nicht mindestens für ein winziges Stückchen Teil von ihr gewesen ist. In unserem Fall möchte ich es möglichst authentisch halten. So handeln beispielsweise alle Songs von realen Begebenheiten, die uns passiert sind.“

    Wir trinken beide einen Schluck und Theo hält kurz inne, um scheinbar sein eigenes Handeln zu reflektieren. Er offenbart: „Ich glaube, wenn ich nicht auf Tour bin, bin ich definitiv weniger gesprächig. Aber das Touren hat etwas an sich… Die Aufregung, Teil dieses Jobs zu sein, von dem wir so lange träumten – das macht eine aufgeschlossenere Person aus mir.“ 

    Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Die Art Person, die dich in den Regen rauszieht und sagt ‚lass uns einen Kaffee trinken gehen’“. Wir amüsieren uns beide über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Doch der Kaffee hat eine ganz eigene Bedeutung für den Sänger.

    Vergesst die Formalitäten

    Theo ist sehr auf eine entspannte Atmosphäre während des Interviews bedacht. Als er sich erkundigt, ob ich mir die Fragen irgendwo notiert habe und ich verneine, ist er kurz überrascht. Doch im positiven Sinn. Das Interview ist schon längst ein Gespräch geworden. Wie sich herausstellt, sind wir beide keine Fans von formalen Treffen. Er erzählt: „Ich gebe mein bestes, irgendwo hinzugehen, vielleicht auf eine Tasse Kaffee, damit es eher wie eine Unterhaltung ist. Da liegt weniger Druck auf einem und man kann besser reden.

    „Manchmal kann etwas so einfaches wie ein Kaffee alles wieder richten, also warum nicht? Und ich habe eh ein zu romantisiertes Bild davon, in Europa Kaffee zu trinken. Das ist auch so ein Touristending.“

    Dem Debütalbum ist es zu verdanken, dass die Londoner Band im letzten Jahr zweimal Europa bereisen konnte. Auch in Amerika spielten sie Konzerte. Und im Moment können Fans bereits Tickets für eine weitere UK und Europa Tour im kommenden Februar/März erwerben. Da ziehen einige Städte ins Land. Für Sänger Theo Polyzoides ist das aufregend.

    Gleichermaßen ist er froh über die Gastfreundschaft und Wärme, das gute Essen, das der Band entgegengebracht wird, wenn sie in fremden Städten einkehrt. Der Sänger sieht das im Gegensatz zu seiner Heimat, „wo sie dir ungelogen nur ein Bier mit den Worten ’nimm das und spiel den Gig‘ zuwerfen.“ 

    Zwischen Kulturschock und Konzert

    Gerade reden wir über Berlin und Theo sagt mit Blick auf das RAW Gelände: „Das ist so interessant hier. Wir haben nichts vergleichbares in London. Das ist – so touristisch es jetzt klingen mag – genau, wie ich mir Berlin vorgestellt habe.“ Da laufen einen Meter unter uns die restlichen Bandmitglieder an dem erhöhten Verandagerüst vorbei. Sie sehen sich um und suchen wohl nach dem Eingang zum Club, als sie uns entdecken.

    „Hello, this is the interview!“, ruft der Sänger ihnen entgegen. Alle drei – Caius Stockley-Young (Schlagzeug), Nathan Gane (Bass) und James Upton (Gitarre) – heben zur Begrüßung die Hand und verschwinden dann im Cassiopeia. Der Sänger gibt das Interview allein, um chaotisches Stimmengewirr zu vermeiden. Denn der angestauten Pre-Konzert-Begeisterung geschuldet, läuft es unter den vier Musiker nicht selten genau darauf hinaus.

    Die Bedeutung von Live-Musik

    Dass die Band nun auch an der Venue eingetroffen ist, lässt mich vermuten, dass bald der Soundcheck für sie startet. Bevor ich mein Gespräch mit Theo beenden muss, liegt mir jedoch noch eine Frage auf der Zunge: Ihr seid so viel mit der Band unterwegs. Obwohl man in Zeiten Spotify’s als Musiker doch einfach seine Songs hochladen und es dabei belassen könnte. Das tatsächliche Konzert wird ja nicht mehr wie früher so unvermeidbar zum Musik hören benötigt. Was für eine Bedeutung hat da Live-Musik für dich?

    „Oh, diese Frage mag ich sehr! Ich glaube jeder, der irgendwie künstlerisch tätig ist, sucht nach einer Art Flucht. Oder versucht eine andere Welt zu öffnen, wo du dich für eine Weile drin aufhalten und dich wie ein Freak benehmen kannst. Wenn wir eine Live-Show spielen, bin ich einfach an diesem komplett anderen Ort und lasse mich komplett fallen. Und sobald es vorbei ist, bist du wieder in der Realität.“

    „Das ist etwas, was nur Live-Musik kann. Wenn du vor anderen Leuten spielst, dann bist du dort. An diesem verdammten anderen Ort, weißt du.“

    Ich bin zwar eher Teil des Publikums. Doch das Gefühl, für einen Moment der Realität zu entkommen, oder sich vielleicht kurzzeitig eine neue Realität zu erschaffen, ist mir bekannt. Dafür gehe ich auf Konzerte. Für die Euphorie. Und all die Leute, die man kennenlernt, nur weil man diese eine Gemeinsamkeit, die Musik, teilt und liebt. Das sage ich aber Theo erstmal nicht, sondern frage ihn, ob er sich auch in die Besucher hineinversetzen kann. Warum gehen sie auf Konzerte? 

    Ich muss schmunzeln, als der Frontmann von King Nun beichtet, dass er keine Gigs besuchte, als er jünger war. „Ich fand sie ziemlich laut“, sagt Theo. „Wenn zu viele Leute da waren, würde ich eher im Hintergrund stehen. Es ist ziemlich schwierig für mich oder ich bin nicht sehr gut darin, Teil des Publikums zu sein. Ich sehe die Menschen tanzen und irgendwie gibt es diese Barriere, dass ich nicht mitmachen kann. Also musste ich von meinen eigenen Gigs lernen, was die Zuschauer davon haben.“

    „Ich war nie auf einem Festival, bevor wir selbst eins spielten. Und ich ging nie zu der Art von Konzerten, die wir nun selbst geben. Aber ich denke der Grund ist derselbe wie mit der Kunst – dieses ganze Ding mit der Flucht.“

    Heut Abend wird es laut im Cassiopeia. Besucher*innen aus der deutschen Hauptstadt fixieren die vernebelte Bühne mit ihren Augen. Ein Quartett betritt das diffuse Scheinwerferlicht und sogleich brettern Schlagzeug und Gitarre los. Fein in Hemd mit Kragen und der Kontrast zur rohen Musik. Die vier Londoner sind der Welt bereits entflohen, auf der Bühne oder davor.

    Jetzt hat Theo Polyzoides kein Problem durch die Reihen des Publikums zu schreiten, bevor er sich auf der Bühne seines Pullovers und darunterliegenden Hemdes entledigt. Roter Lippenstift. Ein Kreis und ein Pfeil. Während er singt, malt er sich dieses Motiv, das das Debütalbum samt Videos durchzieht, auf die Brust. Kriegsbemalung auf den Oberarmen, das Mikrofon rot wie die Lippen. Hung Around ist der letzte Song. 

    Der Text ist auf Grundlage eines Interviews entstanden, das ich am 21. November 2019 mit Theo Polyzoides, dem Sänger von King Nun, vor ihrem Support-Auftritt für The Sherlocks in Berlin führen durfte. Foto: Jordan Curtis Hughes


  • DIE ROTE LEDERJACKE

    DIE ROTE LEDERJACKE

    Die Bühne erstrahlt im warmen Scheinwerferlicht. Alle Besucher*innen scharen sich vor ihrer Mitte. Verschwitzt, mit wirren Haaren vom wilden Tanzen. Immer mehr Arme strecken sich in die Höhe. Sprießen wie orangene Blumen aus dem Publikumsmeer. Die Gitarre erzittert, das Schlagzeug braust auf. Ein Mann in roter Lederjacke, spitze Schuhe zu den schwarzen Jeans, bewegt sich ausgelassen im Rhythmus der Musik. Seine volle Haarpracht wirbelt auf, als er Anlauf nimmt. Keine zwei Sekunden später tragen ihn Hände durch den Saal. Rücklings, das Mikrophon fest im Griff ertönt ein Refrain:

    „I get my kicks. Take the money, I’ll get my fix“

    Am Dienstag, den 29. Oktober, gibt Barns Courtney ein Konzert im Berliner Festsaal Kreuzberg. Es ist eine halbe Stunde vor Einlass, Leute trudeln ein und es bildet sich im Abenddunkel eine Schlange vor der behüteten Tür des Festsaals. Ein Licht flackert. Durch Fenster sind Schatten zu sehen, die im Vorraum T-Shirts für den Merch drapieren. Und als es endlich nach Drinnen geht, rollen die ersten bereits ergatterte Poster zwischen den Fingern.

    Nach einer Stunde ungeduldigen Wartens verstummt die Hintergrundmusik. Kurz wird es dunkel. Dann hell auf der Bühne. Ein Quartett tritt ins Licht. Angeführt vom Frontmann, dessen Haare wie Spaghetti über die Ohren fallen. Sein rechtes Auge ist blau eingerahmt, aber was macht das schon. Es ist ja bald Halloween. Will and the People, kurz W.A.T.P., schüren Feuer und Atmosphäre in der Menge.

    Stimmungsmacher im Vorprogramm

    Alle im Tanzschritt, rechts-links. Die Arme nach oben. Jubeln zu den ansteckenden Melodien. Der Sänger ist oberkörperfrei und turnt über die Bühne. Vereinzelte Personen in den Sitznischen werden mit ironischen Bemerkungen bedacht. Während der Gitarrist die Zeilen aus vollem Hals mitschreit, fühlt der Blonde an den Keys seine Töne. Ab und zu ein Lachen und Witze mit dem Schlagzeuger austauschend, der zu guter letzt sein komplettes Drumset umwirft. Ein chaotischer Haufen.

    Es folgt eine Umbaupause, in der alle Kabel mit Tape gesichert werden. Damit bei den folgenden wilden Tanzmoves niemand fällt. Trotz dessen liegt Barns Courtney am Ende auf dem Boden. Beabsichtigt, vielleicht überwältigt und außer Atem von der vergangenen Stunde.

    Der erste Song ist Fun Never Ends und ich bekomme nicht viel davon mit, außer die freudestrahlenden Gesichter der Besucher*innen.

    Drei Bandmitglieder sind bereits hinter ihren Instrumenten platziert, Barns Courtney kommt als letzter auf die Bühne getrabt. Schnell wie ein Blitz ist er vorn beim Publikum und heizt die Reihen an, ausgelassen im Takt zu klatschen. Das Publikum ist der Bühne zugewandt und die Scheinwerfer spiegeln sich in glänzenden Augen. Barns verschwindet hinter ihren ausgestreckten Armen.

    Schon nach kurzer Zeit ist der nackte Oberkörper unter der roten Jacke schweißüberströmt. Der Sänger reckt das Kinn in die Höhe, während seine Finger über die Gitarrensaiten wandern. Sie entlocken dem Instrument Melodien vom Debüt The Attractions Of Youth und dem aktuellem Album 404. Auch ein Intermezzo, in dem sich jubelnder Beifall mit den angeschlagenen Tönen abwechseln, findet Platz.

    London Girls hat es mir angetan. Hobo Rocket mit seinem losgelösten Charakter und der gesungenen Reise durch die Sphären.

    Wie der Atem voller Kraft das Mikrofon erreicht. Dann wird die Energie gezügelt. Für Little Boy sind sanftere Saiten angeschlagen. Vom kleinen Jungen zu Champion und düsterer Energie. Im gesamten Set fehlt es nicht an Spannung. Die Leidenschaft in der Stimme Barns‘ reißt mit. Die Bühne wie natürlicher Lebensraum, in dem er sich mit flinken Füßen, Drehungen und Hüftschwung bewegt.

    Glitter & Gold ein Souvenir aus 2015, der erste Song seines Solo-Projekts. Zu You & I gibt es ein, naja spezielles, Gedicht mit amüsanter Geschichte dahinter. Ich habe vor Lachen Tränen in den Augen. Der Umgang mit dem Publikum ist locker und vertraut. Irgendwann holt Barns Courtney eine Besucherin auf die Bühne, die er von einem anderen Tag wiedererkannte. Als er sich bei ihr im Garten mit seinem Drummer eine Wrestling-Schlacht gab (falls ich das so richtig verstanden habe). Und mehr Lachtränen.

    Nach 99′ naht mit Golden Dandelions langsam der Schluss.

    Ich möchte nicht, dass dieser Abend endet. Zeit für die Mädels in der ersten Reihe, ihr Pappschild herauszuholen: „Lay me down in golden dandelions“. Weiter hinten im Saal gibt es eine weitere Pappe. Die ist sogar ziemlich riesig. Ein junger Mann hält die Aufschrift „SAM, I’m pregnant“. Einmal gedreht dann „SAM, I would do it again“. Alles klar.

    Der Bühne zugewandt, Auftakt für Kicks. Später wird der Sänger dieses Lied auf den Händen des Publikums beenden. Dann der finale Song. Fire hatte es nochmal richtig in sich. Vorantreibende, dumpfe Drums. Ein euphorischer Chor, angeführt von dem Engländer mit seiner glühenden Stimme. Alle gehen in die Hocke. Barns Courtney bahnt sich einen Weg durch die Menschen. Irgendwie unwirklich. Dann bei drei, alle springen auf.

    Ein letztes Fest. Meine Finger kribbeln. Ich fühle mich vollkommen. Mit Energie versorgt, Zukunftsvisionen, jetzt kann ich alles schaffen. Und vielleicht hole ich mir auch so eine rote Lederjacke, als Erinnerung an dieses Gefühl.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • KRAFTKLUB

    KRAFTKLUB

    In der S-Bahn ist es stickig. Die Feierabendzeit drängt Leute zwischen die ausgeblichenen Polster und klebrigen Metallstangen. Meine Hand schwitzt unter dem glatten Material, während die Bahn am Westhafen vorbeiruckelt. In den Gesichtern der Leute spiegelt sich Routine. Angestrengt ins Nichts sehen, wenn der Geigenspieler eine Tür weiter seine Musik gegen Kleingeld eintauschen möchte.

    Er fidelt seine Version von Señorita. Ich wollte schon immer Geige lernen. Schmerzlich an mein schwaches Durchsetzungsvermögen erinnert, beobachte ich das S-Bahn-Konzert. Kleingeld habe ich nicht dabei. Doch ein Herr kramt in der Hosentasche. Er sitzt hinten links. Gestriegelt, in Anzug mit Schlips. Auf seinem Schoß ruht ein überdimensional großer Blumenstrauß. Ein monströses Blatt durchsichtiger Folie würgt die zarten Blüten.

    Hortensien und weiße Lilien

    Ich frage mich, welchen Anlass dieser Strauß zieren wird. Das Blau der Hortensien steht dem Schlipsträger nicht. Er wirft ein paar Münzen in den ausgefransten Becher des Geigenspielers. Dann verschwinden beide durch die sich schließenden Türen. Ausdruckslose Blicke richten sich erneut aus den Fenstern, als ein Mann, ich schätze ihn auf Anfang dreißig, mit kleckernder Bierflasche durch den Gang stolpert.

    Seine drahtige Statur kommt neben mir zum Stehen. Jetzt erst scheint ihm aufzufallen, dass der Inhalt seiner Flasche in Flecken den Boden ziert. An einen älteren Herren neben mir gewandt, fragt er mit schwerer Zunge: „Oh das tut mir Leid, habe ich dein Hemd schmutzig gemacht?“. Das desinteressierte Kopfschütteln seines Gesprächspartners nimmt der Anfang Dreißigjährige nicht wahr und fährt unbeirrt fort.

    „Mein Bruder trägt neuerdings auch Karohemden. Und seit er studiert, holt er seine Bassgitarre gar nicht mehr raus.“

    Verzweiflung und Enttäuschung spricht aus seiner Stimme. Einige Leute schmunzeln. Für mich entfalten diese Worte eine unglaubliche Tragik. Zerbrochene Träume und erwachsene Kindheitshelden. Mit glasigen Augen nimmt er auf einem frei werdenden Sitz Platz. Es wird kurz still. Lange bleibt es nicht so, da setzt der Typ erneut an. Entrüstet diesmal. „All die scheiß Werbeplakate an der Fassade.“ Um ihn herum werden die Reisenden unruhiger. „Bei jeder Reklame denk ich an dich.“ Vielleicht denken sie, er ist verrückt. Blick in die Ferne. Er redet vor sich hin.

    „Ich habe seit Tagen nicht mehr geschlafen. Ich geh durch die Straßen und denke an dich.“

    Die Situation ist so realistisch, erst langsam klickt es bei mir. Die ehrlich präsentierten Gedanken sind bereits bekannt. „Ich sitze zuhause, kiff auf der Couch. Doch wie viel ich auch rauche, ich denke an dich.“ Im Hintergrund setzt eine krasse Gitarrenline ein. Und ich frage mich, ob die anderen Personen hier es nun auch hören. 

    Poetry Slam ähnlich reiht er die Worte in seinem Rhythmus aneinander. Eine kurze Pause, bevor er schief und mit gebrochener Stimme anfängt zu singen. „Denn ganz egal woran ich grade denke, am Ende denk ich immer nur an dich.“ Ostkreuz. Ich steige aus. Und summe diese letzte Zeile vor mich hin. Bisher erschien sie mir harmlos.

    Der Mann in der Bahn hat mir damit das Herz gebrochen.

    Ich bin kein Kraftklub Fan. Außer Sklave hat sich keins ihrer Lieder bei mir durchgesetzt.  Auftritte der Band, die ich bereits sah, waren unterhaltsam. Und jetzt bin ich hier, tief bewegt. Dass mir die Existenzkrise eines Fremden Zugang zur Musik verschafft, hätte ich nie erträumt. Sonst ist Musik da, wenn wir allein sind. Abgeschirmt im Liebeskummer. Er trug sie in dem Moment bei sich. Pur. Eine Version besser als das Original.


  • IM RAUSCH

    IM RAUSCH

    Ankmerkung: twenty one pilots in Hamburg und Berlin. Lang herbeigesehnt. Sehr emotional. Und zu einem gewissen Grad unbeschreiblich. In Voraussicht, dass die noch intensiven Eindrücke mit der Zeit verblassen, soll dieser Text als Erinnerung dienen. Da beide Konzerte für mich ein zusammenhängendes Erlebnis waren, verschmelze ich im Folgenden beide Perspektiven. Einmal Oberrang, einmal Innenraum, sechste Reihe. Der Text erzählt also eine Geschichte zweier Konzerte mit all den Details, Lyrics und Gefühlen, die die Abende für mich prägten. Achtung Fangirlalarm. Achtung Spoiler.

    Frühlingshaft bahnen sich zarte Sonnenstrahlen durch die dreckverschmierten Scheiben der S-Bahn. Ein Wechsel aus Licht und Schatten fliegt über mein Gesicht, während die Bahn ihren Weg fortsetzt. Vorbei an Gebäudekomplexen, Kleingärten, Industriegebiet. Die Türen öffnen sich und einen, auf beheizbare Sohle gebetteten Fuß vor den anderen trete ich ungeduldig die letzten Meter an. Butterbrote in den Jackentaschen, die Zeit auf dem Handy stets im Blick.

    Es ist kurz nach fünfzehn Uhr als ich an der Barclaycard Arena eintreffe. Eine Schlange an Wartenden ist bereits vor dem Eingang versammelt. Jemand hat eine Pizza bestellt.

    Unter all den in Gelb und Camouflage gekleideten Menschen sucht der Bote nach einem Gesicht, das seine Bestellung entgegennimmt. Zwischen angeregten Unterhaltungen, hin und wieder das Geräusch von zerreißendem Tape. Ich setze mich auf eine Rettungsdecke, die über das kalte Pflaster ausgebreitet war. Auf Augenhöhe mit den, von gelben Streifen umschlungenen, Beinen der Fans. In fünf Stunden würde erst das Konzert beginnen.

    Langsam färbt der frühe Abend den Himmel. Ungeduld breitet sich aus und es werden die letzten Reste des mitgebrachten Proviants durch die Reihen gegeben. So, wie vor einigen Stunden ein großes Plakat mit der Aufschrift „thank y∅u“, auf dem auch ich meinen Namen vermerkte. Kleine gelbe Zettel fliegen umher. Und plötzlich gibt es einen Ruck.

    Die aneinandergedrängte Menge rückt noch näher zusammen. Anstatt eines erleichterten Aufatmens wird gespannt die Luft angehalten. Es ist 18:00 Uhr, der Einlass hat begonnen.

    Hektisch taste ich prüfend meine Hosentaschen ab. Ticket, Ausweis, Schlüsselbund. Scheiße, wo ist mein Handy? Das habe ich in der Hand. Gut. Automatisch ziehe ich schon beim Durchschreiten des Eingangs meinen Mantel aus, reiche ihn meiner lieben Begleitung. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass viele dieselbe Idee verfolgen. Stunden vor der Venue ausharren, um dann die guten Plätze beim Anstehen für die Garderobe zu verlieren, war heut nicht drin.

    Also fokussiere ich mich auf mein Ziel. Die riesige Bühne. Vor der sich eine, noch übersichtliche Menschentraube gebildet hat. In Gedanken wäge ich die mir verfügbaren Optionen ab. Die Show direkt mittig platziert sehen. Oder lieber etwas von der Seite, wo bisher deutlich weniger Leute positioniert waren. Eher rechts, wo das Piano stand.

    Oder doch links vor dem Schlagzeug?

    Ich traf eine Entscheidung und freute mich irrsinnig darüber. Allein die Vorstellung, so nah am Geschehen zu sein, dass ich auf das Leinwandgroßbild verzichten konnte und trotzdem die Gesichtszüge der Bandmitglieder erkennen würde, steigerte meine ohnehin große Aufregung um ein Vielfaches. Nicht nur mir schien es so zu gehen.

    Gegen die Aufregung half auch keine Pseudo-Entspannungsmusik im Hintergrund. Ehrlich, warum spielte wer auch immer keine fetzigen Stücke, um die noch verbleibende Stunde zu verkürzen? Bis der Supportact das Konzert eröffnete, betrachtete ich also zu monotonen Beats ein Füllen der Ränge. Menschen als Ameisen mit gelben Köpfen.

    Später wurde mir klar, dass diese Melodie dem Computerspiel Fortnite entstammte.

    Pünktlich um zwanzig Uhr tritt ein junges Quartett ins Rampenlicht. Flankiert von zwei gigantischen Köpfen einer blauen Kreatur, rechts und links auf den Leinwänden abgebildet. Ob meine Rastlosigkeit der Grund ist. Ich raste komplett aus. Wie das verrückte Gesicht mit der ungesunden Hautfarbe.

    Die lebendigen, frechen Melodien verursachen bei mir gute Laune. Und das, obwohl ich zugegebenermaßen die Vorband am liebsten übersprungen hätte. Sofort sollte die ersehnte Show beginnen. Gier, gebremst von einem gigantischen Sichtschutz für den geheimnisvollen Umbau. Doch dann.

    Schatten zeichnen sich auf dem Vorhang ab. Abdrücke von Händen, im schwarzen Stoff nach Halt suchend. Ein fester Griff. Und zu donnernden Geräuschen aus den Lautsprechern wird mit einem Ruck die Bühne enthüllt.

    Genauso schlagartig erlöscht das Licht und taucht die Arena in Dunkelheit. Sofort gilt die Aufmerksamkeit einer einzelnen Person, die eine letzte verbliebene Lichtquelle bei sich führt. Mit brennender Fackel leuchtet sich der Schlagzeuger Josh Dun den Weg über die Bühne. Ein gelbes Halstuch verdeckt das Gesicht. Zwei gelbe Diagonalen, die jeweils von den Schultern ausgehen, bilden ein Kreuz auf seinem Brustkorb. Der Schnittpunkt ist auf Höhe des Herzens.

    Jumpsuit

    Die euphorischen Schreie und ein tobendes Publikum hatte meine Wahrnehmung für die ersten Sekunden ausgeblendet. So sehr zog mich diese initiale Szene in den Bann. Doch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, zerrissen dröhnend eine familiäre Bassline und dazu passende Lichtexplosionen das Bild. Ein entschlossener Rhythmus treibt voran. Das Set wird mit dem ersten Song des neuen Albums Trench eröffnet. Mich ergreift eine Aufbruchstimmung, die Luft ist wie elektrisiert.

    Dann öffnet sich der Boden. Drei Leinwände umrahmen ein Gerüst, das einer Zusammensetzung vieler Würfel ähnelt. Und vor dem sich nun aus dem Nichts ein ausgebranntes Auto erhebt. 

    Überbleibsel des Songs Heavydirtysoul, der bei der letzten Tour die Show eröffnete und auch Teil im Musikvideo zu Jumpsuit ist. Über Motorhaube und Kofferklappe züngeln die Flammen empor, während Sänger Tyler Joseph auf dem Dach der Karre hockt. Eine schwarze Skimaske verbirgt das Gesicht. Auch ihn zieren die gelben Streifen, jedoch nur über den Schultern.

    Die bedrohliche Schwere dieses Arrangements schlägt in der Bridge schlagartig zu einer hoffnungsvollen Sehnsucht um. Klischeehaft genieße ich diesen Moment, indem ich mit geschlossenen Augen meinen Kopf in den Nacken lege. Als etwas mein Gesicht streift.

    Gelbe Papierschnipsel wie Rosenblüten rieseln von der Decke herab.

    Neben mir recken einige Mädchen gelbe Blumen gen Bühne. Und vorher durch engagierte und organisierte Fans verteilte Papiersterne und Dreiecke lassen, vor die Handytaschenlampe gehalten, gelbe Lichtpunkte durch die Dunkelheit schweben. twenty one pilots haben eine ganze Welt mit in das Konzert gebracht.

    Levitate

    Fließend findet das zweite Lied Anschluss. Ohne Luft zu holen setzt Tyler zu dem schnellen Rap an, der den gesamten Song füllt. Überrascht bemerke ich, dass allen in meinem engen Umfeld ebenfalls die Zeilen auf den Lippen liegen. Wohingegen ich vor Faszination noch keines Wortes mächtig bin.

    Lässig schlendert der Sänger über die Bühne. Rechts neben sich das Schlagzeug, in gelbes Licht getaucht. You can learn to levitate with just a little help und die Scheinwerfer gehen aus. Langsam sinkt das Auto wieder unter die Bühne. Die wärmenden Flammen erlöschen begleitet von einem Drumsolo, bevor tosender Applaus losbricht.

    Fairly Local

    Dunkelheit und ein ohrenbetäubendes Geräusch. Das Bedürfnis, mein Gehör schützen zu müssen, wird in dem Moment von der Sorge übertroffen, dadurch etwas zu verpassen. Doch bald verschmilzt dieser deformierte Klang zu einem hui hui hui, das in den Song Fairly Local einleitet. Unwillkürlich muss ich schmunzeln.

    Der erste Song aus der Blurryface Ära an diesem Abend wird mit besonders lautem Publikumschor und einem Farbwechsel in der Beleuchtung bedacht. 

    Zwischen Kunstnebel und blauen Lichteffekten erheben sich zwei quadratische Podeste, auf denen das Duo einige Meter über der Bühne verweilt.  Yo, this song will never be on the radio. Ich schreie ohne Rücksicht auf überstrapazierte Stimmbänder den Text. Als Tyler sich rücklings fallen lässt und in derselben Grube wie zuvor das Auto verschwindet, verschlägt es mir die Sprache.

    Eine Sekunde später taucht er im Oberrang zwischen erstaunten Gesichtern wieder auf. Im Lichtkegel eines Scheinwerfers breitet der Sänger verheißungsvoll die Arme aus und setzt zum letzten Refrain an. Mit finalem oh zieht er sich kurzerhand die Skimaske über den Kopf. Die Besucher hörbar erfreut über den enthüllten Anblick.

    Alle Augen richten sich wieder nach vorn. Wenden sich der riesigen Leinwand zu, auf der ein Video eingespielt wird. Aufnahmen einer Stadt. Straßen gesäumt von Häuserfronten, ein Zebrastreifen und volle Mülltonnen.

    Eine rote Mütze, die durch diese unaufwändig gefilmte Kulisse kriecht. Dann plötzlich vom Deckengerüst der Arena an einem Drahtseil herabgelassen wird. Und kurz über dem Mikrophon des Sängers zum Halt kommt.

    Tyler Joseph, mittlerweile seiner Camouflage-Jacke entledigt und ganz in schwarz gekleidet, trifft wieder auf der Bühne ein. Zum Kontrast den weißen Bass über die Schulter gehangen, schreitet er auf seine charakteristische Kopfbedeckung zu. Der Schlagzeuger schließt sich der Szene mit einem Rhythmus an, der das nächste Lied erahnen lässt.

    Stressed Out

    Mit einem verschmitzten Grinsen zieht sich Tyler die Mütze auf. Rotlicht. Dumpfes Brummen, das vor zwei Jahren nahezu aus jedem Radio ertönte. Gedanklich ein in-die-Pedale-der-Dreiräder-Treten und der Song setzt sich in Gang. Ein Satz, dann überlässt der Sänger den Zuschauern das Wort. Jede Silbe auswendig könnend. 

    My name’s Blurryface and I care what you think. Die provozierende Rückfrage Tyler’s, what’s your name? My name’s Blurryface and I care what you think. Innehalten. Mit Freude quittiere ich, dass in der Bridge eine erfrischend abgewandelte Version der bekannten Melodie durch die Lautsprecher schallt. Gesang mindestens so beeindruckend wie auf Platte. Unvergleichliche Atmosphäre.

    Wake up you need to make money. Entrüstet stimmt das Publikum in rhythmisches Klatschen ein, das durch die gesamte Arena hallt.

    Vor dunklem Hintergrund mit erleuchtetem │- / Symbol beginnt der singende Part des Duos mit Turnübungen, die quer über die Bühne führen. Ein Sprung vom Piano, und wieder herauf. Das Mikrophon stets in der Hand. Begeisterte Pfiffe und Applaus. Erneute Dunkelheit. Allmählich mischen sich lila-grüne Farben in das schwarz. Eine Wolke umschließt eben jenes Instrument, das Tyler vor wenigen Sekunden als Sprungbrett benutzte. Nun sind es zwei Hände, die über Tasten wandern und stimmungsvolle Tonfolgen erklingen lassen.

    Heathens

    Allein die Farbkombination macht mir bewusst, dass sich an dieser Stelle ein Hit dem nächsten anschließt. Josh pausiert in seiner Schlagzeugkunst. Fokus allein auf seinen Freund und Bandkollegen, der gefühlvoll zu den ersten Zeilen von Heathens ansetzt. Das Publikum singt zur Klavierbegleitung. Intense. Nicht zu lang, dann steigen die Drums wieder ein.

    Piano gegen Bass getauscht. Schwarz. Es folgt meine Lieblingsszene. Während jeder Besucher zu einem „hands up, hands up“ von Tyler beide Gliedmaßen in die Höhe streckt, motiviert zum Takt auf und bewegt, schwingt der Sänger wie wahnsinnig sein pechschwarzes Instrument umher. Hält es, als könne er sich damit im Notfall verteidigen. Watch it, nachladen. Why’d you come, you knew you should have stayed.

    Der Beifall und die Schreie werden lauter. Josh Dun im gelben Lichtkegel, der präzise die Drums bearbeitet. Ein flinker Rhythmus.

    Die erste Reihe bereitet sich für den nächsten Programmpunkt vor. Schiebt sich Sonnenbrillen auf die Nasen. Aber anstatt der erwarteten Stimme Tyler’s, heißt eine aufgenommene Ansage uns zur Show willkommen. Und stellt unter erquickten Ausrufen den Mann hinter dem Schlagzeug vor. Bekannt für seine „dope beats and the freshest bed sheets. He appears offline but he sees your tweets. We are all his dad, don’t mess with our son. Look out baby, it’s Joshua Dun“. Ich weine, vor Lachen.

    We Don’t Believe What’s On TV

    Nun gesellt sich Tyler wieder dazu. Neues Outfit. Eines, das seinem Vater am wenigsten gefällt, wie er nebenbei verrät. Weißes Shirt, darüber ein Kimono mit Blumenmuster. Sonnenbrille. Die Ukulele fest im Griff. Und auch seinerseits begrüßt er das Publikum, wünscht in Berlin einen schönen Valentinstag. Verbunden mit der Widmung des nächsten Songs an seine Frau.

    Über den vorderen Reihen sieht man gelbe Herzluftballons fliegen. Um mich herum liegen sich Besucher in den Armen. Und stetig wird das Geschehen vom Schlagzeugrhythmus untermalt. Für den Song We Don’t Believe What’s On TV weist uns der Sänger in einen konzertüblichen Ablauf ein. Betont, dass Band und Zuschauer gemeinsam verantwortlich sind, die Show auf die Beine zu stellen.

    Also bringt Tyler sein gitarrenähnliches Zupfinstrument in Position für die ersten Akkorde. 1. 2. 3. Auf Kommando schreit es seitens des Publikums ein „yeah yeah yeah“.

    Das schnelle Tempo des Songs lädt zu ausgelassenem Umherzappeln ein. Ich schüttele all den Stress von den Schultern. Diese tragen heut einzig die Last meiner Arme, wenn ich sie zu euphorischem Winken über Kopf hebe. Wie es bei der Zeile I don’t care what’s in your hair. I just wanna know what’s on your mind der Fall ist.

    Der gesamte Innenraum verschwindet in einem Meer aus Armen. Gleichmäßig wogende Wellen, die bis auf den Oberrang überschwappen.

    Fast hätte ich, in meinem vor Glück berauschten Zustand, nicht darauf geachtet, wie Josh von seinem Schlagzeug ablässt. Und zu seiner Trompete greift.

    The Judge

    Na na na na oh oh. Der nächste Titel im Set wird ebenfalls verzückt in Empfang genommen. Von einem Publikum, das ausnahmslos zu jedem Lied mit einstimmt. Niedlicher Klang der Ukulele vermengt mit versonnenem Singen der ersten Strophe. I don’t know if this song is about me or the devil. Der Gesang wird entrüsteter. Hallt dann zum Refrain hemmungslos durch die hüpfenden Reihen. Kein besserer Platz zum Verlauten schiefer Töne, als beim free von The Judge. Und das mit jeder Wiederholung selbstsicherer.

    Bevor ein „Josh Dun, you’re the judge. Set me free.“ den Abschluss bildet. 

    Abermals wird die Bühne von Dunkelheit erfüllt, bevor gelbes Licht wie Sonnenstrahlen durch das Geäst eines, auf den Leinwänden abgebildeten Dschungels fällt. 

    Cut My Lip

    I don’t mind at all. Lean on my pride, lean on my pride. I’m a lion. Tyler, der sich den weißen Bass auf den Rücken geschwungen hat, schlendert mit ausgebreiteten Armen über die Bühne. Singt stumm diese Zeile. Mehr als zehntausend Menschen leihen ihm ihre Stimmen. Zeit spielt schon lange keine Rolle mehr. Tausend Eindrücke. Die Atmosphäre ist losgelöst. Ich lasse mich treiben auf der Musik. Noch einen Moment. Dann.

    Lane Boy

    Blau umnebelt wirkt die Melodie, verglichen mit vorheriger, distanziert. Kühle Ausstrahlung. Die jedoch nichts mit der tatsächlichen Temperatur in der Arena gemeinsam hat. Grund, warum Josh derzeit shirtlos den Takt angibt. Vom Tanzen ist mir auch nicht nur warm ums Herz geworden. If it wasn’t for this music I don’t know how I would have fought this. 

    Eine Hand am Mikrophon, den blumigen Kimono über das Gesicht gezogen. Bis zum zweiten Refrain, nach welchem sich Tyler der guten Stimmung im Pit vergewissert. Der Schlagzeuger stellt sich auf seinen Hocker. Während der Bandpartner das Publikum mit einem „get down looooooow“ dazu bewegt, auf dem Boden zusammenzukauern. Zwei in weiß gekleidete, hinter Gasmasken verborgene Figuren betreten die Bühne. 

    Die Luft ist zum Zerreißen gespannt.

    Warten auf ein Zeichen. Dann erheben sich alle, im Innenraum versammelten Menschen. Springen ungehalten zu den explodierenden Kunstnebelfontänen, die den Bühnenrand säumen. Blick auf die Maskenträger, die das Zentrum des Geschehens ihrerseits unsicher machen. Ebenfalls Patronen in den Händen, die mit CO²-Effekten das Publikum einnebeln. Ein willkommen frischer Windzug. Und Tyler, wieder den Kimono über dem Kopf, tanzt wie ein Irrer im Hintergrund über die Bühne.

    Daneben Josh am Schlagzeug, der auf seinem Podest emporgehoben wird. Gleichzeitig fahren quadratische Scheinwerferkränze herunter. Umschließen die Plattform. Und als schon tosender Beifall entbrennt, setzt ein krachendes Drumsolo ein. Grüne Lichter blitzen auf, zwischen ihnen der Schlagzeuger in seinem Element.

    Nico and the Niners

    Ein Wechsel findet statt. Eine spektakuläre Lasershow, die zuvor die Menge mit bunten Fäden überzog, färbt sich gelb. Die, von dem Würfelgerüst gebildete, Bühnenrückwand schimmert golden. Über sein weißes Shirt hat Tyler ein gelbes Hemd gezogen. Die Finger zieren Ringe, aus ebenfalls gelbem Tape. I’m lighter when I’m lower. Hingehockt verdeutlicht der Sänger die Zeile aus einer der ersten Singles zum aktuellen Album Trench.

    In jeder Bewegung die Melodie, während er die Breite der Bühne vollständig damit füllt. Und darüber hinaus. Ich wende mich nach rechts. Der Scheinwerfer wirft einen Lichtkegel an den äußeren Rand der Stehplätze. Wo sich Besucher ungläubig an einem provisorisch gespannten Seil aufreihen. Sie begrenzen den Weg zur B-Stage, den Tyler in der zweiten Strophe von Nico And The Niners antritt.

    Neon Gravestones

    Ein Piano und Schlagzeug finden sich gleichermaßen auf der kleineren Bühne im hinteren Teil des Innenraums wieder. Nur spärliche Beleuchtung zeichnet schemenhaft die Silhouette des Sängers ab. Dessen dramatisches Klavierintermezzo geleitet nun Josh zum zweiten Schauplatz, ebenfalls ein gelbes Hemd tragend. Aus der gespannten Atmosphäre tritt allmählich die Melodie der Mondscheinsonate Beethoven’s in Erscheinung.

    Das Intro zum nächsten Song. Ein ruhigerer Abschnitt des Abends beginnt. Tiefes Durchatmen. Zwischen zarter Traurigkeit und Sentimentalität. Über der Bühne scheinen Tropfen aus Licht an Stangen eines gigantischen Kronleuchters herabzurinnen. Sich zu Mustern zu formieren. Im Zwielicht blitzt ein Totenkopf auf. Neon gravestones try to call for my bones.

    Bandito

    Punkte gelber Taschenlampe schweben wie kleine Glühwürmchen durch die Luft. Gefühle sickern aus den Augenwinkeln. Und der ausdrucksvolle Gesang wird leiser. Es schließt sich das Lied Bandito an. I could take the high road. But I know that I’m going low. I’m a ban- I’m a bandito. Das Publikum wird erneut zum Chor, singt ergriffen. Der Brustkorb mit dem gelben Kreuz hebt und senkt sich.

    Wie das Tape der Besucher erstrahlen auch über der B-Stage die beiden Diagonalen. Sahlo Folina. Mit der Dynamik des letzten Refrains gibt Tyler eine zuckende Tanzeinlage. Flackerndes Licht. Dann ertönt eine neue Melodie über die Lautsprecher. Durch meinem Kopf hallt ein tiefe Stimme, die fortlaufend drei Silben rhythmisch wiederholt. 

    Pet Cheetah

    Die Arena bebt. Das Duo erhebt sich. Und zwei gelb gekleidete Musiker verlassen mitten im Song die hintere Bühne. Begeistert drängt das Publikum zu der Seite, wo Josh Wegezoll in Form von Handschlägen verteilt. Ich vermag die Euphorie der Besucher an ihrer Stirn abzulesen. Und den Satz „ich werde mir nie wieder die Hände waschen.“ Zielstrebig erreicht die Band die Hauptbühne. Sofort setzt die, für einen kurzen Moment pausierte, Musik wieder ein.

    Kleine Hocker bieten Fläche, um darauf positioniert auch vertikal das Bühnenbild auszufüllen. Nicht zu vergessen das Piano, auf welchem sich Tyler nun niederlässt. I sit here ‚til I find the problem. Das dauert nicht allzu lang. Und er ordnet an, die Füßen vom Boden zu lösen. Ein hüpfendes Publikum. Zu Nebelfontänen, die präzise das pet untermalen, trennt sich der Sänger selbst von der Plattform. Für einen halben Spagat in der Luft. Danach entfernt er sich in den Hintergrund.

    Holding on to You

    Neues Outfit. Ein schwarzes Shirt. Die bekannte rote Mütze. Trommelwirbel und Tyler verschwindet im Bühnengraben. Vor mir macht das Publikum einen Satz und staut sich auf engstem Raum zusammen, den nun ein Scheinwerfer erhellt. Der Sänger klettert auf die ausgestreckten Arme der ersten Reihen. Wird auf Händen getragen. I’ll be holding on to you. 

    Ein wackeliger Untergrund scheint beim Singen kein Problem. Und eingezwängt zwischen aufgeregten Fans beobachte ich das Spektakel fasziniert. Aus der Nähe, nur einen guten Meter entfernt. Verse, die in den letzten Tagen auf Repeat aus meinen Kopfhörern flossen, sind noch nie auf kürzerer Distanz von der Band zu mir gelangt.

    Für den Refrain begibt sich Tyler hinter die Tasten des Klaviers. Applaus für den Schlagzeuger, der frech die Zunge rausstreckt.

    Das Duo als schwarze Schatten vor einer, von Lichtsternen durchbrochenen, Nebelwand. Eine zierliche Tonfolge begleitet die Worte entertain my faith. Mit jeder Repitition dieser Aufforderung wächst die Entrüstung. Drums verleihen Nachdruck und brechen nach Erreichen des Höhepunktes ab.

    Beide Hauptpersonen des Abends stehen zum losgelösten Teil der Bridge nebeneinander. Auf dem Piano. Während Tyler seine Zeilen rappt, ist Josh bereit für den Rückwärtssalto. Bekannt als „Backflip vom Piano“. Das Publikum schreit. Und der Sänger schreit I’ll be holding on to you.

    Ride

    Nahtlos folgt der Übergang zum nächsten Song. Der dritte Radioerfolg. Laut mitsingen. Mitklatschen. Mitspringen. I’ve been thinking too much, help me. Melodien, die mich mitnehmen. Irgendwie ist die Zeit stehen geblieben, und doch schreiten die Ereignisse Schlag auf Schlag voran. Im einen Augenblick noch zu Ride getanzt. Im nächsten sind schon zwei Jahre vergangen. Aus rot wird gelb. Was bleibt sind die Skelett Hoodies.

    Als twenty one pilots den Auftakt geben, Licht pulsiert im Rhythmus des Schlagzeugs. Farben kräuseln sich auf den Leinwänden. When everyone you thought you knew deserts your fight, I’ll go with you.

    My Blood

    Lieder sind nicht für jeden gleich. Und für mich hängt besonders an My Blood ein ganzes, emotionales Paket. Das sich mit Progression der Melodie allmählich entschnürt. Dessen Inhalt mich aufs Neue überwältigt. Ich bin mir sicher, dass mich bisher kein Song im Laufe eines Konzerts im Inneren so berührte, dass mir ungehalten und unaufhaltsam die scheiß Tränen flossen. Nur am Rande sehe ich Tyler verkleidet seinen Bass über die Bühne schwingen. Er greift zum Mikrophon. Und bittet die Besucher um Hilfe. 

    Stay with me, no, you don’t need to run. Stay with me, my blood, you don’t need to run. Ein Chor von der linken Seite. Dann von der rechten Seite der Arena. Und alle gemeinsam. Tausende singen einen Refrain, die Atmosphäre ist unbeschreiblich. Ich versuche zwischen den Tränen mitzusingen. Das gelingt mir nur zum Teil.

    So viele, verschiedenste Personen, die unter Dirigat zweier Freunde zu einer riesigen Gemeinschaft werden. Unbeschreiblich.

    Keine Zeit, um zu verarbeiten. Im Call and Response Prinzip ensteht ein Dialog zwischen Sänger und Publikum. Aus yeah yeah yeahs und oh ohs. Abgetaucht in einer blau-grünen Lagune aus tropfenden Klängen. Tyler hockt sich vorn in der Mitte hin, beginnt zu singen. Ein Wechsel zwischen schnellen Strophen und Zurücklehnen im Refrain.

    Morph

    Für weitere yeahs gesellt sich der Sänger zum Schlagzeuger auf dessen Podest. Im Fokus der Scheinwerfer. Nicht lang, nach Anheben und Senken der Plattform wird die Musik ausgeblendet. Nur der reine Klang des Pianos, ein if I keep moving they won’t know von Tyler. Ein I’ll morph to someone else vom Publikum. What they throw at me’s too slow. I’ll morph to someone else, I’m just a ghost.

    In Gedanken freue ich mich schon auf den Instrumentalteil, der das Stück zum Ende abrundet. Doch dann sehe ich ein Crewmitglied, das uns vom Bühnengraben aus ansieht. Beide Hände mit Handflächen nach oben hebt. Und im nächsten Moment dreht sich mir der Kopf, als ich die Hinweise entschlüssele. Nicht nur Josh verlässt die Bühne, gelbe Drumsticks entschlossen umfasst. Es wird ebenfalls ein Brett, auf dem Hocker und Schlagzeug montiert sind, in das Publikum gegeben.

    Ich klammere den äußeren Rand der Druminsel fest. Auf der eine Hälfte meiner Lieblingsband nach lautem „Josh Dun“-Ruf aus dem Publikum zu einem Schlagzeugsolo ansetzt.

    Absolut fasziniert blicke ich an der Basedrum vorbei, hinter der der Schlagzeuger sitzt. Hinter dem die Leinwand das Spektakel überträgt, von dem ich ein Teil bin. Und bei der all der Aufregung fällt es auch nicht auf, dass Tyler hinter seinem Piano hockt und sich, die Skimaske über den Kopf ziehend, auf das nächste Lied vorbereitet.

    Car Radio

    Sofort stimmen die Zuschauer in den schnellen Rap ein. Schlichte Begleitung. Die Lichtwürfel leuchten nur dezent weiß im Hintergrund auf. I liked it better when my car had sound. Darin sind sich alle hörbar einig. Peace will win and fear will lose. Die Wörter strömen nur so aus meinem Mund. Keine Zeit zum Luft holen. Wenn das der Endspurt ist, gebe ich mehr als alles. „Let’s go! Jump!“ lässt sich niemand zweimal sagen.

    Die Nebelfontänen steigern die Dramaturgie. Die Menge singt ein ohhhohoh. Immer wieder. Bis Tyler seinen Weg von der Bühne, vorbei an der B-Stage zu einem kleinen, metallenen Turm gefunden hat. Er klettert das Gerüst hoch. Und breitet die Arme aus. Verneigt sich vor allen Seiten der Arena. Die Spannung ist zum Greifen nah. And now I just sit in silence. Ein Schrei aus der Seele. Der Sänger reißt sich zum zweiten Mal an diesem Abend die schwarze Maske vom Gesicht. Und der Beifall ebbt nicht ab.

    Chlorine

    Es wird dunkel. Doch das irritiert die Zuschauer nicht. Immer mehr stimmen in das ohhohoh von Car Radio zuvor ein. Und immer mehr zücken ihre Taschenlampen, um von sich aus die Venue zu erleuchten. Ein verzerrtes So where are you? It’s been a little while ertönt.

    Ned tanzt im Hintergrund über die Leinwand. Davor das Duo, auf emporgehobenen Plattformen. Josh mit Anglerhut. Wieder fügen sich Musikvideo und Konzert zusammen. Can you build my house with pieces? I’m just a chemical. Diese Zeile leistet mir Gesellschaft bis ich am nächsten Tag überdreht und übermüdet zugleich ins Bett falle. Gemeinsam gesungen. Wiederkehrend aneinander gereiht. Meinetwegen hätte es ewig so fortlaufen können.

    Leave The City

    Doch das nächste Lied macht klar: They know that it’s almost over. Bei dieser Feststellung aus Leave The City überkommt mich eine Melancholie. Die herzergreifende Klavierbegleitung und Hoffnungsschimmer im Gesang. In time, I will leave the city. For now, I will stay alive. Gelber Nebel sammelt sich auf der Bühne. Umspielt Piano und Schlagzeug als stünden sie auf einer Wolke.

    Aus dem Video auf der Leinwand wird ein Foto mit Zeichnungen. Skizzen. Rohversionen der Hintergründe, die während der Show erschienen sind. Bevor sie zu Schwarz verblenden. Ein Scheinwerfer ist auf Tyler gerichtet, der im Lichtkegel an seinem Keyboard steht. „You made it to the end.“

    Das Ende eines unglaublichen Konzerts. Nicht nur dank der Band, die mit Kreativität und Herzblut aus einer Idee eine ganze Welt erschaffen hat. Sondern auch dank einer Crew, die diese Show rechtzeitig auf- und abbaut. Und mit der Ladung von über einem Dutzend LKW die Grundlage für so ein faszinierendes Erlebnis schafft. Nicht zu vergessen die Konzertbesucher, ohne welche diese Mühe irrelevant wäre.

    Trees

    Ohne Pause geht Tyler’s Rede in den Text von Trees über. I can feel your breath. I can feel my death. I want to know you. I want to see. I want to say hello. Das Publikum singt ein letztes Mal für diesen Abend im Chor, der nur heut, nur zu dieser Sekunde, und nie wieder so existieren wird. „Get your feet off the floor!“

    Ein letztes Mal die Nebelfontänen, die im Rhythmus zu den hüpfenden Haarschöpfen explodieren.

    Ausgelassenes la la lalalalala. Meine Freude ist an dem Punkt unermesslich. Dass das Ende naht, spielt keine Rolle. Als ich wieder ein Brett vor meinen Kopf gesetzt bekomme, ist das Konzert für mich komplett. Ich greife zu und spüre wie sich die Platte unter dem Gewicht von Josh bewegt. Mit zwei Schlägeln in der einen Hand kniet er darauf und lächelt ins Publikum.

    Jemand streckt ihm seine Faust entgegen, worauf der Schlagzeuger mit einem fist bump antwortet. Ich strecke ihm ebenfalls meine Faust entgegen. Und bekomme den gleichen Gruß, bevor sich Josh abwendet, um unter gelbem Konfettiregen auf seine Trommel einzuschlagen. Genau wie Tyler, der synchron ausholt und die Zuschauer zu lauten hey-Rufen animiert. Ich kann gar nicht beschreiben, was in dem Moment bei mir abging. Meine Konzentration hat gerade so weit gereicht, keine gelben Papierschnipsel zu verschlucken und daran zu ersticken. Der Kopf dreht sich.

    Ein Duo. Nach 21 Songs die Verbeugung vor gelbem Hintergrund. Mit Aufschrift „The Bandito Tour“.

    „We are twenty one pilots. And so are you.“


  • WIE URLAUB NUR MIT BESSERER MUSIK

    WIE URLAUB NUR MIT BESSERER MUSIK

    Inmitten der pulsierenden Großstadt. Wo der Verkehr nicht ganz flüssig durch die Adern fließt und ein komplexes Gewebe an Gewerben umgibt. Dort weht ein frischer Wind. Eine grüne Oase auf dem Gelände der Malzfabrik. Und für achtundvierzig Stunden pumpt das Herz im Rhythmus der Musik. Füße im Wasser, Fritten im Magen, die Sonne im Rücken und Glück in den Blicken. 

    Ein erster Samstag im Juni. Ein erster Schritt in das Universum – Hey, na! Und während ich vorsichtig mein Bändchen festzurre, tragen mich die Beine geschwind durch den Food Court, vorbei an verführerischen Gerüchen. Vorbei an der DIY Arena, in der aus einer Synthese handwerklichen Geschicks mit Stoff, Holz oder Blumen die physischen Erinnerungen ans Festival gefertigt werden. Vorbei an den kreativen Produkten des Basars und der Art Night.

    Vorbei an Planeten, Raumschiffen, in der Luft schwebenden Astronauten 

    Die Sputnik Bühne ist der erste Halt, es spielt gerade Das Paradies. Denn bevor es die genannten und noch viele weitere Angebote zu entdecken gilt, darf von der regnerischen Anfahrt ausgeruht werden. Bei Musik und Sonnenschein. 

    Als ob es jedoch einer allmählichen Gewöhnung an dieses schöne Wetter bedarf, führt mich die Geländeerkundungstour bald in die kühlen Gemäuer der Alten Mälzerei. Hier erhellt künstliches Licht den Ausstellungsraum. Die hohen, mit Feuchtigkeit vollgesogenen Wände. Wände, die einer außergewöhnlichen Plakatierung Platz bieten – den Fotografien von Nils Lucas.

    Motive vom Vor oder Danach und den Momenten während eines Konzerts. Mit Faber, Von Wegen Lisbeth oder Razz. Eine passende Präsentation für atmosphärische Aufnahmen, die in dem Raum noch beeindruckender wirken. Die Möglichkeit des schnellen Vorüberscrollens ist ausgetauscht mit Rundgang und Reflexion.

    Ein Zustand des bewussten Wahrnehmens in einer sonst so schnelllebigen Zeit. Und selbst nach dem dritten Besuch in der Ausstellung fand ich neue Details und den Sinn für Ästhetik.

    Viele Einzelheiten waren es auch, die sich zu den schönen Malzwiese Erinnerungen addieren. Zwischen Strand und Palme in Berlin, Rosenbogen, Weltraumkatze, Diskokugeln vergeht der Nachmittag wie im Raketenflug.

    Zeit, um sich vor der Apollo Bühne einzufinden. Für Yukno stehe ich gern in der ersten Reihe. Und das Geschwisterduo aus Österreich enttäuscht nicht. Einer am Synthesizer. Der andere am Mikrophon, ekstatisch treibend in den eigenen Klangwelten. Binnen eines Rahmens bestehend aus den beiden Songs Tomorrowland und Sonne erklingt ein Set, dessen Beats und poetisch paradoxe Texte tanzen, mitsingen lassen.

    Bisher nur auf Platte gehörte Melodien erhalten einen unerwartet leidenschaftlichen Ausdruck, der bleibenden Eindruck bei mir hinterlässt. Ganz klar ein musikalisches Highlight. (Und Ich kenne kein Weekend läuft immer noch in Dauerschleife bei mir.)

    Ich, mit einer Rhabarber-Schorle in der Hand, die Kieselsteine knirschend unter den Schuhen, bin auf dem Weg zum nächsten Act. Während der Applaus für Yukno noch nicht ganz verklingt, haben Rikas schon ihre Strandmatten auf der zweiten Bühne ausgerollt. Den bunten Klappstuhl ausgeklappt.

    Bei gewohnt sonnigen Klängen besingt das Quartett Speisen aus dem Food Court Angebot und gibt ein Kraftwerk Cover von Model zum besten. Heidi war dazu leider nicht anwesend. Dafür aber eine Menge bunter Leute, die locker ihre Hüften schwingen ließen.

    Witzig, spritzig und wie ich es mir vorgestellt hatte, zauberten Rikas Lächeln auf die Gesichter der Besucher.

    Es formiert sich erneut eine Pendlerbewegung zur großen Wiese. Denn das musikalische Programm setzt sich ereignisreich fort. Jetzt bleibt nicht viel Zeit für eine Abkühlung im Teich oder Shopping am Merch-Stand, welcher durch Rikas‘ blaue Platten, Beutel und Abziehtattoos ziemlich üppig aufgefüllt sein dürfte. Nichtsdestotrotz lasse ich mein Ziel (die erste Reihe vor der Apollo Bühne) ob dieser Verlockungen nicht aus den Augen. 

    Doch was ist so krass, dass ich die Gelegenheit, meine Plattensammlung zu erweitern, nicht wahrnehme? Einen Hinweis gibt der freshe Razz-Beutel, der mich auf der Malzwiese begleitet. Dessen Rauminhalt könnte nur sehr knapp für eine Vinyl reichen. Und wie erwartet prangen diese vier Buchstaben ebenfalls auf dem Bühnenhintergrund, der die nächste Band ankündigt.

    Mittlerweile hast du meine Faszination für Razz sicher registriert und konntest das erahnen. Selbst Steffen, dem Drummer, ist schon aufgefallen, dass ich nicht zum ersten Mal bei einer ihrer Shows am Start bin. Im Herzen bewegt und aufs Neue ergriffen durch Niklas‘ Stimme, gestaltet sich die nächste Stunde als ein Fest. Gesprungen und gesungen und gelungen.

    Eine familiäre Songauswahl mit Could Sleep, Black Feathers oder Another Heart/Another Mind wird um Ketamine ergänzt. Für eine bewegende Überraschung, auf die ich mich gefreut hatte, ohne es zu wissen. 

    Nun bin ich nur noch einen Act von der Heimreise entfernt. Versorgt mit einem Übermaß an Endorphinen tanze ich ein letztes Mal diesen Samstag vor der Sputnik Bühne an, um mir auch dort mein Päckchen Glück abzuholen. Von J. Bernardt persönlich. In Form eines unaufdringlichen, sogleich fesselnden Sounds mit satten Tiefen.

    Den Drumstick wie einen Taktstock vor dem Publikum erhoben, leitet J.Bernardt sein imaginäres Orchester zu klaren Melodien an. Und bei einsetzender Dämmerung erleuchten Scheinwerfer die Menschentraube. Begeistert teilt sich diese bei The Other Man in zwei, während der belgische Sänger sich seinen Weg bahnt. Für mich ausschließlich durch das vom Publikum gehaltene Mikrophonkabel ersichtlich.

    Ein erster Sonntag im Juni. Ein zweiter Tag im Malzwiese Universum.

    Und nach der ausgedehnten Tiefschlafphase vergangener Nacht mangelt es nicht an Fitness für diese neue Runde. Die ich, wie gewohnt, bevorzugt mit süßen Klängen beginne. Dazu waren mir die fünf Jungs von Still Trees behilflich.

    Noch recht moderat vorhandenes Publikum nutzte den gegebenen Freiraum ausgelassen. Wirbelte beinah schwerelos umher zu den lebendigen Songs. Ich hingegen lasse die Musik erst in Ruhe auf mich wirken. Unerwartet erstaunt vom Gitarrenrock einer Band, die ich vorher so gar nicht auf dem Schirm hatte.

    Das Wetter schön wie am Vortag, wartete ich auf den nächsten Programmpunkt.

    In entspannter Atmosphäre sicherten Cassia die Versorgung an auditiver Exotik. Komplettierten somit einen sommerlichen Gesamteindruck. Da fehlen nur noch die bunten, übergroßen Wasserbälle. Und auch hierfür ist gesorgt. Fröhlich über die Menge springend, wurden sie jedoch immer wieder in den Bühnengraben befördert. Schließlich ist die gesamte Aufmerksamkeit dem sympathischen Trio gewidmet. Den facettenreichen Rock Rhythmen. Und dem erfreut lächelnden Frontmann Rob.

    Ein Eis am Stiel, ein Platz auf der Wiese und Vorfreude für Lola Marsh. Samt Sonnenhut und farbenfroh gestreiftem T-Shirt strahlt Sängerin Yael Shoshana mit der Sonne um die Wette. Ebenso wie die schillernden Songs der israelischen Band.

    Verträumte, warme Klänge lassen schon jetzt in Erinnerungen an das Festivalwochenende schwelgen.

    Erinnerungen, die gleichzeitig durch weitere Momente ergänzt werden. Da war zum Beispiel der misslungene Versuch, die Besucher zum Pfeifen zu animieren. Was blieb war ein kollektives Schmunzeln und ein nicht weniger ausgelassenes Wishing Girl. Tanzen liegt uns besser.

    Entschlossen führt mich mein nächster Gang in die Maschinenhalle. Schwarz-weiß gefliester Grund unter den Füßen. Unzählige kleine Diskokugeln wie Sterne über dem Kopf. Die Sitzreihen gefüllt bis auf den letzten Platz und darüber hinaus. Dem Aufruf, der Magie zu folgen, sind also viele nachgekommen. Siegfried und Joy. Der Name steht für ein zauberhaftes berliner Duo, das in der kommenden Stunde für Faszination sorgen wird.

    Zwischen Witz und Illusion, Glitzer und Staunen. Bei einer Show, die geschickt mit den Vermutungen der Zuschauer spielt und doch so viel mehr bietet, als erwartet. Es gab eine unterhaltsame Synthese an effektvoller Musik, Klischee bedienender Ironie, einfallsreicher Zauberstücke zu bestaunen.

    Und wenn ich mich zwischendurch vergewissern muss, ob meine Sitznachbarn aufgrund meiner impulsiven Lacher genervt gegangen sind, ich jedoch in zwei lachende Gesichter blicke, dann nenne ich das gelungen.

    Da möchte ich die magischen Hallen am liebsten nicht mehr missen, doch draußen wartet bereits die nächste Überraschung. theAngelcy aus Israel füllen die Apollo Bühne mit ihren Instrumenten und die goldene Abendluft mit euphorischen Emotionen.

    Lieder reich an ehrlichen Klänge, die wie ein Abend am Lagerfeuer wirken. Oder wie altbekannte Freunde, die man herzlich in Empfang nimmt. The Call und My Baby Boy lösen als persönliche Highlights einen Überschwang Entzückung aus, den es so ausschließlich bei Live-Auftritten gibt.

    Und schon neigt sich mein Malzwiese Aufenthalt dem Ende zu. Ehe ich die Heimreise antrete, genieße ich meinen finalen Gang zur zweiten Bühne und die musikalische Darbietung Leyya’s (wenn auch nur für die erste Hälfte des Sets). Die Elektropop-Formation aus Wien ist eine meiner jüngsten Entdeckungen und deshalb von Neugier, das Live-Potenzial betreffend, umrankt.

    Doch ebenfalls hier hinterlassen Soundkonstruktionen und Auftreten eine positive Impression. Nach den ersten paar Songs traut man sich dann auch dichter an den Bühnenrand. Um die letzten Züge des Festivals auszukosten. Viel zu schnell ging die Zeit vorüber.

    Das war die Malzwiese 2018 für mich. Ein erstes Mal zur Zaubershow und ein erstes Mal Yukno live erlebt, was mich nachhaltig beeindruckte. Nicht zum ersten Mal Razz gesehen und aufs Neue groß gefeiert. Eine erste Musikfotografieausstellung und viele, viele weitere schöne Momente. Ein riesiges Dankeschön an das beteiligte Team und alle Mitwirkenden für so ein wunderbares Wochenende!


  • EIN ABEND IM „BØRNS KOSMOS“

    EIN ABEND IM „BØRNS KOSMOS“

    Im Januar gab es das neue Album. Blue Madonna. Und mit diesem zwölf atmosphärische Songs, die sich durch die filigrane Stimme Garrett Borns‘ auszeichnen. Wo die dazugehörigen Videos, das Coverdesign oder die Garderobe des Sängers eine kunstvoll-coole Ästhetik ausstrahlen, inspirieren sie wohl die Mehrheit der Besucher des Borns Konzert am Mittwoch, den 23.05.18 bei ihrer Outfitwahl.

    Die Wartenden vor dem Festsaal Kreuzberg in Berlin sind nicht nur fancy, sondern auch früh dran.

    Schon vier Stunden vor Einlass sammeln sich die ersten ungeduldigen Fans, die dann in trichterförmiger Weise der Tür entgegenströmen, die sie noch von einem unglaublichen Abend trennt. Sie füllen den Saal, die Treppen und erhöhten Plattformen des Festsaals, in dem es längst wärmer ist, als es draußen war.

    Schon bei Voract Mikky Ekko ist das Publikum entzückt. Der amerikanische Sänger sorgt mit seiner Band für einen gelungenen Start in das abendliche Programm. Begleitet von dem ersten, recht ordentlichen Chor, den Mikky Ekko den Anwesenden mit seiner Version von Stay entlockt.

    Doch die Begeisterung im Saal wird merklich gesteigert, als Garrett Borns die, dem Albumthema angepasst, in blaues Licht getauchte Bühne betritt.

    Alle rücken noch ein Stück enger zusammen, um ihrem Vorbild näher zu sein. Und das belohnt der Sänger aus Michigan. Immer wieder gibt er den ersten Reihen besondere Aufmerksamkeit, indem er sich zu ihnen herunterbeugt oder die Hand reicht. Dafür hat sich das Warten sicher gelohnt.

    Das Publikum verbreitet eine ausgelassene Stimmung und wiegt sich rhythmisch zu den träumerischen Melodien der Songs, die sowohl altbekannte als auch Töne des neuen Albums anspielen. Manchmal vergesse selbst ich ganz die Zeit in dem Kosmos aus gedämpftem Licht und sanftem Gesang.

    Wobei die Reihen der Besucher  jede Chance erfolgreich zum Mitsingen nutzen. Das sorgt beim großen Finale, der zweiten Zugabe Electric Love für ein letztes ungehaltenes und absolut formvolles Ende.

    Dieser Abend wird mir mit seiner gleichzeitig entspannten und trotz dessen erfrischend beschwingten Atmosphäre positiv im Gedächtnis bleiben. Ebenso wie ein passionierter Garrtett Borns, der nicht nur mit Gesang und Performance, sondern auch ehrlicher Sympathie für eben diese Stimmung gesorgt hat.


  • ARE YOU GONNA ROCK MY WAY?

    ARE YOU GONNA ROCK MY WAY?

    Über uns die Diskokugel. Sich solide drehend reflektiert sie das Geschehen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Wie ein Mond, unter dem Nachtschwärmer ihr gemeinsames Interesse zelebrieren. Der silberne Glanz des Partygestirns hat glitzernd auf die Wangen der Besucher abgefärbt.

    Aufgesucht als Zuflucht vor der winterlichen Kälte in Berlin’s Straßen – das Programm des Lido am 15. Februar 2018 soll aufkeimendes Verlangen nach heißeren, herzerwärmenden Zeiten stillen.

    Mit den Auftritten zweier britischer Bands werden weder wiedererweckte Urlaubs-Erinnerungen, noch die glühende Atmosphäre belebter Sommernächte vernachlässigt.

    Lax Diamond. Die Exposition dieses ereignisreichen Abends besteht aus einer Konstellation hamburger Indie-Rapper. Initiative ergreifend animiert das Quintett die teilweise skeptischen Zuschauer zu ersten Erwärmungsübungen. Klatschen, „bouncen“, singen zu der Mischung schroff-melodischer Musik. Vielleicht begeistert vom Anblick der pulsierenden Masse im ausverkauften Saal oder dem musikalischen Kick – mit dem Erklimmen eines Bühnenpfeilers sorgt der Sänger der Band für ein spannendes Finale des viertelstündigen Support-Auftritts.

    Coasts. Aufgewärmt befinden wir uns mit der zweiten Band mittlerweile am Meer. Im Rhythmus der Wellen.

    Verträumt berauscht. Romantisch und zugleich temperamentvoll. Melodien, geküsst von der Sonne und südländischem Flair. Lieder zu denen ich einfach nur die Arme ausstrecken und in der Unbeschwertheit des Moments schwelgen möchte. Ob Oceans, Let Me Love You oder Come On Over.

    Ein Blick ins Publikum und mir wird bestätigt, dass sich dieses Gefühl der Euphorie nicht allein auf mich beschränkt. Mit unbefangenen Sommerhymnen sorgt der zweite Programmpunkt des Abends für Faszination. Eingestimmt auf das ersehnte Highlight. 

    The Hunna. Vier Boys und eine Bühne.

    Und schon der erste Song You & Me beschreibt die Eigenschaft der folgenden Stunde. Wild. Wie die Rosen, die als botanisches Statement bereits bei Lax Diamond aus dem Mikrofonständer zu sprießen scheinen, sich vermehrt auf der Kleidung der Fans ranken und in Form eines Straußes ihren Weg auf die Bühne finden. Zum Sänger, der heut Geburtstag hat. Auch ein Kuchen mit Kerzen, begleitet von einem Publikumsständchen, fehlt nicht. Ganz zur Freude Ryan’s, der sichtlich geschmeichelt grinst. So beginnt eine einzigartige Show.

    Geprägt von der heiteren Interaktion zwischen Band und Besucher, rockigen Liebesliedern, Gitarren- und Drum-Intermezzi, die ein wahres Feuer entfachen.

    Zwischen Nebel und augelassenen „Ahoo“-Rufen im Call-And-Response-Prinzip. Lässig im Scheinwerferlicht oder ein Handylichtermeer vor sich. Besondere Kleinigkeiten lassen das Set an Songs, die beides können – abgehen und innehalten – glänzen. Die Antwort auf die Frage „Are you gonna rock my way?“ erschließt sich von selbst. Nicht nur bei dem Lied Flickin‘ Your Hair wird der Haarschopf ungehalten durch die Luft geschmissen.

    Dare, Piece By Piece, Summer und die heißen Sommertage werden im Konzertsaal greifbar. Freiheit. Sehnsucht. Leidenschaft – Bad For You. Sycamore Tree etwas ruhiger. Für She’s Casual singt jeder noch ein bisschen lauter. Mit fortschreitendem Abend wippen auch die Köpfe der Boyfriends anerkennend im Takt zur Musik einer Band, die ihre Girlfriends kreischen lässt.

    Dann Bonfire. Entflammt. Eine Stimmung für ein Konzert.


  • JUGENDLICHER PEP IN PERSON

    JUGENDLICHER PEP IN PERSON

    Wozu Sprungbretter? Von 0 auf 100 aus dem Stand – Yungblud ist Daseinsbeweis für den längst verloren geglaubten jugendlichen Pep einer energiegeladenen Generation. Denn das ist es, was der junge Brite verkörpert. Eine Ladung Energie.

    Lebhafte Bühnendynamik, die meine Erwartungen übertrifft. Frech, ungeschliffen. Und mehr als die pinken Socken, sticht nur der Träger dieser heraus.

    Mit einer überzeugend tatkräftigen Präsenz und ausgelassener Stimmung betritt Yungblud am Dienstag, den 23. Januar 2018 die Bühne des Musik und Frieden. Die schwarze Kapuze tief im Gesicht. Rebellischer Auftritt. Ein Level der Begeisterung. Und das Publikum ist hingerissen.

    Dank einer gigantischen Sprungkraft weiß Yungblud die Bühne auch in der Vertikalen zu nutzen. Oder effektvolle Requisiten als Untermalung der Musik einzusetzen. Megafon. Spraydose. Eben noch Teil des Songtextes, jetzt in physischer Form als Teil der Show – mit neongelber Farbe prangt nun „Berlin“ auf dem Plakat, das als Bühnenhintergrund dient.

    Nicht allein die Show überzeugt. Texte, die mehr transportieren als leere Worte.

    Ein Ausdruck der Entrüstung, Ergriffenheit im Gesang. Herzblut. Denkanstoß. Identifikation. Dann die Kombination aus packenden Rhythmen und einprägsamen Melodien, vereinzelt interessant angeraut. Die musikalisch ansprechende Verpackung für eine Message, die nach Aufmerksamkeit verlangt.

    Fasziniert von der beobachteten Parallele zwischen dem „auf der Bühne Stehen“ und dem „lebendig Sein“. Ein Konzert wie ein Lebensgefühl. Dafür bin ich dankbar. Und obwohl Debüt-EP und drei, vier bisher unveröffentlichte Songs noch kein „ordentliches Set“ füllen, hat die Umsetzung dessen doch Herz und Geist mit Schwung und Kraft gefüllt.


  • DIE UNREALITÄT IM NACHHINEIN

    DIE UNREALITÄT IM NACHHINEIN

    Manchmal gibt es diese Konzerte. Die Überwältigenden. Die im Nachhinein unreal scheinenden. Bin ich wirklich dort gewesen?

    Donnerstag, am 18. Januar 2018 in der Max-Schmeling-Halle. Und ich würde lügen, beschriebe ich diesen Abend mit Attributen wie „großartig“ und „fantastisch“. Denn in Wahrheit fehlen mir die Worte.

    Vielleicht betrachte ich Konzert und Musik als Zuflucht. Eine eigene Welt aus Melodie und Rhythmus. Geboren mit dem ersten Ton, zum Abschluss erlöschen alle Lichter. Falls jemand diese Welt zu füllen weiß, sind das alt-J.

    Mit schillernden Landschaften aus Licht und Nebel

    Das Publikum umhüllt von filigranen Klängen, die sacht schwebend die Ohren erreichen. Jedoch genauso leicht zu mitreißender Dramatik expandieren. Die Balance zwischen minimalistisch und episch. Drei Musiker, die den Takt angeben. Hunderte Menschen vor sich, jeder ein eigenes Instrument.

    Ich fühle mich, als eröffnete sich mir eine Traumwelt. Mein Blick schweift durch die Menge, über die Masse im Innenraum hinweg. Schräg hinter mir eine Dame mit fasziniertem Blick. Ein paar Reihen weiter vorn erheben sich die Leute tanzend von ihren Sitzplätzen. Strahlende Gesichter, ich bin eines davon. Endlich ein Konzert von Inspirationsquelle und Alltagsbegleiter alt-J.

    Nachdem Marika Hackmann den Abend eröffnet und das scheinbar langwierige Warten ein Ende hatte, ließ sich meine Euphorie nicht mehr halten.

    Drei Gestalten betreten die Bühne. Erste Töne. Deadcrush. Jubeln. Dann Tesselate, Something Good oder Every Other Freckle. Drums und hey!. Bloodflood. Einatmen. Ausatmen und Freudentränen. Mit Matilda ein Publikumschor.

    Lichtblitze. Nebel und irgendjemand zündet eine Wunderkerze. Dissolve Me und Left Hand Free für neue Energie. Dann Finale. Atmosphärisch. 3WW. Als Abschluss Breezeblocks. Ein letztes mal Lichtexplosionen auf der Bühne. Und applaudierendes Publikum.

    Mit dem Verlassen der Halle lasse ich auch diese traumhafte Welt zurück. In der Hoffnung bald wiederzukehren.

    Unbeschreiblich. Und eine Fülle an nachhaltigen Eindrücke dieses Abends ist jetzt mein Begleiter. Ein Stück der Traumwelt für die Hosentasche. Mit jedem alt-J Song den ich nun höre. Oder zu hören glaube.


  • GESCHLOSSENE AUGEN

    GESCHLOSSENE AUGEN

    Eigentlich ist mir erst seit wenigen Wochen die Existenz dieser Band bekannt. Von ihren Liedern kenne ich eigentlich auch nur zwei. Und ist es nicht eigentlich auch ein Zufall, dass sie genau jetzt durch Europa touren, einschließlich Berlin? Als mir Facebook vorschlägt, dieses Konzert zu besuchen – Wieso eigentlich nicht?

    Nun bin ich da. Island vor mir. Und die Bühne wirkt wie eine Insel, die sich solide aus den wogenden Wellen des Publikums erhebt. Obwohl ich mich für diesen Abend in die pulsierende Hauptstadt begeben habe, fühle ich mich der Schnelle und Unstetigkeit doch ganz fern. Mir scheint, als ob ich einen Ruhepol gefunden habe.

    Weit weg vom Alltäglichen, im Einklang mit der Musik

    Verträumte Melodien und eine raue Stimme, die wehmütig ihre Zeilen singt. Der natürliche Klang birgt eine Fülle an Gefühl und Eindrücken, dass ich die Augen schließe, um alles in mich aufzunehmen. Berührt von den Liedern, dem Gesang, Island. Das charmante Quartett aus England erfüllt die Luft mit ruhigen und zugleich fesselnden Tönen ihrer Songs.

    Und es fühlt sich an, als ließe sich die Menge in der erschaffenen Atmosphäre treiben. 

    Gewiss bin ich diesen Abend bei diesem wunderschönen Konzert mit eingetaucht. In die Musik, die Songs dieser unglaublich coolen Band, die ich eigentlich gar nicht auf dem Zettel hatte. Eigentlich. Und die jetzt meine Novembermusik sind. Samstag, der 18. November 2017 – schön, dass es dich gab. Auch wenn ich jetzt vermutlich ohne Geduld, dem neuen Album entgegenfiebere, das erst im Frühling nächsten Jahres erscheint


  • FREITAG, FEBRUAR, FANTASTISCHE MUSIK

    FREITAG, FEBRUAR, FANTASTISCHE MUSIK

    17. Februar 2017 – im ausverkauften Musik und Frieden tummeln sich Leute. Eine Masse an Individuen, die an diesem Abend alle das gleiche Ziel verfolgen: den wunderbaren Art-Pop der jungen Band Giant Rooks aus erster Hand zu konsumieren. 

    Gespannt und durch das Musiker-Duo Bender & Schillinger angeheizt, richten sich die Blicke zur Bühne.

    Hinter weißem Nebel kommen fünf Gestalten zum Vorschein. Giant Rooks. Let the show begin. Im Publikum kommt ungeahntes Potenzial für einen sehr ausgeprägten Lautstärkepegel zum Vorschein – wer bei diesen mitreißenden Sounds nicht mehr als mit dem großen Zeh wippt, ist selbst schuld. 

    Neben den fünf Tracks der New Estate EP oder den Klassikern Smaland und Chapels fanden auch brandneue Songs ihren Weg durch die stickige Clubluft zu den Ohren der Zuhörer und sorgten dort für ein akustisches Wow-Erlebnis. Ebenso das Cover von Bob Dylan’s I Shall Be Released.

    Eines meiner Highlights – der Song Rituals mit seiner unglaublichen musikalischen Intensität.

    Sänger Frederik überzeugt mit einzigartiger Stimme – auch ohne Mikrofon. Und im Einklang mit den Tunes, die die Bandmitglieder ihren Instrumenten entlocken, entsteht ein einzigartiges Ganzes, das es verdient hat, gefeiert zu werden. Das ist auch, was wir im Musik und Frieden getan haben.

    Es war ein Fest. Ein Hoch auf die einzigartige Musik der Jungs von Giant Rooks und dem unbeschreiblich coolen Auftritt in Berlin