• PRINTMAGAZINMÄDELS

    PRINTMAGAZINMÄDELS

    Der Blick heftet sich auf den Display vor meinen Augen. Das halbe Leben ist im Internet. Digitale Magazine, Videointerviews. Ein Fingerwischen und die Buchstaben ziehen an dir vorbei. Hier blinkt Werbung auf, da kommt eine Chatbenachrichtigung ins Fenster geslided. Wie wäre es zur Abwechslung mit einem gedruckten Heft? Doch wer macht sich heutzutage noch den Aufwand, ein Printmagazin auf die Beine zu stellen? Und warum?

    Das Internet ist voll mit guten Inhalten. Was uns fehlte, war die Zeit sie zu konsumieren. Print zwingt uns dazu, das Handy wegzulegen und uns auf eine Sache zu konzentrieren.

    Es ist vielleicht das, was am nächsten an „mit den Händen arbeiten“ dran ist, wenn man mit Gedanken arbeitet. Wenn man als Schreibende*r nicht gerade Bücher veröffentlicht, hält man sonst selten etwas in der Hand, nachdem man mit der Arbeit fertig ist.

    Ich war damals 15 Jahre alt, als ich eine Bucketlist geschrieben und an meinen Spiegel geklebt habe. „Ein eigenes Magazin“ stand darauf. Jahre später schien der Wunsch umsetzbarer und somit ging die Arbeit für das erste Printmagazin los.

    Und in diesen großen Haufen an Arbeit stürzten sich Melanie, Vanessa, Sara und Lea. Es entstanden drei unterschiedliche, vor allem unabhängige Magazine. Über Musik: b-seite und house in the sand, sowie Allerlei: PEEING IN THE SHOWER. Die drei Parteien wagen sich mit ihren Ideen in für sie bisher unbekanntes Terrain – ein erstes eigenes Printmagazin – und stehen damit vor so einigen Fragen:

    Wie soll das Magazin aussehen?

    Wie vergüte ich die Autor*innen und Mitwirkenden?

    Welche Themen wollen wir behandeln?

    Was mache ich, wenn mir ein eingereichter Beitrag nicht gefällt?

    Wie wollen wir das finanzieren?

    Werden wir das jemals schaffen?

    Am meisten aber haben wir uns gefragt, ob das alles irgendjemanden außer uns selbst interessiert.

    Doch bis die gedruckten Seiten auf die anvisierte Zielgruppe losgelassen werden – die Konzertgänger*innen, Merchkäufer*innen und Spotify-Premiumkund*innen, die Musikfans und Musiker*innen selbst, die Deutschlehrer*innen, Großeltern und alle Leute, die einfach mal ihre Ruhe haben und sich überraschen lassen wollen – bis das fertige Heft von all jenen in den Händen gehalten werden kann, wird hinter den Kulissen geschuftet, was das Zeug hält.

    Wir haben gelernt: Wie man ein Unternehmen gründet. Wie man ein Unternehmen gründet, während man Vollzeit arbeitet. Wie man ein Unternehmen gründet, während man Vollzeit arbeitet und täglich drei Stunden pendelt. Wie der Kosmos Musikindustrie funktioniert, wie man InDesign benutzt und welche Datei die Druckerei braucht, damit am Ende der richtige Glanzlack auf dem Cover ist. Wir haben kein professionelles Equipment, Lea hat das ganze Ding auf ihrem 14-Zoll Laptop ohne Maus und zeitweise auch ohne Schreibtisch designt.

    Von der ersten Mail bis zum Release waren es etwa vier Monate, in Stunden wahrscheinlich 100, die ich reingebuttert habe. Und das sind nur meine, jeder Beitrag braucht ja auch Zeit zum Entstehen.

    Es ist unheimlich viel Aufwand. Wir arbeiten monatelang an den Ausgaben, müssen für die meisten Shoots reisen. Das Magazin erarbeite ich mit meinem Kumpel und Grafikdesigner Chris Stringer und zu zweit ist der Arbeitsaufwand echt groß.

    Und wie bei so einem Projekt zu erwarten ist, geht nicht immer alles glatt. Es wird gezweifelt, ob die alte Spiegelreflexkamera für das Covershooting noch durchhält (was sie zum Glück tut). Probleme mit der Druckerei beeinflussen die Lieferzeit. Oder Leute, die zuerst begeistert zusagen, reichen im Nachhinein doch keinen Text ein. Vielleicht verpulvert man auch die ganze Arbeit für nichts, wenn das Crowdfunding am Ende scheitert. Wenn mal gar nichts klappt, dann hilft nur eins:

    Laptop zu, Schuhe an und an die frische Luft. Auf dem Rückweg Take-Away holen, dann Gilmore Girls oder Queer Eye schauen und bloß nicht über die b-seite reden.

    Meist reicht schon ein Wort, um uns gegenseitig aufzumunter – denn wenn wir teilweise bis spät in die Nacht arbeiten, kommt immer dieser Punkt des Deliriums, an dem alles lustig wird und die besten Insiderwitze entstehen.

    Aber wie sagt man so schön, wo man den steinigen und steilen Berg mit Schwierigkeit erklommen hat, kann man am anderen Ende schwungvoll hinunterrutschen. Und damit meine ich all die Dinge, die bei der Realisation des Magazin einfacher von Hand gingen, als gedacht. Das war zum Beispiel:

    Die Kommunikation mit Labels, Managements und Künstler*innen! Wir waren echt begeistert, wie super das geklappt und wie involviert alle Parteien waren. Gerade die Fotoshoots, die wir selbst übernommen haben, liefen problemlos ab.

    Der Verkauf! Ich hätte gedacht, dass die Leute dem Bezahlsystem misstrauischer gegenüberstehen (es handelt sich um pay what you what und dann auch noch via PayPal) und dass es schwerer wird, alle Hefte loszuwerden. Außerdem: Die Leute im Internet, vor denen man Angst hat, weil sie so cool aussehen, die sind genauso einsam/verzweifelt/voller Durst nach Nähe/Tatendrang wie man selbst und bisher hat niemand, den ich angeschrieben habe, nein gesagt. Die Leute wollen mitmachen, man muss nur fragen.

    Problem und Lösung. Schreibblockade und Textfluss. Tief und Kreativität. De- und Motivation. All dies haben sie überwunden. Sara und Lea halten ihre b-seite in der Hand (und arbeiten gerade an der zweiten Ausgabe), Melanie ging vor kurzem mit dem PEEING IN THE SHOWER Zine in eine zweite Ausgabe und Vanessa kann ebenfalls bereits zwei eigens konzipierte Hefte verzeichnen. Was ist das schönste am gesamten Prozess?

    Wenn man die Druckfreigabe erteilt hat und den Laptop zuklappt, wenn sich die Kisten im Wohnzimmer stapeln und wenn uns Leser*innen ihr Feedback schicken. Wenn man begreift, dass es da draußen wirklich Leute gibt, die sich mit dem, was man da gemacht hat, beschäftigen.

    Der Moment, wenn der Druck geliefert wird und man seine Arbeit zum ersten Mal in den Händen hält. Aber tatsächlich freue ich mich mehr, wenn die Leser*innen und Musiker*innen, die im Magazin gefeatured sind, die Ausgaben erhalten.

    Der Releasetag! Die erste Bestellung! Wenn die Mitwirkenden das Magazin und die anderen Teammitglieder zum ersten Mal sehen und sich neue Bande bilden! Und auch ganz vorn auf der Liste: Wenn der Zyklus endlich wieder vorbei (ausverkauft, das letzte Heft verschickt, Promo abgeschlossen) ist.

    Mit diesem geschlossenen Zyklus, endet ein ganzer Abschnitt. Dann ist das Projekt in neuer Obhut. Die der Leser*innen. Die oben angesprochene Zielgruppe und vielleicht auch ganz unerwartete Gesichter, die nun die Seiten ihrer Ausgabe vor sich haben. Augen fliegen über bedrucktes Blatt. Und sie sehen, ja was genau?

    Hoffentlich sehen sie Herzblut und Leidenschaft in Verbindung mit interessanten Themen, schönen Bildern und guten Geschichten. Sie sehen nicht die unzähligen Nächte und Wochenenden, die Autofahrten nach Frankfurt, bei denen die Beifahrerin morgens geschlafen und auf dem Heimweg an der b-seite gearbeitet hat. Sie sehen auch nicht, die Verzweiflung, weil keiner von uns beiden weiß, wie man DIESE SCHEIß FARBKANÄLE IN INDESIGN EXORTIERT oder wir uns Sorgen machen, aus einem Termin ohne vernünftige Fotos rauszugehen. Und hoffentlich auch nicht, welche Arbeit hinter der Vermarktung steckt, wenn man alles ohne Werbebudget macht.

    Sie sehen 80 Seiten, gefüllt mit Geschichten aus sämtlichen Ecken der Musikindustrie. Sie sehen hoffentlich, wie viel Liebe zum Detail drin steckt. Was sie nicht sehen, sind die Schreibkrämpfe, die wir haben, wenn etwas nicht klappt.

    Sie sehen hoffentlich Unterhaltung, viel Fantasie und eine Alternative. Was sie nicht sehen, ist die Arbeit im Hintergrund. Sie sehen nur das Papier vor sich und bewerten monetär oft auch nur das.

    Ihre ersten eigenen Printmagazine waren ein Erfolg. Das erklärt die jeweiligen zweiten Ausgaben. Am Ende überwiegen die schönen Momente, der Wille eine Alternative zu schaffen. Eine Alternative für all die unruhigen Internetseiten, weg von Massenprodukten hin zu etwas Handgemachtem, zu kleinen Lesekreisen und realem Austausch. Print ist auch in unserer Online-Welt noch immer im Gespräch. Und wird es bleiben, denn:

    Für uns hat Print einen ähnlichen Stellenwert wie Analogfotografie oder Schallplatten: Es gibt moderne Alternativen, die fühlen sich aber nicht so gut an. Es wird immer Leute geben, die frisch bedrucktes Papier ihrem schmierigen Handydisplay vorziehen. Nicht für tägliche Nachrichten, sondern für schöne Dinge, für die man sich bewusst Zeit nehmen will.

    Ich nehme Magazine unheimlich gern mit auf Reisen. Deswegen ist Print für mich ein treuer Begleiter.

    Ich lese gern ein schön gemachtes Magazin, ich möchte ein schön gemachtes Magazin anbieten. Es geht auch darum, einen Unterschied zu machen, zu dezentralisieren, die Besteller*innen wegzuholen von den seelenlosen Outlets und hin zu echten Menschen wie meiner Crew oder ähnlichen Produkten.

    So ist das mit den Printmagazinen. Oder zumindest mit denen von Melanie, Vanessea, Lea und Sara. Die Printmagazinmädels, die mit diesem Einblick ein kleines Geschmäckle geben, wie es ist, ein eigenes Heft auf die Beine zu stellen. Zeit, für einen kurz und knackigen Recap?

    Vorher war uns nicht klar, dass viele wichtige Menschen mit dir sprechen, wenn du einfach fragst. Und im Nachhinein hätten wir auf den Glanzlack auf dem Cover verzichten können, der war nämlich richtig teuer

    Vorher war uns nicht klar, dass die Arbeit so lange dauern würde. Und im Nachhinein hätten wir auf die Sponsorensuche verzichten können.

    Vorher war mir nicht klar, dass es so einfach ist, ein Magazin zu machen. Es ist viel Arbeit, aber es ist keine komplizierte oder schwere Arbeit. Es ist vor allem Fleiß. Satz, Druck, Vertrieb – das kann man alles relativ einfach lösen.

    Dabei darf man nicht vergessen,

    dass uns die b-seite immer noch Spaß machen soll. An manchen Abenden ist Phase 10 wichtiger als ein Instagram-Post.

    dass es unfassbar viel physische, aber auch emotionale Arbeit ist.

    dass die Musikindustrie sehr schnelllebig ist.

    Und zu guter letzt:

    Ohne

    Eigeninitiative

    Kommunikation

    Risiko und Apfellinge

    funktioniert gar nichts.

    Vielen Dank an Sara und Lea von der b-seite, an Melanie vom PEEING IN THE SHOWER Zine und an Vanessa von house in the sand für die Einblicke hinter die Kulissen des Making-of eines eigenen Printmagazins!


  • 19€ PLATTENKRITIK

    19€ PLATTENKRITIK

    Ein schöner Samstag zum Spazieren gehen. Für November ist es eigentlich zu mild, durch die weiße Wolkendecke brechen vereinzelt Sonnenstrahlen und wärmen meinen Rücken. Ich hätte mir heut keinen Mantel überwerfen brauchen, Opas ausrangierte Lederjacke hätte es auch getan. Mit großen Schritten laufe ich am Kanalufer entlang, um kurz nach eins ist hier noch nicht so viel los. Fast. Rot-weißes Flatterband und Blaulichter versperren meine übliche Spazier-Route und ich muss Richtung Bergmannkiez ausweichen. 

    Ab und an streife ich auch zwischen den Wohnhäusern entlang und sehe mir vom Bürgersteig aus fremde Balkone an. Während ich die Häuserfassaden der Mittenwalder Straße betrachte, erinnere ich mich, nicht weit von hier einen Plattenladen gesichtet zu haben. Ich meine nicht die Space Hall. Sondern einen kleinen Keller zwei Ecken weiter. Dort hängen bunte Platten als Girlande aufgefädelt vom Eingang zur nächsten Straßenlampe. Schwarze Scheiben zieren die untere Etage des Gebäudes und ein Mann mit runder Brille sitz hinter dem Tresen. Sound Vinyl Store.

    Ich entscheide mich, dem Laden einen Besuch abzustatten. Es ist eh viel zu lang her, als ich das letzte Mal Schallplatten Shoppen war. Und vielleicht ist es wieder an der Zeit, Musik ganz old-school zu entdecken. Bei einem Blick in die erste 4€ Kramkiste weiß ich bereits die Antwort auf diese Frage. Also stelle ich mir einen Stapel zusammen, eine Maxi-Single, einmal ein Griff in die 3€ Hiphop-Kiste und ein Griff in den Surf Rock Stapel, der jedoch wohl nicht als solcher angesehen werden kann, da vermehrt Elvis’ Christmas Album darin auftaucht. 

    Mein Budget habe ich mit 20€ genau getroffen, als der Mann an der Kasse die Preisaufkleber begutachtet und ich halte ihm einen Schein hin. Zu meinem Überraschen zieht er jedoch ein Schubfach seines ramponierten Holztisches auf, in dem neben zerknüllten Zetteln und Brillenetui ein bisschen Kleingeld umherrollt. Er holte eine Münze heraus, „machen wir 19€ draus“. Und schiebt mir meinen Plattenstapel über den Tisch entgegen. Ganz erfreut über meine Ausbeute verabschiede ich mich und mache mich auf den schnellsten Weg nach Hause. Let’s see, ob sich der Kauf auch gelohnt hat.

    Die britische Rockgruppe Transvision Vamp mit ihrem Debütalbum Pop Art. Der Bandname und der Kontrast zwischen schwarzem Albumcover mit pinker Schrift, die sich farblich in den Handschuhen der Sängerin Wendy James wiederfindet war Grund genug für einen Kauf. Genau wie die vielversprechenden Songtitel Trash City, Psychosonic Cindy oder Revolution Baby. Schon beim Auflegen der Scheibe auf den Plattenspieler weiß ich, dass ich nicht enttäuscht werde.

    Computerverzerrte Stimmen leiten das erste Stück ein. „The rules are… There are no rules“ ertönt der ebenfalls auf der Coverrückseite abgebildete Leitspruch des Albums. Im weiteren Verlauf bringen mich schrill-flippiger Gesang, 80s Drums und eine Portion Gitarrenrock zum Tanzen. Sogar der erste Top-Ten-Hit das Quintetts in Lederjacken ist auf dieser Scheibe: I Want Your Love. Das rosafarbene Plattensleeve bildet die Songtexte ab, falls ich mitsingen möchte. Bei der The Kinks Referenz im fünften Stück der A-Seite muss ich schmunzeln. Also Daumen hoch für den ersten Höreindruck.

    Balaam and the Angel mit ihrer Maxi-Single Love Me. Es sind noch drei andere Songs auf der Platte, die in gelber Pappe steckt. Auch hier rankt sich ein pinker Farbkontrast über das Cover. Und wie sich nach den ersten Tönen und einem Blick auf das Aufnahmedatum herausstellt, habe ich auch hier die musikalischen 80er Jahre vor mir. Nicht mit ganz so viel Ohrwurmpotenzial wie bei Transvision Vamp ergießen sich die Klänge. Ein dumpfes Schlagzeug, helle Gitarren an denen der Hall haftet. Der Gesang erscheint, ohne auf die Worte zu achten, entrüstet und etwas düsterer als das Coverdesign vermuten lässt. Ich dachte, ich hätte es mit einer psychedelischen Band zu tun. Jetzt ist es eher eine Inspiration, die Drangsal für Harieschaim hätte nennen können. Wikipedia sagt, das Trio kommt aus Schottland und macht Rockmusik/Glam Metal/Gothic Rock. Auch hierfür gibt es ein Daumen nach oben. 

    Als nächstes habe ich eine deutsche Band auf dem Teller. Mint Addicts, die später nur als The Mint weitermusizieren, und ihr Album naked eyes. Die Augen der Bandmitglieder sieht man auch auf der Rückseite des Plattencovers. Und ohne darauf zu achten, habe ich das dritte Mal nach einem Stück aus den 80ern gegriffen. Wenn ich darüber nachdenke, gibt es auch hier wieder pinke Farbkontraste im Design, vielleicht hat mich mein Unterbewusstsein ein bisschen ausgetrickst. Doch warum ich diese Platte aber eigentlich ausgewählt habe, war die Zuordnung eines Untertitel zu jedem Songnamen. Beispielsweise Psycho III und „help yourself“, Horizon und „it’s not the time for great parties“ (wie wahr) oder Eight Dark Suits und „the velvet gentleman – guess his name“.

    Alles in allem ein stimmiges Album, dessen Ursprung ich nicht in Hannover verortet hätte. Teilweise mit lockeren Melodien, dann dunkler Stimme oder verkrampftem Gesang (bestimmt zum Psycho Song gehörend). Ich werde mir auf jeden Fall noch ein zweites Mal anhören, was Rüdiger, Holger, Emilio und Peter da im Snow Hill Studio aufgenommen haben. Einen Daumen nach oben, und weiter zur nächsten Platte.

    Wer hätte es geahnt. Ich wende mich meinem, nach diesem Plattenkauf beurteilt, Lieblingsjahrzehnt noch nicht ab. Doch aus Rock und Gitarren werden Breakbeats und Hiphop. Rappers Convention mit ihrem selbstbetiteltem Album. Die Erscheinung dieser Platte ist gar nicht mal so schön, doch ich steh’ auf alten 80s Hiphop und das Foto auf der Rückseite des Covers, das zwei Typen und eine Frau in ihrer Mitte abbildet. Und schon beim ersten Song bin ich überzeugt, als der melodiöse Sprechgesang beginnt und doppelt überzeugt, als beim dritten Track das Mädel zu einem stupid freshen“ Beat rappt. Am liebsten würde ich zwei Daumen nach oben für das Album geben. Nach drei Mal Rock, lässt es sich jetzt zu „it’s the wiggle, the wiggle, wiggle wiggle wiggle“ noch besser durch die Stube bouncen. 

    Katrina and the Waves mit ihrem Album Waves. Hier kann ich verraten, dass ich tatsächlich nur 80er Jahre Alben gekauft habe. Dass Katrina and the Waves mit dem Hit Walking on Sunshine berühmt geworden sind, habe ich nicht gewusst. Also bin ich recht überrascht, als eine energiegeladene Frauenstimme zum ersten Stück ansetzt. Direkt von Is That It? gecatcht, zweifle ich direkt an dem Zufall, dass mir bis jetzt alle Blindkäufe gefallen haben.

    Und zack, der zweite Song setzt an und ich muss mit enttäuschen feststellen, dass die Musik sich etwas von meinem Geschmack entfernt. Zu lieblich und Schlager-esk, nicht komplett unhörbar. Aber auch kein Favorit, was habe ich auch bei einem Cover erwartet, wo die Bandmitglieder vor Stranddünen im Hintergrund durch die Luft fliegen. Dafür gibt es nur einen Mittel-Mittel.

    Auf zum letzten guten Stück. Ein selbstbetiteltes Album von der Band B.Sharp. Als ich das Plattencover zum ersten Mal auf die Rückseite drehte und mir von schwarzem Hintergrund der weiße Schatten eines schreienden Typen entgegenblickte, wusste ich, dass ich dieses Stück kaufen muss. Laut Discogs sind B.Sharp eine Rhythm and Blues Gruppe aus Hamburg. Ganz entfernt sagt mir der Name etwas, doch ich kann es keinem Klang zuordnen. Als ich dann beim Auflegen der Scheibe direkt von einer Mundharmonika eingehüllt werde, macht es Sinn. Die Platte ist rockig und die Drums animieren zum Mitwippen. Doch es ist nichts besonderes, kein Funke vorhanden, der mich so richtig packt. Also auch hier nur ein Mittel-Mittel.

    Im Großen und Ganzen bin ich mehr als zufrieden mit meinem Plattenzuwachs. Einige Stücke sind gar nicht auf Spotify verfügbar und wie hätte ich sie sonst entdeckt? Es folgt noch ein Ranking von Platz eins bis sechs nach persönlichem Gefallen der einzelnen Alben (und der Maxi-Single) und die dazugehörige Preisauflistung:

    1. Transvision Vamp – Pop Art (4€)
    2. Rappers Convention – Rappers Convention (3€)
    3. Balaam and the Angel – Love Me (2€)
    4. Mint Addicts – naked eyes (4€)
    5. B.Sharp – B.Sharp (3€)
    6. Katrina and the Waves – Waves (4€)

  • CHICK CHAT

    CHICK CHAT

    ölkjöl

    www.abgefreakt.de/abgefeiert [20:09]

    [20:12] lol wie witzig? ich hab grad vor ein paar Tagen morgens im Bett das abgefeiert gelesen und mega viel gefunden, wo wir schon vor Jahren beide waren 😂😂

    na top 😂😂 [20:13]
    ich glaub, ich mach mir noch ein bisschen beruhigende Musik im Hintergrund an haha [20:29]

    [20:29] machst direkt ein Ritual draus? 😂

    yes, genau das [20:29]
    ist jetzt meine Primetime [20:30]
    also geb dir Mühe [20:30]
    lol [20:30]

    [20:30] pressure 🥰🥰🥰

    alrighty, also du warst auch 2017 bei Giant Rooks? das war tatsächlich eins der ersten Konzerte, über die ich aufm Blog geschrieben hab 😅 [20:31]

    [20:32] das war eiskalt mein erstes & letztes Konzert, auf dem ich alleine war 👀

    warte [20:32]
    du warst nur ein einziges Mal ohne Begleitung aufm Konzert?! [20:32]
    no way [20:32]

    [20:32] absolut ist das so 😂

    das ist echt crazy, bei mir will immer keiner mitkommen😂😂 [20:33]
    also oftmals [20:33]
    siehe Kaltenkirchen haha [20:33]

    [20:33] ich schlepp meinen besten Freund halt immer mit, ob er will oder nicht 😂
    [20:33] siehe Kaltenkirchen 😂

    hahahahahaha [20:34]
    nee aber mal ehrlich, ich finde das ab und an auch super befreiend, allein auf Konzerte zu gehen [20:34]
    da haste niemanden, dem du dich anpassen musst. ist doch top? [20:34]
    oder war das Giant Rooks Konzert damals so ne schlechte Erfahrung, dass du danach nicht mehr solo losziehen wolltest? [20:35]


    [20:36] auf keinen Fall, das war sogar ziemlich schön, weil das Konzert schön war! aber ich teile währenddessen einfach viel zu gerne. ich glaube mir fehlt einfach was, wenn ich keinem mir bekannten Menschen sagen kann, wie geil ich das grad alles finde

    hmm [20:37]
    😂 [20:38]

    [20:38] verstehste nicht? 😂

    nee, ich hab ja das Internet, dem ich im Nachhinein alles erzählen kann [20:38]

    [20:39] ich hab wohl ein sehr großes Mitteilungsbedürfnis — sowohl vor Ort, als auch im Nachhinein. deshalb schreib ich auch am liebsten Konzertberichte

    das hört sich an wie eine Antwort bei nem Bewerbungsgespräch hahahah [20:40]

    [20:41] hier, dieses Foto hab ich damals meinem besten Freund vom Giant Rooks Konzert geschickt.. ich glaube, ich hatte eine gute Zeit 😂
    [20:41] (hab wie ne Sau geschwitzt mit dem Hoodie ey)

    .

    ….

    .

    .

    .

    .

    .

    ..

    hahaha sieht nach guten Vibes aus 😂🤡 [20:41]
    und beim ersten Merchdrop gleich zugeschlagen [20:42]

    [20:43] das hatte ich mir damals schon organisiert, als sie den Von Wegen Lisbeth Support gemacht haben & ich mich in teils Minderjährige schockverliebt habe, die am nächsten Tag Mathe-Abi geschrieben haben 😂😂

    haha, aber ich hab auch so ein Foto, warte… you would not recognize me [20:42]

    ….

    ….

    adfasdfa

    ….

    sfd

    ….

    hahahahah [20:44]
    😂🤡 [20:44]

    [20:45] oh was, die Kleine mit der Brille hab ich ne Zeit lang auf JEDEM verdammten Konzert gesehen 😂😂😂

    ahahahahahahhahah GEIL [20:45]
    und mich nicht?! [20:45]

    [20:45] nee, da klingelt gar nix 😂😂

    na toll 😂😂😂 [20:45]


    [20:46] offtopic: was geht eigentlich bei ihr, hab sie ewig nicht gespotted 😂😂
    [20:47] sonst war immer klar: wenn wir irgendwo schon sau früh aufgeschlagen sind.. sie war noch früher da 😂

    ach, das ist echt witzig. man man [20:48]
    wir waren auf jeden Fall auch zusammen bei Pure&Crafted und der Malzwiese und RAZZ [20:50]

    [20:50] das Pure&Crafted war g e i l

    voll! erste Mal, dass ich RAZZ live gesehn hab und da hatte ich ja mal so den Fangirl Moment haha [20:51]

    [20:53] Beim P&C haben doch auch abends die Kytes gespielt, das war auch heiß

    ja, da haben Kytes gespielt. das war auch der Grund, warum wir am zweiten Tag überhaupt hin sind. und alle nur so Interpol!1! und ich wusste damals noch nicht, wer Interpol sind [20:55]
    aber RAZZ, bester Auftritt [20:55]

    [20:56] … und meine Nocturnal Fanbox hat immer noch einen special Platz


    ja man [20:56]
    ich hab da alle meine Konzertkarten drin aufbewahrt 😅 [20:56]

    [20:57] hast du mir nicht letztens gesagt, dass da ein Rezept drin ist und ich wusste es einfach nicht? 😂😂😂

    jap. du hast das Lachs Rezept [20:57]
    ich hab Steffens Pancakes 😂 [20:57]
    aber die sind leider nicht vegan [20:57]

    [20:58] exactly! und ich hab’s immer noch nicht ausprobiert 🤡

    Skandal [20:58]
    dann haste ja jetzt Inspiration fürs Wochenende [20:58]

    [20:59] Nocturnal mal wieder ballern & dazu Lachsfilet snacken ✨

    yeehaw [20:59]
    ok hau raus. welches Konzert der oben angeführten fandest du am besten [21:13]
    bzw womit hast du jetzt im Nachhinein die schönste Erinnerung [21:13]

    [21:16] gimme a sec

    da brauchst du aber schon echt lang, um dich zu entscheiden [21:19]

    [21:21] Sorry, meine Nachbarin hat Zigaretten geschnorrt 😂😂😂😂

    haha [21:21]

    [21:25] also das RAZZ-Konzert im Festsaal war für uns stimmungsmäßig geil, ganz subjektiv! auf der Malzwiese war ich einfach dauerhaft angetrunken — da haben wir auch in der RAZZ-Crowd unangenehm auf uns aufmerksam gemacht. Da war aber der Rikas-Slot phänomenal geil, weil es war heiß & die Jungs haben dafür die perfekten Vibes.
    Drangsi & Giant Rooks jeweils im Huxleys waren einfach strange geil, weil man so ne krasse Entwicklung allein schon aufgrund der Zuschaueranzahl gefühlt hat. Aber am meisten gecatched hat mich von denen, auf denen wir gemeinsam waren, glaube das, was wir tatsächlich auch zum ersten Mal bewusst zusammen erlebt haben: Kaltenkirchen und Trille!
    [21:27] am witzigsten war der Cassia-Slot aufm Malzwiese, als diese aufblasbaren Strandbälle ins Publikum geschmissen wurden & die einfach alle 2 Sekunden im Pressegraben gelandet sind und die dann einfach irgendwann aufgegeben haben, die zurück ins Publikum zu werfen 😂

    siehst du das mit der RAZZ-Crowd ist mir gar nicht aufgefallen, weil ich ganz vorne stand haha😂😂😂😂 [21:32]
    und die Wasserbälle einfach, die niemand wollte. das war schon ein Highlight wow [21:33]
    Malzwiese war schon echt lustig, lieb ja immer noch das Festival und die ganze Geländegestaltung und so richtig. das war wie eine Grillparty nur in cool und mit Bands [21:34]

    [21:44] das war wirklich wunderschön ✨ die Stimmung war auch irgendwie einmalig. es war entspannen, es war feiern, es war BESTES EIS EVER.

    dieses Eis am Stiel? [21:46]

    [21:46] Yeeeeees, das war sooooooo geil

    genauso wie das Milchreiseis beim Stadt ohne Meer Festival [21:47]

    [22:04] äh? ich möchte bitte Milchreis? 🥺🥺
    [22:12] aber was war es denn bei dir? also das beste Konzert

    deeefinitiv Drangsal im Huxley’s [22:13]

    Vielen Dank an Jule für den abendlichen Chat!




  • COLBY LAFAYETTE

    COLBY LAFAYETTE

    Wieder einer dieser Künstler, der alle seine Songtitel in capslock schreibt. Obwohl, nicht alle – das Debütalbum 2018 und ein paar einzelne Singles machen mit der Groß- und Kleinschreibung eine Ausnahme. Bis zur COLBY EP 2019. Ein wenig später werden die farbigen Cover durch moody schwarz-weiß Fotos ersetzt, auf denen der Sänger oder viel mehr sein Hinterkopf in Szene gesetzt wird.

    Sieht man etwas mehr als den geschorenen Schädel und die silbernen Ringe im Ohr, dann hat Colby meist ein Streichholz zwischen Zähnen. Das Markenzeichen des fiktionalen Charakters. Colby Lafayette ist das Alter-Ego eines Typen, der nach der Highschool die College-Bewerbung gegen einen Umzug von Boston nach LA eintauschte. Sich dort persönlich und künstlerisch entwickelte. Und dann mit Colby Lafayette den Charakter fand, der all seine Kindheitsträume verkörpert – einen LA Rockstar, der stets lässig auf einem Streichholz kaut.

    Ein bisschen der coole Großstadt-Lucky Luke. Und die Beats ballern schneller als der Schatten der schwarz-weiß Fotografie. All die Übungsstunden haben sich gelohnt. Mit ersten Bands zu Rock und Grunge-Songs, dann auf der 2010er Hiphop-Welle als Songwriter und Produzent im eigenen Kellerstudio. Diese Musikrichtungen spiegeln sich in den aktuellen Releases von Colby wieder.

    Vor kurzem erschien SO BAD. Eine sechs Titel umfassende EP, die gänzlich während der Corona-Quarantäne entstand. Thematisch reflektiert der Künstler seine vergangene Highschoolzeit. Musikalisch ist es ein Schmelztiegel aus Rockelementen und einer hiphoppy Handschrift. Verbeulter Gitarrenklang und rauer Gesang, manchmal so nah, dass er in mich hineinkriecht. Doch immer zwischen melodiösem Sprechgesang, der den Schwung aus seiner Betonung zehrt und einprägsamen Hooks.

    Der Bass wiegt schwer und durchzieht die Songs mit einer bedrohlich- erdrückenden und gleichzeitig spannungsgeladenen Basis. Hier und da füllen Ad-Libs die neblige Atmosphäre, eine dumpfe Bassdrum und klickende Snare. Es entsteht ein Sound, der zu gleichen Teilen kühl-distanziert, innerlich ausgeglichen, zurückgelehnt scheint und doch mit seiner Grobkörnigkeit eine Funken sprühende Reibung erzeugt.

    Wie auf den Pressefotos posiert die Musik von Colby Lafayette monochrom. Die Tiefen düster hervorgehoben, mit einem Streichholz ständig den Zündstoff parat, ein gedankenverlorener Blick in die Ferne. Und vielleicht ist der Charakter Colby Lafayette schon längst mit seinem Schöpfer eins geworden.

    Fotos: choob (1,3), Eric Zeller (2)


  • UMBLÄTTERN

    UMBLÄTTERN

    Alternativer Titel: 10 Buchempfehlungen für ruhige Lektürestunden. Natürlich alles irgendwo auf die Musik bezogen. Zwischen Roman, Ratgeber und Wissenserweiterung.

    1. How Music Works – David Byrne

    David Byrne, vielen vielleicht bekannt als Sänger von Talking Heads, hat in die Seiten dieses Buches so ein umfassendes Wissen über Musik fließen lassen, dass ich es direkt zwei Mal lesen musste. Es ist eine Mischung aus Einblicken in seine eigenen Projekte und Gedanken zu Geschichte, Wirkung, Entstehung und Beschaffenheit von Musik. Wer wissen möchte, how music works, findet in diesem Werk die Ansätze für ein angeregtes Nachdenken darüber.

    2. Fangirls – Hannah Ewens

    Von der Lisztomanie – einer ersten Fanbewegung um den Komponisten Franz Liszt – bis zu den Fans von Lady Gaga, den Little Monsters. Hannah Ewens hält in ihrem Buch fest, was es bedeutet, ein Fangirl zu sein. Mit persönlichen Geschichten von Girls und für „every girl who has ever had an obsession“ sammelt die Autorin Szenen aus verschiedenen Fandoms und beleuchtet die Musikkultur mal nicht mit Blick auf die Künstler*innen, sondern deren Rückgrat – die Fans. 

    3. Der Tastenficker / Heute hat die Welt Geburtstag – Flake

    Flake ist der Tastenficker, der Keyboarder von Rammstein. In seinem ersten Buch erzählt er über sich, sein Leben, erste Banderfahrungen und Flugangst. Dann folgen in Heute hat die Welt Geburtstag schriftlich festgehaltene Rammstein-Momente. Vielleicht stimmt es und „niemand würde dieses Buch in die Hand nehmen, wenn [er] nicht in dieser Band spielen würde.“ Doch nachdem ich einige unterhaltsame Stunden mit beiden Werken verbracht habe und diese dann an meine Mutter (absolut KEIN Rammstein Fan) weitergab, war auch sie davon begeistert. Das liegt an dem Schreibstil, Humor oder der Verknüpfung und Verzettelung von Erinnerungen aus Flakes Leben. 

    4. Clothes, Clothes, Clothes. Music, Music, Music. Boys, Boys, Boys. – Viv Albertine

    Viv Albertine, the Slits und die Geschichte einer Frau, die sich ihren Weg in die britische Rockmusik erkämpft. Es geht um Music, Boys und Clothes wie die von Vivienne Westwood. Unbeschönigt und trotzdem mit einer Prise Witz gibt die Autorin einen Einblick in ihr Leben, die Höhen, rauen Tiefen und die Punkszene der Siebziger Jahre. 

    5. Wir zwei sind Du und Ich – Diana Raufelder

    Ich habe dieses Buch bestimmt schon zehn Mal gelesen. Weil es recht kurz ist. Aber vor allem, weil es ein wahres Wohlfühl-Buch ist, wenn es sowas gibt. Es ist eins der wenigen fiktionalen Geschichten, die noch in meinem Regal stehen, doch die Geschichte von Ri und Ben – einer ganz besonderen Freundschaft wärmt einfach das Herz an kalten Tagen. Die Autorin vereint in ihrer Erzählung Themen wie das Erwachsenwerden, Liebe, Herkunft, Verlust und dem Lampenfieber vorm ersten Bühnenauftritt. Mit einer Hauptfigur, die im Trubel von Berlin am liebsten in Plattenläden rumhängt und Leonard Cohen hört. 

    6. Lost and Sound. Berlin, Techno und der EasyJet – Tobias Rapp

    Auch dieses Buch findet in Berlin seine Kulisse. Der Titel verrät es schon, es geht um die Clubszene der Hauptstadt, das Nachtleben, die Partytouristen, die Afterhour. Berghain, Billigflieger und Bebauungsplane. DJs, House, Techno, Spreeufer für alle, Tresor, Watergate, Panoramabar. Ich könnte die Liste der Worte, mit denen Tobias Rapp auf dem Einband seinen Buchinhalt beschreibt noch fortführen, aber du konntest dir sicherlich bereits ein Bild machen. 

    7. All My Sons – Arthur Miller

    Wer sich schonmal gefragt hat wie Bands zu ihrer Namensgebung gekommen sind, weiß, dass sich manchmal die abgefahrensten Geschichten dahinter verbergen. Eine Geschichte, oder besser gesagt ein Drama, ist es im wahrsten Sinne des Wortes auch, das twenty one pilots zu ihrem Namen verhalf. All My Sons spielt im kleinbürgerlichen Umfeld der Familie Keller, die bei einem Treffen nicht nur das Verhältnis von Vater und Sohn, sondern auch Geschäftsethik und persönlicher Moral in Frage stellt und dabei gleichzeitig beantwortet, warum einundzwanzig Piloten sterben mussten. 

    8. Das Geschäft mit der Musik – Berthold Seliger

    Kritik an der Musikindustrie. Die übt Berthold Seliger in seinem Buch aus. Er beleuchtet dabei verschiedene Bereiche von Tonträger-Industrie, Gema bis zum Sponsoring, auch der Musikjournalismus ist mit von der Partie. Ich bin mir nicht sicher, wie aktuell einzelne Fakten, Zahlen und Ansichten sind, so sieben Jahre nach dem Ersterscheinungstag des Buches. Aber auch heute noch blätterte ich nachträglich ab und an durch die Seiten, um Strukturen und Vorgänge bei Musikveröffentlichungen, Konzertplanungen, Albenbesprechungen zu hinterfragen und zu überdenken. 

    9. Chasing Sound – Susan Schmidt Horning

    Von der Erfindung des Phonographen bis zur LP, Susan Schmidt Horning schildert in ihrem Buch die „Technology, Culture & the Art of Studio Recording“ mit Augenmerk auf die United States. Tonstudios und ihre Rolle bei der Musikproduktion. Von Momenten der Phonograph Fright, die die Musiker*innen überkam, weil sie es nicht gewohnt waren in Aufnahmegeräte zu singen. Oder die Arbeit von Tonmeister, -techniker, Produzent im Wandel der Zeit und Studioausstattung.

    10. Just Kids – Patti Smith

    Ein Klassiker. Wer dieses Buch noch nicht gelesen hat, sollte das schleunigst nachholen. Patti Smith beschreibt darin ihre Erinnerung an die Zeit und Freundschaft mit Robert Mapplethorpe. Und das tut sie mit einer gewaltigen Ausdruckskraft, Ehrlichkeit und Poesie, die ergreift. Ich hatte Tränen in den Augen und war gleichzeitig so bewegt, inspiriert von ihrer Leidenschaft für die Kunst, dass ich tagelang nicht schlafen konnte und spontan eine Reise nach London unternahm. Einfach, weil in dieser Geschichte so eine Energie steckt, die auf eine Art und Weise beflügelt. Just Kids ist definitiv eines meiner absoluten Lieblingsbücher. 


  • KAPITEL EINS

    KAPITEL EINS

    Tagebuch, Kapitel 1:

    Wo bleibt die Schwerelosigkeit? Wo sind die sorglosen Tagträume? Die Pläne für morgen? Wann fühlt sich der Alltag wieder an wie ein Riesenrad auf dem Jahrmarkt und nicht mehr wie ein Hamsterrad? Gibt es im Dezembergrau dieses Jahr noch etwas, worauf es sich lohnt zu warten? Oder Spontaneität? Einen Schritt aus der Komfortzone?

    Seit einem Monat hat die Vorlesungszeit an der Uni wieder begonnen. Genauso lang arbeite ich in meinem neuen Job. Immer von Montags bis Mittwochs. Der Rest der Woche geht für die Vorbereitung und Durchführung der Zoom-Seminare drauf. Zwischen dem Texte Lesen oder Telefonaten mit den Mitstudierenden laufe ich durch Berlin. Am liebsten, wenn es dunkel ist und mich niemand stört. Manchmal ist das alles, was ich an einem Tag schaffe. Da muss ich mich schon dran erinnern, zwischendurch auch etwas zu essen. Denn ganz ohne wäre es nicht wirklich gesund. Nur morgens, da gehe ich nichts ohne eine Portion Haferbrei mit Banane an. Und Kamillentee. Das ist genauso essenziell wie die Räucherkerze am Abend, die mein Zimmer vollqualmt und dabei hilft, Albträume vorzubeugen. 

    Immer wenn ich so ziellos durch die Straßen wandere, kommen mir unglaublich viele Ideen. Die Gedanken sprießen quasi zwischen meinen Schläfen, hinter die ich unablässig Musik pumpe, während meine Füße mich von Kreuzung zu Kreuzung und den Columbiadamm entlang tragen. Vor der Columbiahalle bleibe ich kurz stehen und kann kaum glauben, dass es noch dieses Jahr war, als Two Door Cinema Club hier ein Konzert gaben. Das war kurz bevor ich aus meiner Wohnung im Prenzlauer Berg geflogen bin. Dann zwischen meinem Elternhaus in Brandenburg, den Klausuren an der Uni und irgendwie einer King Nun Englandtour hin und her gependelt bin. Februar. Da haben sich die Ereignisse wie gewohnt überschlagen. Und irgendwie vermisse ich dieses spontane Pläne schmieden. 

    Mittlerweile habe ich mich in einer neuen Wohnung und meinem sehr schönen Zimmer eingelebt. Meine Familie habe ich seit über vier Wochen nicht mehr gesehen. Da bin ich mehr als dankbar und froh über die Arbeit und Uni im Moment, die mir wieder allerhand Aufgaben servieren. Vom verpassten Sommer ablenken. Und eine Beschäftigung geben, die über den Blog hinaus geht. Apropos, ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass ich ohne all die Konzertberichte fast ausschließlich Texte über Interviews schreibe? 

    Ist es komisch, dass ich doch allerhand zu tun habe und mich trotzdem genau jetzt nach mehr Action sehne? Ein bisschen Abwechslung? Wann habe ich das letzte Mal über neue Musik geschrieben, ohne dass mich jemand darum gebeten hat? Und wann die letzte Platte im verkramten Laden um die Ecke gekauft? Wo sind die Geschichten über Leute, die ich nach Konzerten beim Warten auf die Band treffe? Warum muss ich beim Schreiben jeden Satz zehn Mal überdenken, bevor er mir gefällt?

    Bin ich festgefahren? In den eigens gesetzten Grenzen? Wie auch immer die Antworten darauf ausfallen, ich habe die letzten Tage eine Menge Spaziergänge gemacht. Und eine Menge an Ideen und Gedanken, neuen Songs, Rezepten und Bekanntschaften versammelt. Ich will was verändern, will die ganze Physik. Ich will mich verändern, so wie Dynamit.


  • ALL TOGETHER NOW

    ALL TOGETHER NOW

    Ein markerschütternder Schrei zerreißt den sonst sonnigen Samstagnachmittag. Adrenalinrausch. Mit 9,81 Metern pro Sekunde beschleunigt der Körper im freien Fall. Die Füße sind mit einem elastischen Seil an der Hebebühne befestigt, kopfüber dem blanken Betonboden entgegenrasend. Ich steuere mit meinem Fahrrad direkt auf das Szenario zu, vorbei an der Bahnstation Warschauer Straße und zum Eingang des RAW Geländes. Mehr oder weniger gekonnt manövriere ich an den ganzen Schaulustigen vorbei, die ihre Handykameras dem blauen Himmel entgegenstrecken.

    Dann blicke ich ebenfalls auf mein Handy. Doch nicht um ein Video zu machen, sondern mir eines anzusehen. Es zeigt rar besetzte Biergarten-Garnituren, eine bretterbeschlagene Bar und schwarze Sonnenschirme. Wäre im Hintergrund nicht ein Turm mit Boulderwand zu sehen, hätte ich den Ort der Aufnahme und mein heutiges Ziel fast nicht erkannt – der Kegel neben dem Cassiopeia. Also rolle ich über das mit Schlaglöchern versehene Gelände, zu beiden Seiten leuchten die Graffitis in der Sonne. Neben dem Cassiopeia schwinge ich mich vom Sattel und schließe mein Fahrrad kurzerhand an dem Terrassengerüst vom Emma Pea Café an. Dort war ich das letzte Mal zum King Nun Interview mit Theo. Heut darf ich dem Trio von Koko meine Fragen stellen.

    Das Fahrradschloss klickt, ich schultere meinen Rucksack. Am Ende des Gangs, der links vom Musikclub, rechts vom Kegel begrenzt wird, winkt mir bereits die Band zu. Ich schreite unter der Diskokugel und einem Netz aus bunten Lichtern hindurch, dann stehe ich selbst in dem Biergarten. Neben mir ein Tisch, an dem Harry, Oli und Ashley in Begleitung ihres Managers sitzen. Jemand bringt die leeren Biergläser weg, während ich mich mit Ashley, dem Gitarristen der Band, über Frisuren und meine bereits verblichene grüne Haarfarbe unterhalte.

    Das letzte Mal als ich die Gruppe sah, war Anfang April über den Bildschirm des Mobiltelefons. Wir verabredeten uns zu einem Videocall und der Release ihrer ersten EP Follow lag noch nicht lang zurück. Jetzt, fast ein halbes Jahr später, steht die Veröffentlichung ihrer zweiten EP bevor, Shows beim Reeperbahn Festival wurden gespielt und ein Ausflug nach Berlin geplant. Als sie mir damals am Telefon versprachen, dieses Jahr auf jeden Fall noch nach Deutschland zu kommen, habe ich nicht wirklich daran geglaubt. Und nun schreiten wir zu fünft über das Gelände, auf der Suche nach einer ruhigeren Ecke. Vom Badehaus erklingt Livemusik bei einem Sitzkonzert, unweit des Astra Kulturhauses der gelegentliche Schrei von Bungee Springenden.

    Oli und Harry, den Handrücken fest gegen den Riemen der Handycam gepresst, filmen Nahaufnahmen von ihren zu Grimassen verzogenen Gesichtern und der bunten Kulisse. Dann überreichen sie den silbernen Rekorder mit Klappdisplay an ihren Manager, um sich neben mir auf einer Treppenstufe niederzulassen. Abgesehen von zwei Mädchen, die zu lateinamerikanischer Musik ein Tanzvideo filmen, sind wir hier ungestört und ich krame im Rucksack nach dem Handy für den Voice Recorder und im Gedächtnis nach einer ersten Frage für die britische Band.

    „Wie wär’s, wenn ihr damit anfangt, dass ihr in Hamburg fast verhaftet wurdet?“, kommt es vom Koko Manager, der am Treppengeländer lehnt und mit einem breiten Grinsen die Handycam auf uns richtet. Sogleich tauschen die drei Jungs belustigte Blicke aus, bevor Harry zu einer Anekdote ansetzt, die auf dem Gebrauch von Elektrorollern in der Hansestadt basiert. „Wir sind in Hamburg mit so einem gefahren.“ Wohlwissend, dass pro Gefährt nur eine Person zugelassen ist, schwang sich Harry zu Oli auf den Roller und dann… naja: „Die Polizei ist aus ihrem Auto gesprungen und hat uns angehalten. Aber wir sind glücklicherweise nochmal davongekommen.“ Mit einem Augenzwinkern fügt Oli hinzu, dass sie ja „aus England kommen und das nicht wussten.“

    So kamen Koko unbeschadet aus dieser Sache raus und für ihre beiden Auftritte beim Reeperbahn Festival auf die Bühne. Einmal unter freiem Himmel im Festival Village und einmal im Uebel und Gefährlich. Auch wenn die Konzerte unter den Corona-Beschränkungen stattfanden, ist das Trio glücklich wieder vor Publikum zu spielen: „Wir hatten einiges für den Sommer geplant, Gigs und Festivals. Wegen Covid konnten wir dann nicht viel machen, außer Musik zu schreiben. Deshalb war es umso schöner, wieder auf der Bühne zu stehen – auch wenn es etwas ungewohnt war, dass die Leute in kleinen aufgemalten Kästchen saßen.“

    Nach kurzem Überlegen sagt Oli: „Es war schon etwas seltsam. Die Leute durften sich auch nicht so wirklich bewegen und wir sind ein tanzendes und springendes Publikum gewohnt,“ seine Hände spielen unruhig mit den Ärmeln seines Pullovers, der locker um die Schultern gelegt ist, „Aber diese Erfahrung ist trotzdem besser, als wenn wir es gar nicht gemacht hätten.“ Mit leuchtenden Augen versichert der Sänger die Liebe der Band zu Konzerten. Und auch wenn ein Virus sie aktuell von den Bühnen fern hält, über ausgelassene Shows und Traumauftritte zu fantasieren, lenkt einen Moment von der eher tristen Aussicht für Livemusik ab.

    „Also als erstes würden wir in einem Raumschiff auf die Bühne kommen.“ Noch während diese Worte gesprochen werden, hört man bereits verrücktes und amüsiertes Lachen von den anderen Bandmitgliedern. „Wir würden in einer Arena auftreten, mit atemberaubender Lasershow. Es gäbe Bier umsonst, das unablässig in die Menge gegeben wird. Und im Publikum würden alle ihre Shirts ausziehen, verschwitzt vom vielen Tanzen. That’s what we want. Wir wollen, dass jede*r bei unseren Konzerten einfach eine gute Zeit hat.“

    Auch in ihren letzten Veröffentlichungen versucht die Band, negative Gedanken durch einen optimistischeren Blick auszutauschen. Mit den Singles All Together Now oder So Nice To Meet You, die schon vor einiger Zeit entstanden sind, spiegeln sie unbeschwerte Momente, neue Begegnungen wieder. Beim Tanzen kurz die Alltagssituationen vergessen oder tongue out, get silly with it. Verbunden mit dem sorglosen Gefühl der Songs löst die Farbe Gelb der kommenden EP das Pink ihres Vorgängers ab. 

    „Was würdest du denn als nächste Farbe vorschlagen?“, fragt mich Oli neugierig. Vergeben sind bereits pink, gelb, und rot für die beiden alleinstehenden, musikalisch aggressiveren Stücke (I Don’t Wanna) Start Fights und Now That I’m Wanting More. Doch ohne den Sound der kommenden Songs zu kennen, fällt mir keine passende Antwort ein. „Fair Enough… Es wird Clubmusik.“ Wieder müssen wir lachen, während der Sänger mit einem itzitzitz scherzhaft einen Beat imitiert. „Ist als nächstes denn wieder eine EP geplant oder kommt bald das Debütalbum?“, stelle ich die Gegenfrage.

    „Jetzt sind wir ja grad bei der zweiten EP. Darauf folgen vielleicht noch ein, zwei. Wir wollen erst eine Fanbase aufbauen, bevor wir ins kalte Wasser springen und gleich zehn Songs auf einmal veröffentlichen. Aber ein Album wird kommen!“ 

    „Ja! Denn wir sind ständig am Schreiben,“ schließt sich Ashley an die Erklärung von Harry an, „Wir schreiben selbst hier in Berlin an neuen Songs.“ Und das zum Beispiel zusammen mit der Künstlerin Nina Chuba. Die neue Stadt und neue Personen bringen dem Trio frische Energie und Ideen, gelegentliche Abwechslung im kreativen Prozess. „Es ist cool mit jemandem zusammenzuarbeiten, die den gleichen Vibe hat wie wir. Nachdem man so lange mit denselben Leuten im Studio steckt, macht es Spaß, sich auch mal mit anderen auszutauschen.“

    Ashley wackelt mit seinen Latschen, in denen ein Paar weißer Socken stecken. Auf dem Kopf ein schwarzer Anglerhut mit St.Pauli Schriftzug und Totenkopf. „Coole Mütze!“ ruft eine Frau, die uns beim Vorbeigehen beobachtet hat. Ich muss grinsen, doch erst als Ashley unbeirrt mit seiner Beschreibung vom Songwriting Prozess fortfährt, fällt mir ein, dass die Jungs das Kompliment der Fremden ja gar nicht verstanden haben. 

    „Ich glaube mit der Entwicklung von EP 1 zu EP 2 hat sich vor allem unser Denkvorgang geändert, was das Schreiben betrifft. Zu Anfang sind wir mit einem Plan in die Session gekommen und haben uns vorher Gedanken gemacht. Aber ein konkreter Plan kann meist nicht genau erfüllt werden. Wenn man stattdessen offen an die Sache rangeht, ist alles möglich. Wenn es gut wird, wird es gut und wenn nicht, dann eben nicht. Wir bekommen bessere Ergebnisse, seit wir nicht mehr im Voraus die Messlatte so hoch legen, dass wir dann nicht drüber kommen.“

    Sie schreiben, was sie wollen. Im wahrsten Sinne des Wortes und ohne festes Genre. „Wer sagt, dass wir nächste Woche keinen Jazz Song veröffentlichen können?“, wendet sich Oli an die Runde. Es entbrandet eine Diskussion über Einflüsse und der Versuch, den Sound von Koko zu beschreiben. Zwischen Elementen aus Hip Hop, Dance Music und vielleicht Punk. Doch die Haltung bleibt Anti-Genre. „Wir wissen zwar, was wir wollen, aber wir können es nicht beschreiben, bevor der Song fertig ist.“

    Und in der Regel sind neue Lieder bei Koko schnell in Sack und Tüten. „Nachdem wir anfangen zu schreiben, ist der Song in beinahe zwei Stunden fertig. Das geht schnell bei uns. Und wenn wir es am Ende des Tages nur bis zum Chorus geschafft haben, dann werden wir es wahrscheinlich nicht mehr abschließen und gehen direkt zum nächsten.“ Ich kann mein Erstaunen darüber kaum verbergen und frage das Trio, ob sich bei so einem kurzlebigen Prozess nicht im Nachhinein Zweifel an den getroffenen Entscheidungen oder Änderungswünsche einschleichen. 

    „Kommt drauf an… Wir haben immer ein kleines Team um uns, das uns unterstützt. Wenn wir Songs geschrieben haben und sie dann zur Seite packen, kann es vorkommen, dass jemand sein Gefallen an einem bestimmten Element aus einem vorigen Stück äußert. Dann nehmen wir uns auch ältere Songs wieder vor und schauen uns das nochmal an“, erklärt Harry. Das gleiche gilt auch für die dazugehörigen Texte. Ein Beispiel dafür ist Eyes So Wide, den Oli direkt anstimmt, um mir den ursprünglichen Chorus im Vergleich zum jetzigen vorzuführen.

    Ashley fasst das Ganze abschließend mit einem „Jeder Song hat seinen eigenen Prozess“ zusammen. Und dass das Studio einen großen Einfluss beim Entstehungsprozess von Koko’s Musik hat, bestätigt die Band mit nachdrücklichem Kopfnicken. Der Versuch neue Stücke in Hotelzimmern oder während der Quarantäne über Zoom zu komponieren wollte nicht so richtig gelingen. Es ist einfach nicht das selbe ein gemeinsames Treffen im Studio. „Wir lieben dort die Möglichkeit, direkt beim Herumprobieren die Freiheit zu haben, dazu zu tanzen und den Vibe auf uns wirken zu lassen.“ 

    Anders als Gitarrenbands, die beim Jammen schreiben, erspürt das Trio die Dynamik des Songs im Raum, der zuerst mit einem elektronischen Beat erfüllt wird. Dann folgt das melodiöse Gerüst. Bei Ashley’s Erklärung dreht sich Oli kurz vom Treppenaufgang weg. Als der Sänger wieder schmunzelnd in die Runde blickt, deutet er mit dem Daumen hinter sich: „Ich liebe, dass es alle zehn Sekunden einen Schrei von diesem Bungee Jumping dort drüben gibt.“ Darüber müssen wir alle lachen. (Auch als ich dieses Interview anhand der Tonaufnahme abschreibe, amüsiere ich mich noch über die im Hintergrund ertönenden Soundeffekte).

    „Ich würde übrigens niemals Bungee jumpen, also fragt mich das nicht! Ich habe Höhenangst.“ Ashley geht da einen Schritt weiter als Oli: „Ich würde aus einem Flugzeug springen. Aber nur wenn mich jemand, der das professionell macht, begleitet. Doch Bungee Jumping… Erst recht nicht mit dem blanken Beton als Aussicht.“ Harry nimmt zu dieser luftigen Thematik keine Stellung. Seine Sonnenbrille steckt in den wirren Haaren, während er belustigt mit dem Kopf wackelt. 

    Dafür ist er der erste, der auf meine Frage nach aktuellen musikalischen Neuentdeckungen antwortet. „Daði Freyr! Wir hatten seinen Song Think About Things an, als wir uns fürs Reeperbahn Festival fertig gemacht haben.“ Oli hörte in letzter Zeit das neue Album von Charlie XCX. Ashley setzt auf Drake. Doch auch hier folgen Koko keinem Genre. Manchmal läuft die Massive Dance Hits Playlist, gefolgt von einem Elvis Album oder Johnny Cash. 

    Dieser Kontrast schein Ashley zu faszinieren, der anfängt über die Relevanz von Album vs. Playlist nachzudenken. „Ein ganzes Album anzuhören, das hat schon einen roten Faden und macht Sinn. Und Musik heutzutage ist so vergänglich, nur noch Hit nach Hit.“ Darauf erwidert Oli etwas, das ich nicht verstehe und schneller als ich mich versehe, brechen die Jungs erneut in Lachen aus. Harry und Oli haben den gleichen Gedanken synchron ausgesprochen. Es folgt ein Schmunzeln, Abklatschen und Harry sagt: „Du schuldest mir ein Bier!“ Was Oli nur mit einem „wait what. I bought you like ten last night“ erwidert.

    Schmunzelnd verlassen wir den Treppenaufgang, auf dem wir die letzte halbe Stunde verbracht haben. Wir streichen unsere Hosen glatt, Oli dreht seine schwarze Kappe mit dem Schirm nach hinten. Noch ein letztes Foto vor einer bunten Häuserwand. Dann trennen sich unsere Wege am Standort der Hebebühne wieder, nachdem wir kurz selbst die Springenden beobachten. Der Hebearm bis zur letzten Stufe ausgefahren und oben auf der Plattform gibt ein Typ den letzten Schubs zum freien Fall.

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Koko am 19.09.2020 in Berlin entstanden.


  • UP CLOSE

    UP CLOSE

    Der Karton fühlt sich glatt an, als ich sanft über die quadratische Hülle streiche. Eine rote Sonne zerfließt unter meinen Fingerspitzen, während die surreale Landschaft still in der Abenddämmerung liegt. Sterne glitzern auf dem von unberührten Dimensionen gekerbten Boden und leichte Wolken schweben im aprikosen-fliederfarbenen Himmel. Vorsichtig ziehe ich eine schwarze mit weißem Text bedruckte Schutzhülle aus dem Cover. Die letzte Schicht und das Herzstück ist freigelegt.

    Gedankenverloren drehe ich die Schallplatte in meinen Händen. Orange, hier und da schimmert etwas Gelb, von rostroten Fäden durchzogen. Die Farbe leuchtet satt in dem schräg durch das Fenster einfallenden Licht. Und geht Ton in Ton mit der Rückseite des Covers, auf der in großen Buchstaben zehn Songtitel stehen. Fünf davon blicken mir vom Plattenlabel entgegen, das sich langsam auf dem Drehteller bewegt. B-Seite, Up Close EP und in einem Kästchen darüber der Bandname: Sultans Court.

    Good Enough

    Bedacht senkt sich der Tonarm des Plattenspielers ab. Es knistert kurz, dann tauchen aus einem kindlichen Stimmengewirr entfernte Sirenen auf. Sie tragen den Refrain des ersten Songs. Auftakt der neuen EP und gleichzeitig ein markiertes Ende im Songwriting Prozess. Bis hierhin haben Julius Klaus und Konstantin Hennecke als Duo Songs geschrieben und produziert, danach zieht ein Vierergespann die Register für alle Melodien. Was auf einer Mitfahrgelegenheit zum MS Dockville Festival als Zweierkonstellation entstand, bekam durch erste Konzertauftritte Zuwachs und wurde zu einer Band. So finden sich für Up Close auch Markus Hartung und Leander Kohn zum Songwriting im Studio wieder.

    Neu ist nicht nur das gemeinsame Komponieren, auch die eigenen Ansprüche sind im Vergleich zu ihrer Debüt EP From Afar gestiegen. Sultans Court wollen mit ihrer Musik etwas Originelles erschaffen, sich auf neues Territorium vorwagen und vor allem: „Sich selbst überraschen! Wir haben eine Abneigung dagegen, den gleichen musikalischen Move nochmal zu wiederholen, nur weil er früher funktioniert hat. Das wird direkt langweilig und steril.“

    Also begeben sich die vier Musiker auf eine Reise. Zu sich selbst, den Abgründen ihrer Kreativität und ins Weserbergland. Dort befindet sich Markus’ Elternhaus, das sie für die Entstehung von EP Nummer zwei als Rückzugsort vor dem Großstadtwahn Berlins aufsuchen. An mehreren Wochenenden und einem verlängerten Aufenthalt über den Jahreswechsel hat die Band die Möglichkeit, sich komplett auf ihren Sound einzulassen und den Fokus weg vom städtischen Alltag auf die Musik zu lenken.

    „Ich glaube, das ist kopfmäßig schon hilfreich, wenn man nicht nur stückweise zwischendurch daran arbeitet, sondern sich voll darauf konzentriert“, sagt Julius, der zuvor mit Konstantin zusammen in dessen Zimmer an Songs gefeilt hat. „Wenn man extra dafür wegfährt, gibt es auch diesen festgelegten Zeitraum, wo man weiß, am Ende möchte man mit irgendetwas rausgehen, das inspiriert und vielleicht sogar eine Tür für einen kompletten Song öffnet. Das haben wir auch oft geschafft. Aber nicht immer.“

    Denn so schön die Vorstellung von einem gemeinsamen Wochenende in WG-Atmosphäre auch ist, mit Kochabenden oder Saunagängen, so schmerzlich fühlt sich ein Tag ohne brauchbare Ergebnisse an. „Musikproduktion ist das Gegenteil von Fließbandarbeit“ und werden sie nicht gerade von der Muse geküsst, die aus anfänglichen Loops die schönsten Klangskulpturen meißeln lässt, stehen Sultans Court als Band auch einigen Herausforderungen gegenüber.

    Running

    Beständig kreist die Schallplatte auf dem Spieler, die Nadel tastet sich die Rille entlang. Aus den Lautsprechern fließt ein flimmernder Klang, bald von einem Beat, einer luftigen Flötenmelodie begleitet. Für den zweiten Song auf der EP war diese Flötenmelodie der Schlüssel oder eher das Brecheisen, um eine lang verschlossene Tür einzutreten. Die grundlegende Idee, aus der sich ein Song entwickelte, der bis dahin für Verzweiflung und strapazierte Nerven sorgte.

    „Die größte Herausforderung war der letzte Track, den wir geschrieben haben, Running. Wie auf der vorigen EP wollten wir nochmal fünf Songs veröffentlichen, doch wir hatten erst vier geschrieben, die wir cool fanden. Also brauchten wir noch einen. Und dann sollte es auch potenziell eine Single werden. Das war über Silvester und irgendwie war das ganze Jahr schon gelaufen, wir hatten viel geschrieben und waren deshalb ziemlich leer. Da ist dann Tag für Tag vergangen und es kam nichts bei rum. Am Ende wurde es natürlich immer zäher.“

    Kreativität kann man nicht erzwingen, wie Sultans Court feststellen mussten. Und manchmal kommt sie dann unvorhersehbar, ohne ein Wissen woher, zwei Tage vor der Abfahrt. „Wir sind auf diese Flötenmelodie gekommen und das war dann endlich der Auslöser.“ Oder die Ablösung von Tagen, die auch Markus als sehr schwierig und anstrengend in Erinnerung hat. Sonst war er immer der erste, der sich nachts ausgelaugt ins Bett fallen ließ. Doch „als wir gemerkt haben, dass sich endlich der Song entwickelt, saßen wir die letzte Nacht noch bis fünf, sechs Uhr morgens daran. Da meinte Julius nur ’jetzt scheint es interessant zu werden, Markus bleibt so lange wach.’“

    Mit einem Schmunzeln rufen die Bandmitglieder den Moment zurück ins Gedächtnis, an dem sich ihr Tunnelblick entschärfte und die Sicht auf vorher nicht berücksichtigte Möglichkeiten freigab. Auch Julius, der nach halbherzigen Gesangaufnahmen kurzerhand das Mikrofon hinwarf, ließ sich im Nachhinein von deren ungeahnten Potenzial überzeugen. „Ich dachte erst, das ist totaler Bullshit, den ich gerade gemacht habe… Und dann wurde das aber der Chorus.“

    Nach langer Arbeit ist es soweit. Ein eigener Song, stimmig und den gesetzten Anforderungen entsprechend. Glückshormone werden ausgeschüttet oder Höchstgefühl, ein Kick. Das Streben danach sollte jedoch nie das eigene Wohlbefinden einschränken. „Darauf wollen wir achten. Es kann auch gefährlich sein, sich diesem Druck auszusetzen, weil man sich dadurch komplett entleert. Die Energien sind weg, die man normalerweise in sich selbst investiert. Denn in Musik Energie reinzustecken bedeutet nicht gleichzeitig, dass man sich pflegt und etwas für sich macht. Ich glaube, das haben wir bei der letzten und auch dieser EP wieder gelernt.“ 

    Mit einem Ausflug in die Therme sind Markus und Julius der ständigen Suche nach einer passender Melodie entflohen. Konstantin schwingt, um kurzzeitig Abstand zur Arbeit zu gewinnen, lieber den Kochlöffel. Dass sich das Songwriting jedoch nicht immer so zäh ziehen muss wie bei Running, zeigen die ersten Schreibversuche in der Viererkonstellation. 

    Warning Signs

    Der dritte Song schließt sich unmittelbar an einen letzten Textfetzen vom vorigen an. Dumpfe Drums, düster-sirrende Atmosphäre über die sich gehauchter Gesang legt. Irgendwann sind im Hintergrund zwitschernde Amseln aus dem Weserbergland zu hören. Warning Signs ist der erste Song, den Julius, Konstantin, Markus und Leander gemeinsam geschrieben haben. Die Herangehensweise war entspannt und durch den gelungenen Start in die EP mit Good Enough beeinflusst, sodass die Band nicht lange auf die zündende Idee warten musste.

    „Es gab relativ schnell diesen Moment, wo es einfach geflossen ist. Wir hatten wieder einen Loop und dann diese Bassline. Die hat eigentlich entschieden, wie der Song endet.“ Dass die Entstehung von Warning Signs intuitiv so gut lief, sieht man auch, wie Konstantin findet, an den nur minimal vorhandenen Unterschieden zwischen Demo und Endversion des Songs. „Selbst Mixing-Einstellungen wie die Vocals, die in der Demo meist eher sporadisch sind, blieben am Ende fast genauso. Der Vibe war perfekt.“

    Einen Song im Nachhinein aufzupolieren ist immer eine Gradwanderung. Und die Entscheidung schwer, ab wann das Kompromisslose und Raue beim Versuch, das beste aus einem Stück herauszuholen, verloren geht. In manchen Momenten bedeutet es auch, wieder mit den nachträglichen Einstellungen zurückzurudern. „Am Ende sollte die ganze Sache noch Reibung erzeugen können. Dadurch muss es an bestimmten Stellen einfach rough bleiben und man lässt eigenartige Elemente drin, die man am Anfang macht. Das gibt dem Song Charakter.“

    Zwischen Banalität und Komplexität finden Sultans Court ihren Sound. Gegensätzliche Herangehensweisen der Bandmitglieder treffen genau in der Mitte aufeinander. Wo Julius noch einen draufsetzen will: „Ich wäre nie fertig mit einem Song und würde immer weiter machen“, zieht Konstantin die Schlusslinie: „Bei mir liegt das auch daran, dass ich zu Anfang Hip Hop Beats produziert habe. Die sind ja oft sehr simpel und dadurch ist man schnell an dem Punkt, dass es jetzt passt“.

    Run Over

    Die Nadel des Plattenspielers hat bereits die zweite Hälfte der B-Seite überschritten, unter ihr dreht sich das gesprenkelte Orange. Run Over als Beispiel dafür, dass sich Julius mit seinem zerstörerischen Ansatz beim Songwriting auch durchsetzen kann. „Der Song wurde nochmal komplett auseinandergenommen.“ Nichtsdestotrotz versichert der Sänger: „Es gibt schon einen Punkt, an dem man das Gefühl bekommt, es ist jetzt gut.“

    Sobald das erreicht ist und die Songversion fürs erste final, kommt mit angekündigten Konzerten eine erneute Überarbeitung auf die Gruppe zu. Die meisten Stücke werden ganz ohne Berücksichtigung von späteren Live-Auftritten geschrieben, um die vier Musiker in ihrer Kreativität nicht einzuschränken. Markus, der durch frühere Bands noch direkt bei den Proben an Songs arbeitete, merkt „wie befreiend es sein kann, weil man eben nicht so viel hinterfragt. Vieles lässt sich für einen Live-Kontext auch im Nachhinein noch lösen und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Dann klingt es halt ein bisschen anders.“

    „Ich selbst freue mich als Konzertgänger und Zuhörer, dass die Studioversion auch anders klingen kann als die Liveversion,“ fügt Julius hinzu. „Und es ist total spannend als Musiker das Ganze wie eine Art Übersetzer zu betrachten. Zu sehen, was in der Studioversion funktioniert und live überhaupt nicht. Und sich dann zu überlegen, wie man es am besten übersetzt.“ Dass sie all ihre Songs ausschließlich am Computer komponieren, trägt auch zu dem Ansatz bei, ständig das Gesamtbild im Blick zu haben. Hier gibt es keine Egos. „Wenn die Gitarre nur einen Ton spielt, dann spielt sie nur einen Ton. Insgesamt macht die Summe aller Teile es gut und nicht ein einzelnes.“

    Dabei schimmert der Perfektionismus von Sultans Court durch. Die Liebe zu jedem kleinen Detail, das seinen Weg in einen Song findet und ihn damit für die Band so hörenswert macht. Und auch wenn es manchmal auslaugend ist, sich die Musik nur digital zu erschließen, wenn ein unveränderter Loop tagelang durchläuft oder das Gefühl des Musikmachens beim Kuratieren vom eigenen Material für kurze Zeit in den Hintergrund rückt – „Ein einziges gutes Sample oder Instrument, was du zuvor noch nie gehört hast, kann direkt eine neue Ebene öffnen. Und in eine Richtung lenken, die vielleicht spannend ist.“ Zuerst scheint es vielleicht absurd, doch bekennt man „Mut zur Dummheit“, ist offen für neue Elemente, dann kann der nächste Ohrwurm entstehen. Oder eine ganze EP.

    Sublime

    Der letzte Song breitet sich wie eine rauschende Welle aus. 4:20 Minuten, dann ebbt der Klang ab. Mit einem Ruck hebt sich der Tonarm, der Drehteller wird langsamer. Ich halte die farbige Scheibe erneut in den Händen und stecke sie behutsam zurück in ihre Hülle. Das ist also Up Close. Die A-Seite hat ihre eigene Geschichte. Noch einmal streiche ich fasziniert über das Cover, bevor es ganz vorn im Stapel meine Plattenkiste ziert.

    Dieser Text ist auf Grundlage eines Interviews mit Julius, Konstantin und Markus am 25.09.2020 in Berlin entstanden. Fotos: Steve Glashier (1,3), Jeanette von Bear Film (2,4)


  • MOLOTOW, THE KECKS UND EIN BACKYARDKONZERT

    MOLOTOW, THE KECKS UND EIN BACKYARDKONZERT

    Kleingehäckselte Pflanzenteile wehen auf meine Windschutzscheibe. Es ist Erntezeit und der Traktor vor mir hat seinen Hänger vollgeladen. Langsam schlängeln wir uns die Landstraße entlang, der Gegenverkehr zieht vorbei, die Sonne lässt aufgewirbelte Staubwolken über den Feldern flimmern. Noch eine Stunde bis zum Ziel und im Kofferraum rollen ein Dutzend Äpfel bei jeder Kurve von rechts nach links, links nach rechts, weil der Obstkorb umgekippt ist. 

    Zur Mittagszeit biege ich in die Auffahrt ein, bergan. Vor geschlossenem Garagentor kommt das Auto zum Stehen. Ich steige aus. Die rechte Hand schwebt über dem Klingelknopf und in der linken ruht ein erneut gefüllter Obstkorb, als meine Schwester schwungvoll die Tür öffnet. Nicht ganz zwei Wochen ist mein letzter Besuch her und wir hätten beide nicht mit so einem baldigen Wiedersehen gerechnet. Doch wenn’s Konzert ruft, rufe ich nur in den seltensten Fällen teilnahmslos zurück. 

    Also ging es auf in die Hansestadt an der Elbe. Nach einem kleinen und besagten Zwischenstopp bei der Verwandtschaft. „Und, welche Band spielt heute?“ Die Stirn des Freundes meiner Schwester verzieht sich zu einem fragenden Runzeln, als ich ihm beide Gruppen des Abends nenne. Leider ist keine Zeit mehr für ausschweifende musikspezifische Einordnungen und ich schiebe mir noch schnell ein Brot hinter die Binde, bevor ich abermals im Auto sitze. Rückwärtsgang rein, bergab. Und dann Richtung Hamburger Innenstadt. 

    Reeperbahn, um genau zu sein. Seit das Molotow an den Wochenenden wieder geöffnet hat, war ich wohl öfter zwischen Neonlicht und Fischbrötchen unterwegs, als bei Sonnenschein im Park. Aber wer sagt schon nein zu einem Abend mit Zitronenlimonade und DJ-Set im Hinterhof des Lieblingsclubs? Und meine Liebe zum Molotow habe ich längst gestanden. Tausend Luftsprünge gab es obendrein mit der Ankündigung von künftigen Backyard Konzerten. Auf eines werde ich heute gehen. Der Anlass meiner spontanen Reise.

    Die Schlange der Wartenden wirkt wegen der Abstandsregelung seltsam auseinandergerupft. Vor dem Eingang verteilt jemand kleine Schnipsel zur Datenerfassung. Doch das Blatt in meiner Handfläche biegt sich unter dem Druck der Kugelschreibermine und jetzt sieht es so aus, als hätte eine Zweitklässlerin ihre erste Schreibschrift ausprobiert. Hinter mir hickst eine Männergruppe Phrasen auf dänisch, über die sie unglaublich amüsiert lachen. Auf ihrem Zettel steht ein einziges Gekrakel. Dafür hätte es auch mit Auge zudrücken kein Bienchen gegeben. 

    Der Einlass geht zügig und die bunt beklebte Box füllt sich mit gefalteten Adressschnipseln. An die fünfzig Leute haben Karten für das ausverkaufte Konzert. Ich trete in den Gang und hinter die rote Fassade. Im Hof stehen wie gewohnt Bänke unter weißen Schirmen. Bunte Lichterketten verhängen den dämmernden Himmel. Auf der Bühne sind Instrumente drapiert, die in einem leichten Kunstnebelschleier versinken, Scheinwerfer strahlen in rotem Licht. Ach, wie habe ich diesen Anblick vermisst.

    Bedacht stelle ich meine angebrochene Limonade zu meinen Füßen ab, als vier Personen nacheinander auf die Bühne treten. Ich beobachte gebannt, wie sich die Gruppe hinter Instrumenten und Mikrofon platziert. Der Gitarrist vervollständigt als letzter das Bild der Band. Vorher drückt er einem Mädchen in bestickter Jeansjacke noch schnell sein Handy in die Hand. Ein Livestream für Daheimgebliebene. Zoom auf den Sänger im gestreiften Hemd. Dann ein Schwenk auf die anderen Bandmitglieder, die unter zuckenden Lichtern zum ersten Song ansetzen.

    The Kecks. So steht es im Programm. Eine Gruppe Wahlhamburger mit Ursprüngen in Australien, Österreich und der UK. Kennengelernt haben sich die Mitglieder auf einer Busfahrt nach Berlin, die sie zu einem The Growlers Konzert brachte, und außerdem selbst auf die Bühne. Wie heut im Molotow. Für die Kecks hat dieser Club ebenfalls Lieblingsort-Status, mehr Bedeutung als ein zweites Zuhause. Und so kommt es, dass sie nicht nur als Vorband von Abramowicz, sondern auch das erste Backyard Konzert der Saison eröffnen. 

    Rauschender Gitarrenrock dröhnt aus den Lautsprechern. Die Bank, auf der ich sitze, wippt auf und ab wie der Fuß meiner Sitznachbarin. Sie und ihr Begleiter sind bekennende Abramowicz Fans. Doch durch den langen Konzertentzug lässt sich die Begeisterung bereits beim Support nicht mehr zügeln. Auch mir kann niemand mehr das Dauergrinsen aus dem Gesicht wischen. Es ist mein erstes Konzert seit Anfang März. Und alles kribbelt, weil zwischen den Musikern, den über die Basssaiten hüpfenden Fingern, tänzelnden Frontmännern und gemütlich am Bier nippendem Publikum kein trennender Bildschirm steht. Die Atmosphäre ist vor Ort.

    Bisher haben The Kecks nur zwei Songs veröffentlicht. Modern Girls, dessen Musikvideo ebenfalls das Molotow als Kulisse hat, und die Debütsingle Stick in My Throat. Bald folgt darauf All For Me, vielleicht irgendwann eine EP, ein Album? Die nächste Aufnahmesession hat die Gruppe jedenfalls bereits im Blick und eine Reise nach London zu JB vom Buffalo Recording Studio, mit dem sie bereits an vorigen Tracks zusammengearbeitet haben. 

    Jetzt klatschen die im Backyard versammelten Gäste. The Kecks haben die Setlist neben den genannten um ein paar Songs erweitert, mit ruhigeren Tönen, dann entrüsteter oder verzerrter Stimme bei einem Einwurf von Kavinsky’s Nightcall für die Ryan Gosling Fans. Die letzte Gitarrenmelodie verklingt, Applaus und ein leiser Jubel von den paar Dutzend Besucher*innen. Bei den geistershowartigen Livestreams vermisst man schnell das direkte Feedback vom Publikum, umso dankbarer ist die Band für jede Chance, wieder auf der „richtigen“ Bühne zu spielen. 

    Auch, weil es die Leute sind, die die Musik am Leben erhalten. The Kecks haben nicht den Anspruch mit ihren Songs das Rad neu zu erfinden, höchstens sich selbst. Musik ist hier das Medium, um Ereignisse und Gefühle zu verarbeiten. Solang ihre Konzerte ein Publikum haben, es Personen gibt, die sich gern die Stücke anhören und davon berührt werden, macht Musik noch Sinn. Und ich denke, das tut sie auch darüber hinaus. 

    Dazu braucht man allein die Freundschaft zwischen den Bandmitgliedern zu betrachten, die mehr miteinander teilen als einen Proberaum und für Konzerte die Bühne. So gleicht das gemeinsame Songschreiben für den Sänger von The Kecks einem abendlichen Familienstreit am Esstisch. Jeder serviert andere Ideen und Vorstellungen von dem zukünftigen Stück, die meist bei einer Auseinandersetzung damit auf links gedreht werden. Gemeinsam verbrachte Zeit und der Austausch über persönliche Erlebnisse prägen die Musik. 

    Nachdem die vier Künstler nun die Bühne für den Hauptact des Abends räumten und alle leeren Gläser an der Bar neben dem DJ Pult wieder augefüllt wurden, mache auch ich mich auf den bepfeilten Weg, um mir eine weitere Zitronenlimonade zu kaufen. Der Flaschenhals fühlt sich kühl an zwischen meinen Fingern, die Flüssigkeit prickelnd auf der Zunge. Noch ein großer Schluck, dann setzen schon Abramowicz ein. Eine weitere Hamburger Band, ihr Wiedererkennungsmerkmal ist zweifellos die raue Stimme des Sängers. 

    Abgesehen vom Gesang gibt es jedoch nichts, was sich reibt. Die Songs plätschern vor sich hin und ich konzentriere mich auf die Schlagzeugrhythmen. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde ich mir ein Album von Abramowicz nicht zuhause anhören, live hat es trotz dessen seinen Reiz. Die Molotow-Gäste sind begeistert. Köpfe nicken im Takt, die Haare scheinen bunt von den gespannten Lichterketten. Es gibt viele lächelnde Gesichter für dieses Konzert. Auch bei dem Clubteam, das ansonsten geschäftig von A nach B huscht, auf einen reibungslose Abendgestaltung bedacht. 

    Schneller als man sich versieht, kündigt die Band ihren letzten Song an. Ein letztes Mal verdecken Nebelschleier die Sicht auf den Schlagzeuger in der zweiten Reihe. Rotes Scheinwerferlicht ziert erneut den Bühnenrand. Ich zücke meinen klobigen Fotoapparat, um ein Erinnerungsbild zu schießen und bevor ich nach dem aufbrausenden Beifall meinen Heimweg antrete, kommt ein bekannter blonder Haarschopf auf mich zu. 

    Der Gitarrist von The Kecks hat einen Stapel glänzender Sticker dabei und drückt mir davon welche in die Hand. Die Besucher*innen steuern langsam dem Ausgang entgegen, wir hingegen erklimmen die Stufen zu den Backstage Räumen vom Molotow. Dort tummeln sich auch die restlichen Mitglieder der Band, die mich für den heutigen Abend nach Hamburg eingeladen hat. 

    Joel (Bass), Lennart (Gesang) und Sam (Gitarre) machen es sich auf einem schwarzen Ledersofa bequem. Im Rücken eine Fensterfront mit Blick auf die Reeperbahn und in der Hand ein Bier aus dem magischen Kühlschrank, dem es nie an Getränken mangelt, egal wie viel man bereits daraus hervorgeholt hat. Die Stimmung ist entspannt, in der Luft liegt Zigarettenqualm und die ein oder andere Anekdote aus dem Bandleben. 

    Schmunzelnd erinnern sich The Kecks an die vielen vergangenen Nächte im Molotow zurück. Und an die Anfänge ihrer Band, mit ersten Auftritten und einigen Wohnzimmerkonzerten, bei denen sie im Anschluss an die eigenen Songs auch einfallslose Coverwünsche der Gäste vortrugen. Mr. Brigthside? Sicherlich auch dabei. In den vergangenen Monaten gab es eher Livestream-Konzerte. Und Zeit, um an Songs und Musikvideos zu feilen, wie für All For Me. Als erstes werden die neuen Kompositionen dann den Müttern von Sam und Joel vorgezeigt. So auch bei der kommenden Single, die bei den beiden etwas Unklarheit stiftete. Doch wenn die Mutter die Sachen, die man macht, nicht komplett versteht, ist es „just right“, wie Joel anmerkt. 

    Wir unterhalten uns über die Tücken des Songwriting und was Sam dazu bewog, eine CD mit Froschgeräuschen zu kaufen. Manchmal klingen alle Tonabfolgen beim Herumprobieren auf der Gitarre wie ein bereits existierender Song. Gedanken kreisen um Zweifel am eigenen Einfallsreichtums und der Erkenntnis, dass die Akkorde nicht neu erfunden werden können. Da kann es hilfreich sein, sich für einen Moment den Soundaufnahmen von Fröschen zu widmen. Oder?

    Amüsiert über die Wendungen, die diese Unterhaltung nimmt, kommt öfter mal ein lachendes „das schreibst du aber nicht in den Text, ok?“ seitens der Band. So klingt mein Abend und die spontane Reise in die Hansestadt aus. Von den ledernen Polster des Molotow Sofas zurück im Autositz. Stick in My Throat schallt blechern aus dem Handy, während ich mit anstimme und das Parkhaus zu vorbeifliegenden Stadtlichtern hinter mir lasse. 


  • COMING TO TERMS

    COMING TO TERMS

    In der hinteren Ecke des Regals steht noch ein Glas. Apfelkompott, eingeweckt nach der reichen Ernte im letzten Jahr und aus Früchten, die im eigenen Garten von der Blüte zum grünen Obst gereift sind. Schon das Knacken beim Aufschrauben des Metalldeckels und der Gedanke an die heißen Apfelstückchen, vielleicht mit ein bisschen Zimt bestreut, wärmt an dem sonst ungemütlichen Oktobertag. 

    Dieses Gefühl ist nicht zu vergleichen mit der Hitze eines abgestandenen Luftschwalls, der an kalten Tagen beim Betreten der U-Bahn entgegenrollt. Viel eher sind es letzte kraftvolle Sonnenstrahlen im Herbst, die wärmend bei einem Frühstück auf dem Balkon das rechte Ohr kitzeln. Warmes Apfelkompott ist wie eine feste Umarmung. 

    Oder wie ein Prismala Song.

    Am 9. Oktober folgt nach drei Jahren endlich neue Musik auf das 2017er Debüt Colours of a Summer. Es sind fünf Lieder voller Liebe. Und über die Liebe. Oder den Weg, auf den sie manchmal abbiegt. Die Höhen, die sie mit einem Strauß frischer Blumen besteigt und die Täler, für die nur noch eine welke Blüte übrig bleibt. Doch akzeptiert man das Verblühte, arrangiert sich mit den Ereignissen, kann daraus ebenso etwas Schönes wachsen. Ein Song zum Beispiel, oder eine ganze EP.

    Coming to Terms

    Seit einiger Zeit sammeln Prismala Ideen und Elemente für neue Musik. September 2018, aus den Skizzen entstehen Songs. Ein halbes Jahr später beginnen die Aufnahmen und setzen sich mit Unterbrechungen, die dem Studium geschuldet sind, bis zum September diesen Jahres fort. Im Gegensatz dazu wirkt die Entstehungsphase vom vorigen Album der vierköpfigen Band wie ein Wimpernschlag. Doch was lange währt, wird bekanntlich gut? 

    Stunden zwischen Melodie, Rhythmus und Kabelsalat zu ihren Füßen, die die Band in einem Video dokumentiert, münden in einen atmosphärischen Gesamtklang. Prismala selbst würden diesen als Alternative Soul und Hip Hop beschreiben. Vielleicht haben auch R&B, Rock, ein bisschen Jazz ebenfalls ihren Einfluss hinterlassen. 

    Abgesehen von der Frage nach dem Musikgenre und einem Vergleich mit zimtigem Apfelkompott, hören sich die Songs auf Coming to Terms nach einem flauschigen Klangteppich an, durch den man barfuß Walzer tanzt. Obwohl der Takt das gar nicht angibt. Getragen werden die Melodien von den Rhythmen des Schlagzeugs. Leicht wie ein Blatt, das zu einem Papierflieger gefaltet friedlich durch die Luft segelt. Und an den richtigen Stellen in einen Looping geht, um die Fluglinie und das mitfühlende Kopfnicken hier und da aufzulockern.

    Dann der Gesang. Vom Beginn des ersten Songs an wird man von einer weichen Stimme eingehüllt. Aneinandergereihte Worte verknüpfen sich zu einem fließenden Gewebe. Mit dunkler Klangfarbe, in Sprechgesang, durch dezente Melancholie verziert oder in warmen, melodiösen Passagen. Angenehm sickert der Gesang in den Gehörgang wie die Tinte nach einer geschwungene Handschrift in die Papierfaser.

    Dieses Gerüst aus Schlagzeug und Gesang wird mit angeschlagenen Gitarrenakkorden umspült. Wie eine auslaufende Welle nähert und entfernt sich der rauschend perlende Klang. Manchmal spielt eine Melodie, die als Sonnenstrahl die Wolkendecke durchbricht. Licht, das zu einem Solo aufgewickelt wird und über dunkle Wände zuckt, während es dem Ende eines langen Tunnels entegegenrast. Und hört man genau hin, ranken sich durch die Gitarrenmelodien zuerst unscheinbare Basstöne. An manchen Stellen tauchen sie auf wie ein verlegtes Schmuckstück. Vor allem geben sie dem Hintergrund seine Tiefe.

    Alle Komponenten addiert ergeben einen umarmenden Sound, der beim ersten Song Daffodils für ein familiäres Willkommen sorgt. Über den Klang legt sich im Folgenden bei Heart Theft die Erkenntnis eines Diebstahls, der in keiner Polizeiakte registriert werden kann. Als drittes bietet Jealousy einen lebhaften Groove, der im Gegensatz zur Melodie der Eifersucht hervorragend zum Liebessong oder Song der Liebe(nden) passt.

    In A Soul’s Demand vermischen sich die eigenen Bedürfnisse und Gedanken mit Zweifel, einem Entschluss und auch der Klang schwingt in dezenter Wehmut. Ohne Gitarren, ohne Bass und das Schlagzeug, nur vom Piano begleitet schließt die EP und Peonies ab. Alles Schöne hat auch ein Ende und manchmal lohnt es sich. Eine Intervallfolge baut sich auf und man fiebert mit bis zur finalen Auflösung. Dann verklingt das Lied mit letzten hellen Tönen.

    Foto: Max Herfurth


  • DER SÄNGER VON METALLICA

    DER SÄNGER VON METALLICA

    Ein leeres Zugabteil. Außer meinem ist keiner der sechs Sitzplätze besetzt. Wir fahren von Berlin in Richtung Hamburg. Die Klimaanlage rauscht, draußen fliegen Wälder und öde Landschaft vorbei. Alles scheint vor Hitze zu flimmern.

    Dann wird langsam die Glastür aufgeschoben, die Kabine und Gang voneinander trennt. Ein Typ tritt ein. Er ist dürr, in Jeans und einen grauen Kapuzenpullover gekleidet, dessen Bauchtasche von einer Büchse Kautabak und einem kleinen Bluetooth-Lautsprecher ausgebeult ist. Seine Augen huschen unruhig durchs Abteil, bleiben kurz an mir hängen: „Darf ich mich hier dazusetzen?“

    Eigentlich ist mir nicht nach Begleitung, doch es sind nur noch zehn Minuten bis zu meiner Station. Ich nicke ihm zu. Und widme mich dann wieder der Landschaft hinter dem Fenster. Aus meinen Kopfhörern dringt leise Musik, zu der sich erneut die Stimme des Fremden mischt. „Du kommst auch aus Berlin, oder? Kennst du das Kottbusser Tor?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort: „Da kann man gut Haschisch kaufen.“

    Ob das Zeug dort an sich auch gut ist, wage ich zu bezweifeln. „Das wär‘ mir nicht neu, aber Drogen sind nicht so mein Ding“, sage ich ihm. „Du stehst eher auf Musik“, stellt der Typ mit einer Handbewegung zu seinen Ohren fest, die auf meine Kopfhörer hindeuten soll. „Kann man so sagen, ja.“ Ich pausiere den aktuellen Song, um mich diesem erzwungenen Gespräch zuzuwenden. Offensichtlich braucht mein Mitfahrer jemand, der ihm einen Moment zuhört.

    „Also keine Drogen. Rauchst du?“

    „Nö, auch nicht.“

    „Man scheiße. Dann wirst du ja bestimmt hundert Jahre alt. Krass… Ich arbeite im Altersheim, weißt du.“

    „Im Altersheim? Und, wie ist das so?“, versuche ich die Konversation irgendwie in eine harmlose Richtung zu lotsen. Der Fremde fummelt nervös an den ausgeleierten Ärmeln seines Pullovers, während er mir von seiner Arbeit erzählt. Von den alten Menschen, die sich teilweise in Gruppen gegeneinander verbündet haben. Davon, wie er den Bewohner*innen das unansehnliche Kantinenessen serviert, das eigentlich gar nicht schmecken kann und trotzdem bereitet es den Leuten immer wieder eine Freude.

    Er erinnert sich amüsiert an den Tag zurück, als er aus Versehen einen Joint neben dem Aschenbecher hat liegen lassen. Die Aufseher waren davon nicht begeistert. Doch ihm war das egal. Es gibt eh zu wenig Geld in dem Job, als dass er sich auch noch diese kleine Freude nehmen lässt. Immerhin kann er, wenn er selbst alt ist, zu Special-Tarifen in dem Altersheim wohnen.

    „Ey aber ich rate dir, nicht damit anzufangen. Mit dem Rauchen, meine ich. Ich war mal Hochleistungssportler im Ausdauerlauf. Da habe ich 220 Kilometer an einem Tag geschafft. Jetzt ist meine Lunge zerfickt und ich pack‘ nur noch 180.“ Nicht ganz wissend, was ich darauf erwidern soll, schweift mein Blick über die leeren Sitze in unserer Kabine. Ich verkneife mir gerade so den Kommentar, warum er dann noch mit der Bahn fährt und nicht einfach nach Hamburg gejoggt ist.

    Mein Gegenüber scheint zu merken, dass ich dieses Thema nicht weiter vertiefen möchte. Auf eine kurze, nachdenkliche Stille setzt er daher erneut an: „Hmm, zurück zu der Musik. Ich mache ja auch selbst Musik.“ Langsam frage ich mich, was er wohl nicht macht. „Soll ich dir etwas verraten?“ Ich blicke verwirrt drein, unsicher worauf das nun hinausläuft. „Sagt dir Metallica was?“ Ich bejahe.

    „Ich bin der Sänger von Metallica.“

    Ich muss kurz Schmunzeln. „Bist du dir sicher?“

    „Ja voll! …naja, also eigentlich schreibe ich nur die Texte.“

    Er muss mir meine Skepsis ansehen, denn unter einem leisen Grinsen, setzt er ein „No joke!“ nach. „Ich bin mega aktiv im Musikbusiness. Hörst du Hip Hop?“ Hat er nicht gerade von seinem Job im Altersheim erzählt? Im nächsten Moment berichtet er von einer innigen Freundschaft mit Sido. „Wir treffen uns immer bei ihm zum Kiffen. Das ist witzig“, der Typ lacht kurz in sich hinein, „doch wenn Carmen nach Hause kommt, muss ich die Fliege machen.“ Wer ist Carmen?

    Schon als ich denke, dass es nicht mehr abstruser werden kann, kramt mein mysteriöser Mitfahrer noch eine Fantasie aus seiner Hosentasche. Diesmal sind es Die Ärzte. „Bela B und so… Da brauchst du nur an den Wannsee kommen, ein paar Tütchen dabei und dann passt das. Obwohl, Frauen sind da immer gern gesehen. Vielleicht laufen wir uns da ja mal über den Weg.“ Der Zug rollt in den Hamburger Hauptbahnhof ein. „Aber nicht in der nächsten Woche, da mache ich hier in Hamburg Urlaub. Weißt du, eigentlich komme ich aus dem Norden. Ich habe vor zwanzig Jahren meine Ausbildung als Koch hier gemacht. Bei Tim Mälzer.“

    Mit einem letzten Kichern erhebt sich der Typ aus seinem Sitz und streckt mir eine silberne Dose entgegen. „Möchtest du ein bisschen Kautabak zum Abschied?“


  • MERCURY IN RETROGRADE

    MERCURY IN RETROGRADE

    Merkur ist der sonnennächste Planet. Aufgrund seiner kurzen Umlaufbahn kreist er viermal schneller um die Sonne als wir. Und wenn er die Erde auf seinem Weg überholt, sieht es für einen Moment so aus, als würde er rückwärts laufen. Mercury in Retrograde. Die Bezeichnung eines kosmischen Phänomens und gleichzeitig der Titel für das zweite Album der Künstlerin Anehka. Keine Sammlung von Songs, sondern eine visualisierte Klanggeschichte, eine Reise, bewegte Bilder und leuchtende Atmosphäre.

    „Ich möchte das, was ich in der Musik sehe, auch auf den Bildschirm übertragen.“

    Menschen verlassene Landschaft, Baumkronen und ein Weg mit unerkennbarem Ziel. Während ausgehöhlte Töne wie stehende Luft im Hintergrund flimmern, breitet Anehka ihre Träume und Wünsche darüber aus. Eine engelsgleiche Harmonie formt das Wort „freedom“, Zugvögel am Himmel hinter den Astspitzen. Mit Soul Pleasure beginnt das Visual Album und eine Selbstreflexion, festgehalten in Musik und Film.

    Die Hamburger Künstlerin hat mit ihrem Sound experimentiert, sich neu strukturiert und nach Abschluss ihres Studiums in London nach einer, ihrer, Richtung gesucht. Begleitet wurde sie von ihrem Partner Jean Claude Mandji, der Emotionen und Stimmung auf Videokassette gebannt hat. Neben Kamera und Schnitt übernahm er zum Entstehungsprozess auch Mix und Master im Heimstudio. Von Januar bis Anfang Juli 2020 haben Anehka und Jean Claude am Projekt Mercury in Retrograde gearbeitet, vielleicht auch schon ein bisschen früher.

    „Zu der Zeit fühlte ich mich sehr inspiriert von Solange’s Album When I Get Home. Das ist so schön, die Bilder und die Symbolik betrachtend.“

    Als weitere Ideenquelle dienen nicht selten Traumfragmente oder die titelgebende Planetenumstellung selbst. In ihren Texten verarbeitet Anehka die Bedeutung von Geträumtem, den Einfluss der im Universum vorhandenen Energien. Die Musik bildet die Grundlage und Leinwand für eine Auseinandersetzung mit sich selbst, Zweifeln und Hoffnungen. „Je mehr ich mich damit beschäftige und meine Gedanken nicht für mich behalte, sondern sie mit anderen teile, umso mehr habe ich das Gefühl, den Leuten näher zu kommen. Eine Verbindung zu schaffen.“

    Das Gefühl von Verbundenheit, während sich die Künstlerin als einzige Darstellerin in einem Film aus Sonnenaufgangsschnipseln und gekräuselter Wasseroberfläche dem steinigen Ufer nähert. Eine Bitte an die glitzernden Wellen vorträgt. Die Stimme spricht dicht am Ohr. In der Ferne klappern Schienen, wenn ein Zug vorbeifährt. Dann wird das Wellenrauschen durch leichte Klaviernoten ausgetauscht, die zu einer fließenden Akkordfolge übergehen.

    „Manchmal habe ich mit einem Klassenkameraden in London Songs geschrieben, nach der Schule oder in der Mittagspause. Er hat angefangen Klavier zu spielen und ich habe dazu gesungen. Dabei ist der Song Interdependent entstanden.“

    Vor einer mit leichtem Windzug durchzogenen Kulisse bildet sich ungetrübter Gesang ab. Gedämpfte Drums, wie ein Herzschlag. Und natürlich das Klavier. Auch wenn das gemeinsame, improvisierte Stück mit Klassenkamerad James Attwood Ausgang für eine Entwicklung in Mercury in Retrograde war, säte Anehka den musikalischen Keim ihrer Stücke überwiegend am Computer.

    „Durch mein letztes Album Planet Orange habe ich mich mehr ins Produzieren reingefunden und auch gemerkt, wie viel Spaß das machen kann. Ich habe mich daran gewöhnt, Beats zu machen, anstatt mit einer Melodie oder einem Akkord anzufangen.“

    Das nächste Stück My Mind Is the Ocean ist auf einen Beat gebettet, der sich aus dem Wechselspiel dumpfer Trommelschläge und perlender Tropfen zusammensetzt. Es mischen sich süß-schwebender Gesang, gesprochenes Wort in englisch oder deutsch und fordernde Rufe. Zwischen raschelnden Zweigen und zitternden Grashalmen fügt sich auch hier eine glitzernde Wasseroberfläche ins Bild ein.

    Wiederkehrende Ausschnitte und Zeilen von Meer und Wasser als Symbol für Reinheit und Wiedergeburt. Ein Strom der Emotionen mit dem man fließt oder in dem man untergeht. Das Meer übt eine besondere Anziehung auf Anehka aus:

    „Es ist für mich ein Ort der Ruhe. Im Meer kann ich mich von allen negativen Gedanken und Gefühlen klären und eins mit dem Universum sein.“

    Ein Videodreh an der Nordsee war für ihr Visual Album geplant, am liebsten auf Sylt. Doch ein Ausflug zu der friesischen Insel war wegen der Corona-Maßnahmen im März nicht mehr möglich. Auch an der Ostsee waren keine Besucher zugelassen. „Dann haben wir so schnell wie möglich alle Szenen in Hamburg und Umgebung gefilmt. Innerhalb von drei Tagen, da wir unsicher waren, ob es eine Ausgangssperre geben wird.“

    Hinter den Schatten der knorpeligen Äste erscheint Anehka, wie sie im übergroßen Mantel durch die Landschaft läuft. Zeitlupe, das Video wird zu einer Aneinanderreihung vieler Fotos. Dann eine blinkende Boje in der Nacht. Bei untergegangener Sonne sieht man die schwarze Silhoutte der Künstlerin vor einer Straßenlaterne. Das Bild körnig, der Zoom wackelig und warm-weiche Farben. Das Video hat Jean Claude mit einer Sony Handycam gedreht. Qualität und Atmosphäre der Aufnahmen als perfekter Vermittler der Stimmung von Mercury in Retrograde.

    Wenn dann bei I Keep My Dreams in a Diary das Bild in der nächtlichen Dunkelheit versinkt, setzt sich eine liebliche Melodie fort. Man taucht in einen Chor aus Wohlklang. Ein bisschen melancholisch, sehnsüchtig, verträumt. Lässt sich treiben. Bis die Entrüstung des anschließenden Stückes wieder wachrüttelt. Eine Antwort auf die im Raum stehenden Fragen rückt ein Stück näher. Jeder Song ist ein ergänzendes Puzzleteil auf der Suche nach Zugehörigkeit und sich selbst.

    „Ich brauche immer eine Lösung, daher sollte sich auch bei meinem Projekt Mercury in Retrograde am Ende alles aufklären. Und so singe ich, dass ich zu mir nach Hause komme, dass ich mein eigenes Zuhause bin.“

    „Wenn man sich dieses Gefühl irgendwo hinzugehören selbst gibt, dann ist es zeitlos. Dann kann es dir auch niemand nehmen.“

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Anehka am 23.07.2020 entstanden. Fotos und Albumcover: Jean Claude Mandji


  • KOPFHÖRER UND SOUNDMEDITATION

    KOPFHÖRER UND SOUNDMEDITATION

    Freitag, zehn Uhr. Es ist das letzte Seminar für diese Woche. Als ich mich vor den Bildschirm setze, sehe ich zuerst nur den Schweriner See. Dann, auf den zweiten Blick weichen die Gedanken an den bevorstehenden Wochenendausflug den kleinen Videokästchen auf meinem Laptop. Das Rechteck mit dem Gesicht unseres Dozenten ist grün eingerahmt, während er mit seinem amerikanischen Akzent das Thema der heutigen Diskussion vorstellt:

    Wie hat die Erfindung der Kopfhörer die Musik und das Musikhören beeinflusst?

    Mein erster Gedanke gilt den Topfpflanzen auf dem Fensterbrett, die ich vor meiner Abfahrt definitiv nochmal gießen sollte. Würde ich ständig Musik ohne Kopfhörer hören, wären sie schon längst eingegangen. Denn Rockmusik mögen Philodendron und Co absolut nicht. Besonders fatal wird es, wenn eine elektrische Gitarre involviert ist. Das grüne Gewächs gedeiht am besten bei klassischer Musik, Brahms und Schubert. Allen voran hört es natürlich Bach am liebsten. So steht es zumindest in einem Buch, das ich vor Kurzem las. Eine amüsante Verschwörungstheorie gegen die „satanische Rockmusik“.

    Doch zurück zu den Kopfhörern. Von mir am meisten genutzt auf langen Bahnfahrten. Begleiter auf Wegen von A nach B. Wie sehr ich mich an die musikalische Untermalung gewöhnt habe, wird erst so richtig klar, wenn sie fehlt. Die Geräusche werden intensiver und plötzlich fällt der Blick auf ganz neue, doch schon immer dagewesene Dinge. Der kleine Eckladen mit der flackernden Neonreklame. Oder das zurückgelassene Skelett eines lila lackierten Fahrrads an dieser einen Straßenlampe. Als hätte die Musik das Sehvermögen eingeschränkt.

    Von Handyakkus und Wanderliedern

    Manchmal werden jedoch ohne Musik die Wege länger und Zeit vergeht langsamer. Ich merke wie meine Motivation sinkt, als ich bei einer Stunde Fußweg an der Bundesstraße 5 nicht einfach die zwei kleinen Stöpsel in die Ohren stecken und mich mit fröhlichen Melodien berieseln lassen kann. Der Akku ist leer, kein Telefonjoker für mich auf diesem Weg nach Schwerin. Nachdem das Personal die Fahrgäste zwei Stationen hinter Berlin aus dem Zug lotste – wegen einer Streckensperrung gibt es ab hier keine Weiterfahrt – und ich zu ungeduldig für ein Warten auf den Ersatzverkehr war, habe ich nach anderen Fortbewegungsmöglichkeiten gesucht.

    So startet der Wochenendausflug jedenfalls abenteuerlich. Doch per Anhalter zu fahren, habe ich mir einfacher vorgestellt. Jetzt liegen acht der zwanzig Kilometer zum nächsten Bahnhof hinter mir und noch kein Autofahrer hat auf meinen ausgestreckten Daumen reagiert. Kleine Grashalme vom frisch gemähten Seitenstreifen piksen in meinen Schuhen. Und da ich keine Musik hören kann, beschließe ich, selbst welche zu machen. Warum will mir in dieser Situation kein anderes Lied als Im Frühtau zu Berge einfallen? Und selbst davon kann ich nur die erste Strophe.

    Neben mir wird ein Auto langsamer. Es ist ein kleines weißes, mit schwarzen Türgriffen aus rauem Plastik. Die Beifahrerscheibe ist heruntergekurbelt. Ein Typ, vielleicht Anfang dreißig, lächelt mir breit entgegen. „Kann ich dich ein Stück mitnehmen?“ In meinem Kopf leuchten die Lämpchen abwechselnd rot und grün, während ich die Vertrauenswürdigkeit des Unbekannten einzuschätzen versuche. Noch ganz außer Atem vom vielen Im Frühtau zu Berge singen, frage ich ihn, ob er am nächsten Bahnhof vorbeifährt. Er nickt, ich steige ich ein. Zwei bunte, geknüpfte Armbänder baumeln am Handgelenk des Fahrers und auf der Rückbank entdecke ich im Kindersitz einen kleinen Jungen.

    Haferbrei statt Hautausschlag

    Hätte der kleine Junge Kopfhörer, würden wir jetzt nicht auf voller Lautstärke den kleinen Drachen Kokosnuss hören. Ich könnte mich mit dem Typen unterhalten. Über seinen missglückten Versuch, ab einer Autobahneinfahrt zu trampen. Stattdessen schildert der Erzähler im Hörbuch gerade, dass Drachen kein Fleisch vertragen. Sie bekommen davon Hautausschlag. Haferbrei scheint da die einzig richtige Alternative. Ich mag Haferbrei, der Fahrer auch. Bevor ich das Ende der Geschichte um den kleinen Drachen hören kann, muss ich schon wieder aussteigen.

    Meinem Ziel, der Mecklenburg-Vorpommerischen Landeshauptstadt, bin ich nun ein Stück näher. Ich setze mich erneut in den Zug und die Kopfhörer auf. Das Handy hängt an einem Kabel an der Steckdose. Die nächste Stunde ist dem neuen Album von Denai Moore gewidmet. So sind alle Passagiere stumm geschalten, Beschwerden über verspätete Züge ausgeblendet. Und genauso froh wie ich über das ersparte Gerede bin, sind wahrscheinlich auch die Anderen, da sie nicht einen einzelnen Song, Grapefruit on The Porch, in unablässliger Dauerschleife hören müssen.

    Nachts (und nackt?) im Hafenbecken

    Dann gibt es wiederum Situationen, in denen Kopfhörer gänzlich fehl am Platz sind. Wie sähe die ausgelassene Hausparty aus, wenn am Eingang diese Geräte verteilt würden und jeder doch wieder für sich ist? Was wird aus dem nächtlichen Abhängen am Hafen? Unter Mondschein zerreißt laute Musik die Dunkelheit. Ich wälze mich auf der Pritsche im Boot und öffne das kleine Bullauge. Neben kühler Nachtluft und ausgelassenen Melodien, weht mir das Klirren von Bierflaschen entgegen. Auf dem gegenüberliegenden Steg hat sich eine Gruppe Jugendlicher zusammengefunden.

    Es ist Vollmond. Er glitzert auf dem leicht gekräuselten Wasser. Das Boot wippt erst nur leicht, dann fängt es an zu schaukeln. Eine der in Dunkelheit gehüllten Personen ist mit lautem Knall im Hafenbecken gelandet. Kurz ärgere ich mich über die Wetterlage, die mein Vorhaben im Schweriner See zu baden durchkreuzte. Vielleicht sollte ich mich dem Typen anschließen. Sein Kopf gleitet durch das Wasser. War das gewollt, oder ist es dem Alkohol geschuldet? Dann kommt die Wasserschutzpolizei. Noch mehr Wellen, zu denen das Boot auf und ab schaukelt.

    Der Nachtschwimmer steigt wieder an Land. Die Musik wird gedämpft, es gab Beschwerden wegen Ruhestörung. Und die Gruppe sammelt sich um den triefenden Typen, der sich irgendwo das Knie aufgeschlagen hat. Der Lichtkegel einer Taschenlampe wandert über das blutrote Bein. Ein Verband wird unbeholfen angelegt. Sieht aus, als wäre die Party vorbei. Ich schließe das Bullauge und lege mich zurück auf die Pritsche.

    Frühstück zum neuen Joris Song

    Neben den Hörgewohnheiten hat sich auch die Musik durch Kopfhörer verändert. Es gibt keine großen Dynamiken mehr. Orchester, die ein Stück unsagbar leise beginnen und in einen ohnmächtigen Paukenschlag münden, sollten nicht durch den Kopfhörer schallen. Und wer will, ständig einen Finger am Regler, die Lautstärke neu einstellen? So werden die meisten Songs auf eine konstante Dynamik geeicht, komprimiert. Töne im Hintergrund verlieren an Tiefe, wie uns der Dozent an einem Beispiel seines jaulenden Hunds erklärt.

    Er weist uns zur Soundmeditation an. Jeden Tag zehn Minuten. Vielleicht zum Frühstück oder nachts um drei auf einem Dach in Berlin. Dabei konzentriert man sich auf die Geräusche der Umgebung, ohne sie spezifisch einer Quelle zuzuordnen. Ziel ist es, den am weitesten entfernten Klang herauszufiltern. Dann soll später die Identifikation solcher Songs, die in alter Manier noch Tiefe aufweisen, neben den für Kopfhörer geebneten leichter fallen. Also setzte ich mich auf den Steg neben das Boot meiner Eltern. Mit geschlossenen Augen lausche ich dem Wind, den klappernden Masten der Segelboote und dem Verkehr von weither.

    Bis mein Vater mich zum Frühstück ruft. Der neue Joris Song Nur die Musik läuft gerade. Das Radio wird lauter gedreht. „Jetzt mach mal hier deine Meditation und sag mir, was das für eine Flöte ist.“ Ich mag Joris nicht. Das weiß Papa, deshalb grinst er auch so. Nachdem ich auf die Stelle nach dem Refrain warte, vermute ich ein einfaches Pfeifen hinter diesem krächzenden Geflöte. Dann beiße ich in mein Marmeladen-Brötchen. Es ist Sonntag, das Schwerin Wochenende neigt sich dem Ende.


  • FENG SUAVE

    FENG SUAVE

    Eine sanfte Brise. Oder Feng Suave. Übersetzt man den Namen des Bandprojekts von Daniël Schoemaker und Daniël de Jong, kommt raus, wonach ihre Musik klingt. Ein süßer Windhauch an einem warmen Sommertag. Dabei war diese treffende Namensgebung eher zufällig. Inspiriert wurde das Duo von einem Freund, der den portugiesischen „ultra suave“ Schriftzug seiner Shampooflasche in ein Wortspiel verwandelte. Das löste die vorläufige Idee von „The Public Burning“ ab. Und all die lieblich verträumten Melodien der beiden Daniëls wurden Feng Suave.

    Bei einem Talentwettbewerb haben sich Daniël de Jong und Daniël Schoemaker zum ersten Mal getroffen. Dass sie neben demselben Vornamen auch eine Passion für Musik teilen, führte dann zu einer musikalischen Partnerschaft. „Wir fanden die Idee mit jemandem zusammenzuarbeiten ansprechend. Daher war es ziemlich mühelos, gemeinsam etwas zu starten und uns anzufreunden.“ Ein weiterer Vorteil dieser Kollaboration ist, dass sich im Idealfall das eingebrachte Talent verdoppelt. Im Fall von Feng Suave bedeutet das also:

    „Jetzt ergeben wir gemeinsam einen Musiker. Einzeln sind wir es beide nur zur Hälfte.“

    Nun ergänzen sie gegenseitig ihre Ideen. Beenden, was im Kopf des anderen mit ein paar Tönen, einem Rhythmus begonnen hat. Stellen manches in Frage und lassen sich wiederum von der Kritik ihres musikalischen Gegenparts nicht vom Pfad abbringen. „Wir nehmen uns beide die Freiheit, auszuprobieren, was immer wir wollen. Und anschließend teilen wir es miteinander. Es kommt auch vor, dass einer von uns eine Idee nicht mag. Wenn man selbst aber total davon überzeugt ist, dann arbeitet man eben so lange daran, bis der andere umgestimmt wird.“

    Auf diesem Weg hat das Duo aus Amsterdam mittlerweile zwei EPs veröffentlicht. Ihr Debüt feierten sie 2017 mit den vier Songs ihrer selbstbetitelten EP Feng Suave. Ein Jahr später folgte der Song Venus Flytrap. Und letzten Freitag gab es mit Warping Youth die ersehnte zweite EP. In dieser Zeit hat sich bei Feng Suave einiges getan. An den ersten gemeinsam geschriebenen Song erinnern sich die beiden Daniëls nur ungern zurück, da der sich nie so richtig abgeschlossen angefühlt hat. „Aber er hat uns in die richtige Richtung gelenkt.“ Jetzt sind die Techniken und der Songwriting Prozess ausgefeilter. Auch der Blick auf die Musik.

    „Wir tendieren jetzt dazu, Songs eher als Bewegungen und Dynamiken zu sehen, anstatt eine Aneinanderreihung von Loops.“

    Mit der aktuellen EP kam eine weitere Veränderung im musikalischen Schaffensprozess dazu. Denn anders als bei dem im heimischen Schlafzimmer aufgenommenen und produzierten Debüt, waren die beiden Daniëls für Warping Youth das erste Mal in einem Studio. „Der Unterschied ist, dass man sich viel mehr Zeit für einen Song nimmt, wenn man ihn im eigenen Schlafzimmer aufnimmt und es keine Studiozeiten gibt, an die man sich anpassen muss.“ Dass sie nicht so viel umherprobieren konnten wie gewohnt, verlangte eine professionellere Einstellung und setzte auch einen neuen Lernprozess in Gang.

    „Der Studiobesuch war neu für uns. Wir wussten anfangs nicht recht, wie wir beginnen sollten. Also nahmen wir zuerst Schlagzeug und Bass auf und mussten dann von dort weitermachen. Jetzt wissen wir, dass wir beim nächsten Mal vorbereiteter sein wollen. Denn anders als zuhause kann man nicht ständig zurückgehen und alles wieder ändern.“

    „Bevor wir das nächste Mal ins Studio gehen, wollen wir das gesamte Ding erst in unseren Schlafzimmern fertig machen. Sodass wir jeden Quadratzentimeter unserer Songs kennen und der Aufnahmeprozess raffinierter wird.“

    Der Gedanke, ein ganzes Album komplett im Studio zu schreiben, ist daher für die beiden Amsterdamer außer Reichweite. Die Vorliebe alles genau zu durchdenken, lässt sich zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht mit den teuren Studiomieten vereinbaren. Und manchmal entstehen wegen der begrenzten Möglichkeiten Spontaneitäten, durch die die Musik lebendiger wird. Einem Live-Auftritt näher kommt. Nicht zu vergessen das nostalgische Gefühl zwischen den Notenzeilen. Dieses Gefühl, das das Duo aus ihren Lieblingssongs der 60er/70er-Jahre kennt und versucht hat mit altem, hochwertigem Equipment ebenfalls auf Warping Youth einzufangen.

    Mit dem Equipment ist das auch nochmal so eine komplizierte Sache, wie Daniël Schoemaker erklärt. Besonders was die Gitarristen betrifft: „Wenn es darum geht, neueste Gitarren in den verschiedensten Modellen zu verwenden, bleiben die Leute lieber beim Alten. Weil sie denken, dass es besser ist und sich bewährt hat. Und irgendwo denken wir auch so. Das ist ähnlich wie bei Violinen. Die wurden auch für ein Jahrhundert gemacht.“

    Nach eineinhalb Jahren des Songschreibens und den vergangenen Studio-Sessions finden sechs Lieder unter dem Titel Warping Youth zusammen. Die EP kreist um Themen, „die meistens beim gemeinsamen Kaffee Trinken aufkamen“ und sich für Feng Suave deswegen ziemlich persönlich anfühlen. Beim Hören wird man Teil eines Gesprächs, das bei Half-Moon Bag in beruhigendem Ton dazu veranlasst, die verrückte Welt da draußen für einen Moment zu vergessen. Die Melodie, getragen von musikalischen Seufzern.

    Der zweite Track auf der EP ist mit Toking, Dozing die erste Single, mit der das Duo eine Folge neuer Releases eingeleitet hat. Im dazugehörigen Musikvideo schieben die beiden Daniëls ihr Baby im Kinderwagen durch die Straßen Amsterdams. Bevor ein rotes Auto durchs Weltall fährt, die Insassen kostümiert mit großen Hüten. Dann gehen Wälder in Flammen auf und was ist denn nun mit den Delfinen?

    „Ich glaube, das ist unser bestes Video. Wir haben es vor einem Greenscreen gedreht und selbst inszeniert. Eigentlich ist es hauptsächlich Bullshit, zu dem wir uns gegenseitig überredet haben.“

    Eine Portion scheinbar wild zusammengewürfelter Bilder, die am Ende trotzdem als Gesamtkonzept ineinandergreifen. Und ein kompletter Kontrast zum Video von Maybe Another Time. Ästethische Aufnahmen der französischen Küstenlandschaft, in der die herausgeputzten Mitglieder Feng Suave’s, mal mit wehendem Haar oder dem Weinglas in der Hand, platziert wurden. Hier transportieren die Szenen viel mehr die Atmosphäre des Songs als eine inhaltliche Botschaft. „Just looking slick in France“, kommentiert Daniël de Jong mit einem Augenzwinkern die Idee hinter dem Video.

    Mit einem kleinen Augenzwinkern rinnt auch der Gesang über ernste Gedanken und biegt sie zu charmanten Zeilen, die nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wie die erste Strophe von I’m Warping Here: There’s some things I regret / Like torturing insects in the garden when I was ten / Faking tears for grandma’s death / Stealing toys from all my favourite friends / But do whatever you want / Cause it’s the time of your life and it’s gonna level out

    Dann der vorletzte Song. People Wither ist in ein weiches Gewand gebettet, das die Warping Youth EP einhüllt. Wo die Klänge wie ein Pinselstrich beim Aquarell schimmernd leichte Farben hinterlassen, die sich fließend mit neuen Nuancen verbinden. Bevor dann beim letzten und längsten Song Day One ein knisternd verzerrtes Geräusch die Gitarren zu einem sehnsüchtigen Solo aktiviert, das meinetwegen ewig so weitergehen kann…

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Feng Suave am 20.06.2020 entstanden. Fotos: Max D’orsogna


  • SOFTEIS

    SOFTEIS

    81 Songs in vier Stunden und 45 Minuten. Während die Tage immer länger werden, der Flieder blüht und wieder welkt. Und das gedrehte Softeis mittlerweile unter intensivem Sonnenschein in einer klebrigen Soße über die Finger rinnt. Ich habe während der letzten drei Monate Musik gesammelt. Auf grünen Kuhwiesen liegend, zwischen blauen Gummibooten, auch zum Höhepunkt der Isolation und in Konfrontation mit zu überholenden Denkweisen. Das ist, was dabei rauskam:

    Angefangen bei einem Klassiker: Lola von The Kinks

    Beim Durchwühlen der arte Mediathek, stieß ich auf eine Dokumentation, die meine Liebe für The Kinks wieder aufflammen ließ. Dann war manchmal ein ganzer Tag nur diesem Song gewidmet. Das „la la la la Lola“ begleitete mich noch darüber hinaus. Ein wunderbares Stück, um es morgens aufzulegen, wenn die ersten Sonnenstrahlen und ein noch kühler Windzug über Grashalme streichen. Danach ständig repeat zu wählen, ist nicht ausgeschlossen. Doch zu munteren Sommertagen passen noch einige andere Songs.

    Zum Beispiel Same Guy von Eades. Hach, da reicht schon dieser verwaschene Gitarrenklang zu Beginn des Songs und binnen zwanzig Sekunden sind alle Sorgen für einen Moment verschwunden. Ersetzt durch die fünf Gesichter der englischen Band, die mir von der Rückbank eines Autos entgegenlächeln. Ein Lächeln entlockt mir auch der Song Crown von Chika. Die 23-jährige Rapperin landet einen richtigen Wohlfühlsong. Gegen Zweifel. Für das Selbstbewusstsein, mit den Zeilen:

    „Ain’t nobody gonna bring me down“

    Für die eigene Rooftop Party – wahlweise aus aktuellen Umständen auch ein Tanzsolo aufm Balkon oder die kleine Gartenrunde – eignet sich der Agua de Rosa – Rooftop Mix von Angelica Garcia. Mit klimpernden Gläsern im Hintergrund, bevor die schweren Bässe einsetzen. Da hat Sinego der etwas langsameren, aus Vocal Loops aufgebauten Originalversion des Songs eine beschwingte Frische verpasst.

    Und wer sich an der spanischen Sprache nicht satt hören kann, findet neben Llueve Sobre La Ciudad von Los Bunkers auch den ruhig verträumten Song My Boyfriend’s in the Band von Devandra Banhart in meiner Liste. Während ersterer offenbar zu den verregneten Gassen eines Indie-Films passt, ist das Stück von Devandra Banhart ein Spaziergang durch Wildblumenwiesen. Und ehe ich mich versehe, verliere ich mich in den Tiefen Spotify’s zwischen fremden Sprachen. Entdecke dabei ein mir bisher unbekanntes Phänomen:

    Sovietwave, die musikalischen 80er in Russland

    Vielleicht bin ich auch auf anderem Wege an den russischen New Wave Song Давайте созвонимся der Band Forum gekommen. Auslöser war ein Video von Mr Tape beim DJ Wettbewerb DMC World 1991. Wie faszinierend ist denn bitte der Fakt, dass dieser lettische „Tape-Jockey“ mit Tape scratcht, mixt und was DJs sonst so mit Platten machen. Bisher wusste ich nicht einmal, dass das überhaupt funktioniert. Scheinbar eine verbreitete Form des Deejayings in der Sowjetunion, weil dort das Beschaffen einer herkömmlichen DJ Ausrüstung selten möglich war. Ich bin beeindruckt.

    Um den Fremdsprachenkanon der Schule zu vervollständigen, gibt es auch noch zwei Songs in französisch. Bonjour bonjour von Mademoiselle K., der mit einem steten Rhythmus und flimmernden Synths automatisch zu Antrieb verhilft. Der sich dann im gehauchten Chanson Dans la Merco Benz von Benjamin Biolay in Kreisen dreht, wie auf einem Kettenkarussell.

    Kategorie: unbeschwert, in den Armen jugendlichen Leichtsinns

    Spinning von Vinnie Laduce hört sich ebenfalls und auf andere Weise so an, als wären die Melodien Karussell gefahren. Ein schwebender Klangteppich mit ausgehöhlten Tönen, die mich durch die Nacht tragen. Wo da der Rasenmäher im Musikvideo herkommt, kann ich mir nicht ganz erklären. Im Gegensatz zu den Glitzervorhängen bei Disco von Surf Curse. Und was habe ich mich in diesen Song verliebt. Ein Wunder, dass mein Herz noch nicht in 173 bpm schlägt. Selbst meine Mutter bedachte mich nur mit einem „Hast du schon wieder diesen Song gehört?!“, wenn Disco aus dem Keller dröhnt und durch die Decke bis ins Wohnzimmer dringt.

    Nur ein Lied wurde bei mir noch öfter gespielt. #1 unter den Lockdown Tracks sozusagen: Tränen zu Wein von SALÒ

    Erst vor Kurzem wurde die Debüt-EP des österreichischen Künstlers veröffentlicht. Der Titeltrack hat es mir jedoch schon vor einigen Wochen angetan. Ich kann nicht genau beschreiben, was mir an dem Song so gut gefällt. Ob es die hartnäckige Instrumentation in Kombination mit dem Gesang ist. Die Zeile „Ich fühl‘ mich neu geboren, fühl mich fühl mich neu geboren“. Oder das Stirnrunzeln, das mir geschenkt wird, wenn ich jemandem Tränen zu Wein zum ersten Mal zeige.

    Wer mich außerdem in den Bann gezogen hat, ist die englische Sängerin Connie Constance mit ihrem Song Monty Python. P.S. auch hier findet man Lametta verhangene Wände im Musikvideo – ich beginne, ein Muster zu erkennen. Die Komposition ist so unglaublich gut, dass die Töne direkt am Nervenzentrum in der Wirbelsäule herunterrieseln. Ein bittersüßes Gefühl geht Hand in Hand mit der Gitarrenmelodie und dem leichten „woohoo“ im Hintergrund. Ein perfekter Song für laue Sommernächte.

    Maihimmel und Brennnesseltee

    Als die Brennnesseln gerade aus dem Boden sprossen, war es ein Leichtes zur Kuhwiese unweit meines Elternhauses zu gelangen. Dort lag ein vergessener Heuballen. Und an nicht so sonnigen Tagen, war es wunderbar, auf diesem Heupaket zu liegen. Die Wolken ziehen vorbei. Und in das Vogelgezwitscher fügen sich die sanften Töne von Honey, Oh Honey! der Sängerin Squirrel Flower ein. Oder Nilüfer Yanya’s Heavyweight Champion of the Year.

    Jetzt bin ich seltener dort, da mich ein kniehoher Kräuter-Dschungel von der Wiese trennt. Manchmal pflücke und trockne ich die Brennnesseln für Tee. Wenn ich morgens als erstes die rauen Blätter zwischen meinen Fingern zerbrösele und mit kochendem Wasser aufgieße, sprudelt Oatmeal von Sudan Archives aus den Lautsprechern.

    „Wake up. If you want some oatmeal, I got you“

    Die Künstlerin Sudan Archives ist nicht nur Sängerin, sondern auch Violinistin. Den zarten Klang der Geige baut sie in ihre Musik ein. Wie wilde Rosenranken bringen sie das Gerüst der Songs zum Blühen. Für einen nicht ganz so herzlichen Start in den Tag wie mit Oatmeal, gibt es noch die Möglichkeit, dass mich Matty Healy mit einem „Wake up wake up wake up, it’s Monday morning!“ anschreit. Der Song People von The 1975 ist definitiv mein Favorit von ihrem aktuellen Album.

    Ein Albumfavorit ist ebenfalls Hands to Yourself von Kyle Dion. Obwohl die Wahl auf einen Song vom Langspieler SUGA nicht leicht fiel. Wenn die Stimmung passt, ist es nur logisch, dieses Album in seiner Gänze zu hören. Entspannte, fließende Melodien nach dem Motto „if it ain’t soul it ain’t whole“, wie es bei Kyle Dion in der Spotify Beschreibung steht. Für die sommerliche Trägheit, einem Platz im Schatten und Kopfnicken zur Musik eignet sich auch Believe Me von SLANG.

    Wer in meiner Playlist nach rockigeren Sounds sucht, findet mit Sicherheit auch die.

    Wie wäre es zum Beispiel mit Everything Is Easy von Dead Pony. Das Duo hat bisher nur vier Songs veröffentlicht, doch damit haben sie mich schon überzeugt. Besonders die Harmonie ihrer beiden Stimmen im Refrain des genannten Songs ist einfach nur wunderbar. Gewichtigen Rock gibt es auch mit SATE’s Dirty Little Lie. Nicht ganz so düster und mit weniger Fülle an Gitarrenklang geht es bei Bodys von Car Seat Headrest daher. Oder in Your Life Your Call von Junip. Beides verträumt und eine unbewusste Erinnerung an längst vergangene Tage weckend.

    Ich könnte tatsächlich ewig weiter über die ganzen Songentdeckungen nachdenken und schreiben. Doch den besten Eindruck gewinnt ihr wohl, wenn ihr einfach in die Playlist reinhört: