EIN SONGBLINDDATE

Ich habe Mihanta vom Gedanken Groove Blog gefragt, ob sie die Vermittlerin für mein Songblinddate sein möchte. Mit einem „viel Spaß“ sendete sie mir sechs Titel, die in ihrer Lieblingssong-Liste auftauchen. Also folgen jetzt sechs erste Eindrücke, doch nur einen der Songs nehme ich auf ein zweiten Date mit. 

What I Know Is All Quicksand – Giant Rooks

Es ist schon ein bisschen her, dass ich mir aktiv einen Song von Giant Rooks angehört habe. Und das Debütalbum liegt von mir noch unberührt auf irgendeiner Merkliste für später. Für irgendwann mal, wenn ich bereit bin, mein gefestigtes Bild der Band wieder einreißen zu lassen (oder in gutem Gewissen einzuzementieren). Ich glaube, ich hab einfach etwas Angst, dass mir der Ball, als er ins Rollen kam, zu rund geworden ist. Vielleicht werde ich vom Gegenteil überzeugt, denn ein Song aus ihrem Album ROOKERY dröhnt jetzt schon durch die Lautsprecher. What I Know Is All Quicksand

Wie die fünf Bandmitglieder auf dem Albumcover fällt der Sound aus den Wolken. Gezupfte Gitarren und ein leuchtendes Klingelklangel im Hintergrund. Dann Gegenwind und das Schlagzeug wie ein taumelnder Herzschlag beim Sprung zum freien Fall. Bevor der Schirm aufgespannt, der rasende Flug ausgebremst wird und der Rhythmus in einem schwerelosen Moment gegen den Strom schwimmt. Der Chor aus hellen Stimmen macht hier und da drei Basstönen Platz. Ein leises Klavier folgt auf den verträumten Chorus, es raschelt. Als dann ganz stripped back ein letzter hoffnungsvoller Part eingeleitet wird. Voller Emotionen und trotzdem bleibe ich unberührt. Das einzige was mich richtig mitnimmt, sind die bebenden Drums. Insgesamt finde ich den Song in Ordnung, aber er holt mich nicht nachhaltig ab. Ich bleibe lieber bei Slow.

Our Free Soul – Henry And The Waiter

Ein warmer Gitarrenklang, jemand summt eine Melodie. Bevor der Sänger zur ersten Strophe ansetzt. Etwas von „green youngsters on bikes attracted by the city of jaded anonym minds“ erzählt und mich im Licht der vorbeifahrenden S-Bahn direkt dort abholt, wo ich gerade stehe. Der Song ist nicht überladen, sondern wie ein geflochtener Weidenkorb mit zwei Sandwiches für unterwegs bepackt. Warme Akkorde, leises Pfeifen und der Rhythmus ist wie sanfter Rückenwind. Trotzdem tritt die Melodie auf der Stelle oder geht im Kreis. Ein verträumtes Lied für verregnete Strandtage, mit Gedanken an die dreckige Großstadt. 

Air Is Free – Johnossi

Mit Air Is Free, das an dritter Stelle der Songvorschläge steht, wird die musikalische Dramatik gesteigert. Das Träumerische gegen mehr Tatendrang ausgetauscht. Gitarren werden verzerrt. Und Blasinstrumente eröffnen grummelnd, dröhnend diesen Hymnen-artigen Titel von Johnossi. Vorher noch nichts von dieser Band gehört (von Henry And The Waiter übrigens auch nicht), etablieren sie mit diesem Song ziemlich schnell das Bild einer klassischen Rockband in meinem Kopf. Frontsänger mit Gitarre, der die Massen beim Konzert mit seinen raspelnden Riffs anstachelt. Alle im Rhythmus klatschen und zu „the air is free. I do whatever I want“, wie zu einem Befreiungsschlag die Arme ausbreiten. 

F**kin’ Perfect – P!nk

Der einzige Song aus Mihanta’s Liste, der mir vorher schon bekannt war. Es löst sich direkt eine Erinnerung aus der gedanklichen Hinterkammer. An die Schulzeit und das Englisch-Klassenzimmer, in dem jahrelang ein verstaubtes Plakat zu der Künstlerin hing. Überbleibsel von irgendeinem Vortrag zum Thema Lieblingssongs, für das ich damals Wonderland von Natalia Kills ausgesucht habe. Der Sound von F**kin’ Perfect bekommt dadurch direkt einen nostalgischen Touch, während P!nk mir eindringlich klarmachen will, dass ich mich nie „less than fucking perfect“ fühlen soll. Die Streicher unterstreichen die euphorisierende Wirkung vom Song. Das weiche Bett, in das man sich an einem schlechten Tag rücklings fallen lässt, um dann über best-case Szenarien zu phantasieren und neue Energie zu tanken. Früher lief das Stück so oft im Radio, dass ich es gar nicht mehr hören konnte. Im jetzigen Moment ist es genau richtig. Vielleicht etwas für eine best-of Playlist. 

Gipfelkreuz – Heisskalt

Dieser Song pirscht sich erst langsam an. Leise wird eine Tonfolge wiederholt bis die Drums, die Gitarren erst verhalten und dann düster energetisch die Register anziehen zum Gesang. Ein Chor im Hintergrund singt die Zeilen im Echo bevor der Refrain ansetzt. Zuerst eine ruhige Beobachtung, dann die entrüstete, ergriffene Stimme, ein Aufschrei. Die Becken des Schlagzeugs schellen unablässlig und rohe Saiten werden angeschlagen. Der Wechsel zwischen Verzweiflung und Hoffnung oder zurückhaltenden, nachdenklichen Passagen und dramatisch schwerer Komposition. Fast wie eine zarte Berührung, die dich letztendlich eine Klippe herunterstößt, wenn du es am wenigsten erwartest.

Charles – Blackout Problems

Der letzte Titel der Songliste ist Charles. Ein schöner Abschluss mit dem nur vom Klavier begleiteten Gesang. Beim Refrain gesellt sich eine helle Stimme dazu, das „I’m coming home“ wird zu einem Versprechen. Gefühle wickeln sich zu einer melancholisch traurigen Atmosphäre auf. Wenn sich der Gesang zu einem Chor addiert, das lauter werdende Tremolo eines Schlagzeugs einsetzt und die sirrende Luft aufwirbelt und dann einfach abbricht. Noch nie sind vier Minuten so schnell und doch so langsam vergangen. Als würde die Zeit kurz stehen bleiben in einem lichtlosen Raum, der nur von der Musik erfüllt ist. 

Mit diesem letzten Track fällt die Entscheidung nicht schwer, welche Band von diesen sechs Artists, mich zu einem näheren Reinhören überzeugt. Warum bin ich da eigentlich noch nicht früher zu gekommen? Auf ein zweites Date geh ich mit: Blackout Problems und ihrem emotionsüberschwappenden Sound. Es gibt auch eine Reihe an Singles, in 2020 erschienen, die doch ein guter Anfang für eine musikalische Auseinandersetzung wären. Außerdem: eine Band, die laut Spotify anderen Fans gefällt ist Razz. Das könnte hinhauen.

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