Kategorie: KONZERT


  • KING NUN TOURTAGEBUCH: TEIL 2.2 / JÜRGEN & JAMES

    KING NUN TOURTAGEBUCH: TEIL 2.2 / JÜRGEN & JAMES

    Liverpool, 18. Februar 2020, ca. 18:30 Uhr

    Beim Gehen ziehe ich mein Handy aus der Jackentasche und drücke auf das kleine Chatsymbol. Ein weißer Hintergrund, von dem sich einige Sprechblasen abheben, leuchtet auf. Ich löse meinen Blick von dem Chatverlauf und sehe die Straße hinunter. Es nieselt leicht, in den Pfützen spiegeln sich warmgelbe Laternen. Eine Ecke weiter erkenne ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite bereits den kleinen Pub, in dem heut Abend das Konzert stattfinden soll. 

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  • MOLOTOW, THE KECKS UND EIN BACKYARDKONZERT

    MOLOTOW, THE KECKS UND EIN BACKYARDKONZERT

    Kleingehäckselte Pflanzenteile wehen auf meine Windschutzscheibe. Es ist Erntezeit und der Traktor vor mir hat seinen Hänger vollgeladen. Langsam schlängeln wir uns die Landstraße entlang, der Gegenverkehr zieht vorbei, die Sonne lässt aufgewirbelte Staubwolken über den Feldern flimmern. Noch eine Stunde bis zum Ziel und im Kofferraum rollen ein Dutzend Äpfel bei jeder Kurve von rechts nach links, links nach rechts, weil der Obstkorb umgekippt ist. 

    Zur Mittagszeit biege ich in die Auffahrt ein, bergan. Vor geschlossenem Garagentor kommt das Auto zum Stehen. Ich steige aus. Die rechte Hand schwebt über dem Klingelknopf und in der linken ruht ein erneut gefüllter Obstkorb, als meine Schwester schwungvoll die Tür öffnet. Nicht ganz zwei Wochen ist mein letzter Besuch her und wir hätten beide nicht mit so einem baldigen Wiedersehen gerechnet. Doch wenn’s Konzert ruft, rufe ich nur in den seltensten Fällen teilnahmslos zurück. 

    Also ging es auf in die Hansestadt an der Elbe. Nach einem kleinen und besagten Zwischenstopp bei der Verwandtschaft. „Und, welche Band spielt heute?“ Die Stirn des Freundes meiner Schwester verzieht sich zu einem fragenden Runzeln, als ich ihm beide Gruppen des Abends nenne. Leider ist keine Zeit mehr für ausschweifende musikspezifische Einordnungen und ich schiebe mir noch schnell ein Brot hinter die Binde, bevor ich abermals im Auto sitze. Rückwärtsgang rein, bergab. Und dann Richtung Hamburger Innenstadt. 

    Reeperbahn, um genau zu sein. Seit das Molotow an den Wochenenden wieder geöffnet hat, war ich wohl öfter zwischen Neonlicht und Fischbrötchen unterwegs, als bei Sonnenschein im Park. Aber wer sagt schon nein zu einem Abend mit Zitronenlimonade und DJ-Set im Hinterhof des Lieblingsclubs? Und meine Liebe zum Molotow habe ich längst gestanden. Tausend Luftsprünge gab es obendrein mit der Ankündigung von künftigen Backyard Konzerten. Auf eines werde ich heute gehen. Der Anlass meiner spontanen Reise.

    Die Schlange der Wartenden wirkt wegen der Abstandsregelung seltsam auseinandergerupft. Vor dem Eingang verteilt jemand kleine Schnipsel zur Datenerfassung. Doch das Blatt in meiner Handfläche biegt sich unter dem Druck der Kugelschreibermine und jetzt sieht es so aus, als hätte eine Zweitklässlerin ihre erste Schreibschrift ausprobiert. Hinter mir hickst eine Männergruppe Phrasen auf dänisch, über die sie unglaublich amüsiert lachen. Auf ihrem Zettel steht ein einziges Gekrakel. Dafür hätte es auch mit Auge zudrücken kein Bienchen gegeben. 

    Der Einlass geht zügig und die bunt beklebte Box füllt sich mit gefalteten Adressschnipseln. An die fünfzig Leute haben Karten für das ausverkaufte Konzert. Ich trete in den Gang und hinter die rote Fassade. Im Hof stehen wie gewohnt Bänke unter weißen Schirmen. Bunte Lichterketten verhängen den dämmernden Himmel. Auf der Bühne sind Instrumente drapiert, die in einem leichten Kunstnebelschleier versinken, Scheinwerfer strahlen in rotem Licht. Ach, wie habe ich diesen Anblick vermisst.

    Bedacht stelle ich meine angebrochene Limonade zu meinen Füßen ab, als vier Personen nacheinander auf die Bühne treten. Ich beobachte gebannt, wie sich die Gruppe hinter Instrumenten und Mikrofon platziert. Der Gitarrist vervollständigt als letzter das Bild der Band. Vorher drückt er einem Mädchen in bestickter Jeansjacke noch schnell sein Handy in die Hand. Ein Livestream für Daheimgebliebene. Zoom auf den Sänger im gestreiften Hemd. Dann ein Schwenk auf die anderen Bandmitglieder, die unter zuckenden Lichtern zum ersten Song ansetzen.

    The Kecks. So steht es im Programm. Eine Gruppe Wahlhamburger mit Ursprüngen in Australien, Österreich und der UK. Kennengelernt haben sich die Mitglieder auf einer Busfahrt nach Berlin, die sie zu einem The Growlers Konzert brachte, und außerdem selbst auf die Bühne. Wie heut im Molotow. Für die Kecks hat dieser Club ebenfalls Lieblingsort-Status, mehr Bedeutung als ein zweites Zuhause. Und so kommt es, dass sie nicht nur als Vorband von Abramowicz, sondern auch das erste Backyard Konzert der Saison eröffnen. 

    Rauschender Gitarrenrock dröhnt aus den Lautsprechern. Die Bank, auf der ich sitze, wippt auf und ab wie der Fuß meiner Sitznachbarin. Sie und ihr Begleiter sind bekennende Abramowicz Fans. Doch durch den langen Konzertentzug lässt sich die Begeisterung bereits beim Support nicht mehr zügeln. Auch mir kann niemand mehr das Dauergrinsen aus dem Gesicht wischen. Es ist mein erstes Konzert seit Anfang März. Und alles kribbelt, weil zwischen den Musikern, den über die Basssaiten hüpfenden Fingern, tänzelnden Frontmännern und gemütlich am Bier nippendem Publikum kein trennender Bildschirm steht. Die Atmosphäre ist vor Ort.

    Bisher haben The Kecks nur zwei Songs veröffentlicht. Modern Girls, dessen Musikvideo ebenfalls das Molotow als Kulisse hat, und die Debütsingle Stick in My Throat. Bald folgt darauf All For Me, vielleicht irgendwann eine EP, ein Album? Die nächste Aufnahmesession hat die Gruppe jedenfalls bereits im Blick und eine Reise nach London zu JB vom Buffalo Recording Studio, mit dem sie bereits an vorigen Tracks zusammengearbeitet haben. 

    Jetzt klatschen die im Backyard versammelten Gäste. The Kecks haben die Setlist neben den genannten um ein paar Songs erweitert, mit ruhigeren Tönen, dann entrüsteter oder verzerrter Stimme bei einem Einwurf von Kavinsky’s Nightcall für die Ryan Gosling Fans. Die letzte Gitarrenmelodie verklingt, Applaus und ein leiser Jubel von den paar Dutzend Besucher*innen. Bei den geistershowartigen Livestreams vermisst man schnell das direkte Feedback vom Publikum, umso dankbarer ist die Band für jede Chance, wieder auf der „richtigen“ Bühne zu spielen. 

    Auch, weil es die Leute sind, die die Musik am Leben erhalten. The Kecks haben nicht den Anspruch mit ihren Songs das Rad neu zu erfinden, höchstens sich selbst. Musik ist hier das Medium, um Ereignisse und Gefühle zu verarbeiten. Solang ihre Konzerte ein Publikum haben, es Personen gibt, die sich gern die Stücke anhören und davon berührt werden, macht Musik noch Sinn. Und ich denke, das tut sie auch darüber hinaus. 

    Dazu braucht man allein die Freundschaft zwischen den Bandmitgliedern zu betrachten, die mehr miteinander teilen als einen Proberaum und für Konzerte die Bühne. So gleicht das gemeinsame Songschreiben für den Sänger von The Kecks einem abendlichen Familienstreit am Esstisch. Jeder serviert andere Ideen und Vorstellungen von dem zukünftigen Stück, die meist bei einer Auseinandersetzung damit auf links gedreht werden. Gemeinsam verbrachte Zeit und der Austausch über persönliche Erlebnisse prägen die Musik. 

    Nachdem die vier Künstler nun die Bühne für den Hauptact des Abends räumten und alle leeren Gläser an der Bar neben dem DJ Pult wieder augefüllt wurden, mache auch ich mich auf den bepfeilten Weg, um mir eine weitere Zitronenlimonade zu kaufen. Der Flaschenhals fühlt sich kühl an zwischen meinen Fingern, die Flüssigkeit prickelnd auf der Zunge. Noch ein großer Schluck, dann setzen schon Abramowicz ein. Eine weitere Hamburger Band, ihr Wiedererkennungsmerkmal ist zweifellos die raue Stimme des Sängers. 

    Abgesehen vom Gesang gibt es jedoch nichts, was sich reibt. Die Songs plätschern vor sich hin und ich konzentriere mich auf die Schlagzeugrhythmen. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde ich mir ein Album von Abramowicz nicht zuhause anhören, live hat es trotz dessen seinen Reiz. Die Molotow-Gäste sind begeistert. Köpfe nicken im Takt, die Haare scheinen bunt von den gespannten Lichterketten. Es gibt viele lächelnde Gesichter für dieses Konzert. Auch bei dem Clubteam, das ansonsten geschäftig von A nach B huscht, auf einen reibungslose Abendgestaltung bedacht. 

    Schneller als man sich versieht, kündigt die Band ihren letzten Song an. Ein letztes Mal verdecken Nebelschleier die Sicht auf den Schlagzeuger in der zweiten Reihe. Rotes Scheinwerferlicht ziert erneut den Bühnenrand. Ich zücke meinen klobigen Fotoapparat, um ein Erinnerungsbild zu schießen und bevor ich nach dem aufbrausenden Beifall meinen Heimweg antrete, kommt ein bekannter blonder Haarschopf auf mich zu. 

    Der Gitarrist von The Kecks hat einen Stapel glänzender Sticker dabei und drückt mir davon welche in die Hand. Die Besucher*innen steuern langsam dem Ausgang entgegen, wir hingegen erklimmen die Stufen zu den Backstage Räumen vom Molotow. Dort tummeln sich auch die restlichen Mitglieder der Band, die mich für den heutigen Abend nach Hamburg eingeladen hat. 

    Joel (Bass), Lennart (Gesang) und Sam (Gitarre) machen es sich auf einem schwarzen Ledersofa bequem. Im Rücken eine Fensterfront mit Blick auf die Reeperbahn und in der Hand ein Bier aus dem magischen Kühlschrank, dem es nie an Getränken mangelt, egal wie viel man bereits daraus hervorgeholt hat. Die Stimmung ist entspannt, in der Luft liegt Zigarettenqualm und die ein oder andere Anekdote aus dem Bandleben. 

    Schmunzelnd erinnern sich The Kecks an die vielen vergangenen Nächte im Molotow zurück. Und an die Anfänge ihrer Band, mit ersten Auftritten und einigen Wohnzimmerkonzerten, bei denen sie im Anschluss an die eigenen Songs auch einfallslose Coverwünsche der Gäste vortrugen. Mr. Brigthside? Sicherlich auch dabei. In den vergangenen Monaten gab es eher Livestream-Konzerte. Und Zeit, um an Songs und Musikvideos zu feilen, wie für All For Me. Als erstes werden die neuen Kompositionen dann den Müttern von Sam und Joel vorgezeigt. So auch bei der kommenden Single, die bei den beiden etwas Unklarheit stiftete. Doch wenn die Mutter die Sachen, die man macht, nicht komplett versteht, ist es „just right“, wie Joel anmerkt. 

    Wir unterhalten uns über die Tücken des Songwriting und was Sam dazu bewog, eine CD mit Froschgeräuschen zu kaufen. Manchmal klingen alle Tonabfolgen beim Herumprobieren auf der Gitarre wie ein bereits existierender Song. Gedanken kreisen um Zweifel am eigenen Einfallsreichtums und der Erkenntnis, dass die Akkorde nicht neu erfunden werden können. Da kann es hilfreich sein, sich für einen Moment den Soundaufnahmen von Fröschen zu widmen. Oder?

    Amüsiert über die Wendungen, die diese Unterhaltung nimmt, kommt öfter mal ein lachendes „das schreibst du aber nicht in den Text, ok?“ seitens der Band. So klingt mein Abend und die spontane Reise in die Hansestadt aus. Von den ledernen Polster des Molotow Sofas zurück im Autositz. Stick in My Throat schallt blechern aus dem Handy, während ich mit anstimme und das Parkhaus zu vorbeifliegenden Stadtlichtern hinter mir lasse. 


  • BARNS COURTNEY / TEIL 2

    BARNS COURTNEY / TEIL 2

    Es ist Donnerstag, der 31. Oktober. Zwischen den beiden bodenlangen Vorhängen ist ein kleiner Spalt, durch den spärliches Licht vom Fenster einfällt. Das Bett ist weich. Und meine Decke raschelt leise, als ich ich den Arm ausstrecke. Auf dem Nachttisch taste ich nach den Umrissen meines Handys. Das grelle Licht des Displays blendet meine noch an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Es ist irgendwann nach sieben Uhr in der Früh. Ausgeschlafen bin ich angesichts des gestrigen Konzertabends bei Circa Waves noch nicht. Doch ich zwinge mich, durch zusammengekniffene Lider den erleuchteten Bildschirm zu fokussieren. 

    Wenige Minuten später blinken neue Nachrichten in meinem Mail-Postfach auf. Bestellbestätigung bei eventim, zwei Flixbus Buchungen, der Hinweis, dass ich wieder Geld via Paypal verbraten habe. Und plötzlich bin ich hellwach. Die Beine aus dem Bett geschwungen, tapse ich nun barfuß über den glatten Holzfußboden in meinem Zimmer. Wie es aussieht, werde ich in wenigen Stunden für eine Fahrt nach Hamburg aufbrechen. 

    Ausflugsplanung aus Affekt

    Frisch geduscht, eine Tasse Ingwer-Tee in der Hand tanze ich bei aufgedrehten Lautsprechern durch die Wohnung. In Dauerschleife reihen sich Songs von Barns Courtney aneinander. Spätestens jetzt sind die Nachbarn wach. Und wenn jemand im Hinterhaus aus dem Fenster schaut, fliege ich gegenüber mit ausgebreiteten Armen hinter der Scheibe vorbei. Es läuft Hobo Rocket. Mein Textlernprozess reicht nun neben dem sphärischen „heyheyheyheyhey“ auch über die erste Strophe inklusive Atempause, sodass ich den Refrain stolz und dreimal lauter mitsinge. 

    Vorgestern habe ich dieses Lied im Festsaal Kreuzberg gehört. Dort war ich nicht so vertraut mit den meisten Melodien des in Seattle aufgewachsenen Musikers. Kicks bis dato das Lieblingslied. Fire, Glitter & Gold und vom neuen Album London Girls und You And I waren in meinem Repertoire, das ich nun möglichst schnell auszubauen versuche. Hingerissen von dem unglaublichen Konzert. Dem Gefühl und dem Moment. Als ich heut aufwachte, war mir klar, dass ich es nicht dabei belassen kann. Dass ich dieses Erlebnis noch einmal brauche.

    Also ließ ich an dem Donnerstag alles fallen. Termine, die Uni und das K.Flay Konzert im Astra Kulturhaus.

    Stattdessen setzte ich mich gegen 14 Uhr in den Bus. Sah der vorbeifliegenden Landschaft zu. Wie die untergehende Sonne zwischen Bäumen am Straßenrand aufblitzt. Aus den Kopfhörern dringt Barns‘ Stimme. Ich kuschele mich in meinen zu großen Pullover, im Sitz versunken. Und jage in Gedanken einem Traum nach. Die Vorstellung des bevorstehenden Abends.

    Nach dreieinhalb Stunden erreicht der Bus die Hansestadt. Mit Lederjacke und einem schwarzen Jutebeutel unter dem Arm marschiere ich los. Komisches Gefühl, ohne weiteres Gepäck den ZOB zu verlassen, da ich sonst immer für ein paar Tage bleibe. Heut ist es nur eine Nacht. Straßenlaternen leuchten mir den Weg. Und unter den Schuhen quietscht der geflieste Boden der S-Bahn Unterführung. Der Fahrkartenautomat erkennt meinen Zehner nicht an. Zwölf Euro Kleingeld mehr in meinem Beutel steige ich dann endlich in die Bahn zur finalen Destination.

    Am Gruenspan nahe der Reeperbahn

    Gegen 18 Uhr ist dort noch nicht viel los. Neonlichter flackern über unbelebten Clubeingängen. Die Sitzgarnituren verlassen. Nur eine asiatisch aussehende Frau nimmt auf einer Bank vor verschlossener Tür Platz und gestikuliert wild bei einem Videotelefonat. Ich schreite zügig durch die Straße. Und hinter der Großen Freiheit 36 erkenne ich bereits die wartenden Leute. 

    Ich geselle mich zu den schätzungsweise zwölf Mädels, noch eine Stunde bis zum Einlass. Aus meinem Beutel hole ich ein Glas Brombeerjoghurt hervor. Das laute Ploppen beim Aufschrauben des Deckels begleitet mein Gespräch mit einem netten, blonden Mädchen vor mir. Dieses Jahr mit dem Abi fertig geworden, hat sie eine Reise nach Las Vegas geschenkt bekommen. Und war letzte Woche dort zu einer Lady Gaga Show. Wir verstehen uns auf Anhieb gut. Das Gesprächsthema: Konzerte und Barns Courtney.

    Konzertgeschichten und Schwärmereien

    Apropos, ist das nicht sein Keyboarder, der gerade an uns vorbeiläuft? Dahinter folgt ein bekannter Haarschopf, doch irgendwie scheint es niemand zu merken. Ich zucke zusammen, als meine Gesprächspartnerin heftig winkend ein lautes „huhu!“ ruft und nehme nun auch den Sänger wahr, der zum Gruß die Hand hebt. Dann im Gruenspan verschwindet.

    Während die Freude für den kommenden Abend murmelnd durch die wachsenden Reihen wandert, pule ich an der plakatierten Hauswand neben mir. Doch das Exemplar mit den Tourdaten von Barns Courtney ist sehr widerstandsfähig angebracht. Der Lady Gaga Fan bestellt gerade Karten für die anstehende X Ambassadors Tour und ich weihe sie in meinen Plan ein, nachher möglichst weit vorn und genau in der Mitte stehen zu wollen.

    Dieses Mal werde ich Barns fangen, wenn er zum vorletzten Song ins Publikums springt. 

    Nicht viel später setzen wir dieses Vorhaben um. Ich komme gerade von der Garderobe, dem Pullover und meiner Lederjacke entledigt. Gehe zielstrebig auf meine Konzertbekanntschaft zu, die sich in der zweiten Reihe direkt vor dem Mikrofon platziert hat. Der Saal füllt sich schnell. Die Leute sind motivierter als in Berlin vor zwei Tagen. Manche tragen Halloween-Kostüme. Andere Merchandise. Ich wippe nervös auf meinen Füßen. Die Geduld zum Zerreißen gespannt, als es gegen zwanzig Uhr endlich losgeht.

    Eine bunte Truppe betritt die Bühne. Grünes Haar, lila-metallic Leggins und Socken im Schachbrettmuster hinter dem Keyboard. Blaue Strähnen vor weißem Gesicht und ein roter, langer Umhang an der Gitarre. Zum Schlagzeug setzt sich ein pinke Jeans-Träger mit Sonnenbrille. Und nur in Unterhose bekleidet, doch Socken und rote Stoffschuhe im Schottenmuster dürfen nicht fehlen, stellt sich der Sänger ans Mikrofon. Will and the People, meine Damen und Herren. 

    Auf der Bühne ist Halloween

    Der Supportauftritt wurde noch verrückter als in Berlin. Das Quartett entfaltet sich unter Scheinwerferlicht zu einem wahren Stimmungsmacher. Halloween als Anlass, sich mit schrägen Outfits über die Bühne zu wälzen. Mein ununterbrochenes Grinsen ist demnach nicht nur der angestauten Vorfreude geschuldet. Zwischen mitgesungenen „oh“s und „eh“s, dem Gitarristen, der vor uns wackelig auf einem Monitor balanciert und einem knapp bekleideten Hüftschwung des Sängers. Selbst als ihr Auftritt vorbei und der Umbau in Gang ist, lassen sich die vier Londoner mit Applaus feiern. Blicken mit ausgebreiteten Armen von der Balkonbrüstung auf die Besucher, bevor sie wieder im Backstage verschwinden.

    In der gleichen Reihenfolge wie vor zwei Tagen dudeln im Hintergrund Songs von Phoenix, The Kinks, alt-J oder den White Stripes. Gerade stimmt die Menge kollektiv zu einer vokalen Interpretation des berühmten Gitarrenriffs von Seven Nation Army an. Auch wenn es an der Abendkasse noch Tickets für das Konzert gab, ist der Saal dicht gefüllt. Hitze steigt auf. Und ich weiß, dass meine Bluse obgleich ihres leichten Materials zu einem späteren Zeitpunkt verschwitzt an mir kleben wird. Bald müsste der Umbau abgeschlossen sein. Ein tätowierter Typ testet die Instrumente.

    Dann das ersehnte Taschenlampensignal von einem Crewmitglied.

    Die Hintergrundmusik wird ausgeblendet. Das Licht gelöscht. Die Band kommt auf die Bühne. Als letztes der Sänger. Mit weißem Gesicht und roten Tränen an jeder Wange. Bei dem Grad an Energie und seinen wilden Bewegungen fallen die roten Akzente jedoch schnell wieder ab. Die weiße Farbe klebt bald unter Schweiß zerlaufen an einem grauen Handtuch. Klatschend zuckt Barns Courtney über die Bühne. Das Mikrofonkabel zwischen den Zähnen. Fun Never Ends eröffnet das Set.

    So mittendrin den Künstler zu beobachten ist doch was anderes als vom linken Seitenrand. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mir auf der Busfahrt seine Worte eingeprägt habe. Die Wirkung der Zeilen jetzt noch intensiver. Beide Alben The Attractions Of Youth und 404 sprechen zu mir. Mit einer Schwere, gefährlich und heiß. Oder Euphorie, Antrieb und unbeschwerte Atmosphäre. Das durchlebte Tief Barns Courtney’s wird zu Hymnen am Bühnenrand.

    Die Suche nach dem verlorenen Kindheits-Ich wird zur Vorlage, dem Erwachsensein für mehr als nur diesen Abend den Rücken zu kehren.

    Egal wie kitschig das klingt, bei Hands und Hobo Rocket fühle ich mich frei. Glück durch die Nervenbahnen. Immer wieder reißt das Publikum die Hände nach oben, um den Rhythmus zu klatschen. Und auch heut veranlasst Barns mit seinen humorvollen Ansprachen zwischen den Songs ein Schmunzeln. So ganz weiß ich nie, ob in der Ironie nicht doch ein wenig Wahres steckt. Die Lederjacke rot, wie in Berlin. Doch gegen Ende des Sets bedeckt nichts mehr seinen Oberkörper. Der Abend verging viel zu schnell als Golden Dandelions verklingt und mit Kicks ein weiteres Lieblingslied beginnt.

    Ich trete mit jedem Trommelschlag von einem Fuß auf den anderen. Den Text schreie ich schon fast. Jetzt kommt der Sänger dem Publikum gefährlich nah, beugt sich mit dem Mikro zu den ersten Reihen. Die Arme recken sich ihm entgegen. Dann die Aufforderung noch näher zusammenzurücken. Barns zieht sich zurück, steht geduckt vor dem Schlagzeug. Die Haare hängen ihm klitschnass ins Gesicht. Anlauf, Ansatz und Sprung in die Menge. Jetzt kommt mein Moment. Ich merke wie wir unter seinem Gewicht etwas nach hinten taumeln.

    Doch dann schwebt Barns Courtney über uns.

    Kurz bin ich überfordert, zu verarbeiten, dass ich Teil dieses Erlebnisses bin und gleichzeitig den Refrain mitzusingen. Das gibt sich nach ein paar Sekunden.

    Wieder festen Boden unter den Füßen kündigt Barns den letzten Song an. Wie zwei Tage zuvor, lässt er das Publikum hinhocken, um das Meer an geduckten Körpern in der Mitte zu teilen. Er schreitet einige Meter in die Menge, bevor sie explodiert, springend und moshend mit dem Sänger die letzten Takte feiert. Ein Blick durch die Gesichter der Besucher*innen, alle scheinen froh und gleichermaßen überwältigt. Alle setzen zu lauten Zugabe-Rufen an, nachdem die Band das Scheinwerferlicht verlässt.  

    Und sie sollten ein Encore bekommen.

    Gerechnet habe ich damit nicht. Ich und der Lady Gaga Fan machten uns auf den Weg zur Garderobe. Denn meine Rückfahrt war schon zu 23.45 Uhr gebucht und ich musste spätestens zehn nach elf loslaufen. Langes Anstehen könnte daran hindern. Doch als ich Barns‘ Stimme erneut durch die Lautsprecher tönen hörte, konnte ich nicht anders, als mich nochmal zurück in die Menge zu quetschen. Ich lauschte einem neuen Song, den er nur mit seiner Gitarre vortrug. 

    Wenn es mir nicht bereits vorher klar war, wusste ich nun, dass ich nicht schon gehen konnte.

    Während das Licht im Saal aufgedreht wird, stehe ich mit meinem Handy in der sich auflösenden Menge. Das Display leuchtet grün auf. Mein Datenvolumen aufgebraucht, dauert es einige Zeit, dann ist die ursprüngliche Rückfahrt storniert. Der nächste Bus verlässt um 2.45 Uhr die Hansestadt. Ab heute kann mir niemand mehr sagen, dass ich nicht spontan wäre. Und vielleicht auch ein wenig verrückt.

    Überschwappende Emotionen und ein My Chemical Romance Comeback

    Was mein Ziel ist, weiß ich nicht so recht. Also hole ich erst einmal den Gang zur Garderobe nach. Auf der Treppe checke ich meine Mails nach einer Buchungsbestätigung von Flixbus und sehe stattdessen den Betreff „RETURN“ unter der Adresse von My Chemical Romance. Ich blicke mit offenem Mund die Leute um mich herum an und kann einen kleinen Ausraster gerade noch so unterbinden, da wird mir bereits meine Jacke gereicht. Und mein Jutebeutel. Und ich trete den Weg zum Waschraum an. Sinnvoll Zeit verplempern ist das Motto. 

    Irgendwann ist der Großteil der Konzertbesucher verschwunden. Im Saal wird umgebaut. Eine riesen Diskokugel aufgehangen. Mich verschlägt es zum Merch-Stand. Die Mitglieder der Vorband unterhalten sich mit Grüppchen von Personen. Vor mir möchte ein Mädchen ein T-Shirt mit Karte bezahlen. Was aber nicht geht. Und schnell entbrandet mit ihrer Mutter eine Diskussion, wer jetzt zum Geldautomat sprintet und ein paar Scheine abhebt, bevor der Club geschlossen wird. (In der Handlung etwas vorgegriffen, kann ich sagen, dass sie sich nicht einigten und T-Shirt-los den Heimweg antraten.) 

    Ich kaufe mir ein kleines Poster, weil ich keine 15 Euro für ein großes habe. Stelle aber zu spät fest, dass es gar nicht von dieser, sondern der UK Tour 2018 ist.

    Langsam aber sicher werden die verbleibenden Fans zum Ausgang gedrängt. Ich stelle meinen vollgestopften Beutel auf dem dunklen Ledersofa im Eingang ab und beginne, mir demonstrativ langsam den Pullover überzustreifen. Schal und Jacke anzulegen. Und das Plakat gerollt zu verstauen. Dabei fällt mir ein weiteres Mädchen mit ihren Eltern ins Auge, die sich mit dem Sänger von Will and the People unterhält.

    Sie knetet eine Wasserflasche in ihrer Hand und wendet sich dann aufgeregt ihren Eltern zu, als der Sänger im leeren Saal verschwindet. Fetzen, die ich von dem Gespräch aufgefangen habe, tragen mich zu der Dreierkonstellation. Ich frage, ob sie den Sänger beauftragt hat, Barns zu holen. Mit einem hektischen Nicken bestätigt mir das Mädchen meine Vermutung und ich muss grinsen.

    Hoffung auf ein Wiedersehen

    Es ist klar, dass die vereinzelten Leute, die jetzt noch hier herumdümpeln, auf die Chance warten, den Star des Abends persönlich zu treffen. Sich von ihm ein T-Shirt, Poster oder die Setlist signieren zu lassen. Oder ein Foto zu machen. So auch ich. Doch diese Hoffnung zerbricht bei dem Mädchen mit ihren Eltern, als wir nun vollends aus dem Gruenspan geworfen wurden. Ein letztes Mal schlägt sie verzweifelt ihre Wasserflasche in die Hand und geht dann. Ich bleibe. Draußen warten noch zehn, fünfzehn Leute. Der Lady Gaga Fan ist nicht dabei.

    Ein Gesicht kommt mir trotz dessen bekannt vor. Das habe ich schon bei der Berlin-Show gesehen. Und so gehe ich kurzerhand darauf zu. Ich finde heraus, dass sie bei so einigen Barns Courtney Konzerten war. Unter anderem auch einem Spezial-Showcase im Universal Büro. Dort lernte sie wiederum jemanden kennen, der nun ebenfalls in unserer Runde steht. Ich unterhalte mich mit beiden über das Thema des Abends – Konzerte. Auf welchen man schon war, auf welche man gehen sollte. Eine vierte Person in unserer Runde bringt Anekdoten von Barns Courtney Shows an, da sie ebenfalls zu einigen Termin hinterherreiste. Auch mal im selben Hotel wie die Band übernachtete und diese dann beim Frühstück traf.

    Es war spät. Und kalt. Ungeduldig tappen wir vor verschlossener Tür umher. Die Leute, die bis jetzt noch hier stehen, werden nicht gehen.

    Hartnäckig und mit dem Gewissen, dass Barns und die Jungs ja irgendwo rauskommen müssen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Da mein Bus aber eh erst in drei Stunden fährt, macht es mir nichts aus zu warten. Dann endlich. Wir hatten uns in einen windgeschützten Hauseingang zurückgezogen und merken, wie es nebenan kleinen Aufruhr gibt. Ich schaue um die Ecke und sehe. Ja genau. Barns Courtney wie er, ein Telefonat vortäuschend, vor die Tür des Clubs geht und dann gespielt überrascht „auflegt“, da ja Leute auf ihn warten. 

    Sofort erhellen sich alle Gesichter. Meine Gesprächsrunde löst sich auf und die einzelnen Personen finden sich beim Schlagzeuger und Gitarristen ein. Ich hingegen bleibe in der Nähe des Sängers. Er wird von allen Seiten um Unterschriften gebeten. Ein Typ, der zur Crew gehört, den ich aber nicht genau zuordnen kann, bietet seinen Dienst als Fotografen an. Handys werden ihm gereicht. Bilder geknipst. Während er auf verschiedensten Mobiltelefonen den Auslöser drückt, betont er, dass die Band nicht mehr so lang Zeit hat. Deshalb ergreife nun auch ich die Gelegenheit. 

    Und schon hält er mein iPhone mit dem Parcels Sticker auf der Hülle in der Hand.

    Ich lächele den Sänger an und Barns fragt mich, wie es mir geht. Völlig überfordert mit der Situation antworte ich, dass ich das Konzert geil fand. Ich strecke ihm meine Setlist aus Berlin entgegen und da er nur einen weißen Marker hat, unterschreibt er sie mir auf dem schwarzen Taperest. Als ich meine Sprache wiedergefunden habe, erzähle ich noch, dass mich mein erster Konzertbesuch vorgestern so beeindruckt hat, dass ich heut spontan nach Hamburg gefahren bin. Und definitiv nicht enttäuscht wurde.

    Dann lassen wir ein Foto machen. Oder mehrere. Der Typ mit meinem Handy gibt Regieanweisungen. Irgendwas mit „3D-Effekt“ und dass Barns „mal seinen Finger der Kamera entgegenstrecken soll“. Indessen frage ich mich, ob dann nicht die Hand das Gesicht verdeckt. Vielleicht sieht man mir das auf den Fotos später an. Jetzt ist Barns dazu übergegangen die Krallen auszufahren. 

    Ich höre nur ein „du bist ein Tiger“ von dem Foto-Typ.

    Neun verwackelte oder anderweitig unscharfe Bilder später, bekomme ich mein Handy zurück. Ein Blick durch die Runde verrät mir, dass ein paar der Wartenden bereits glücklich mit Foto nach Hause gingen. Meine Bekanntschaften stehen immer noch beim Schlagzeuger. Also geselle ich mich dazu. In der Hoffnung, die nächsten Stunden nicht allein im McDonalds auf den Flixbus wartend verbringen zu müssen. Und das musste ich weiß Gott nicht. 

    Fangirls und ein Irish Pub

    Denn kurzerhand wurde die Fotosession beendet und die Band löst sich von den letzten Fans. Sie gehen die Straße der Großen Freiheit runter. Ziemlich zügig. Die beiden Mädels von vorhin und ich setzen uns in Bewegung. Auf meinen fragenden Blick hin, sagen sie mir, dass wir jetzt einfach hinterhergehen. Okay klar, folgen wir denen einfach. Ist ja nicht so, dass ich das nicht schon tausend Mal gemacht hätte (natürlich ironisch gemeint).

    Im Laufschritt geht’s durch die neonbeschienene Straße. Partygänger*innen wurde gekonnt ausgewichen, ohne die Jungs und Barns Courtney aus den Augen zu lassen. Was dank seiner bunt bestickten, schwarzen Lederjacke nicht so schwer war. Mit einem Seitenblick nehme ich wahr, dass außer uns nur zwei, drei andere Fans neugierig mitkamen.

    Mittlerweile haben wir den Beatles-Platz erreicht und biegen rechts ab. Jemand macht einen Witz, dass die Band insgeheim nur einmal um den Block geht, um zu gucken, wer ihnen so hinterherkommt.

    Doch dann nähern sie sich einem Eingang neben dem Molotow. Einem Irish Pub & Club. Eine Stimme in meinem Kopf sagt mir, dass jetzt der Abend vorbei ist. Als ob wir dort mit reingehen. Doch genau das tut meine Begleitung. Die beiden erklimmen die Stufen zum Pub. Und ich tue es ihnen nach. Kurze Zeit später stehen wir zwischen Tresen und Sitzecke, in der Barns Courtney jubelnd begrüßt wird. Im Hintergrund spielt Wonderwall von Oasis. Ich fühle mich fehl am Platz. Irgendwie ist es mir unangenehm, hier hereinzuplatzen. Ich meine, gerade standen diese Leute noch vor mir auf der Bühne und nun bin ich zusammen mit ihnen in einem Irish Pub? 

    Der Aufenthalt sollte nicht nur von kurzer Dauer sein, denn die Mädels legen ihre Jacken und Taschen ab. Ich ziehe kurzerhand meinen Pullover wieder aus, da er mir nicht tauglich erscheint. Alles in den Beutel gequetscht, stelle ich diesen nun in einer Ecke ab. Irgendjemand wird im Verlauf der Nacht sein Bier drüber schütten, sodass ich im Bus später vollends nach alter Kneipe rieche. Generell gehen noch einige Gläser zu Bruch. Und meine Schuhe kleben an den Getränkeresten.

    Mr. Brightside

    Etwas verloren stehen wir nun herum, bis jemand beschließt, Getränke zu holen. Ich nehme eine große Cola. Irgendwie will ich ja noch wach bleiben. Ein, zwei Mal an dem Getränk genippt, geht es auf die kleine Tanzfläche vor dem DJ-Pult. Die Band ist bereits da, Barns Courtney und noch ein paar andere, die ich nicht ganz zuordnen kann. Und dann. Naja. Dann tanzten wir dort. Zu einer wilden Mischung an Songs. In dem kleinen Raum wuseln wir wie ein unkoordinierte Gruppe umeinander. Mr. Brightside spielt. Und das erste Mal singt wirklich jeder mit. Ich weiß nicht, wem ich gerade euphorisch die Lyrics entgegenschreie. Alle sind offen und deutlich dabei, den Abend zu genießen.

    Die aus künstlichen Spinnennetzen bestehende Halloweendeko wird bald dazu benutzt, die Tanzenden zu umwickeln. Immer wieder lässt sich einer der Jungs hochheben. Wird dann kurze Zeit auf Armen durch den Pub transportiert. Ich schaue mich um, wo der Träger der bestickten Lederjacke abgeblieben ist. Nur um dann innerlich Auszurasten, wenn Barns Courtney zwei Meter weiter neben mir zu Sexbomb tanzt.

    Jemand äußert sich zur der Songauswahl: „I can’t believe they’re really playing this song.“ Bevor die ironischsten Moves und der bekannte Refrain für Vergnügen sorgen. Als die Melodie langsam zu Low von Flo Rida überblendet, gibt es einen Aufschrei. Dann bouncen alle im Rhythmus durch den Raum. Zum „Shawty got low low low low…“ kommen wir Stück für Stück dem Boden näher.

    Fangirls geben den Boys Bier aus. Zum Rauchen verschwindet die Band nach draußen. Wir bleiben drinnen und warten auf die erneute Zusammenkunft bei Teenage Dirtbag. Alle schwelgen in den Lyrics. Kann ich das glauben? Nicht wirklich. Bis jetzt noch nicht. Es fiel mir schwer nach zwei Stunden zu gehen. Vielleicht war es das Krasseste, auf jeden Fall das Spontanste, was mir in letzter Zeit eingefallen ist.


  • DIE ROTE LEDERJACKE

    DIE ROTE LEDERJACKE

    Die Bühne erstrahlt im warmen Scheinwerferlicht. Alle Besucher*innen scharen sich vor ihrer Mitte. Verschwitzt, mit wirren Haaren vom wilden Tanzen. Immer mehr Arme strecken sich in die Höhe. Sprießen wie orangene Blumen aus dem Publikumsmeer. Die Gitarre erzittert, das Schlagzeug braust auf. Ein Mann in roter Lederjacke, spitze Schuhe zu den schwarzen Jeans, bewegt sich ausgelassen im Rhythmus der Musik. Seine volle Haarpracht wirbelt auf, als er Anlauf nimmt. Keine zwei Sekunden später tragen ihn Hände durch den Saal. Rücklings, das Mikrophon fest im Griff ertönt ein Refrain:

    „I get my kicks. Take the money, I’ll get my fix“

    Am Dienstag, den 29. Oktober, gibt Barns Courtney ein Konzert im Berliner Festsaal Kreuzberg. Es ist eine halbe Stunde vor Einlass, Leute trudeln ein und es bildet sich im Abenddunkel eine Schlange vor der behüteten Tür des Festsaals. Ein Licht flackert. Durch Fenster sind Schatten zu sehen, die im Vorraum T-Shirts für den Merch drapieren. Und als es endlich nach Drinnen geht, rollen die ersten bereits ergatterte Poster zwischen den Fingern.

    Nach einer Stunde ungeduldigen Wartens verstummt die Hintergrundmusik. Kurz wird es dunkel. Dann hell auf der Bühne. Ein Quartett tritt ins Licht. Angeführt vom Frontmann, dessen Haare wie Spaghetti über die Ohren fallen. Sein rechtes Auge ist blau eingerahmt, aber was macht das schon. Es ist ja bald Halloween. Will and the People, kurz W.A.T.P., schüren Feuer und Atmosphäre in der Menge.

    Stimmungsmacher im Vorprogramm

    Alle im Tanzschritt, rechts-links. Die Arme nach oben. Jubeln zu den ansteckenden Melodien. Der Sänger ist oberkörperfrei und turnt über die Bühne. Vereinzelte Personen in den Sitznischen werden mit ironischen Bemerkungen bedacht. Während der Gitarrist die Zeilen aus vollem Hals mitschreit, fühlt der Blonde an den Keys seine Töne. Ab und zu ein Lachen und Witze mit dem Schlagzeuger austauschend, der zu guter letzt sein komplettes Drumset umwirft. Ein chaotischer Haufen.

    Es folgt eine Umbaupause, in der alle Kabel mit Tape gesichert werden. Damit bei den folgenden wilden Tanzmoves niemand fällt. Trotz dessen liegt Barns Courtney am Ende auf dem Boden. Beabsichtigt, vielleicht überwältigt und außer Atem von der vergangenen Stunde.

    Der erste Song ist Fun Never Ends und ich bekomme nicht viel davon mit, außer die freudestrahlenden Gesichter der Besucher*innen.

    Drei Bandmitglieder sind bereits hinter ihren Instrumenten platziert, Barns Courtney kommt als letzter auf die Bühne getrabt. Schnell wie ein Blitz ist er vorn beim Publikum und heizt die Reihen an, ausgelassen im Takt zu klatschen. Das Publikum ist der Bühne zugewandt und die Scheinwerfer spiegeln sich in glänzenden Augen. Barns verschwindet hinter ihren ausgestreckten Armen.

    Schon nach kurzer Zeit ist der nackte Oberkörper unter der roten Jacke schweißüberströmt. Der Sänger reckt das Kinn in die Höhe, während seine Finger über die Gitarrensaiten wandern. Sie entlocken dem Instrument Melodien vom Debüt The Attractions Of Youth und dem aktuellem Album 404. Auch ein Intermezzo, in dem sich jubelnder Beifall mit den angeschlagenen Tönen abwechseln, findet Platz.

    London Girls hat es mir angetan. Hobo Rocket mit seinem losgelösten Charakter und der gesungenen Reise durch die Sphären.

    Wie der Atem voller Kraft das Mikrofon erreicht. Dann wird die Energie gezügelt. Für Little Boy sind sanftere Saiten angeschlagen. Vom kleinen Jungen zu Champion und düsterer Energie. Im gesamten Set fehlt es nicht an Spannung. Die Leidenschaft in der Stimme Barns‘ reißt mit. Die Bühne wie natürlicher Lebensraum, in dem er sich mit flinken Füßen, Drehungen und Hüftschwung bewegt.

    Glitter & Gold ein Souvenir aus 2015, der erste Song seines Solo-Projekts. Zu You & I gibt es ein, naja spezielles, Gedicht mit amüsanter Geschichte dahinter. Ich habe vor Lachen Tränen in den Augen. Der Umgang mit dem Publikum ist locker und vertraut. Irgendwann holt Barns Courtney eine Besucherin auf die Bühne, die er von einem anderen Tag wiedererkannte. Als er sich bei ihr im Garten mit seinem Drummer eine Wrestling-Schlacht gab (falls ich das so richtig verstanden habe). Und mehr Lachtränen.

    Nach 99′ naht mit Golden Dandelions langsam der Schluss.

    Ich möchte nicht, dass dieser Abend endet. Zeit für die Mädels in der ersten Reihe, ihr Pappschild herauszuholen: „Lay me down in golden dandelions“. Weiter hinten im Saal gibt es eine weitere Pappe. Die ist sogar ziemlich riesig. Ein junger Mann hält die Aufschrift „SAM, I’m pregnant“. Einmal gedreht dann „SAM, I would do it again“. Alles klar.

    Der Bühne zugewandt, Auftakt für Kicks. Später wird der Sänger dieses Lied auf den Händen des Publikums beenden. Dann der finale Song. Fire hatte es nochmal richtig in sich. Vorantreibende, dumpfe Drums. Ein euphorischer Chor, angeführt von dem Engländer mit seiner glühenden Stimme. Alle gehen in die Hocke. Barns Courtney bahnt sich einen Weg durch die Menschen. Irgendwie unwirklich. Dann bei drei, alle springen auf.

    Ein letztes Fest. Meine Finger kribbeln. Ich fühle mich vollkommen. Mit Energie versorgt, Zukunftsvisionen, jetzt kann ich alles schaffen. Und vielleicht hole ich mir auch so eine rote Lederjacke, als Erinnerung an dieses Gefühl.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • EIN ABEND MIT PFIFF

    EIN ABEND MIT PFIFF

    Die im Boden eingelassenen Luken geben geöffnet zwei Treppengänge frei. Stufe an Stufe reiht sich der Weg zu den Räumen des Mojo Clubs. Das Licht gedimmt. Stehende Luft, im Gegensatz zur frischen Brise eine Etage höher auf der Reeperbahn. Musik erklingt bereits, als ich endlich im Club stehe. Eine Wand zahlreicher Rücken beschränkt meine Sicht auf die Bühne. Hier in den hinteren Reihen wiegen sich die Körper leicht im Rhythmus. Eingestimmt in das heutige Abendprogramm.

    Die Band macht eine Ansage und es folgt ein letztes Lied, für mich erster Eindruck. AB Syndrom spielen eine angenehm prickelnde Melodie. Dann versinke ich in Gedanken, bei den Worten „Ich in Angora. Du in Bora-Bora“. Zurück zum Reisejournalismus-Seminar, an dem ich dieses Wochenende teilnehme und die Südseeinsel mit Korallenriff, so bunt wie die Töne des berliner Duos.

    Ein Mine Konzert in Hamburg

    Durch das Publikum mit durchwachsener Altersstruktur schlängele ich mich in der Pause an den Bühnenrand. Eindrucksvoll ragt eine silber glänzende Trommel vor mir auf. Rechts und links Keyboards. Ein Platz für den Gitarristen, weiter hinten Schlagzeug und Bass. Vor dunkler Wand leuchten unzählige Punkte auf. Kleine LED-Lichter durchbrechen die Dunkelheit. Zuvor nannten sie den heutigen Gast in geschwungener Schrift bei Namen: Mine.

    Jetzt lassen sie den Nebel blau glitzern. Werden von bereitstehender Keytar reflektiert. Leuchtsäulen im Hintergrund und die Atmosphäre ist galaktisch.

    Während ein Quintett die Bühne betritt, löst sich sirrende Vorfreude in frohen Applaus auf. Fünf Personen, Zentrum und treibende Kraft ist die Künstlerin Mine. Samt Live-Band ausgerückt, das Hamburger Publikum mit außergewöhnlichen Songs zu beglücken. Denn davon sprüht auch ihre aktuelle Platte Klebstoff.

    Lieder, die ihren Charme im Spiel mit Textzeilen offenbaren. Melodien eingängig und doch nicht gleich im Eingang umfassend verständlich. Denn die Kompositionen werden mit jedem Hören besser, entfalten hinter ergreifenden Synthklängen und kleiner Verschrobenheit ihr volles Potenzial. Der Höhepunkt heut beim Konzert.

    Ein Abend, an dem der Mond aufgeht

    Glitzernd im Rücken der Sängerin, die lacht, als das Publikum in ihre Zeilen einstimmt. Und dann vor Glück überwältigt auch mal ganz dem Besucherchor die Führung überlässt. Die Stimmung ungezwungen.

    Aus Brüchen humorvoller Einlagen und wiederum ernsten Themen strickt Mine ihren roten Faden. Darauf fädelt sie gesellschaftskritische Themen, den Appell Social Media nicht das Selbstbild verändern zu lassen oder Erdbeeren im Winter. Abwechselnd mit Schwimmzügen in den Wogen der Masse und vor Lachen tränenden Augen, als die Kinderstimme Mine’s erklingt.  

    Aufnahmen alter selbst bespielter Kassetten leiten mit glockenhellen Phrasen ähnlich wie „seid ihr bereit“ oder „ich fang dann jetzt an“ den nächsten Song ein.

    Es ist bereits der neunte Termin ihrer „Klebstoff“-Tour an einem 11. Mai. Die Band ein eingespieltes Team. Selbst die vielen Feature-Gäste ihres Albums bekamen, trotz fehlender persönlicher Anwesenheit, eine Stimme. Konzertbesucher im Bann. Bejubelt wird, was sich auf der Bühne abspielt. Und wenn die Sängerin ins Mikrophon pfeift, imitiert der Saal eine Beifall-Alternative, so sonderbar wie der Abend. In einem durch und durch positiven Sinn.

    Der Boden wird, übersät mit Bechern und Limettenvierteln, Zeuge einer großartigen Feier im Mojo Club. Das angekündigte Schnäpschen hat sich Mine am Ende ihrer Show und vor dem ersten freien Tag der Tour verdient.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • DIESE SHOW IST NOCH NICHT ZU ENDE

    DIESE SHOW IST NOCH NICHT ZU ENDE

    Man könnte meinen, die Temperaturen am Nachmittag des 24. Aprils wollen mich an die sich anbahnende Hitzewelle in der Großen Freiheit 36 gewöhnen. Doch auch der intensive Sonnenschein konnte mich auf Bevorstehendes nicht vorbereiten. Erwartungsfroh und mit Sohlen glitzernder Schuhe unter den Füßen betrete ich den Club. Stickige Luft schlägt mir entgegen, zum Ende des Abends mit tropischem Ausmaß. Trotzdem bleibt dies nur Begleiterscheinung, liegt der Fokus doch auf Schall und Nebel. Durch die Luft transportiertes Gut, das die heutige Show prägt. Mehr braucht es nicht, um mich in den Bann zu ziehen.

    Nachdem ich mich rechts von der Bühne eingefunden habe, dauert es eine Weile bis immer mehr Leute in dem Club auf der Reeperbahn eintreffen. Gemischte Gesichter und Getränke gehen durch die Reihen. Anders als sonst befinde ich mich dieses Mal nicht inmitten des Getümmels. Ein Platz etwas abseits, reserviert, um an den Einstellungen und Rädchen meiner Kamera zu drehen. Bevor ich dann mit ausgehenden Lichtern geduckt in den Bühnengraben schlüpfe. 

    Das deutsch-luxemburgische Trio Say Yes Dog tritt ins Zentrum des Interesses. Goldenes Licht im Rücken, wie die aufgehende Sonne an einem Mittwochabend.

    Prickelnde Melodien lassen die Luft elektrisiert knistern. Mit einem glücklichen Grinsen mische ich mich wieder unter das Publikum. Nicht, weil ich einen guten Schnappschuss gelandet hätte – das entspräche eher dem Gegenteil. Der Sound sickert langsam unter meine Haut, Rhythmus durch die Adern. Wärme umgibt mich längst nicht mehr allein von Außen. Es freut mich, die Band mit Instrument und Stimme spielen zu sehen.

    In Gedanken hoffe ich auf mein Lieblingslied Stronger. Begleitet hat es mich bei einigen wilden Städtetrips. In der euphorischen Phase zwischen Abitur und Studium. Das lässt die Erinnerungen tanzen. Und enttäuscht werde ich nicht. Bevor das sympathische Trio die Bühne räumt, setzt die bekannte Melodie ein, Sehnsucht aus, ein wenig Fernweh an.

    Der Umbaupause werde ich mir nicht so recht bewusst, da ist sie auch wieder vorbei.

    Vielleicht habe ich schon einen Blick auf die Fotos der Vorband geworfen. Panik bekommen, dass mir beim kommenden Programmpunkt kein gutes Bild gelingt. Und mangels seelischer Unterstützung vor Ort, die beistehenden Beratungsstellen in Regensburg, Gießen und Co. kontaktiert. Dank euch wird aus Nervosität eine gute Aufregung. Shoutout. Dann lights out.

    Die erste Reihe klammert sich an die metallene Absperrung. Tosendes Geräusch aus den Lautsprechern.

    Lichtkrümel werden auf die im Hintergrund gespannten Vorhänge projiziert. Huschen zitternd umher. Als die Bühne mit Musikern gefüllt ist, löst sich das Getose zur Einleitung des Songs Go Rilla. 95 Prozent meiner folgenden Fotos sind verschwommen, da ich kopfwackelnd lautstarkt den Refrain mitsinge. Oder zu dunkel. Die Beleuchtung beschränkt auf vereinzelte Scheinwerfer, die ihre Strahlen gen Publikum senden. Der Sänger Filippo Bonamici bleibt dabei in Schatten gehüllt. Silhouetten lassen die Konstellation auf der Bühne erahnen.

    Nebelwolken legen sich von Zeit zu Zeit über das Erscheinungsbild der Band. Doch die eingeschränkte Sicht hindert nicht den Ton, an mein Ohr zu gelangen. Und bei aller Vorstellungskraft, aber das erste Mal Fil Bo Riva live haut mich aus den Socken. Unglaublich intensiver Gesang. Rau, den Klang dunkel gefärbt, löst allein die Stimme bei mir Chills aus.

    Kerzenschein-Atmosphäre

    Gesang und Begleitung formen sich zu Rhythmus und Melodie. Zu Worten neuer Songs aus dem Album Beautiful Sadness, dessen Titel nicht treffender meinen Gefühlszustand beschreiben könnte. Auch Tracks von If You’re Right, It’s Alright finden Gehör. Die Leute singen mit. Und strecken die Hände zu einem bangbang bei Like Eye Did in die Höhe. Ich schwelge ganz gedankenverloren in der Musik. Gefesselt vom Klang. Die Augen geschlossen, bekomme ich vermutlich die einzige mächtige Lichtexplosion auf der Bühne nicht mit. Doch das ist egal.

    Ein Song brennt sich mir an diesem Abend ins Herz. Ich muss gestehen, mich hat er überrascht. Eigentlich nicht mein Lieblingslied der neuen Platte hat die Liveversion von L’impossibile bleibenden Eindruck hinterlassen. Gezügelte Strophen, in kleinen Rinnsalen fließen sie zuerst. Münden dann in einen mitreißenden Refrain. Überheblich, bescheidener Prunk.

    Durch die italienische Sprache wirkt es wie eine Ode, feierlich entladen sich Melodie und Text in den verschwitzen Saal.

    Ich bin überwältigt. Nicht nur ich. Auch Fil Bo Riva haben sichtlich Freude an diesem Konzert. Als Sänger Filippo zum Dank an die Besucher*innen mit „Diese Show ist…“ ansetzt, wird er von einem Ruf aus dem Publikum unterbrochen: „..noch nicht zu Ende!“. Recht hat er damit. Zugaben später, Zugabfahrt verpasst. Das ist es mir wert. Bei dem Konzert war ich nicht wie sonst mittendrin. Wild getanzt habe ich auch nicht. Ohne große Showeinlage. Doch der Abend war für mich wunderschön.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • THE HUNNA

    THE HUNNA

    Zunächst war ich skeptisch. Nur vereinzelt verirrten sich bisher Besucher*innen in den Mojo Club. Vorwiegend junge, weibliche Fans, die wie von einer Streubüchse in den Raum gesät wirken. Es ist bereits kurz vor acht, doch meine Zweifel bewahrheiten sich nicht. Auf einen Schlag füllt sich der Club auf der Reeperbahn.

    Spätestens nach einer Erwärmung angeleitet durch die Berliner Band Portmonee sind Untergeschoss und der halbbogenartige Balkon mit Blick auf die Bühne reichlich besetzt. Ein aufgewühltes Publikum, das im Laufe dieses Donnerstagabends neben hier und da einem Bier, auch einige Schweißperlen vergießen wird.

    Zu Gast auf der Bühne ist heut die vierköpfige Band The Hunna.

    Auszeichnend für ihre Musik sind schroffe Gitarren, Schlagzeug und eingängige Melodien zu Texten, vorgetragen mit der spannungsgeladenen Stimme Ryan Potter’s. Auch wenn die Gesamtheit der Songs für mich manchmal gleichförmig erscheint, wurde ich von den Live-Auftritten des Quartetts letztes Jahr hingerissen. Dementsprechend hat sich bis zur heutigen Show ein Maß an Vorfreude angestaut. Und das beschränkt sich augenscheinlich nicht allein auf mich. 

    Von Dezember auf den 25. April verschoben, ist dieses Konzert noch dem zweiten Album Dare gewidmet. Nichtsdestotrotz präsentiert die Band aus Hertfordshire ebenfalls ganz neue Songs wie I Get High To Forget, wobei sie Album drei entgegenblicken und dem Stress mit ihrem damaligen Label den Rücken kehren. Gefühlt lassen sie beim Durchstarten ihre Widersacher in einer Staubwolke zurück.

    Aufgewirbelt durch temperamentvolle Bühnenpräsenz, die nur für die Akustikversion von Brother ein Innehalten zulässt.

    Ansonsten fliegt für Flicking Your Hair die Haarpracht durch die Luft. Stete Bewegung auf der Bühne färbt dynamisch auf das Publikum ab. Rockig. Und die Texte werden mitgesungen ob bei Tracks der aktuellen Platte oder vom Debüt 100. Bei She’s Casual natürlich am lautesten.

    Die Lieder als perfekte Vorlage für einen ausgelassenen Abend. Motivierte Fans. Und wenn Dare, Rock My Way oder Y.D.W.I.W.M. schon als Höhepunkt freigesetzter Energie gelten, gibt es zum Encore den größten Aufschrei. Die Besucher*innen außer Atem, der Frontman dem Shirt entledigt, es ist heiß zwischen den Reihen. Und beim finalen Never Enough lässt sich der Sänger nicht ein, sondern gleich zwei Mal hintereinander rücklings in die unvorbereitete, dann tobende Masse fallen. Was ein Abschluss.

    Fotos: Annekatrin Schulz


  • JETZT BIN ICH FREI

    JETZT BIN ICH FREI

    Von der Decke baumeln Glühlampen herab. Durch die verglaste Front scheint es, als ob die kleinen Lichtgefäße durch das Café schweben. Ein filigraner Eindruck, doch nicht ganz Reeperbahn. Es hat zu dämmern begonnen, 20:30 Uhr. Und lockt die Nachtaktiven auf die Straße. Auch in das Mojo Jazz Café.

    An vereinzelten Tischen im verwinkelten Raum sitzen die Besucher*innen. Warten, das Wochenende zu den elektrisierenden Klängen FYE & FENNEKs ausklingen zu lassen.

    Bevor das Duo jedoch zum Auftakt des Auftritts, der Tour einsetzt, betritt der Hamburger Musiker Deve die Bühne. Deutsche Texte, von gewichtigen Bassmelodien unterlegt. Vier Songs, aus denen ebenfalls seine EP Du.Alles. besteht. Langsam sammeln sich die Leute. Vereinzelt ein Ruf und zögerliches Klatschen, während über den Bühnenhintergrund Lichteffekte, bunte Streifen zucken. Und ein @devemusic für alle Interessierten.

    Nach einer kleinen Wartezeit rückt die Gruppe der Mojo Besucher zusammen. Näher an die Bühne. Die Beleuchtung gedimmt. Fennek nimmt seinen Platz ein, hinter der hüfthohen Wand an Geräten, denen er im weiteren Verlauf unterschiedlichste Töne entlocken wird.

    Eine spannungsgeladene Melodie strömt aus Lautsprechern, der Anfang von Suicide Blond. Doch wo bleibt Fye? Ein dumpfes Klopfen von der Tür neben der Bühne hat scheinbar niemand wahrgenommen. Verwunderung. Bis dann jemand die, nur von innen zu öffnende Tür, aufdrückt. Zum Vorschein kommt die Sängerin.

    „Ich war eingesperrt, kein Scherz.“

    Erleichterung bei dem Duo, nun wohlbehalten auf der Bühne. Die bekannte Melodie beginnt erneut den Raum einzunehmen, während Fye das Kabel ihres Mikrophons entwirrt und dann nach dem humorvollen Ausruf „Jetzt bin ich frei!“ zum Gesang ansetzt. Sofort, oder spätestens beim ersten Refrain steckt das Lächeln, das uns von der Bühne entgegenstrahlt, an. Ebenso die Tanzmoves. Und lockere Stimmung.

    Songs wie Clouds, Dark Lights oder Distance, aufgelistet auf dem Plattencover des Debütalbums, das heut Abend auch zum Erwerb bereitliegt, dringen ins Ohr der Konzertbesucher. Daneben auch neue Stücke, die Lust auf mehr machen. Mal eine frische Brise und die Erinnerung an heiße Sommertage. Mal rieselt der Sound auf mich herab, gläserne Tropfen oder der runde Klang von glatten Hölzern. Der Gesang lässig, mit Emotionen bepackt, immer voll Ausdruck. Lebendig und kraftvoll im schönen Kontrast zur zurückhaltenden, sanften Stimme Fenneks in einem Duett des Duos.

    Magnetisierendes Synthesizer, vibrierende Rhythmen, der Echo eines Herzschlags.

    Am Ende des Sonntags gehe ich, einen abwechslungsreichen Auftritt im Hinterkopf, glücklich ins Bett. FYE & FENNEK haben das Mojo Jazz Café mit guter Laune und einem Grund zum Tanzen versorgt. Und mit Liveversionen der Lieblingslieder. Bei der Ankündigung des letzten Songs Picasso Heartbeat höre ich ein freudiges „Yes! Zum Glück spielen sie den Song noch.“ Da muss ich grinsen, mir ist es nicht selten genauso ergangen.

    Foto: Simon Hegenberg


  • HÜFTSCHWUNG UND ZEITREISE

    HÜFTSCHWUNG UND ZEITREISE

    Dass an einem Montag große Ungeduld von mir abfällt, da endlich die neue Woche beginnt, kommt wohl nicht so oft vor. Der erste April jedoch, war etwas Besonderes. Schon als ich am Morgen die Weser auf einer großen Brücke überquere, um im Bremer Weserburg Museum unter anderem eine Kunstausstellung anzusehen, weiß ich, dass heute ein guter Tag ist.

    Die aufgehende Sonne glitzert golden im Wasser. Aus den Fenstern der menschenleeren Räume des Museums, das am Montag geschlossen hat, blickt man auf Sommererinnerungen. Der Effekt eines wolkenlosen Himmels. Warum sollte ich nur wenige Stunden später all den Lichtschein gegen Dunkelheit und Nebel eintauschen? Und wie kommt es, dass mich das ebenfalls glücklich macht?

    Als ich den Weg zur Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg entlang schreite ist es kurz nach 18 Uhr. Vor dem Eingang wartet bisher nur eine beschauliche Gruppe.

    Vielleicht zwanzig, dreißig Personen, von Sonnenstrahlen gewärmt. Türen werden geöffnet. Doch der „Ansturm“, wie die Crew ihn ironisch nannte, ebbt schnell wieder ab. Umso besser für mich. Nachdem meine Jacke für 2,50€ unnötigerweise einen Haken in der Garderobe fand, mache ich es mir bequem. So gut es eben geht, mit blankem Metall im Rücken und in einer Halle, die so viel Charme ausstrahlt wie eben eine schummrig beleuchtete Turnhalle, in der Teppich ausgelegt wurde.

    Die blauen Plastiksitzplätze auf den Tribünen glänzen. Die Luft ist trotz der Nebelwolken, die unter der Decke hängen, kühl. Nach und nach trudeln mehr Besucher ein. Neue Personen und ein Dutzend Salzkrümel von den Brezeln, auf die man dann doch Appetit bekommt, wenn der permanente Geruch des Laugengebäcks in der Nase kitzelt. Doch nicht für mich. Ich sitze nach wie vor an meinem Platz. Dann erlöscht das spärliche Licht der Halle und findet sich in einem Punkt auf der Bühne wieder.

    Gleichzeitig verändert sich das Bild des Sitzstreiks, oder eher kollektiven Picknicks zu einem Konzertpublikum, das mehr oder weniger gebannt dem One-Man-Act entgegenblickt, der nun die Bühne betritt.

    Mit Gitarre und Basedrum, Callum Beattie steht darauf. „Ich bin ein Callum“. Jetzt weiß ich Bescheid. Überzeugen kann mich der schottische Songwriter jedoch nicht. Es mag sein, dass ich mich schon zu sehr auf den zweiten Supportact freue. Meine Aufnahmefähigkeit scheint in dem Moment für Melodien zu Gitarre und dem gleichförmigen Schlag der Trommel begrenzt.

    Schräg hinter dem Sänger lenkt ein blank poliertes, spaciges Keyboardgestell meine Aufmerksam auf sich. Wie bereits am dritten Oktober im Terrace Hill. In Gedanken sehe ich schon die fünfköpfige Band vor mir, deren Name den Frühling quasi einleitet. Blossoms. Und lang zu warten, bis sich diese Vorstellung materialisiert, brauche ich nicht.

    Nacheinander tritt das Quintett aus dem englischen Stockport hinter ihre jeweiligen Instrumente, Frontmann Tom Ogden das Mikrophon mit einer Hand umschließend.

    Doch es folgt noch eine weitere Person dem Aufmarsch auf die Bühne. Ein Haarschopf, der sich nicht in die Einheit langer Frisuren einreiht. Trotzdem ist mir das Gesicht nicht unbekannt. Und während die ersten Takte von I Can’t Stand It erklingen, grübele ich, wo ich dem sechsten Teil der Band schon begegnet bin.

    Atmosphärisch in Nebel gehüllt, Lichtkegel der Scheinwerfer zeichnen weiche Farbmuster in die Dunkelheit. Blossoms mittendrin und die Melodien ergießen sich in einem lieblich prickelnden Schwall an Nostalgie, Wehmut. Robuste Rhythmen begleiten die in Synthwolken gebettete, milde Stimme Ogdens.

    Die Mimik des Sängers wirkt verhalten. Nicht so der vor Emotionen triefende Gesang, der sich wie in At Most A Kiss mit rauen Gitarren und Basslines abwechselt.

    Ein zum Leben erwecktes Schlagzeug. Grundlage für die ersten Tanzeinlagen an diesem Abend. Ich bin berauscht und freue mich, wie Blossoms die große Bühne füllen. Der Gegensatz zum Terrace Hill in Erinnerung präsent. Gemeinsam haben die Abende jedoch die weiße Hose, in der der Sänger lässig über die Bühne schlendert. Zwischen den Songs die Bandkollegen vorstellend.

    Und zum Schluss, nun löst sich auch meine Grübelei, wird der blonde Gitarrist benannt. Bei Charles macht es klick. Der Sänger der Pariser Gruppe Keep Dancing Inc, die Blossoms bei ihrem Hamburg Konzert im Oktober begleitete, trat kurzerhand seinen damaligen Gastgebern für die heutige Show bei. Das neue, sechste Blossoms Mitglied?

    Zu Charlemagne findet ihr Auftritt einen Abschluss.

    Erleichtertes Aufatmen einerseits, da der ersehnte Hauptact greifbar näher rückt. Meinetwegen hätten jedoch noch zwei, drei Songs gepasst. Dazu muss ich sagen, dass ich, in der ersten Reihe, das Gehör durch Ohrstöpsel vor den nicht weit entfernten Lautsprechern geschützt, den schlechten Sound währenddessen gar nicht so wahrnahm.

    In der letzten Umbaupause für diesen Montag lief zum vierten Mal seit dem Einlass um 18:00 Uhr Kiss Me von Sixpense None the Richer. Und die Leute singen immer noch mit. Mittlerweile ist es deutlich später. Dann The Kooks. Eine Gruppe, die meine Phase prägte, in der ich erstmals außerhalb der Radiofrequenzen Musik explorierte. Nun steht sie leibhaftig vor mir.

    Irgendwie fühlt es sich irreal an.

    Ähnlich als ich vor zwei Jahren die Rolling Stones sah. Wo die Erscheinung auf der Bühne nicht zum Foto der jungen Protagonisten im Kopf passt. Zwar sind Luke Pritchard, Hugh Harris und Alexis Nunzet nicht vergleichbar gealtert. Trotzdem liegt das erste The Kooks Album Inside In/Inside Out schon über zehn Jahre zurück.

    Während des Auftakts Always Where I Need To Be bin ich also noch damit beschäftigt, die Situation zu realisieren. Vor mir erhellen drei Lichtstreifen die Absätze einer Treppe. Der obere ist reserviert für das Schlagzeug. Schwarzer Schriftzug mit Bandnamen prangt gleich vieler Shirts der Besucher darauf.

    Links steht der Gitarrist mit Hut. Luke singt ausdrucksvoll ins Mikrophon. Enge Hose und Hemd, darüber eine Jacke, die den Eindruck einer Tageszeitung macht.

    Klick, klick. Hier ein Bild und da reihen sich die Fotografen im Graben, um das gebotene Motiv einzufangen. Denn das hat Potenzial. Die Scheinwerfer, die eben noch Blossoms in atmosphärisches Licht tauchten, haben sich verdreifacht. Und die Bühne säumen weitere Lampen. Flackernd, Farbwechsel oder gedimmt sorgt aufgefahrenes Gerät für Erhellung in der Sporthalle.

    Das Publikum verliert sich im Moment. Wenn ich mich umsehe, blicke ich in Gesichter, die strahlen. Münder, die mitsingen. Am meisten Pärchen, die sich in den Armen liegen. Und tanzen. Tanzen kann auch der Frontmann des britischen Trios. Ein Hüftschwung der zum Nachahmen verlockt. Oder den Wunsch entlockt, mit Luke Hand in Hand eine fesche Sohle auf das Parkett zu legen.

    Eine Vorstellung wird zum Greifen nah, wenn der Sänger lässig auf die riesigen Lautsprecher im Bühnengraben springt. Die erste Reihe streckt die Arme aus. Manche machen ein Video. Westside. Eins meiner Lieblingslieder.

    Heitere Passagen. Der Jacke längst entledigt, die Locken hüpfen umher. Ein Zwinkern zu den Bandkollegen. Ausgelassene Atmosphäre, jugendlich wild. Die Klassiker Eddies Gun oder She Moves In Her Own Way lassen die Fans toben. Auch vom aktuellen Album Let’s Go Sunshine sind Stimmungsaufheller dabei. Ob All The Time oder Four Leaf Clover. Dazwischen die Ballade See Me Now, ein Brief an den Vater.

    Viel Zeit zum Innehalten bleibt jedoch nicht, nach dem zarten Weight Of The World folgt bereits mit Forgive & Forget ein weiterer, tanzbarer Song. Das ganze fühlt sich an wie eine riesige Fete. Trotz Zugabe mit No Pressure und natürlich Naive ist das Konzert zu früh beendet. Erinnerungen und Songtexte wieder aufgefrischt, wird auch die Bahnfahrt nach Hause noch von einer Blase anhaltender Eindrücke begleitet.


  • IM RAUSCH

    IM RAUSCH

    Ankmerkung: twenty one pilots in Hamburg und Berlin. Lang herbeigesehnt. Sehr emotional. Und zu einem gewissen Grad unbeschreiblich. In Voraussicht, dass die noch intensiven Eindrücke mit der Zeit verblassen, soll dieser Text als Erinnerung dienen. Da beide Konzerte für mich ein zusammenhängendes Erlebnis waren, verschmelze ich im Folgenden beide Perspektiven. Einmal Oberrang, einmal Innenraum, sechste Reihe. Der Text erzählt also eine Geschichte zweier Konzerte mit all den Details, Lyrics und Gefühlen, die die Abende für mich prägten. Achtung Fangirlalarm. Achtung Spoiler.

    Frühlingshaft bahnen sich zarte Sonnenstrahlen durch die dreckverschmierten Scheiben der S-Bahn. Ein Wechsel aus Licht und Schatten fliegt über mein Gesicht, während die Bahn ihren Weg fortsetzt. Vorbei an Gebäudekomplexen, Kleingärten, Industriegebiet. Die Türen öffnen sich und einen, auf beheizbare Sohle gebetteten Fuß vor den anderen trete ich ungeduldig die letzten Meter an. Butterbrote in den Jackentaschen, die Zeit auf dem Handy stets im Blick.

    Es ist kurz nach fünfzehn Uhr als ich an der Barclaycard Arena eintreffe. Eine Schlange an Wartenden ist bereits vor dem Eingang versammelt. Jemand hat eine Pizza bestellt.

    Unter all den in Gelb und Camouflage gekleideten Menschen sucht der Bote nach einem Gesicht, das seine Bestellung entgegennimmt. Zwischen angeregten Unterhaltungen, hin und wieder das Geräusch von zerreißendem Tape. Ich setze mich auf eine Rettungsdecke, die über das kalte Pflaster ausgebreitet war. Auf Augenhöhe mit den, von gelben Streifen umschlungenen, Beinen der Fans. In fünf Stunden würde erst das Konzert beginnen.

    Langsam färbt der frühe Abend den Himmel. Ungeduld breitet sich aus und es werden die letzten Reste des mitgebrachten Proviants durch die Reihen gegeben. So, wie vor einigen Stunden ein großes Plakat mit der Aufschrift „thank y∅u“, auf dem auch ich meinen Namen vermerkte. Kleine gelbe Zettel fliegen umher. Und plötzlich gibt es einen Ruck.

    Die aneinandergedrängte Menge rückt noch näher zusammen. Anstatt eines erleichterten Aufatmens wird gespannt die Luft angehalten. Es ist 18:00 Uhr, der Einlass hat begonnen.

    Hektisch taste ich prüfend meine Hosentaschen ab. Ticket, Ausweis, Schlüsselbund. Scheiße, wo ist mein Handy? Das habe ich in der Hand. Gut. Automatisch ziehe ich schon beim Durchschreiten des Eingangs meinen Mantel aus, reiche ihn meiner lieben Begleitung. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass viele dieselbe Idee verfolgen. Stunden vor der Venue ausharren, um dann die guten Plätze beim Anstehen für die Garderobe zu verlieren, war heut nicht drin.

    Also fokussiere ich mich auf mein Ziel. Die riesige Bühne. Vor der sich eine, noch übersichtliche Menschentraube gebildet hat. In Gedanken wäge ich die mir verfügbaren Optionen ab. Die Show direkt mittig platziert sehen. Oder lieber etwas von der Seite, wo bisher deutlich weniger Leute positioniert waren. Eher rechts, wo das Piano stand.

    Oder doch links vor dem Schlagzeug?

    Ich traf eine Entscheidung und freute mich irrsinnig darüber. Allein die Vorstellung, so nah am Geschehen zu sein, dass ich auf das Leinwandgroßbild verzichten konnte und trotzdem die Gesichtszüge der Bandmitglieder erkennen würde, steigerte meine ohnehin große Aufregung um ein Vielfaches. Nicht nur mir schien es so zu gehen.

    Gegen die Aufregung half auch keine Pseudo-Entspannungsmusik im Hintergrund. Ehrlich, warum spielte wer auch immer keine fetzigen Stücke, um die noch verbleibende Stunde zu verkürzen? Bis der Supportact das Konzert eröffnete, betrachtete ich also zu monotonen Beats ein Füllen der Ränge. Menschen als Ameisen mit gelben Köpfen.

    Später wurde mir klar, dass diese Melodie dem Computerspiel Fortnite entstammte.

    Pünktlich um zwanzig Uhr tritt ein junges Quartett ins Rampenlicht. Flankiert von zwei gigantischen Köpfen einer blauen Kreatur, rechts und links auf den Leinwänden abgebildet. Ob meine Rastlosigkeit der Grund ist. Ich raste komplett aus. Wie das verrückte Gesicht mit der ungesunden Hautfarbe.

    Die lebendigen, frechen Melodien verursachen bei mir gute Laune. Und das, obwohl ich zugegebenermaßen die Vorband am liebsten übersprungen hätte. Sofort sollte die ersehnte Show beginnen. Gier, gebremst von einem gigantischen Sichtschutz für den geheimnisvollen Umbau. Doch dann.

    Schatten zeichnen sich auf dem Vorhang ab. Abdrücke von Händen, im schwarzen Stoff nach Halt suchend. Ein fester Griff. Und zu donnernden Geräuschen aus den Lautsprechern wird mit einem Ruck die Bühne enthüllt.

    Genauso schlagartig erlöscht das Licht und taucht die Arena in Dunkelheit. Sofort gilt die Aufmerksamkeit einer einzelnen Person, die eine letzte verbliebene Lichtquelle bei sich führt. Mit brennender Fackel leuchtet sich der Schlagzeuger Josh Dun den Weg über die Bühne. Ein gelbes Halstuch verdeckt das Gesicht. Zwei gelbe Diagonalen, die jeweils von den Schultern ausgehen, bilden ein Kreuz auf seinem Brustkorb. Der Schnittpunkt ist auf Höhe des Herzens.

    Jumpsuit

    Die euphorischen Schreie und ein tobendes Publikum hatte meine Wahrnehmung für die ersten Sekunden ausgeblendet. So sehr zog mich diese initiale Szene in den Bann. Doch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, zerrissen dröhnend eine familiäre Bassline und dazu passende Lichtexplosionen das Bild. Ein entschlossener Rhythmus treibt voran. Das Set wird mit dem ersten Song des neuen Albums Trench eröffnet. Mich ergreift eine Aufbruchstimmung, die Luft ist wie elektrisiert.

    Dann öffnet sich der Boden. Drei Leinwände umrahmen ein Gerüst, das einer Zusammensetzung vieler Würfel ähnelt. Und vor dem sich nun aus dem Nichts ein ausgebranntes Auto erhebt. 

    Überbleibsel des Songs Heavydirtysoul, der bei der letzten Tour die Show eröffnete und auch Teil im Musikvideo zu Jumpsuit ist. Über Motorhaube und Kofferklappe züngeln die Flammen empor, während Sänger Tyler Joseph auf dem Dach der Karre hockt. Eine schwarze Skimaske verbirgt das Gesicht. Auch ihn zieren die gelben Streifen, jedoch nur über den Schultern.

    Die bedrohliche Schwere dieses Arrangements schlägt in der Bridge schlagartig zu einer hoffnungsvollen Sehnsucht um. Klischeehaft genieße ich diesen Moment, indem ich mit geschlossenen Augen meinen Kopf in den Nacken lege. Als etwas mein Gesicht streift.

    Gelbe Papierschnipsel wie Rosenblüten rieseln von der Decke herab.

    Neben mir recken einige Mädchen gelbe Blumen gen Bühne. Und vorher durch engagierte und organisierte Fans verteilte Papiersterne und Dreiecke lassen, vor die Handytaschenlampe gehalten, gelbe Lichtpunkte durch die Dunkelheit schweben. twenty one pilots haben eine ganze Welt mit in das Konzert gebracht.

    Levitate

    Fließend findet das zweite Lied Anschluss. Ohne Luft zu holen setzt Tyler zu dem schnellen Rap an, der den gesamten Song füllt. Überrascht bemerke ich, dass allen in meinem engen Umfeld ebenfalls die Zeilen auf den Lippen liegen. Wohingegen ich vor Faszination noch keines Wortes mächtig bin.

    Lässig schlendert der Sänger über die Bühne. Rechts neben sich das Schlagzeug, in gelbes Licht getaucht. You can learn to levitate with just a little help und die Scheinwerfer gehen aus. Langsam sinkt das Auto wieder unter die Bühne. Die wärmenden Flammen erlöschen begleitet von einem Drumsolo, bevor tosender Applaus losbricht.

    Fairly Local

    Dunkelheit und ein ohrenbetäubendes Geräusch. Das Bedürfnis, mein Gehör schützen zu müssen, wird in dem Moment von der Sorge übertroffen, dadurch etwas zu verpassen. Doch bald verschmilzt dieser deformierte Klang zu einem hui hui hui, das in den Song Fairly Local einleitet. Unwillkürlich muss ich schmunzeln.

    Der erste Song aus der Blurryface Ära an diesem Abend wird mit besonders lautem Publikumschor und einem Farbwechsel in der Beleuchtung bedacht. 

    Zwischen Kunstnebel und blauen Lichteffekten erheben sich zwei quadratische Podeste, auf denen das Duo einige Meter über der Bühne verweilt.  Yo, this song will never be on the radio. Ich schreie ohne Rücksicht auf überstrapazierte Stimmbänder den Text. Als Tyler sich rücklings fallen lässt und in derselben Grube wie zuvor das Auto verschwindet, verschlägt es mir die Sprache.

    Eine Sekunde später taucht er im Oberrang zwischen erstaunten Gesichtern wieder auf. Im Lichtkegel eines Scheinwerfers breitet der Sänger verheißungsvoll die Arme aus und setzt zum letzten Refrain an. Mit finalem oh zieht er sich kurzerhand die Skimaske über den Kopf. Die Besucher hörbar erfreut über den enthüllten Anblick.

    Alle Augen richten sich wieder nach vorn. Wenden sich der riesigen Leinwand zu, auf der ein Video eingespielt wird. Aufnahmen einer Stadt. Straßen gesäumt von Häuserfronten, ein Zebrastreifen und volle Mülltonnen.

    Eine rote Mütze, die durch diese unaufwändig gefilmte Kulisse kriecht. Dann plötzlich vom Deckengerüst der Arena an einem Drahtseil herabgelassen wird. Und kurz über dem Mikrophon des Sängers zum Halt kommt.

    Tyler Joseph, mittlerweile seiner Camouflage-Jacke entledigt und ganz in schwarz gekleidet, trifft wieder auf der Bühne ein. Zum Kontrast den weißen Bass über die Schulter gehangen, schreitet er auf seine charakteristische Kopfbedeckung zu. Der Schlagzeuger schließt sich der Szene mit einem Rhythmus an, der das nächste Lied erahnen lässt.

    Stressed Out

    Mit einem verschmitzten Grinsen zieht sich Tyler die Mütze auf. Rotlicht. Dumpfes Brummen, das vor zwei Jahren nahezu aus jedem Radio ertönte. Gedanklich ein in-die-Pedale-der-Dreiräder-Treten und der Song setzt sich in Gang. Ein Satz, dann überlässt der Sänger den Zuschauern das Wort. Jede Silbe auswendig könnend. 

    My name’s Blurryface and I care what you think. Die provozierende Rückfrage Tyler’s, what’s your name? My name’s Blurryface and I care what you think. Innehalten. Mit Freude quittiere ich, dass in der Bridge eine erfrischend abgewandelte Version der bekannten Melodie durch die Lautsprecher schallt. Gesang mindestens so beeindruckend wie auf Platte. Unvergleichliche Atmosphäre.

    Wake up you need to make money. Entrüstet stimmt das Publikum in rhythmisches Klatschen ein, das durch die gesamte Arena hallt.

    Vor dunklem Hintergrund mit erleuchtetem │- / Symbol beginnt der singende Part des Duos mit Turnübungen, die quer über die Bühne führen. Ein Sprung vom Piano, und wieder herauf. Das Mikrophon stets in der Hand. Begeisterte Pfiffe und Applaus. Erneute Dunkelheit. Allmählich mischen sich lila-grüne Farben in das schwarz. Eine Wolke umschließt eben jenes Instrument, das Tyler vor wenigen Sekunden als Sprungbrett benutzte. Nun sind es zwei Hände, die über Tasten wandern und stimmungsvolle Tonfolgen erklingen lassen.

    Heathens

    Allein die Farbkombination macht mir bewusst, dass sich an dieser Stelle ein Hit dem nächsten anschließt. Josh pausiert in seiner Schlagzeugkunst. Fokus allein auf seinen Freund und Bandkollegen, der gefühlvoll zu den ersten Zeilen von Heathens ansetzt. Das Publikum singt zur Klavierbegleitung. Intense. Nicht zu lang, dann steigen die Drums wieder ein.

    Piano gegen Bass getauscht. Schwarz. Es folgt meine Lieblingsszene. Während jeder Besucher zu einem „hands up, hands up“ von Tyler beide Gliedmaßen in die Höhe streckt, motiviert zum Takt auf und bewegt, schwingt der Sänger wie wahnsinnig sein pechschwarzes Instrument umher. Hält es, als könne er sich damit im Notfall verteidigen. Watch it, nachladen. Why’d you come, you knew you should have stayed.

    Der Beifall und die Schreie werden lauter. Josh Dun im gelben Lichtkegel, der präzise die Drums bearbeitet. Ein flinker Rhythmus.

    Die erste Reihe bereitet sich für den nächsten Programmpunkt vor. Schiebt sich Sonnenbrillen auf die Nasen. Aber anstatt der erwarteten Stimme Tyler’s, heißt eine aufgenommene Ansage uns zur Show willkommen. Und stellt unter erquickten Ausrufen den Mann hinter dem Schlagzeug vor. Bekannt für seine „dope beats and the freshest bed sheets. He appears offline but he sees your tweets. We are all his dad, don’t mess with our son. Look out baby, it’s Joshua Dun“. Ich weine, vor Lachen.

    We Don’t Believe What’s On TV

    Nun gesellt sich Tyler wieder dazu. Neues Outfit. Eines, das seinem Vater am wenigsten gefällt, wie er nebenbei verrät. Weißes Shirt, darüber ein Kimono mit Blumenmuster. Sonnenbrille. Die Ukulele fest im Griff. Und auch seinerseits begrüßt er das Publikum, wünscht in Berlin einen schönen Valentinstag. Verbunden mit der Widmung des nächsten Songs an seine Frau.

    Über den vorderen Reihen sieht man gelbe Herzluftballons fliegen. Um mich herum liegen sich Besucher in den Armen. Und stetig wird das Geschehen vom Schlagzeugrhythmus untermalt. Für den Song We Don’t Believe What’s On TV weist uns der Sänger in einen konzertüblichen Ablauf ein. Betont, dass Band und Zuschauer gemeinsam verantwortlich sind, die Show auf die Beine zu stellen.

    Also bringt Tyler sein gitarrenähnliches Zupfinstrument in Position für die ersten Akkorde. 1. 2. 3. Auf Kommando schreit es seitens des Publikums ein „yeah yeah yeah“.

    Das schnelle Tempo des Songs lädt zu ausgelassenem Umherzappeln ein. Ich schüttele all den Stress von den Schultern. Diese tragen heut einzig die Last meiner Arme, wenn ich sie zu euphorischem Winken über Kopf hebe. Wie es bei der Zeile I don’t care what’s in your hair. I just wanna know what’s on your mind der Fall ist.

    Der gesamte Innenraum verschwindet in einem Meer aus Armen. Gleichmäßig wogende Wellen, die bis auf den Oberrang überschwappen.

    Fast hätte ich, in meinem vor Glück berauschten Zustand, nicht darauf geachtet, wie Josh von seinem Schlagzeug ablässt. Und zu seiner Trompete greift.

    The Judge

    Na na na na oh oh. Der nächste Titel im Set wird ebenfalls verzückt in Empfang genommen. Von einem Publikum, das ausnahmslos zu jedem Lied mit einstimmt. Niedlicher Klang der Ukulele vermengt mit versonnenem Singen der ersten Strophe. I don’t know if this song is about me or the devil. Der Gesang wird entrüsteter. Hallt dann zum Refrain hemmungslos durch die hüpfenden Reihen. Kein besserer Platz zum Verlauten schiefer Töne, als beim free von The Judge. Und das mit jeder Wiederholung selbstsicherer.

    Bevor ein „Josh Dun, you’re the judge. Set me free.“ den Abschluss bildet. 

    Abermals wird die Bühne von Dunkelheit erfüllt, bevor gelbes Licht wie Sonnenstrahlen durch das Geäst eines, auf den Leinwänden abgebildeten Dschungels fällt. 

    Cut My Lip

    I don’t mind at all. Lean on my pride, lean on my pride. I’m a lion. Tyler, der sich den weißen Bass auf den Rücken geschwungen hat, schlendert mit ausgebreiteten Armen über die Bühne. Singt stumm diese Zeile. Mehr als zehntausend Menschen leihen ihm ihre Stimmen. Zeit spielt schon lange keine Rolle mehr. Tausend Eindrücke. Die Atmosphäre ist losgelöst. Ich lasse mich treiben auf der Musik. Noch einen Moment. Dann.

    Lane Boy

    Blau umnebelt wirkt die Melodie, verglichen mit vorheriger, distanziert. Kühle Ausstrahlung. Die jedoch nichts mit der tatsächlichen Temperatur in der Arena gemeinsam hat. Grund, warum Josh derzeit shirtlos den Takt angibt. Vom Tanzen ist mir auch nicht nur warm ums Herz geworden. If it wasn’t for this music I don’t know how I would have fought this. 

    Eine Hand am Mikrophon, den blumigen Kimono über das Gesicht gezogen. Bis zum zweiten Refrain, nach welchem sich Tyler der guten Stimmung im Pit vergewissert. Der Schlagzeuger stellt sich auf seinen Hocker. Während der Bandpartner das Publikum mit einem „get down looooooow“ dazu bewegt, auf dem Boden zusammenzukauern. Zwei in weiß gekleidete, hinter Gasmasken verborgene Figuren betreten die Bühne. 

    Die Luft ist zum Zerreißen gespannt.

    Warten auf ein Zeichen. Dann erheben sich alle, im Innenraum versammelten Menschen. Springen ungehalten zu den explodierenden Kunstnebelfontänen, die den Bühnenrand säumen. Blick auf die Maskenträger, die das Zentrum des Geschehens ihrerseits unsicher machen. Ebenfalls Patronen in den Händen, die mit CO²-Effekten das Publikum einnebeln. Ein willkommen frischer Windzug. Und Tyler, wieder den Kimono über dem Kopf, tanzt wie ein Irrer im Hintergrund über die Bühne.

    Daneben Josh am Schlagzeug, der auf seinem Podest emporgehoben wird. Gleichzeitig fahren quadratische Scheinwerferkränze herunter. Umschließen die Plattform. Und als schon tosender Beifall entbrennt, setzt ein krachendes Drumsolo ein. Grüne Lichter blitzen auf, zwischen ihnen der Schlagzeuger in seinem Element.

    Nico and the Niners

    Ein Wechsel findet statt. Eine spektakuläre Lasershow, die zuvor die Menge mit bunten Fäden überzog, färbt sich gelb. Die, von dem Würfelgerüst gebildete, Bühnenrückwand schimmert golden. Über sein weißes Shirt hat Tyler ein gelbes Hemd gezogen. Die Finger zieren Ringe, aus ebenfalls gelbem Tape. I’m lighter when I’m lower. Hingehockt verdeutlicht der Sänger die Zeile aus einer der ersten Singles zum aktuellen Album Trench.

    In jeder Bewegung die Melodie, während er die Breite der Bühne vollständig damit füllt. Und darüber hinaus. Ich wende mich nach rechts. Der Scheinwerfer wirft einen Lichtkegel an den äußeren Rand der Stehplätze. Wo sich Besucher ungläubig an einem provisorisch gespannten Seil aufreihen. Sie begrenzen den Weg zur B-Stage, den Tyler in der zweiten Strophe von Nico And The Niners antritt.

    Neon Gravestones

    Ein Piano und Schlagzeug finden sich gleichermaßen auf der kleineren Bühne im hinteren Teil des Innenraums wieder. Nur spärliche Beleuchtung zeichnet schemenhaft die Silhouette des Sängers ab. Dessen dramatisches Klavierintermezzo geleitet nun Josh zum zweiten Schauplatz, ebenfalls ein gelbes Hemd tragend. Aus der gespannten Atmosphäre tritt allmählich die Melodie der Mondscheinsonate Beethoven’s in Erscheinung.

    Das Intro zum nächsten Song. Ein ruhigerer Abschnitt des Abends beginnt. Tiefes Durchatmen. Zwischen zarter Traurigkeit und Sentimentalität. Über der Bühne scheinen Tropfen aus Licht an Stangen eines gigantischen Kronleuchters herabzurinnen. Sich zu Mustern zu formieren. Im Zwielicht blitzt ein Totenkopf auf. Neon gravestones try to call for my bones.

    Bandito

    Punkte gelber Taschenlampe schweben wie kleine Glühwürmchen durch die Luft. Gefühle sickern aus den Augenwinkeln. Und der ausdrucksvolle Gesang wird leiser. Es schließt sich das Lied Bandito an. I could take the high road. But I know that I’m going low. I’m a ban- I’m a bandito. Das Publikum wird erneut zum Chor, singt ergriffen. Der Brustkorb mit dem gelben Kreuz hebt und senkt sich.

    Wie das Tape der Besucher erstrahlen auch über der B-Stage die beiden Diagonalen. Sahlo Folina. Mit der Dynamik des letzten Refrains gibt Tyler eine zuckende Tanzeinlage. Flackerndes Licht. Dann ertönt eine neue Melodie über die Lautsprecher. Durch meinem Kopf hallt ein tiefe Stimme, die fortlaufend drei Silben rhythmisch wiederholt. 

    Pet Cheetah

    Die Arena bebt. Das Duo erhebt sich. Und zwei gelb gekleidete Musiker verlassen mitten im Song die hintere Bühne. Begeistert drängt das Publikum zu der Seite, wo Josh Wegezoll in Form von Handschlägen verteilt. Ich vermag die Euphorie der Besucher an ihrer Stirn abzulesen. Und den Satz „ich werde mir nie wieder die Hände waschen.“ Zielstrebig erreicht die Band die Hauptbühne. Sofort setzt die, für einen kurzen Moment pausierte, Musik wieder ein.

    Kleine Hocker bieten Fläche, um darauf positioniert auch vertikal das Bühnenbild auszufüllen. Nicht zu vergessen das Piano, auf welchem sich Tyler nun niederlässt. I sit here ‚til I find the problem. Das dauert nicht allzu lang. Und er ordnet an, die Füßen vom Boden zu lösen. Ein hüpfendes Publikum. Zu Nebelfontänen, die präzise das pet untermalen, trennt sich der Sänger selbst von der Plattform. Für einen halben Spagat in der Luft. Danach entfernt er sich in den Hintergrund.

    Holding on to You

    Neues Outfit. Ein schwarzes Shirt. Die bekannte rote Mütze. Trommelwirbel und Tyler verschwindet im Bühnengraben. Vor mir macht das Publikum einen Satz und staut sich auf engstem Raum zusammen, den nun ein Scheinwerfer erhellt. Der Sänger klettert auf die ausgestreckten Arme der ersten Reihen. Wird auf Händen getragen. I’ll be holding on to you. 

    Ein wackeliger Untergrund scheint beim Singen kein Problem. Und eingezwängt zwischen aufgeregten Fans beobachte ich das Spektakel fasziniert. Aus der Nähe, nur einen guten Meter entfernt. Verse, die in den letzten Tagen auf Repeat aus meinen Kopfhörern flossen, sind noch nie auf kürzerer Distanz von der Band zu mir gelangt.

    Für den Refrain begibt sich Tyler hinter die Tasten des Klaviers. Applaus für den Schlagzeuger, der frech die Zunge rausstreckt.

    Das Duo als schwarze Schatten vor einer, von Lichtsternen durchbrochenen, Nebelwand. Eine zierliche Tonfolge begleitet die Worte entertain my faith. Mit jeder Repitition dieser Aufforderung wächst die Entrüstung. Drums verleihen Nachdruck und brechen nach Erreichen des Höhepunktes ab.

    Beide Hauptpersonen des Abends stehen zum losgelösten Teil der Bridge nebeneinander. Auf dem Piano. Während Tyler seine Zeilen rappt, ist Josh bereit für den Rückwärtssalto. Bekannt als „Backflip vom Piano“. Das Publikum schreit. Und der Sänger schreit I’ll be holding on to you.

    Ride

    Nahtlos folgt der Übergang zum nächsten Song. Der dritte Radioerfolg. Laut mitsingen. Mitklatschen. Mitspringen. I’ve been thinking too much, help me. Melodien, die mich mitnehmen. Irgendwie ist die Zeit stehen geblieben, und doch schreiten die Ereignisse Schlag auf Schlag voran. Im einen Augenblick noch zu Ride getanzt. Im nächsten sind schon zwei Jahre vergangen. Aus rot wird gelb. Was bleibt sind die Skelett Hoodies.

    Als twenty one pilots den Auftakt geben, Licht pulsiert im Rhythmus des Schlagzeugs. Farben kräuseln sich auf den Leinwänden. When everyone you thought you knew deserts your fight, I’ll go with you.

    My Blood

    Lieder sind nicht für jeden gleich. Und für mich hängt besonders an My Blood ein ganzes, emotionales Paket. Das sich mit Progression der Melodie allmählich entschnürt. Dessen Inhalt mich aufs Neue überwältigt. Ich bin mir sicher, dass mich bisher kein Song im Laufe eines Konzerts im Inneren so berührte, dass mir ungehalten und unaufhaltsam die scheiß Tränen flossen. Nur am Rande sehe ich Tyler verkleidet seinen Bass über die Bühne schwingen. Er greift zum Mikrophon. Und bittet die Besucher um Hilfe. 

    Stay with me, no, you don’t need to run. Stay with me, my blood, you don’t need to run. Ein Chor von der linken Seite. Dann von der rechten Seite der Arena. Und alle gemeinsam. Tausende singen einen Refrain, die Atmosphäre ist unbeschreiblich. Ich versuche zwischen den Tränen mitzusingen. Das gelingt mir nur zum Teil.

    So viele, verschiedenste Personen, die unter Dirigat zweier Freunde zu einer riesigen Gemeinschaft werden. Unbeschreiblich.

    Keine Zeit, um zu verarbeiten. Im Call and Response Prinzip ensteht ein Dialog zwischen Sänger und Publikum. Aus yeah yeah yeahs und oh ohs. Abgetaucht in einer blau-grünen Lagune aus tropfenden Klängen. Tyler hockt sich vorn in der Mitte hin, beginnt zu singen. Ein Wechsel zwischen schnellen Strophen und Zurücklehnen im Refrain.

    Morph

    Für weitere yeahs gesellt sich der Sänger zum Schlagzeuger auf dessen Podest. Im Fokus der Scheinwerfer. Nicht lang, nach Anheben und Senken der Plattform wird die Musik ausgeblendet. Nur der reine Klang des Pianos, ein if I keep moving they won’t know von Tyler. Ein I’ll morph to someone else vom Publikum. What they throw at me’s too slow. I’ll morph to someone else, I’m just a ghost.

    In Gedanken freue ich mich schon auf den Instrumentalteil, der das Stück zum Ende abrundet. Doch dann sehe ich ein Crewmitglied, das uns vom Bühnengraben aus ansieht. Beide Hände mit Handflächen nach oben hebt. Und im nächsten Moment dreht sich mir der Kopf, als ich die Hinweise entschlüssele. Nicht nur Josh verlässt die Bühne, gelbe Drumsticks entschlossen umfasst. Es wird ebenfalls ein Brett, auf dem Hocker und Schlagzeug montiert sind, in das Publikum gegeben.

    Ich klammere den äußeren Rand der Druminsel fest. Auf der eine Hälfte meiner Lieblingsband nach lautem „Josh Dun“-Ruf aus dem Publikum zu einem Schlagzeugsolo ansetzt.

    Absolut fasziniert blicke ich an der Basedrum vorbei, hinter der der Schlagzeuger sitzt. Hinter dem die Leinwand das Spektakel überträgt, von dem ich ein Teil bin. Und bei der all der Aufregung fällt es auch nicht auf, dass Tyler hinter seinem Piano hockt und sich, die Skimaske über den Kopf ziehend, auf das nächste Lied vorbereitet.

    Car Radio

    Sofort stimmen die Zuschauer in den schnellen Rap ein. Schlichte Begleitung. Die Lichtwürfel leuchten nur dezent weiß im Hintergrund auf. I liked it better when my car had sound. Darin sind sich alle hörbar einig. Peace will win and fear will lose. Die Wörter strömen nur so aus meinem Mund. Keine Zeit zum Luft holen. Wenn das der Endspurt ist, gebe ich mehr als alles. „Let’s go! Jump!“ lässt sich niemand zweimal sagen.

    Die Nebelfontänen steigern die Dramaturgie. Die Menge singt ein ohhhohoh. Immer wieder. Bis Tyler seinen Weg von der Bühne, vorbei an der B-Stage zu einem kleinen, metallenen Turm gefunden hat. Er klettert das Gerüst hoch. Und breitet die Arme aus. Verneigt sich vor allen Seiten der Arena. Die Spannung ist zum Greifen nah. And now I just sit in silence. Ein Schrei aus der Seele. Der Sänger reißt sich zum zweiten Mal an diesem Abend die schwarze Maske vom Gesicht. Und der Beifall ebbt nicht ab.

    Chlorine

    Es wird dunkel. Doch das irritiert die Zuschauer nicht. Immer mehr stimmen in das ohhohoh von Car Radio zuvor ein. Und immer mehr zücken ihre Taschenlampen, um von sich aus die Venue zu erleuchten. Ein verzerrtes So where are you? It’s been a little while ertönt.

    Ned tanzt im Hintergrund über die Leinwand. Davor das Duo, auf emporgehobenen Plattformen. Josh mit Anglerhut. Wieder fügen sich Musikvideo und Konzert zusammen. Can you build my house with pieces? I’m just a chemical. Diese Zeile leistet mir Gesellschaft bis ich am nächsten Tag überdreht und übermüdet zugleich ins Bett falle. Gemeinsam gesungen. Wiederkehrend aneinander gereiht. Meinetwegen hätte es ewig so fortlaufen können.

    Leave The City

    Doch das nächste Lied macht klar: They know that it’s almost over. Bei dieser Feststellung aus Leave The City überkommt mich eine Melancholie. Die herzergreifende Klavierbegleitung und Hoffnungsschimmer im Gesang. In time, I will leave the city. For now, I will stay alive. Gelber Nebel sammelt sich auf der Bühne. Umspielt Piano und Schlagzeug als stünden sie auf einer Wolke.

    Aus dem Video auf der Leinwand wird ein Foto mit Zeichnungen. Skizzen. Rohversionen der Hintergründe, die während der Show erschienen sind. Bevor sie zu Schwarz verblenden. Ein Scheinwerfer ist auf Tyler gerichtet, der im Lichtkegel an seinem Keyboard steht. „You made it to the end.“

    Das Ende eines unglaublichen Konzerts. Nicht nur dank der Band, die mit Kreativität und Herzblut aus einer Idee eine ganze Welt erschaffen hat. Sondern auch dank einer Crew, die diese Show rechtzeitig auf- und abbaut. Und mit der Ladung von über einem Dutzend LKW die Grundlage für so ein faszinierendes Erlebnis schafft. Nicht zu vergessen die Konzertbesucher, ohne welche diese Mühe irrelevant wäre.

    Trees

    Ohne Pause geht Tyler’s Rede in den Text von Trees über. I can feel your breath. I can feel my death. I want to know you. I want to see. I want to say hello. Das Publikum singt ein letztes Mal für diesen Abend im Chor, der nur heut, nur zu dieser Sekunde, und nie wieder so existieren wird. „Get your feet off the floor!“

    Ein letztes Mal die Nebelfontänen, die im Rhythmus zu den hüpfenden Haarschöpfen explodieren.

    Ausgelassenes la la lalalalala. Meine Freude ist an dem Punkt unermesslich. Dass das Ende naht, spielt keine Rolle. Als ich wieder ein Brett vor meinen Kopf gesetzt bekomme, ist das Konzert für mich komplett. Ich greife zu und spüre wie sich die Platte unter dem Gewicht von Josh bewegt. Mit zwei Schlägeln in der einen Hand kniet er darauf und lächelt ins Publikum.

    Jemand streckt ihm seine Faust entgegen, worauf der Schlagzeuger mit einem fist bump antwortet. Ich strecke ihm ebenfalls meine Faust entgegen. Und bekomme den gleichen Gruß, bevor sich Josh abwendet, um unter gelbem Konfettiregen auf seine Trommel einzuschlagen. Genau wie Tyler, der synchron ausholt und die Zuschauer zu lauten hey-Rufen animiert. Ich kann gar nicht beschreiben, was in dem Moment bei mir abging. Meine Konzentration hat gerade so weit gereicht, keine gelben Papierschnipsel zu verschlucken und daran zu ersticken. Der Kopf dreht sich.

    Ein Duo. Nach 21 Songs die Verbeugung vor gelbem Hintergrund. Mit Aufschrift „The Bandito Tour“.

    „We are twenty one pilots. And so are you.“


  • EINE SCHWÜLE WINTERNACHT

    EINE SCHWÜLE WINTERNACHT

    Riesige Tourbusse. Drei, vier Stück. Sie reihen sich dort an der Straße. Wie all die warm angezogenen Leute, die sich langsam vorwärts schieben. Zwischen Gruenspan und Großer Freiheit 36 nähe der Reeperbahn. Ein Freitagabend, an dem sich die Konzertsäle füllen. Ich warte ebenfalls, die Bahn hat Verspätung.

    Bei meinem Eintreffen am Gruenspan, schlängelten sich die Besucher*innen bereits bis um die Straßenecke. Von allen Neuankömmlingen mit schockiertem Gesichtsausdruck registriert, war dieses Phänomen bei ausverkauftem Haus jedoch absehbar. Besonders, da der Einlass gerade begann. Neugierig betrete ich zum ersten Mal den fünfzig Jahre alten Club. Beleuchtete Säulen und formschöne Stuckelemente. Ein Kontrast zur Musik der Bands, dessen Auftritte sie stimmungsvoll umrahmen.

    Während die letzten Vorbereitungen getroffen, die letzten Wintermäntel an der Garderobe aufgegeben werden, spielt im Hintergrund Musik. Ausgewählte Titel als Hinweis darauf, dass es heut laut wird.

    Rockig, auch punkig. In meiner Hosentasche steckt die Kapsel mit den Ohrstöpseln. Einsatzbereit. Und kaum habe ich diese Vermutung geäußert, setzt unvermittelt die Vorband mit ihrem ersten Song ein. Dröhnende Drums. Das Publikum beginnt zu klatschen. Ich sehe von alldem jedoch nichts, da ich auf halbem Wege zur Garderobe stecke. Und meine Ungeduld wächst.

    Endlich frei von jeglichem Ballast, eile ich der Ansammlung vor der Bühne entgegen. Drücke mir beim Gehen den Gehörschutz ins Ohr. Irgendwo mittig bleibe ich stehen, überrascht von der guten Sicht. Überrollt von dem beißenden Geruch des Kunstnebels, dem mit Sicherheit kein Tutti Frutti Aroma beigemischt wurde. Überzeugt, dass dieser aber immerhin auf den Fotos der Band für eine atmosphärischen Ausstrahlung sorgt. 

    Den Abend des 18. Januars eröffnet Hot Milk.

    Ein Quartett aus Manchester, das seinen Sound als Emo Powerpop beschreibt. Eine Stimmung breitet sich aus, die auch mich durch schmetternde Rhythmen und aufgebrachten Gesang an Teenie-Pop-Punk-Zeiten erinnert. Leider hält der Auftritt nur eine Viertelstunde an. Länger dauern die Umräumarbeiten, die getrost Zeit für ein oder zwei Gänge zur Bar bieten.

    Doch dann. Das Licht wird gedimmt. Scheinwerfer auf die Bühne gerichtet. Und mit ausgestreckten Armen, die eigene Darbietung zelebrierend, betritt jedenfalls nicht You Me At Six die Bühne. Ein zweiter Supportact trägt den Namen Big Spring. Ebenfalls ein Vierergespann aus England. 

    Mit grollender Gitarre und Bass, einem konsistent dumpf-donnernden Schlagzeug.

    Der spontane Vergleich mit einem Baustellenalltag  bringt mich zum Schmunzeln. Ein Sound aus schweren Maschinen und gelegentlichen Warnsignalen, die sich als einprägsam-leuchtende Gitarrenriffs abheben. Inmitten steht der Sänger in rotem Jeanshemd, noch zu Anfang die dicke Teddyfelljacke übergeworfen.

    Nach Abklatschen der ersten Reihe und einigen Songs mehr als ihre Vorgänger, verlassen Big Spring das Zentrum des Geschehens. Erneut in langwierigem Umbau versinkend. Zeit, für ein oder zwei Gänge zur Toilette, die im Anschluss an die vorherigen Getränkeladungen nun nötig sind. Um sich mental und physisch bereitzumachen.

    Es bestehen keine Zweifel, dass der Hauptact als nächstes die Bühne einnimmt. Sich vor seinem, auf eine riesige Stoffbahn gedruckten, Cover zum Album VI platziert.

    Tatsächlich verliert die Beleuchtung des Saals an Intensität. Die Hintergrundmusik, bei der gerade Rockstar von Post Malone läuft, bricht abrupt ab. Und bekannte Gestalten treten in das blau zuckende Scheinwerferlicht. Ein Jubeln, bei den Vorbands noch zurückhaltend, jetzt überschwänglich und erleichtert. Mit Fast Forward beginnt nicht allein das aktuelle Album der fünf Engländer, sondern auch ihr mitreißender Auftritt an diesem Abend.

    Frontmann Josh in weißer Jeansjacke, zurückhaltendes Gemüt. Und Gesang, der sich gegensätzlich dazu einem dunklen und rauen Spektrum bedient. Der die Enden mancher Verse und Songs Ton an Ton reiben lässt.

    Nicht einzig ungeölter Rock, ebenso poppig oder sich besinnend zurücknehmen. Das musikalische Repertoire ist individuell und abwechslungsreich. Wie schon bei Tänzen in der Renaissance bevorzugt, folgt auf ein schnelles ein langsames Stück. Hände in die Luft und kollektives Auf- und Abspringen zu Night People. Oder ein von wehenden Taschenlampen erhellter Saal bei Take on the World.

    Meine Lieblingslieder sind die zwielichtigeren Predictable und I O U. Der volle Klang versetzt zu schwülen Sommernächten zurück. Auch im Gruenspan sind die Temperaturen ähnlich, immer mal wieder weht mir ein Schwall heißer, verbrauchter Luft ins Gesicht.

    Ich hatte beim ganzen Erste-Reihe-Fangirling schon vergessen, wie es mitten in der Menge ist. Schwitziger. Aber erstaunlicherweise entspannt, trotz rockig-ausgelassener Stimmung. Erst bei der Ankündigung des letzten Songs bildet sich neben mir ein Kreis, den ich im Folgenden zu Füllen helfe.

    Um mich herum scheinen alle glücklich zu sein mit jedem weiteren Lied, das ertönt.

    Diese klingen umso besser, je mehr Alkohol im Blut ist. Das bestätigt die Band, denn sie habe es bereits selbst ausprobiert. Während der Sänger seinen eigenen Becher zum Prost erhebt, stellt er also den Moment als passend heraus, sich erneut mit Nachschub von Bar zu versorgen. Dem kommt, wenn überhaupt, nur ein minimaler Teil des Publikums nach. Zu sehr mit tanzen und mitsingen beschäftigt, was die Band jedoch genauso freut.

    Aufgelockert geht es in den Endspurt des Konzerts, den Josh den Besucher*innen ganz instruktiv vorwegnimmt. Er beschreibt den weiteren Verlauf wie folgt: Gleich wird die Band den letzten Song ankündigen und danach hinter die Bühne treten. Wahrscheinlich nur zwei, drei Meter. Das Ego erfreut sich an dem ausverkauften Saal, der wiederholend „You! Me! At Six!“ ruft.

    Und nach einer kurzen Weile erscheinen die Musiker erneut im Scheinwerferlicht. Für weitere vier, fünf Songs. 

    Und genau so findet es dann auch statt. Mit Ausnahme auf das very end. Denn dass sich der Sänger motiviert für einen Schwimmzug in den Zuschauerwellen vorwärts ins Getümmel stürzt, hat niemand hinweisend angemerkt. Dieses Finale ist der krönende Abschluss und wird von lautstarkem Beifall begleitet. Auf der Empore blickt ein begeistertes Publikum auf das Szenario hinab. Wie auch die Mitglieder beider Supportacts. Sich vielleicht heimlich vorstellend, an gleicher Stelle zu sein. Meine Gedanken jedenfalls, hat es schon gestreift.


  • ALARMBEREITSCHAFT UND GEMEINSCHAFT

    ALARMBEREITSCHAFT UND GEMEINSCHAFT

    Es ist Dienstag, der 15. Januar. Wetter wie im Herbst. Und während sich meine Mitstudierenden in den Hörsaal begeben, steige ich in den Zug nach Hamburg. Die Abendvorlesung wird heut einem ersehnten Konzert weichen müssen. Noch im Schummerlicht des Wagens 4 tausche ich Pflichtlektüre gegen pinken Lidschatten. Passend zu den Socken. Nur schwarze Herzen rechts und links auf den Wangen fehlen, um einen Look zu komplettieren, der sich bei den Wartenden vorm Uebel & Gefährlich durchgesetzt zu haben scheint.

    20:10 Uhr, ich biege auf das Gelände der Venue ein. Zehn Minuten nach offiziellem Einlassbeginn und erblicke eine erwartungsvolle Menschenmasse.

    Glücklicherweise brauche ich mich jedoch nicht damit auseinanderzusetzen, wo in der schier endlosen Schlange die Einreihung der Spätankömmlinge stattfindet. Zwischen der Suche nach dem Gästelisten-Check-In und einer regen Faszination über die so zahlreich erschienenen Besucher*innen fallen Feuerwehr und Polizei gar nicht auf. Sollte mir das etwa suspekt vorkommen? Vielleicht wäre ich dann im Folgenden nicht so überrascht gewesen.

    Die Pforten werden geöffnet. Ich schlüpfe hindurch und beginne den ersten Teil meines abendlichen Workouts mit motiviertem Treppenlaufen. Lasse die Wartenden hinter mir. Ein gestempeltes Handgelenk verschafft Zutritt zum Ballsaal. Und die Bühne rückt in mein Sichtfeld.

    An die hundert jungen Fans drängen sich bereits davor. Teilweise seit vier Uhr morgens ausharrend, als erster einen Blick auf das Idol zu erhaschen.

    Unwillkürlich muss ich dabei an das Berlin-Konzert denken, das Yungblud vor fast genau einem Jahr spielte. Nur auf zwei Meter Abstand traute sich damals die beschauliche Gruppe an den Bühnenrand. Und keiner wusste so recht, was ihm als nächstes blüht.

    Heut scheint das anders. Beim Betrachten des, sich mit mehr und mehr enthusiastischen Personen füllenden, Saals werde ich aufgeregt. Ich überfliege die neuen Gesichter. Bis ich bei einem Typen am Mischpult hängen bleibe, der sich leicht unangenehm berührt ein Mikrophon vor die Nase hält. Verkündet eine Nachricht, die stutzen lässt, gefolgt vom Publikum, das den Raum verlässt.

    Feueralarm

    Ein unwillkommener Anlass, die erklommenen Stufen zum vierten Stock noch vor Anfang des Konzerts wieder hinabzusteigen. Unbehelligt im Regen zu stehen. Und in meinen Gedanken die Entscheidung zu feiern, heut kein Geld für die Garderobe gehabt zu haben. Gemurmel, Aufregung, wieder Feuerwehrmänner. Nasse Haare, Zweifel und Hunger auf heißen Kartoffelstampf. Auch all das geht vorüber.

    Niemand weiß so recht den Grund. Doch solange mit dieser Evakuierung eine erneute Platzvergabe zum eigenen Vorteil verbunden ist, scheint es manche weniger zu stören als andere. Ich mochte meine alte Position. Die unterschätzte, balkonartige Plattform links vor der Bühne. Und ersterem Faktor verdanke ich die Möglichkeit, eben dort wieder Stellung zu nehmen. Nach einer halben Stunde. Unter großer Erleichterung der durchnässten Besucher, die wieder ein Dach über dem Kopf bekamen.

    Als wäre nichts gewesen betritt Carlie Hanson die Bühne. Scheinwerferlicht und Aufmerksamkeit richten sich auf die 17-jährige.

    Zwei Bandkollegen an Drums und Gitarre, die Basecaps werden verkehrt herum getragen. Ein insgesamt familiärer Eindruck entsteht, Erinnerungen werden geweckt. Dabei ist es für mich Premiere. Und auch für die aus Wisconsin stammende Sängerin, die das erste Mal ihre Songs in Europa präsentiert.

    Der Auftritt lässig, ähnlich dem Baggy Pants, Bandshirt kombinierenden Outfit. Der Style ihrer Musik dazu im überraschenden Kontrast, poppig und vor Farben sprühend. Zu Toxins singe ich mit, obwohl ich das Lied nicht kenne. Aufgewärmt und voll Vorfreude, die mein leises Bedauern zu fehlender Individualität des Supportacts unterdrückt.

    Jung und voller Energie leitet Carlie Hanson ein Programm ein, das im kommenden Punkt meinen Wunsch nach Unverwechselbarkeit erfüllt.

    22:00 Uhr, eine Umbaupause, die nicht wie eine Unterbrechung wirkt. Viel mehr eine erste Enthüllung, was der weitere Verlauf des Abends bereithält. Ein Schellenring mit pinkem Anstrich. Gitarren, technisches Zubehör, Requisiten durch Kleckse verziert.

    Ein Fernsehgerät, das dem Publikum entgegenlächelt. Dann zu rauschen beginnt. Das Licht geht aus. Fokus auf verzerrte Streifen, die über den Bildschirm der Retro-Röhre zucken. Im Hintergrund eine Stimme. Und der ausverkaufte Saal bebt vor Spannung. Ich kann nicht einmal mehr sagen, was uns dort über die Lautsprecher verkündet wurde.

    Alle Arme recken sich gen Decke, unter der sich die stickige Luft anstaut.

    Ein weiterer Vorteil meines gewählten Platzes ist auch, dass ich die gesamte Menschenmasse überblicken kann. Das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, ohne die gesamte Bewegungsfreiheit aufzugeben. Ein jubelnder Empfang für das Trio bestehend aus Michael am Schlagzeug, Adam an der Gitarre und Dominic aka Yungblud. Viele Beine beginnen zu hüpfen. Auf und ab. Dem Sänger auf der Bühne nachempfunden, dessen Bewegungsdrang ein unerschöpfliches Spektrum zu umfassen scheint.

    Kein Anlass ist gelegener, um richtig abzudrehen. Abzugehen. In der Explosion aus extravertierten Songs. Gestörte Bedürfnisse, Rebellion, entrüstete Gesellschaftskritik beinhaltend. Jeder einzelne bekommt eine Stimme und singt lauter mit als beim Lied davor.

    Yungblud als Dirigent im rosafarbenen Nebel

    Heut ohne Anstand. Kein Stillstand, steter Antrieb. Sonst dreht sich die CD im Player. Jetzt dreht sich der Kopf. Wie eine Fahrt im Karussell mit blinkenden Lichtern, schriller Geräuschkulisse und Bewunderung für die chaotische Ausgelassenheit.

    Ausnahmslos erreicht bereits die Ankündigung der Titel Begeisterung. Und ich bin noch nie so viel bei einem Konzert gesprungen. 21st Century Liabilty und Medication. Aus dem Augenwinkel den Moshpit wahrnehmend. Psychotic Kids und Anarchist.

    Der Publikumschor kennt alle Wörter auswendig. I Love You, Will You Marry Me und Polygraph Eyes.

    Handytaschenlampen mit pinkem Licht gegen die dunklen Gedanken. Kill Somebody. Und im Kopf ein Neonschriftzug mit California, während ich mir das Fernweh aus der Seele schreie. Der vom Regen durchweichte Haarschopf, wieder getrocknet und nun schweißnass. Vor Anstrengung verlaufene Schminke.

    Und auch Klassiker Tin Pan Boy und King Charles fehlen nicht. Doch ich erwarte noch etwas anderes. Ein Griff zu besagtem Schellenring. Eine Hymne. Ein Ohhhhhhhohohh. Und da ist sie, die Euphorie. Ein Song und meine Motivation. Loner. Ein Jahr darauf gewartet. Ein Grinsen über beide Ohren. Wie das von Yungblud. Vielleicht nicht ganz so wahnsinnig.

    Das pinke Scheinwerferlicht wird gedimmt.

    Publikum außer Atem. Beifall. Zu. Ga. Be. Berauschte Blicke werden ausgetauscht. Drei Lieder fehlen noch im Set. Unruhe und dann ein Tosen. Die For The Hype, ein Lolly für Polly. Doctor Doctor und Machine Gun. Ein letztes Mal kommt das Dreiergespann aus England auf die Bühne. Ich nehme mein Fünkchen Restenergie. Und singe, springe zu den Lieblingsliedern.


  • GEMISCHTE GEFÜHLE

    GEMISCHTE GEFÜHLE

    Manchmal glaube ich, die Menschen einschätzen zu können. Anhand ihrer Frisuren oder dem T-Shirt, das sie tragen. Indem ich beobachte, wie sie sich verhalten, wie ihr Aussehen Eindrücke kommuniziert, die ich mit einem bekannten Schema verknüpfe. Was sie wohl für Musik hören? Sind sie auf dem Weg zum gleichen Konzert wie ich? 

    Genau das habe ich mich auch am 18. Oktober gefragt, als ich Station Reeperbahn aus der S-Bahn steige und mit einer mäßigen Traube an Individuen den Ausgang vor dem Molotow ansteuere. Doch entgegen meiner Erwartungen bleibe ich dabei die einzige, die die Türen des Hamburger Clubs durchschreitet.

    Alle erwarteten Gäste stehen schon versammelt vor der Bühne, auf der auch sogleich der Supportact den ersten Ton anschlägt.

    Eine undurchdringbare Gitarrenfront baut sich vor der ersten Reihe auf und lässt die Saiten schwingen. Und auch das Publikum. Was für mich einen herbeigesehnten Nutzen hat. Denn bislang verweilte ich halb im Eingang des Clubs, der gleich neben der Bühne und dementsprechend vollgequetscht mit Spätankömmlingen und Superfans ist. 

    Einen Weg durch die Menge gebahnt, bleibe ich im Windschatten eines Zweimetertypen stehen. Bewegungsfreiheit geht hier vor freier Sicht. Und im Getummel habe ich noch nicht einmal geschafft meine Jacke abzulegen. Das wird auch vorerst nicht nötig sein. Kurz ist das Set von Easy Shapes. So kurz, dass die Wärme es nicht schafft, die vielen Schichten Kleidung zu durchdringen.

    Das hamburger Quartett sprüht vor Motivation bei der Darbietung einer handvoll Songs.

    Auch ich bin motiviert für diesen Abend. Ein bisschen Kopfnicken und zunächst seichtes links-rechts-links-links Gestampfe zu ausgelassenem Inide-Gitarren-Rock reicht jedoch nicht, um mich abzuholen. Vom Schreibtisch, wo ich gedanklich noch sitze. Dabei wäre ich gern schon von Sekunde eins voll und ganz im verschwitzen Molotow angekommen.

    Es lag vielleicht an meinem überstürzten Eintreffen. Denn langsam werde ich mir gänzlich bewusst, wo ich mich befinde. Die Luft stickig. Die Jacke nun doch um die Hüften geknotet, den Versuch eines Durchkommens zur Garderobe bedacht unterlassen. Und es beginnt ein Räumen auf der kleinen Bühne, dass die Zuschauer*innen gespannt beobachten, einen ersten Blick auf die folgende Lieblingsband zu erhaschen. Doch zwischen den beschäftigten Gestalten, die Instrumente in Startposition bringen, bleibt dieser Blick aus.

    Aufgespart für einen großen Entrance. In einer Nebelwolke, geheimnisvoll erstrahlt durch das Zucken stroboskopischer Lichtreflexe.

    Begleitet von einem, den Raum erfüllenden, sirrenden Klang treten vier Gestalten in den Schatten der Scheinwerfer. Lassen sich vom Dunkel umhüllen. Ein Bild dem Albumcover ihres Debüts gleichend, wo nur ein roter Schriftzug leuchtet wie Neonröhrenschein. Präzise auf den Takt wechseln die Farben des Lichts zu dem sonst zurückhaltenden Auftritt Pale Waves‘. Und eine Zeit über ist es das einzige, was meine Sicht erreicht. Rot auf Blau auf Rot auf Blau auf Rot.

    Neben all den Elementen, die sich in ihrer Nichtfarbigkeit ergänzen. Melodien, die perlend von Saiten und der Zunge Sängerin Heather’s kullern. Sich um die eigene Achse drehen und dabei buntes Scheinwerferlicht reflektieren. Ein poliertes Glied der gleichförmig anmutenden Kette, die man sich zu einer Girls-Night-Out um den Hals schlingt. Accessoire für eine Nacht im schillernden Gewand.

    Ausgelassenes Tanzen und verdrängte Frust über komplizierte Beziehungen. Gemischte Gefühle. Auch trübe Melancholie.

    Getanzt wurde an diesem Abend. Und gesungen. Textsicher die emotionalen Popsongs, die My Mind Makes Noises und eine erste EP des englischen Quartetts zu bieten haben. Auch hier bin ich im Zwiespalt zwischen ansteckender Freude über dieses Konzert und wehmütigen Erinnerungen, die im Ausdruck des Gesangs mitschwingen. Ersteres überwiegt. Bei einem Blick in all die zufriedenen Gesichter, die dem Geschehen auf der Bühne und besonders den Bewegungen der beiden Schöpfe von Heather und Schlagzeugerin Ciara folgen. 

    Und so endet mein Donnerstag. Mit Kontrast, viel schwarz, einem Lächeln und einfarbig bunten Melodien. Auf dem Weg zur Bahn fragen zwei Mädchen, ob ich ein Foto von ihnen machen kann. „I don’t wanna be just your friend“ leise vor sich hin summend. Fröhlich über entrüsteten Text.


  • BLITZEINSCHLAG

    BLITZEINSCHLAG

    Ganz leise zuerst. Tröstend nimmt mich die Melodie in den Arm. Die Augen geschlossen, den Kopf schwer von Gedanken an die Schulter gelehnt. Dann im nächsten Moment ein Aufschrecken, das sich dem Trübsinn entreißt. Wild von sich stößt. Ein Paukenschlag, der donnernd den Saal erzittern lässt. Ein zuckender Blitz, der über allem schwebt. Und dessen Licht, das Umrisse auf die zum Schrei verzerrten Gesichter zeichnet.

    Eine Geschichte, wie im Traum. Und ein Augenblick, so intensiv wie ich nicht mit ihm gerechnet hätte.

    Angeschlossen an die fordernden Rufe des Publikums. Dem erneuten Betreten der Bühne für den finalen Akt an diesem Abend. Das Ende des Konzertes greifbar und doch für die nächsten Minuten außer Sicht. Aufhören, wenn es am schönsten ist. Ich hatte mich immer gefragt, was das wohl bedeutet.

    Samstag, der 17. November. Der Wind pfeift um die Ecken und in Hamburg ist Dom.

    Eine überfüllte U-Bahn-Station Feldstraße. Eine in Zuckerduft eingehüllte Menschentraube, Luftballons und Lebkuchenherzen in den Händen haltend. Doch auch wenn sich mein Weg Richtung der bunt blinkenden Fahrgeschäfte in naher Ferne fortsetzt, ist mein Ziel ein anderes. Das Uebel & Gefährlich. Und ein Konzert Drangsal’s.

    Es ist 19:40 Uhr und ein Trio nimmt Aufstellung im Zentrum des heutigen Geschehens. Pabst. Eine Band kinda nice. Und mir seit einiger Zeit bekannt. Einmal live erlebt, hinterlässt der rotzig-schroffe Sound Eindruck. Der Stil wirkt in Waage zwischen gewollt und undurchdacht. Album Chlorine und die Vorlage, headbangend im Kreis zu hüpfen. Die Freude ist ohne Ausnahme groß, wenn die Ernennung der Vorband gern gehörte Namen beinhaltet. Enttäuscht wurde ich nicht.

    Und auch die Heimfahrt begleitet die Zeile: shake the disease say no to the police.

    Keine Weile später nach dem Power-Auftritt der drei Berliner kehrt abermals Bewegung auf der Bühne ein. Instrumente werden angepackt. Ausgetestet. Hergerichtet. Nur an das Kabel von Max Gruber’s Mikrofon hat keiner gedacht. Salat. Wie sich später herausstellen wird.

    Vor um neun. Unter entzückten Jauchzern im Publikum und einem tosenden Lautsprecherklang betritt die Gruppe Drangsal der Reihe nach die Bühne. Christoph Kuhn am Schlagzeug, sein Shirt als Sympathiebekundung für den päbstlichen Supportact. Und auch die Oberbekleidung Theo Kraus‘ setzt ein Statement, Männerversteherin. Es folgen Oliver Heinrich, Sam Segarra als schönster Bassist der Welt und der Antiheld des Abends Dr angsal höchstpersönlich.

    Direkt setzt der erste Song ein. Jedem das Meine. Entrüstete Egozentrik geteilt mit Hunderten.

    Der ausverkaufte Ballsaal des Uebel & Gefährlichs fasst diesen Abend an die tausend Gäste. Textsicher. Und bei Will ich nur dich lauter, als Drangsal sich selbst hört. Eine angenehme Begrüßung. Pech hat einzig jener mit Bock auf Rock beim folgenden Song. Do The Dominance. Wechselnd aus Stücken vom aktuellen Album Zores und dem Debüt Harieschaim setzt sich das Set zusammen.

    Zwischen Aktion und Interaktion. Ein Publikum, mitteilungsfreudig und gewillt, auch das letzte Hemd für den Sänger auf der Bühne zu geben.

    Mit jeder neuen Melodie schleichen sich bekannte Bilder in meine Gedanken. Einsame Autofahrten begleitet von Sirenen, lauthals mitgesungen. Der Ingrimm und meine Schwester, die mir mit vielsagendem Blick die erste Drangsal Platte überreicht. Ein verspätetes Geburtstagsgeschenk und Nächte vorm Plattenspieler.

    Nicht nur der vertraute Gesang, auch die Art von Max Gruber, an diesem Konzertabend seine Gäste zu unterhalten, geben mir das Gefühl, heut am richtigen Platz zu sein. Wo der Typ, der eben noch in der Warteschlange vor mir stand, jetzt mit geschlossen Augen crowdsurft und selbst dabei noch berührt die Lyrics mitsingt. Wo nach jedem Ausrasten im Moshpit Becher mit Wasser in die Reihen gegeben wurden.

    Und wo ein angry face so viele Gesichter strahlen lässt. 

    ACME wird dem Publikum gewidmet und abschließend geht die Band zu einem ausgedehnten Instrumental-Epilog über, der den Auftritt bis hier hin abrundet und reflektiert. Doch jedem ist klar, dass auf die kurzzeitig menschenleere Bühne noch etwas folgt. Der Zusatz. Zugabe. Oder zweite Teil.

    Spätestens nach Eine Geschichte sind alle wach. Eindrucksvoll. Vielleicht, so wie ich, für die nächsten fünf Stunden, voller Eindrücke. Turmbau zu Babel und Allan Allign. Das Hemd ist längst zerrissen, alle Distanz zu den Konzertbesucher*innen überwunden. Tausend mal berührt. Tausend berührt. Der letzte Satz. Und wir hören auf, wenn es am schönsten ist. 

    Vielleicht auch darüber hinaus mit Dj Schwede und Ihre Bestellung bitte.


  • GIG #53 OF 2018

    GIG #53 OF 2018

    Bisher wurden sie vernachlässigt. Die Erinnerungsfetzen an den festlichen Auftakt meiner diesjährigen Konzertjahreszeit in Hamburg. Denn mir schien es, als hätten diese Ereignisse den Bedarf, einer ordentlichen Reifezeit zu unterliegen, bevor sie auf dem Blog serviert werden. Wie bei einem guten Käse eben. 

    Also reflektierte ich in den letzten Tagen gründlich. Zählte die Schritte hinaus aus der Staubwolke des langen Sommers. Auf einem Weg gen Glanz der Diskokugel.

    Der Kruste entledigt, die zuletzt von Wochenenden im Sandkasten deutscher Festivals zeugte, tragen mich meine Boots den Bahnsteig entlang. Zwischen all den hektisch vorbeitrabenden Leuten passen sie gut ins Bild. Mit warmen Farben und schwerem Schuhwerk hat sich die Mode schon auf den Herbst eingestellt. Wartet förmlich auf die verregneten Oktobertage, die noch lange nicht in Sicht sind.

    Alles Alltag an diesem Mittwoch. So scheint selbst der heutige Feiertag nichts Besonderes. Und erst recht ein menschenleerer Parkplatz vor dem grauen Klotz des Bunkers stimmt nicht in den schillernden Konzertabend ein. Vorfreude und Euphorie, wo seid ihr? Hinter der angelaufenen Fahrstuhltür, die sich im fünften Stock ruckartig vor mir öffnet? Doch nur ein Grüppchen Mädels erwidert den Blick.

    Lasset die alljährliche Konzertsaison beginnen

    Konzentriert auf die Glastür, über der ein Schild auf Terrace Hill verweist. Hinter der Scheibe macht sich ein Team bereit. Anzeichen, die Unruhe bei den Wartenden hervorrufen. Tickets werden aus Taschen gepult. Ungeduldig mit den Hufen gescharrt. Darauf brennend, den Prozess „Einlass“ möglichst schnell über die Bühne zu bringen, um sich vor eben dieser möglichst weit vorn zu platzieren. Durchleuchtet und abgestempelt.

    Langsam werde ich warm. Warum gehe ich zu Konzerten? Langsam wird es klarer. Wieder gewöhnt an das, für was ich zu verwöhnt war. Raubt die Überflutung an musikalischen Reizen meine Vorfreude? Ab heut nicht mehr. Während mir meine Jacke an der Garderobe entgegengenommen wird, lege ich auch die Skepsis des Alltags ab. Tausche sie ein gegen etwas mehr Neugier.

    Was mich erwartet, erinnert an die bevorstehende Adventszeit. Mit Lichterketten umschlungenes Equipment, das auf der Bühne in einen gemütlichen Schein getaucht ist.

    Einladend und nostalgisch irgendwie, bleibt dies nicht die einzige Begebenheit in dieser Nacht, die zwei Monate in der Zeit zu früh wirkt. Auch als Tom Ogden, Sänger der Blossoms, zu einem Liedschnipsel von Last Christmas anstimmt, kann ich nicht anders, als meine geputzten Schuhe zu hinterfragen. Nikolaus ist ja gar nicht mehr so lang hin.

    Vorerst wird jedoch damit ’ne fesche Sohle aufs Parkett gelegt. Und für die Vergesslichen im Publikum steht es auch einmal in großen Lettern auf einem Instrumentenkoffer geschrieben.  Keep Dancing Inc. Der Name der Vorband beschreibt so ein ganzes Gefühl. Wenn Freude und das Schwelgen in guter Musik einen natürlichen Instinkt hervorrufen. Beine sich von selbst bewegen und der Tanz so essentiell erscheint, dass man gar nicht an ihn erinnert werden muss.

    Das Pariser Quartett eröffnet diesen Abend mit einem sympathischen Lächeln.

    Scheinbar unscheinbar und gleichzeitig ungehemmt. Zart ranken sich die weichen Synth-Klänge um die kantige Stimme des Sängers. Erblühen zu einem dynamischen Groove, der unaufdringlich tanzbar ist. Wie Einfachheit Atmosphäre schaffen kann, zeigt die Band nicht nur beim Ausrollen ihrer mitgebrachten Lichterkette.

    Elegant enspannt wurden die Besucher*innen des Terrace Hill an diesem Abend des 3. Oktobers in das musikalische Programm geleitet. Anschließen sollte daran mit Blossoms ein noch mitreißenderer Auftritt. Lang ersehnt. Das Publikum textsicher vom ersten Song bis zum aktuellen Album Cool Like You. Die Mädchen aus der ersten Reihe recken die Hälse, gespannt, welche Titel auf der Setlist wiederzuerkennen sind.

    There’s A Reason Why (I Never Returned Your Calls)

    Das wäre gar nicht nötig gewesen. Nachdem die fünf Engländer die Bühne betraten, sich hinter ihren Instrumenten positionierten, erklangen fünf Töne. Ein Anfang, der charakteristischer nicht sein konnte. Eröffnet er doch das aktuelle Werk. Die Hälfte der anwesenden Fans summten sicher vor einigen Stunden noch zur vor Kurzem erschienene Gospelchor Version.

    Cool Like You / Between The Eyes

    Tom Ogden ganz in weiß. Eine Erscheinung, wie er da passioniert von Liebe, Beziehungen und deren Scheitern singt. Wie Honig gleiten die Melodien süß und kitschig über die Zunge. Umrahmt von Intsrumentalbegleitungen, die mal das Mysteriöse, mal das unverblendet Klare in den Songs herausfordern.

    Unfaithful / Giving Up The Ghost

    Myles Kellock’s Finger schweben über den Tasten. Hinter spacigem Gestell, auf dem für den Keyboarder notwendiges Gerät befestigt ist. Er sorgt für die Energie, die mit kosmischer Atmosphäre die dunklen Weiten der Nacht erkunden. Auf der Überholspur, die Lichter ziehen vorbei, so wie die angeschlagenen Töne im Nebel auftauchen und den Klang erleuchten.

    Honey Sweet / You Pulled A Gun On Me

    Wo Joe Donovan mit gezielten Schlägen das Trommelfell zum Schwingen bringt, setzt der Groove ein. Treibt voran. Die Basis der Popsongs im Repertoire der Blossoms. Schillernd und freudig melancholisch. Bevor die Ausgelassenheit gedrosselt wird. Zwischendrin auch verführerisch.

    Auch My Favourite Room zeigt sich von einer ruhigen Seite. Nur Tom und seine Gitarre.

    Aufmerksam scheint das Publikum zu lauschen. Wer schon zu einem Konzert dieser Band war, weiß was nun folgt. Oder doch nicht? Am Ende des Stückes setzt der Gesang beim Refrain von Whole Again der Atomic Kittens an. Sorgt für einige freudige Aufschreie. Ein Typ mit Oasis Shirt hat sich nun in die vorderen Reihen gezwängt. Bereit Half The World Away aus vollem Hals mitzusingen. Und beim bereits genannten Last Christmas, dem dritten Part des Cover-Medleys, erkennt der Publikumschor erst sein wahres Potenzial.

    At Most A Kiss / Charlemagne

    Zwei Lieder stehen noch auf den Zetteln, die vor jedem Bandmitglied ausgebreitet sind. Auch Josh Dewhurst und Charlie Salt an Gitarre und Bass legen sich für das große Finale nochmals ins Zeug. Tom flankiert von den beiden singt den Besucher*innen entgegen, die seine Worte euphorisch erwidern. Es ist Konzert Nummer 53 der Band, mein 24 in diesem Jahr. Und der Abend im Terrace Hill endet mit einem Ohrwurm.