MIDNIGHT CITY

Es ist ja nie so komplett dunkel. Nicht in Berlin. Nicht in Kreuzberg am Fraenkelufer, wo auf der gegenüberliegenden Kanalseite die Lichter vom Klinikum am Urban im Wasser flackern. Oder kalte Laternenbeleuchtung den Weg säumt, zu dessen Rechten Gestalten an Reck und Barren turnen. Joggende mit Kopflampen durch die Nacht rennen, als würde sie nichts verfolgen, außer ihr Schatten. 

An der Kreuzung ist es sogar heller als im Wohnzimmer, wo ich nach fünfzehn Uhr die Stehlampe anschalte und mit leuchtender Stirn im Videocall sitze. Doch zurück zu der Kreuzung. Das Abgas der anfahrenden Autos bläst mir unter den Rock, kurz wärmt es meine in Strumpfhosen gehüllten Waden. Dann bleibt ein eisiger Windzug, als die Ampelmännchen auf grün schalten und ich meinen Spaziergang fortsetze. 

Hinter mir höre ich den Strom aus roten und gelben Lichtern rauschen, der regelmäßig abebbt und wieder fließt. Neben mir schlängelt sich die U-Bahn wie ein gelber Wurm durch den Nachthimmel. Vom Halleschen Tor am Kanalufer entlang zur Prinzenstraße und ich laufe ihr entgegen. Dann links abbiegen. Oder rechts. Der neonbeleuchteten Spätireklame abgewandt marschiere ich bergauf. 

Gelbe Vierecke erleuchten ein dunkles Häuserskelett, das sich wiederum ans nächste reiht. Jemand hat eine Lichterkette in tausend Schichten um den Baumstumpf an der Ecke gewürgt. Die kleinen Lämpchen sehen aus wie ein Glühwürmchen-Nest. Jetzt lässt sich der Hauptstraße nicht mehr ausweichen. Alles blinkt. In orange, gelb und rot. Langsam kriecht die kalte Luft in meinen Kragen, ich ziehe den Reißverschluss noch ein Stück höher. Gehe noch einen Schritt schneller.

Bis ich auf dem Feld stehe, die Besucher vom Nachmittag strömen nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Ausgang. Nur vereinzelte Schatten halten dagegen. Ein paar Radfahrende sind mit ihren Scheinwerfern neben rechteckigen Handybildschirmen die einzige Lichtquelle auf der Spur aus Asphalt. Irgendwo fährt ein Blaulicht und die Zentrale begrenzt links mit ihren stechend weißen Lampen das Gelände. 

Ich drehe mich um und blicke zurück. Die Sonne ist längst untergegangen und doch schimmert der Nachthimmel in dunklem Rot, die Wolken fliegen als Schatten darunter hindurch. Lichter sitzen am Horizont wie eine Schar Spatzen auf der Hochspannungsleitung. Ein, zwei Sterne verbrennen so hell, dass sie trotz verschmutzter Stadt zu erkennen sind. Und eine sanfte Stimme singt in mein Ohr. the night city grows, look at the horizon glow. the city is my church, it wraps me in its blinding twilight.

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