SOFTEIS

81 Songs in vier Stunden und 45 Minuten. Während die Tage immer länger werden, der Flieder blüht und wieder welkt. Und das gedrehte Softeis mittlerweile unter intensivem Sonnenschein in einer klebrigen Soße über die Finger rinnt. Ich habe während der letzten drei Monate Musik gesammelt. Auf grünen Kuhwiesen liegend, zwischen blauen Gummibooten, auch zum Höhepunkt der Isolation und in Konfrontation mit zu überholenden Denkweisen. Das ist, was dabei rauskam:

Angefangen bei einem Klassiker: Lola von The Kinks.

Beim Durchwühlen der arte Mediathek, stieß ich auf eine Dokumentation, die meine Liebe für The Kinks wieder aufflammen ließ. Dann war manchmal ein ganzer Tag nur diesem Song gewidmet. Das „la la la la Lola“ begleitete mich noch darüber hinaus. Ein wunderbares Stück, um es morgens aufzulegen, wenn die ersten Sonnenstrahlen und ein noch kühler Windzug über Grashalme streichen. Danach ständig repeat zu wählen, ist nicht ausgeschlossen. Doch zu munteren Sommertagen passen noch einige andere Songs.

Zum Beispiel Same Guy von Eades. Hach, da reicht schon dieser verwaschene Gitarrenklang zu Beginn des Songs und binnen zwanzig Sekunden sind alle Sorgen für einen Moment verschwunden. Ersetzt durch die fünf Gesichter der englischen Band, die mir von der Rückbank eines Autos entgegenlächeln. Ein Lächeln entlockt mir auch der Song Crown von Chika. Die 23-jährige Rapperin landet einen richtigen Wohlfühlsong. Gegen Zweifel. Für das Selbstbewusstsein, mit den Zeilen:

„Ain’t nobody gonna bring me down“

Für die eigene Rooftop Party – wahlweise aus aktuellen Umständen auch ein Tanzsolo aufm Balkon oder die kleine Gartenrunde – eignet sich der Agua de Rosa – Rooftop Mix von Angelica Garcia. Mit klimpernden Gläsern im Hintergrund, bevor die schweren Bässe einsetzen. Da hat Sinego der etwas langsameren, aus Vocal Loops aufgebauten Originalversion des Songs eine beschwingte Frische verpasst.

Und wer sich an der spanischen Sprache nicht satt hören kann, findet neben Llueve Sobre La Ciudad von Los Bunkers auch den ruhig verträumten Song My Boyfriend’s in the Band von Devandra Banhart in meiner Liste. Während ersterer offenbar zu den verregneten Gassen eines Indie-Films passt, ist das Stück von Devandra Banhart ein Spaziergang durch Wildblumenwiesen. Und ehe ich mich versehe, verliere ich mich in den Tiefen Spotify’s zwischen fremden Sprachen. Entdecke dabei ein mir bisher unbekanntes Phänomen:

Sovietwave, die musikalischen 80er in Russland

Vielleicht bin ich auch auf anderem Wege an den russischen New Wave Song Давайте созвонимся der Band Forum gekommen. Auslöser war ein Video von Mr Tape beim DJ Wettbewerb DMC World 1991. Wie faszinierend ist denn bitte der Fakt, dass dieser lettische „Tape-Jockey“ mit Tape scratcht, mixt und was DJs sonst so mit Platten machen. Bisher wusste ich nicht einmal, dass das überhaupt funktioniert. Scheinbar eine verbreitete Form des Deejayings in der Sowjetunion, weil dort das Beschaffen einer herkömmlichen DJ Ausrüstung selten möglich war. Ich bin beeindruckt.

Um den Fremdsprachenkanon der Schule zu vervollständigen, gibt es auch noch zwei Songs in französisch. Bonjour bonjour von Mademoiselle K., der mit einem steten Rhythmus und flimmernden Synths automatisch zu Antrieb verhilft. Der sich dann im gehauchten Chanson Dans la Merco Benz von Benjamin Biolay in Kreisen dreht, wie auf einem Kettenkarussell.

Kategorie: unbeschwert, in den Armen jugendlichen Leichtsinns

Spinning von Vinnie Laduce hört sich ebenfalls und auf andere Weise so an, als wären die Melodien Karussell gefahren. Ein schwebender Klangteppich mit ausgehöhlten Tönen, die mich durch die Nacht tragen. Wo da der Rasenmäher im Musikvideo herkommt, kann ich mir nicht ganz erklären. Im Gegensatz zu den Glitzervorhängen bei Disco von Surf Curse. Und was habe ich mich in diesen Song verliebt. Ein Wunder, dass mein Herz noch nicht in 173 bpm schlägt. Selbst meine Mutter bedachte mich nur mit einem „Hast du schon wieder diesen Song gehört?!“, wenn Disco aus dem Keller dröhnt und durch die Decke bis ins Wohnzimmer dringt.

Nur ein Lied wurde bei mir noch öfter gespielt. #1 unter den Lockdown Tracks sozusagen: Tränen zu Wein von SALÒ

Erst vor Kurzem wurde die Debüt-EP des österreichischen Künstlers veröffentlicht. Der Titeltrack hat es mir jedoch schon vor einigen Wochen angetan. Ich kann nicht genau beschreiben, was mir an dem Song so gut gefällt. Ob es die hartnäckige Instrumentation in Kombination mit dem Gesang ist. Die Zeile „Ich fühl‘ mich neu geboren, fühl mich fühl mich neu geboren“. Oder das Stirnrunzeln, das mir geschenkt wird, wenn ich jemandem Tränen zu Wein zum ersten Mal zeige.

Wer mich außerdem in den Bann gezogen hat, ist die englische Sängerin Connie Constance mit ihrem Song Monty Python. P.S. auch hier findet man Lametta verhangene Wände im Musikvideo – ich beginne, ein Muster zu erkennen. Die Komposition ist so unglaublich gut, dass die Töne direkt am Nervenzentrum in der Wirbelsäule herunterrieseln. Ein bittersüßes Gefühl geht Hand in Hand mit der Gitarrenmelodie und dem leichten „woohoo“ im Hintergrund. Ein perfekter Song für laue Sommernächte.

Maihimmel und Brennnesseltee

Als die Brennnesseln gerade aus dem Boden sprossen, war es ein Leichtes zur Kuhwiese unweit meines Elternhauses zu gelangen. Dort lag ein vergessener Heuballen. Und an nicht so sonnigen Tagen, war es wunderbar, auf diesem Heupaket zu liegen. Die Wolken ziehen vorbei. Und in das Vogelgezwitscher fügen sich die sanften Töne von Honey, Oh Honey! der Sängerin Squirrel Flower ein. Oder Nilüfer Yanya’s Heavyweight Champion of the Year.

Jetzt bin ich seltener dort, da mich ein kniehoher Kräuter-Dschungel von der Wiese trennt. Manchmal pflücke und trockne ich die Brennnesseln für Tee. Wenn ich morgens als erstes die rauen Blätter zwischen meinen Fingern zerbrösele und mit kochendem Wasser aufgieße, sprudelt Oatmeal von Sudan Archives aus den Lautsprechern.

„Wake up. If you want some oatmeal, I got you“

Die Künstlerin Sudan Archives ist nicht nur Sängerin, sondern auch Violinistin. Den zarten Klang der Geige baut sie in ihre Musik ein. Wie wilde Rosenranken bringen sie das Gerüst der Songs zum Blühen. Für einen nicht ganz so herzlichen Start in den Tag wie mit Oatmeal, gibt es noch die Möglichkeit, dass mich Matty Healy mit einem „Wake up wake up wake up, it’s Monday morning!“ anschreit. Der Song People von The 1975 ist definitiv mein Favorit von ihrem aktuellen Album.

Ein Albumfavorit ist ebenfalls Hands to Yourself von Kyle Dion. Obwohl die Wahl auf einen Song vom Langspieler SUGA nicht leicht fiel. Wenn die Stimmung passt, ist es nur logisch, dieses Album in seiner Gänze zu hören. Entspannte, fließende Melodien nach dem Motto „if it ain’t soul it ain’t whole“, wie es bei Kyle Dion in der Spotify Beschreibung steht. Für die sommerliche Trägheit, einem Platz im Schatten und Kopfnicken zur Musik eignet sich auch Believe Me von SLANG.

Wer in meiner Playlist nach rockigeren Sounds sucht, findet mit Sicherheit auch die.

Wie wäre es zum Beispiel mit Everything Is Easy von Dead Pony. Das Duo hat bisher nur vier Songs veröffentlicht, doch damit haben sie mich schon überzeugt. Besonders die Harmonie ihrer beiden Stimmen im Refrain des genannten Songs ist einfach nur wunderbar. Gewichtigen Rock gibt es auch mit SATE’s Dirty Little Lie. Nicht ganz so düster und mit weniger Fülle an Gitarrenklang geht es bei Bodys von Car Seat Headrest daher. Oder in Your Life Your Call von Junip. Beides verträumt und eine unbewusste Erinnerung an längst vergangene Tage weckend.

Ich könnte tatsächlich ewig weiter über die ganzen Songentdeckungen nachdenken und schreiben. Doch den besten Eindruck gewinnt ihr wohl, wenn ihr einfach in die Playlist reinhört:

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