WUNDERSAM

Es fängt an mit einem mittel-zackigen Beat, mit einem Rutsch auf dem Kartoffelsack diese blaue Wellenrutsche hinunter. Direkt in die wolkenlose Kulisse einer Mittwochnachmittags-Seifenoper. Der Bass beobachtet mit Misstrauen die Szene, während Finger über Gitarrensaiten tanzen und eine Stimme aus dem Off dem Geschehen ihre nüchtern-komische Beschreibung anfügt. Bis das Becken dreimal schellt und unter Synthiebeschuss der erste Song und die erste Single vom Wundersam Album langsam ausblendet.

Melodram ist der Auftakt vom musikalischen Debüt Tim Bohner’s als Timbeau. Einer von acht Tracks, die am 27. November 2020 veröffentlicht wurden. An einem grauen Freitag, der die schwungvollen, süßen Melodien des Albums aufatmend mit jeder Pore aufsaugte wie ein trockener Schwamm die Flüssigkeit. Denn die Musik von Timbeau ist wie eine Erinnerung. Eine schöne, die ich mir partout nicht mehr vor Augen führen kann. Doch das Gefühl von Sonnenschein auf der Haut und Leichtigkeit im Gang ist präsent mit jeder spacigen Melodie und endlosem Raumhall.

Gleich der zweite Song hüllt mich in einen rauschenden Synthetik-Klang. Wo das Echolot und Metronom den Sound um ein beispielhaftes Piepsen und Klopfen ergänzen, die im Kopf eine Geräuschkulisse bauen, über Keys und Gitarren hinausgehend. Das Bieder im Chorus mutet kurzzeitig wie ein Beat it von Michael Jackson an. An dessen Stelle tritt bald ein verrücktes Lachen und laut ausgesprochene Gedanken. Sonnenstich folgt mit heller Gitarre und einer Bassline, die nach vergangenen Festivalsommern mit Parcels Auftritten sehnen lassen. Ein Wassereis und Sonnencreme. Oder Quark und Tränen. Auf jeden Fall ein Schritt nach dem anderen, während ich mir das Album beim Spaziergang anhöre.

Wieder diese entfernte Erinnerung, als der nächste Song einsetzt. Wie Orgelpfeifen. Ich spule zurück zum Anfang. Ein langanhaltender, weicher Ton aus einer anderen Galaxie. Bitte, kann dieses Intro die Titelmelodie meiner nächsten Lieblingsserie werden? Ein Flug durch Raum und Zeit. Und da die Traurigkeit.

Dann der Titelsong. Er fädelt sich wie Zuckerwatte in einer taumelnden Bewegung zu Wolken aus klebrig und zugleich schwebend leichtem Sound auf. Schmeckt wie diese grün gefärbte Zuckerwatte mit Pfefferminzaroma, die ich bei einem Badeurlaub in Ungarn vor zehn Jahren unter flirrender Hitze bei einem kleinen Fahrradstand kaufte. Dann quer über die überfüllte Liegewiese zum ausgebreiteten Handtuch trug, auf dem meine Schwester lag, die lieber eine Watte mit Himbeergeschmack gehabt hätte. 

Einen Schritt nach dem anderen, während ich mir das Album anhöre. 1, 2, 3 und Walzerschritt. Schlendrian. Die Ampelmenschen tanzen in rot und grün zur Abschlussballmusik. Bevor der träge-schlendernde Rhythmus zu Hummeln und Bienen wird. Zu So schön allein tanzt es sich am besten im verlassenen Zimmer. Ohhhhohoh und die Arme nach oben, beim Konzert würden nun alle klatschen auf 1, 2, 3, 4. Und schon beginnt der letzte Song des Albums, das Timbeau im Zimmer seiner Wohngemeinschaft aufgenommen hat. Ein letztes Souvenir von der Reise durch den Weltraum oder klingelnden Sternen, fernen Galaxien. Eine schöne Erinnerung. 

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