Kategorie: INTERVIEW


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    KOꓘO

    Mit einem großen Schritt steige ich auf den kniehohen Eckschrank und setze mich neben den Plattenspieler. Darauf bedacht, die elektronischen Geräte nicht aus Versehen zu Boden zu befördern, versuche ich es mir in der kleinen Lücke zwischen Drehteller und Lautsprecher gemütlich zu machen. So gut es eben geht. Warum das ganze? Nun, näher werde ich der WLAN-Quelle wohl nicht mehr kommen. Und für mein heutiges Vorhaben ist eine stabile Internetverbindung Voraussetzung.

    Es ist kurz vor 13 Uhr. Mein Handy lehnt gegen den Bildschirm meines Laptops, welcher wiederum auf einem kleinen Tischchen vor mir platziert ist. Und mit ausgestrecktem Arm tippe ich auf dem Telefon herum, bis ich durch die Innenkamera einen Blick auf mein Gesicht vor Setlist behangenem Hintergrund erhasche. Gerade möchte ich mich wieder vom Display abwenden, als eine Nachricht am oberen Bildschirmrand aufploppt.

    Gebt mir fünf Minuten, dann starte ich einen Videoanruf.

    Ich öffne den Gruppenchat, dem diese Nachricht entstammt. In der linken Ecke leuchtet mir eine schwarze Wortmarke auf pinkem Grund entgegen, wo sich sonst das Profilbild befindet. Vier Teilnehmer bilden diese exklusive Runde und so teilt sich auch das Bild auf meinem Display in vier, als ich einen eingehenden Anruf entgegennehme.

    In den oberen Kästchen tauchen zwei Personen auf. Beide tragen diese kleinen In-Ear-Kopfhörer, die durch ein weißes Kabel an ihre Handys angeschlossen sind. Aus der rechten Ecke werde ich mit einem freundlichen Lächeln begrüßt. Es ist von Harry Dobson, Bassist und Synthie-Spieler der Band KOKO. Ein mittellanger, brauner Haarschopf, von dem einzelne Strähnen wild nach allen Seiten abstehen, rahmt sein Gesicht ein. Er trägt ein ärmelloses, weißes Shirt und der blaue Himmel im Hintergrund zeichnet den Beginn eines sonnigen Donnerstagnachmittags.

    Daneben mache ich das Video von Ashley C aus, Gitarrist bei KOKO und ebenfalls an den Synths zu finden. Der begrünten Aussicht nach, befindet auch er sich draußen, vielleicht in einem Garten. Doch mit seinem schwarzen Beanie und dem schlichten, grauen Kapuzenpulli ist er eher für einen Herbst- als einen wolkenlosen Frühlingstag gekleidet. Das letzte Viertel auf meinem Display bleibt noch schwarz. Der dritte im Bunde dieser britischen Band ist Sänger Oliver Garland. Er wird erst in ein paar Minuten dem Gruppenanruf beitreten.

    Seit Ende 2017 oder Anfang 2018 – so genau erinnern sie sich selbst nicht mehr – macht das Trio zusammen Musik. Eine Party sollte sie damals von drei unterschiedlichen Lebenswegen auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Oliver wuchs in Thailand auf und war angehender Boxer. Harry strebte eine Karriere als Skateboarder an, die jedoch durch eine Verletzung verfrüht enden musste. Und Ashley hatte mit Angstzuständen zu kämpfen, durch die er sich manchmal monatelang von seinem Umfeld abschottete. Trotz dieser individuellen Hintergründe – alle teilen eine Leidenschaft für den gleichen Beat.

    „Wir haben zwar unterschiedliche Einflüsse, doch wenn wir Songs schreiben, vermischt sich all das zu einem Ganzen und kreiert genau den Sound, der KOKO ist.“

    Und noch etwas haben die drei Musiker gemeinsam, wie Ashley mir erklärt: „Wir haben alle diese“, der Gitarrist wedelt mit seinen Händen vorm Gesicht herum, während er mit gedämpfter Stimme einen verrückten Schrei mimt, „- Energie“. Auch bekannt als „KOKO Dreieck“. Denn schon so manche, die die Jungs das erste Mal in einem Raum vereint trafen, wurden von ihrer geballten Power überrollt.

    Mittlerweile ist auch Oliver, oder kurz Ollie, aus seinem Wohnzimmer zu unserem Telefonat geschaltet und entschuldigt sich für die Verspätung. Er fasst sich zur Begrüßung kurz an den Schirm seines schwarzen Basecaps, das Ton in Ton mit dem T-Shirt geht, was er trägt. Ich habe gar nicht mitbekommen, wie Ashley sich währenddessen ins Haus begeben hat. Entfernt ist irgendwo Hundegebell zu hören, zu dem sich Harry’s Stimme mischt.

    „Wir haben tatsächlich ausschließlich an Songs gearbeitet, sehr viel geschrieben, entwickelt und ausprobiert, was für uns am besten funktioniert“,

    antwortet der Bassist auf meine Frage, was sie in der Zeit zwischen dem besagten Kennenlernen und ihrer ersten Veröffentlichung als KOKO im November 2019 so getrieben haben. Und das dabei entstandene Material deckt nicht nur ihre Debüt-EP ab. Das Trio hat auch noch den ein oder anderen Song in Reserve, denn gedanklich sind die drei Engländer schon sechs Monate voraus.

    Das verwundert mich nicht. Betrachtet man ihre bisherigen Veröffentlichungen – Songs, Artwork und Musikvideos – dann wirkt alles detailverliebt und durchdacht. Nicht so, als hätte man die letzten Monate nur ein paar Jamsessions in Vater’s Garage abgehalten. Das haben sie außerdem.

    An die Debütsingle Freak schlossen sich drei weitere Songs an, Eyes So Wide, Tell Me Do You Care und Follow, wobei letzter Track namensgebend für die EP war. Alle Stücke, an deren Entstehung die Bandmitglieder zu gleichem Maße beteiligt waren, fangen diese besondere Stimmung ein. Diesen Moment zwischen Flackerlicht im Club mit den niedrigen Decken, von denen der Schweiß tropft. Und einem ersten Blick auf den vom Sonnenaufgang orange-pink gefärbten Himmel, wenn die U-Bahn an dieser einen Stelle aus dem Tunnel auftaucht.

    Die Melodien sind umhüllt von Ekstase und wiegen gleichzeitig schwer, wenn die Sicht durch halb geschlossene Lider leicht verschwimmt. Im Remix von Freak vibriert der Boden, während er sich in der A.M. Version von Eyes So Wide langsam öffnet und die Euphorie darin versinkt, um einem Morgen danach den Weg zu ebnen. Dieser Charakter, der alle Songs des Trios durchzieht, kommt nicht von ungefähr. Jedes neue KOKO Stück wird der gedanklichen Probe unterzogen, ob es um vier Uhr morgens auf einem Feld mit vielen Leuten für Stimmung sorgen könnte.

    „Wir lieben es, Festivals zu besuchen. Und kennst du diesen Moment, wenn der letzte Headliner gespielt hat und alle zu diesem einen Zelt gehen, wo jeder komplett abdreht?“ Ich nicke Harry bejahend zu, als Ashley ergänzt: „Und von der Musik, die dort gespielt wird, möchten wir unsere eigene Interpretation erschaffen.“

    Das schreit ja schon fast nach einer perfekten Vorlage für Liveauftritte. Und fragt man die Jungs nach ihrem Ziel als Band, bekommt man die eindeutige Antwort: zu touren! Was der Reiz hinter eigenen Konzerte ist, teilt Ollie ohne eine Sekunde zu zögern mit: „Die Energie! Das Adrenalin! Diesen Rausch bekommt man nirgendwo anders.“ Bisher können KOKO nur ein einziges Konzert verzeichnen, im Londoner The Waiting Room. Doch diese Show im Januar sorgte bereits für eine Erkenntnis, die jeden kommenden Auftritt der Band prägen wird.

    „Wir spielen keine Konzerte für das Publikum, sondern mit ihnen zusammen.“

    Die Einbindung und Interaktion mit den Besuchern ist für Ashley, Harry und Ollie von großer Bedeutung. Selbst beim Komponieren der Songs ist ein kleiner Teil der Drei bereits im Club und testet das Bühnenpotenzial der werdenden Stücke. „Ob es eine kleine Zeile vor dem Refrain ist, die das Publikum uns entgegensingen kann oder etwas anderes – wir möchten immer ein Element im Song haben, das wir gut auf die Bühne bringen können.“

    Das klingt nach einem wahren Erlebnis und ich würde bei dem Gedanken daran, dass der nächste Konzerttermin ungewiss ist, am liebsten wehmütig seufzen. Doch noch habe ich mein Handy mit den Videos dreier Bandmitglieder vor mir, die gerade versichern, dass sie so schnell es geht, für eine Show nach Deutschland kommen wollen. Das und lautes Vogelgezwitscher bei Harry im Hintergrund sind mir ein kleiner Trost. Bis es so weit ist, bleibt mir ja immerhin das aktuelle Musikvideo von KOKO und dessen atmosphärische Bilder in Dauerschleife.

    Zu Tell Me Do You Care wurde bereits ein Video veröffentlicht. Vor kurzem folgte dann eines zu Freak, was die Episode der ersten EP mit einem schönen Rahmen umspannt. Visuell fährt das Trio in diesem Musikvideo neue Geschütze auf. Ihr pinker Farbcode wird gebrochen. Und zum ersten Mal steckt eine große Crew mit Kamera, Licht und allem drum und dran hinter der Produktion. Gedreht wurden die Sequenzen in einem umfunktionierten Club. „Es war ein langer Tag! Wir haben um sieben Uhr angefangen und waren gegen Mitternacht fertig. Aber für das, was wir geschafft haben, ist es schon beeindruckend“, erinnert sich Harry.

    Das Trio tauschte ihre Ideen für die Bilder mit dem Regisseur Matthew Hoult aus, „der es wie einen dieser japanischen Horrorfilme aussehen lassen wollte – mit den Käfern zum Beispiel. Oder besonders an der Stelle, wo Ollie durch den Gang geschliffen wird.“ Auch dem Wunsch nach dem Effekt eines Fischaugenobjektivs wie in alten Hip Hop Videos wurde nachgegangen. Die düsteren und zum Teil unheimlich wirkenden Szenen sind das Silbertablett auf dem die Grundstimmung des Songs transportiert wird.

    Vereinzelte gelbe und blau-grüne Farbtupfer im Musikvideo bringen die Band und mich dann wieder zu einem Gespräch über das Pink in ihren Coverartworks. Und ich beichte, dass ich bei der Kombination aus Rosatönen mit Schwarzweiß als erstes Yungblud vor Augen hatte. Das bringt Ashley zum Lachen: „Alle sagen immer, das Pink erinnert an The 1975. Aber mit Yungblud hat das bisher niemand verglichen.“ Ich erfahre auch, dass ich mich jetzt, wo die Debüt-EP veröffentlicht, das erste Projekt abgeschlossen ist, nicht zu sehr an das Pink gewöhnen sollte. „Doch was als nächstes kommt ist noch“, Ashley legt seinen Zeigefinger an die Lippen und grinst verschwörerisch, „-shh“.

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Oliver Garland, Harry Dobson und Ashley C von KOKO am 09.04.2020 entstanden.


  • WIE EIN KUSS BEIM STAGEDIVE

    WIE EIN KUSS BEIM STAGEDIVE

    „Ich kann auch ein bisschen Bach auf der Gitarre spielen. Zumindest den Anfang von der Bourrée in e-Moll. Denn Paul McCartney hat irgendwann mal über Blackbird gesagt, dass der Song davon inspiriert wurde. Da dachte ich, das muss ich auch können.“

    Ich schmunzele, als ich beschwingt meinen Rucksack schultere, um zur Uni aufzubrechen. Diese Worte sind scheinbar das perfekte Bindeglied zwischen zwei unterschiedlichen Momenten am heutigen Donnerstag. Der Übergang von in Lederoptik glänzenden Sesseln zu tristen Stuhlreihen. Oder einem Interview mit Shelter Boy und anschließender Vorlesung über Johann Sebastian Bach. Der Dreck auf dem grauen Pflaster knirscht beim Laufen unter meinen Schuhen, während ich die vergangene Unterhaltung Revue passieren lasse.

    Treffpunkt Interview

    Von Dresden nach Berlin braucht man mit dem Auto zwei Stunden. Ganz so weit war meine Anreise an diesem Vormittag nicht. Nach kurzer Zeit trete ich durch die Hintertür eines Spätis in den Treppenaufgang, der mich geradewegs zum Büro der Filter Music Group führt. Dort ist bereits Simon Graupner eingetroffen, der die sächsische Hauptstadt für einen Tag voller Fragen in Berlin hinter sich gelassen hat. Der junge Künstler ist in der deutschen Musiklandschaft besser bekannt als Shelter Boy und hat sich mit seiner Debüt-EP Mirage Morning, einigen Support- und Festivalauftritten im vergangenen Jahr einen Namen gemacht.

    Und die nächste Veröffentlichung steht schon in der Tür. Rock’n’Roll Saved My Childhood (lel) sind fünf Songs, eine Momentaufnahme, die am 24.01.2020 auf Simon’s eigenem Label ZG500 Records erschienen ist. Geschmeidig balancieren sie in der gleißenden Abendsonne auf einem Drahtseil zwischen heruntergekommenen Häuserfassaden. Wo mich der melancholische Gesang in ein Loch aus Nostalgie fallen lässt, fangen mich die rauschenden Gitarren wieder auf. Und dass man zwischen den Saiten nicht nur meint, den rettenden Rock’n’Roll herauszuhören, die Beatles, Elvis vielleicht, sondern auch Hip Hop, kommt nicht von ungefähr.

    „Es ist mir wichtig, dass man nicht nur eine Schiene fährt, sondern ganz viel aufsaugt und guckt, wo man dann rauskommt“,

    sagt Simon über die Einflüsse für seine aktuelle EP. Die Demos der Songs sind allesamt bei ihm zuhause entstanden. Und genau wie bei Mirage Morning werden auch diese ursprünglichen Versionen der Songs veröffentlicht. Unter dem Titelzusatz Home Recordings.

    Als bekennender Oasis-Fan hörte Simon mit Vergnügen deren alten Demos auf Youtube und möchte das nun für seine eigene Arbeit übernehmen. „Ich finde das voll interessant, wenn man hört, wie sich das entwickelt hat. Dass ein Track vielleicht ganz anders davor klang als auf der Platte.“

    Laut eigener Aussagen ist das zum Beispiel bei Let Em Go der Fall. Denn vor der Veröffentlichung gab es für alle Songs mit der Unterstützung zweier Produzenten, Sebastian Schütze und Bernhard Pausch, einen Feinschliff im Studio. Und beim Schaffensprozess wird deutlich: Shelter Boy macht Musik nach Gefühl und für das Gefühl. Dabei „kann auch mal etwas vermeintlich scheiße klingen, wenn es dadurch zur Stimmung beiträgt. Ich finde es am wichtigsten, dass was transportiert wird. Ob dann jede Gitarre hundertprozentig gestimmt ist… fuck off.“

    Stichwort Gitarre

    Dieses traditionsreiche Saiteninstrument war wohl der Auslöser für die musikalische Laufbahn von Simon Graupner. Durch den Vater eines Freundes hat er Gitarre spielen gelernt. Später baute er diese Fähigkeit aus. Dann folgte 2012 die Gründung der Zwickauer Band Still Trees. Ein Quintett, in dem Simon den Platz des Gitarristen und Co-Frontmanns besetzte. Nun ist er mittlerweile solo unterwegs. Der Grund für diesen Alleingang liegt vorwiegend bei der Entscheidungsfreiheit, die in einem demokratischen Kollektiv mehrerer Musiker eher eingeschränkt ist.

    „Ich wollte irgendwann nicht mehr auf andere Leute warten, die erst ihr OK geben müssen. So kann ich halt einfach sagen, ich leg jetzt los. Es ist mir wichtig, dass man schnell arbeiten kann und nicht immer auf andere angewiesen ist.“

    Mit Shelter Boy, dessen Name von einem Bob Dylan Track stammt, kann sich Simon also ganz seinen eigenen Ideen hingeben. Kreativ impulsiv oder mit anderen Worten: „Ich rotz vieles einfach so hin. Das sind dann Momentaufnahmen. Und dann ist es auch gut so.“

    So stecken hinter dem Titel Rock’n’Roll Saved My Childhood (lel) keine monatelangen Vorüberlegungen und Konzepte. Und auch die Findung des EP Covers von Mirage Morning über eine Umfrage in der Instagram Story ist beispielhaft für die selten vorhandenen festen Pläne oder Strukturen im Schaffen Shelter Boys – denn „das ist irgendwie nicht so mein Ding.“

    Vom Ausschneiden und Zusammenkleben

    Die besagten Cover Artworks für die damals abgestimmt werden konnte, waren beide eigens von Simon zusammengestellte Collagen. Schere und Papier sind für den Künstler eine Ausweichmöglichkeit zum Songs schreiben. „Das mache ich immer zuhause, wenn ich mit der Musik nicht weiterkomme. Ich kann halt null zeichnen, so gar nicht. Und dann dachte ich… ausschneiden!“ Wer einen Blick in den Shop von Shelter Boy wirft, wird auch hier fündig mit Prints seiner Collagen, die außerdem mit einem Downloadcode ausgestattet sind.

    Die ersten beiden Mini-Alben stehen. Was jetzt noch fehlt, ist eine eigene Tour. Und auch die lässt nicht mehr lang auf sich warten. Der Auftakt findet am 29. Januar in Chemnitz statt und mit einigen Herausforderungen wächst auch die Hoffnung, „dass überall eine schöne Stimmung ist, sich jeder lieb hat und dass es einfach eine gute Zeit wird. So wie bei den ganzen anderen Shows auch, wo wir Support waren.“

    Stagedive und Live-Band

    Das „wir“ bezieht sich auf die Musiker, die Simon bei seinen Konzertauftritten unterstützen. Die sogenannte Shelly Family. Dabei entsteht nicht nur eine besondere Atmosphäre, auch die Songs werden zu neuen Live-Versionen ihrer selbst. Am deutlichsten ist das bei Clean Sheets / Blank Page. Zuvor als Akustik-Track auf Mirage Morning fand die Band-Version ebenfalls ihren Weg, diesmal auf die neue EP. „Ich finde es irgendwie schön, dass beide EPs mit dem gleichen letzten Track in verschiedener Form beendet werden.“

    Die Interaktion der Band auf der Bühne führt auch nicht selten zu seltsamen Begebenheiten. Denn ab dem Zeitpunkt, wo Shelter Boy auf der Bühne steht, ist ein Schalter umgelegt. Zu der Musik gesellen sich komische Situation und Figuren. Und viel Stagediving.

    „Fabi der Gitarrist hat, als wir mit Rikas in Hamburg gespielt haben, angefangen, die Atzen zu rappen. Den kompletten ersten Part von Das Geht Ab. Und dann hat das komplette Molotow auf einmal mitgesungen. Das war eine witzige und sehr absurde Situation“, erzählt Simon von seinen bisherigen Konzerthighlights.

    „Mein schönster Moment 2019 war, glaube ich, als Fabi und ich gleichzeitig gestagedived sind und uns dabei geküsst haben.“

    „Ich hoffe einfach, dass genug Leute auf Tour da sind, die mich tragen können.“

    Dieser Text ist auf Grundlage eines Interviews mit Simon Graupner aka Shelter Boy am 9. Januar 2020 in Berlin entstanden. Foto: Philipp Gladsome


  • KAFFEE, KONZERTE, KING NUN

    KAFFEE, KONZERTE, KING NUN

    Es ist bereits dunkel. Der Feierabend drängt Leute in die Bahn, wo sich ihre vom Regen feuchten Mäntel berühren. Wer vorausschauend war, hat einen Schirm dabei. Ich wickele mir stattdessen meinen roten Schal um den Kopf, als ich an der Warschauer Straße aussteige. Der stete Nieselregen hat sich zwischen den zersprungenen Betonplatten auf dem RAW Gelände zu großen Pfützen gesammelt. Über den nassen Boden flimmert die Reflektion vereinzelter Lichterketten auf dem sonst unbeleuchteten Weg.

    Donnerstagabend im verregneten Berlin

    Zwischen bunt-verzerrten Graffitis, einem Stück Kopfsteinpflaster und dem Fotoautomaten vorm Badehaus ist der Eingang des Cassiopeia. Zwei Werbetafeln mit Plakaten, die auf anstehende Veranstaltungen hinweisen, rahmen den Durchgang zum Club ein. Biegt man rechts ab, gelangt man zum Kegel, einer Kletterhalle. Ich finde mich jedoch wenige Momente später vor einer Bühne wieder. Sie dient als Abstellplatz für Kisten und Boxen. Davor stehen deplatziert verlassene Barhocker. Im Nebenraum ist gerade Soundcheck.

    Die Uhr zeigt, es ist kurz nach fünf. Gerade habe ich meinen Schal abgelegt, als eine Gestalt schnellen Schrittes den Raum betritt. Die Hände zuerst in den Taschen seiner grauen Jacke vergraben, kommt er vor mir zum Stehen. Streckt dann in einer freundlichen Geste seine rechte Hand aus. Auf seinen Schultern haben Regentropfen frische Spuren hinterlassen. Die gestuften, rötlich schimmernden Haare teilen sich am Ansatz in nasse Strähnen. Es ist Theo Polyzoides, Sänger der Band King Nun, mit dem ich für ein Interview verabredet bin.

    Auf einen Kaffee mit dem Sänger von King Nun

    Lang hält es uns nicht im Club. Der Londoner hat auf seinem Weg von der Unterkunft hier her eine Ecke gefunden, in der es sich gut Kaffee trinken lassen könnte. Er führt mich durch den Raum, in dem sich The Sherlocks auf ihr Konzert vorbereiten. Der Club ist leer, überall stehen Instrumente und ihre Koffer. Dann treten wir ins Freie, und noch bevor ich wieder unter meinem Schal Schutz vor dem Regen suche, sind wir schon von Kaffeeduft, Tischen und Stühlen umringt. Es stellt sich heraus, dass Theo das kleine Restaurant Emma Pea direkt gegenüber vom Cassiopeia meinte.

    Orangenes Licht erhellt die hölzerne Veranda, auf der wir uns niederlassen. Blumenkästen mit mickrigem Grünzeug hängen am Geländer. Von den weißen Stühlen blättert die Farbe. Die Witterung hat den Vorbau gezeichnet, doch charmant heruntergekommen passt es gut an diesen Ort. Von den Gästen wagt sich heut keiner nach draußen.

    Das Debütalbum Mass

    Ungestört, mit zwei Tassen dampfendem Kaffee vor uns kommen Theo und ich also ins Gespräch. Und es gibt viel zu erzählen. Am 4. Oktober diesen Jahres veröffentlichten King Nun ihr Debütalbum Mass. Elf Songs zwischen rauer Ehrlichkeit, düsterer Atmosphäre und berauschenden (Bass-)Gitarren-Melodien. Die Essenz aus gut dreißig Titeln, die bei den Arbeiten am ersten Langspieler entstanden sind.

    „Man kann kein Album mit so vielen Songs veröffentlichen. Also haben wir es im Wesentlichen auf unsere Lieblingslieder reduziert und solche, die eine Geschichte erzählen können“,

    erklärt der Frontmann, nachdem er mit einem freudigen „oh fucking great!“ seine Gefühle für den zurückliegenden Release geäußert hat. Auch wenn das Publikum positiv zum Debüt der jungen Band resoniert, ist für Theo die eigene Meinung am wichtigsten: „Solang es mir gefällt, bin ich glücklich.“

    Und das scheint er zu sein. Ein breites Grinsen weicht die Gesichtszüge auf, die beim Ansehen der Musikvideos verschlossen, wutverzerrt oder sorgenvoll den Bildschirm dominieren. Doom and gloom. Englische Kultur als Faden, der in den schweren, vielleicht elegischen Bildern und Klanglandschaften von Mass verwoben ist. Auch die Idee, das Album wie eine Predigt zu konzeptualisieren, prägt seinen Charakter.

    „Die Songs handeln alle irgendwie von unserem Leben und ein Debütalbum ist dieses große Ereignis – daher machte es für mich den Eindruck, es müsse eine Feier werden. Für das was wir wurden und was wir aus unserem Leben gemacht haben.“

    Eine Art Tauf-Zeremonie, das aus Gedanken und Geräuschen Geborene zelebrierend. Geheimnisvoll. Es gibt keinen bestimmten Prediger. In den Kreis wird aufgenommen, wer sich auf die Musik einlässt. Diese Idee erinnert mich an ein Buch, das ich erst vor kurzem las. Thematisiert wurde darin die „okkulte Seite der Rockmusik“. Ist Musik eine unerklärliche Macht, die den Hörer, vielleicht seine Seele, in einem immateriellen Phänomen fesselt?

    Während ich meine Frage ausführe, nickt der Sänger von King Nun entzückt mit einem breiten Lächeln. „Fuck yeah! Für diese Frage habe ich genau den richtigen Ort ausgesucht.“ Eine ausladende Handbewegung unterstreicht seine Worte und lässt meinen Blick ein zweites Mal an diesem Tag über bunte Hauswände wandern. Neben unserem Tisch hängt ein großes Bild von einem Jungen, der graue Tränen weint.

    „Ich denke, Musik ist auch immer ein bisschen Religion. Wir versammeln uns, um sie gemeinsam zu erleben. Und ich persönlich verstehe nicht, wie Musik funktioniert oder warum sie bestimmte Dinge in uns auslöst. Damit will ich sagen – ich weiß nicht wirklich, warum es zum Beispiel die Definition gibt, dass dich ein Moll-Akkord traurig macht und ein Dur-Akkord fröhlich ist.“

    Nachdenklich, aber auch von dem Unerklärlichen hingerissen versucht Theo das Ungreifbare greifbar zu machen. Von seinem eigenen Gedanken, dass in der Musik „vermutlich etwas Besonderes vor sich geht“, muss er schmunzeln. „Das Zusammenfinden von Leuten um eine Sache, die nicht wirklich verstanden werden kann – das hat schon etwas Okkultes an sich.“

    Diese mysteriöse Grundstimmung visualisiert die Londoner Band auch in ihren Videos. Black Tree wird von nächtlicher Szene und Bildern aus einer von Kerzen erleuchteten Kirche geschmückt. Es ist das Werk Johnny Goddard’s. Ein Regisseur, mit dem die Band seit einiger Zeit zusammenarbeitet. Simple Ideen verwandelt er in ästhetische Augenweiden, die die Botschaft der Band transportieren.

    Vor meinem inneren Auge spielen sich die dunkelrot-atmosphärischen Sequenzen ab, als Theo erklärt: „Ursprünglich wollten wir viele Menschen in diesem Video. Wir wussten nicht wie es passieren sollte, aber wir wollten viele, viele, viele Leute versammeln. Und er [Johnny Goddard] verwandelte es in dieses schräge ‚wir sind in einer Kirche und draußen laufen verhüllte Personen über die Felder’“.

    Bald werden King Nun ein neues Video drehen. Für welchen Song, das darf ich noch spekulieren. Theo jedoch ist sich sicher, dass es noch besser wird, als all ihre bisherigen Musikvideos. Die Vorfreude des Frontmanns steckt an. Begeistert erzählt er, wie das Team im Moment über den Inhalt des Videos berät. Genaueres verraten wird er nicht. Nur: „Letztendlich könnte man daraus auch drei weitere Videos machen… Oder eben nur das eine, man weiß es nicht. Ich bin gespannt.“

    Musik und Kunst

    Vor Neugier ganz nervös geworden, stoße ich mit meinem Knie an die niedrige Tischplatte, als ich mein Bein überschlage. Ich nehme einen Schluck aus der kleinen Kaffeetasse, der Wind hat das Getränk bereits abgekühlt, und hänge gedanklich Bildern nach. Mich fasziniert diese besondere Ästhetik, vielleicht Inszenierung, der Band. Oder allgemein. Wenn Musik und Kunst aufeinandertreffen. Theo geht es genauso:

    „Als ich anfing Bands zu mögen, ging es natürlich hauptsächlich um die Musik. Aber auch der Name war wichtig für mich. Oder ein cooles visuelles Auftreten. Das Gefühl, als ob es eine Welt oder eine Gang gäbe, von der du Teil sein kannst. Das liebe ich an Bands! Ich glaube Name, Musik und Kunst – all das zusammen macht diesen Reiz aus.“

    Kurz überlege ich, ob King Nun bereits in einem ihrer vielen Interviews gefragt wurden, was hinter ihrem Namen steckt. Doch auch wenn mir das von meinen Recherchen nicht bewusst war, traue ich mich nicht, diese offensichtliche Frage einzuwerfen. Im Nachhinein hätte ich es gern erfahren.

    Stattdessen ziehe ich nun die Verbindung zu einer Diskussion, der ich eine Stunde vorher im Uni-Seminar beiwohnte. Das Thema war Authentizität. Und dass selbst im Interview der Gesprächspartner eine Performance seiner selbst ist. Kann man ehrliches Auftreten mit der von Theo und mir geliebten, künstlerischen Darstellung einer Band verbinden? Oder ist die Kunst künstlich? 

    „Meiner Meinung nach steckt in allem ein wenig Wahrheit. Ich glaube nicht, dass eine Person etwas kreieren kann, das nicht mindestens für ein winziges Stückchen Teil von ihr gewesen ist. In unserem Fall möchte ich es möglichst authentisch halten. So handeln beispielsweise alle Songs von realen Begebenheiten, die uns passiert sind.“

    Wir trinken beide einen Schluck und Theo hält kurz inne, um scheinbar sein eigenes Handeln zu reflektieren. Er offenbart: „Ich glaube, wenn ich nicht auf Tour bin, bin ich definitiv weniger gesprächig. Aber das Touren hat etwas an sich… Die Aufregung, Teil dieses Jobs zu sein, von dem wir so lange träumten – das macht eine aufgeschlossenere Person aus mir.“ 

    Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Die Art Person, die dich in den Regen rauszieht und sagt ‚lass uns einen Kaffee trinken gehen’“. Wir amüsieren uns beide über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Doch der Kaffee hat eine ganz eigene Bedeutung für den Sänger.

    Vergesst die Formalitäten

    Theo ist sehr auf eine entspannte Atmosphäre während des Interviews bedacht. Als er sich erkundigt, ob ich mir die Fragen irgendwo notiert habe und ich verneine, ist er kurz überrascht. Doch im positiven Sinn. Das Interview ist schon längst ein Gespräch geworden. Wie sich herausstellt, sind wir beide keine Fans von formalen Treffen. Er erzählt: „Ich gebe mein bestes, irgendwo hinzugehen, vielleicht auf eine Tasse Kaffee, damit es eher wie eine Unterhaltung ist. Da liegt weniger Druck auf einem und man kann besser reden.

    „Manchmal kann etwas so einfaches wie ein Kaffee alles wieder richten, also warum nicht? Und ich habe eh ein zu romantisiertes Bild davon, in Europa Kaffee zu trinken. Das ist auch so ein Touristending.“

    Dem Debütalbum ist es zu verdanken, dass die Londoner Band im letzten Jahr zweimal Europa bereisen konnte. Auch in Amerika spielten sie Konzerte. Und im Moment können Fans bereits Tickets für eine weitere UK und Europa Tour im kommenden Februar/März erwerben. Da ziehen einige Städte ins Land. Für Sänger Theo Polyzoides ist das aufregend.

    Gleichermaßen ist er froh über die Gastfreundschaft und Wärme, das gute Essen, das der Band entgegengebracht wird, wenn sie in fremden Städten einkehrt. Der Sänger sieht das im Gegensatz zu seiner Heimat, „wo sie dir ungelogen nur ein Bier mit den Worten ’nimm das und spiel den Gig‘ zuwerfen.“ 

    Zwischen Kulturschock und Konzert

    Gerade reden wir über Berlin und Theo sagt mit Blick auf das RAW Gelände: „Das ist so interessant hier. Wir haben nichts vergleichbares in London. Das ist – so touristisch es jetzt klingen mag – genau, wie ich mir Berlin vorgestellt habe.“ Da laufen einen Meter unter uns die restlichen Bandmitglieder an dem erhöhten Verandagerüst vorbei. Sie sehen sich um und suchen wohl nach dem Eingang zum Club, als sie uns entdecken.

    „Hello, this is the interview!“, ruft der Sänger ihnen entgegen. Alle drei – Caius Stockley-Young (Schlagzeug), Nathan Gane (Bass) und James Upton (Gitarre) – heben zur Begrüßung die Hand und verschwinden dann im Cassiopeia. Der Sänger gibt das Interview allein, um chaotisches Stimmengewirr zu vermeiden. Denn der angestauten Pre-Konzert-Begeisterung geschuldet, läuft es unter den vier Musiker nicht selten genau darauf hinaus.

    Die Bedeutung von Live-Musik

    Dass die Band nun auch an der Venue eingetroffen ist, lässt mich vermuten, dass bald der Soundcheck für sie startet. Bevor ich mein Gespräch mit Theo beenden muss, liegt mir jedoch noch eine Frage auf der Zunge: Ihr seid so viel mit der Band unterwegs. Obwohl man in Zeiten Spotify’s als Musiker doch einfach seine Songs hochladen und es dabei belassen könnte. Das tatsächliche Konzert wird ja nicht mehr wie früher so unvermeidbar zum Musik hören benötigt. Was für eine Bedeutung hat da Live-Musik für dich?

    „Oh, diese Frage mag ich sehr! Ich glaube jeder, der irgendwie künstlerisch tätig ist, sucht nach einer Art Flucht. Oder versucht eine andere Welt zu öffnen, wo du dich für eine Weile drin aufhalten und dich wie ein Freak benehmen kannst. Wenn wir eine Live-Show spielen, bin ich einfach an diesem komplett anderen Ort und lasse mich komplett fallen. Und sobald es vorbei ist, bist du wieder in der Realität.“

    „Das ist etwas, was nur Live-Musik kann. Wenn du vor anderen Leuten spielst, dann bist du dort. An diesem verdammten anderen Ort, weißt du.“

    Ich bin zwar eher Teil des Publikums. Doch das Gefühl, für einen Moment der Realität zu entkommen, oder sich vielleicht kurzzeitig eine neue Realität zu erschaffen, ist mir bekannt. Dafür gehe ich auf Konzerte. Für die Euphorie. Und all die Leute, die man kennenlernt, nur weil man diese eine Gemeinsamkeit, die Musik, teilt und liebt. Das sage ich aber Theo erstmal nicht, sondern frage ihn, ob er sich auch in die Besucher hineinversetzen kann. Warum gehen sie auf Konzerte? 

    Ich muss schmunzeln, als der Frontmann von King Nun beichtet, dass er keine Gigs besuchte, als er jünger war. „Ich fand sie ziemlich laut“, sagt Theo. „Wenn zu viele Leute da waren, würde ich eher im Hintergrund stehen. Es ist ziemlich schwierig für mich oder ich bin nicht sehr gut darin, Teil des Publikums zu sein. Ich sehe die Menschen tanzen und irgendwie gibt es diese Barriere, dass ich nicht mitmachen kann. Also musste ich von meinen eigenen Gigs lernen, was die Zuschauer davon haben.“

    „Ich war nie auf einem Festival, bevor wir selbst eins spielten. Und ich ging nie zu der Art von Konzerten, die wir nun selbst geben. Aber ich denke der Grund ist derselbe wie mit der Kunst – dieses ganze Ding mit der Flucht.“

    Heut Abend wird es laut im Cassiopeia. Besucher*innen aus der deutschen Hauptstadt fixieren die vernebelte Bühne mit ihren Augen. Ein Quartett betritt das diffuse Scheinwerferlicht und sogleich brettern Schlagzeug und Gitarre los. Fein in Hemd mit Kragen und der Kontrast zur rohen Musik. Die vier Londoner sind der Welt bereits entflohen, auf der Bühne oder davor.

    Jetzt hat Theo Polyzoides kein Problem durch die Reihen des Publikums zu schreiten, bevor er sich auf der Bühne seines Pullovers und darunterliegenden Hemdes entledigt. Roter Lippenstift. Ein Kreis und ein Pfeil. Während er singt, malt er sich dieses Motiv, das das Debütalbum samt Videos durchzieht, auf die Brust. Kriegsbemalung auf den Oberarmen, das Mikrofon rot wie die Lippen. Hung Around ist der letzte Song. 

    Der Text ist auf Grundlage eines Interviews entstanden, das ich am 21. November 2019 mit Theo Polyzoides, dem Sänger von King Nun, vor ihrem Support-Auftritt für The Sherlocks in Berlin führen durfte. Foto: Jordan Curtis Hughes


  • IM SOG DER DÜSTEREN WELLEN

    IM SOG DER DÜSTEREN WELLEN

    Einzig eine schmale Tür hindert nunmehr den Zugang zu dem kleinen Raum. Abzweig eines gedrungenen, verwinkelten Gangs im Backstagebereich des Molotow. Von roten Wänden begrenzt. Ein schwarzer Stern hebt sich vom signalfarbenen Untergrund ab. Und drei mit Kreide darauf geschriebene Worte sind Hinweis, was das Senken der Türklinke offenbart. The Ninth Wave.

    Zwei Personen sitzen auf Holzhockern in dem winzigen Zimmer, das kaum Platz für weitere Möbel bietet. Ein runder Tisch, ebenfalls aus Holz, wirkt durch den ständig wechselnden Besuch in die Jahre gekommen. Kleine Pinsel, eine rechteckige Lidschattenpalette liegen darauf verteilt und warten, am heutigen Abend in Gebrauch genommen zu werden.

    „Wir gaben hier bereits drei Konzerte und haben dabei jedes Mal auf einer anderen Bühne gespielt. Außer der Skybar. Deshalb fühlt es sich so an, als würden wir heut unsere Auftritte im Molotow vervollständigen.“

    Mit einem Schmunzeln auf den Lippen erinnert sich Millie Kidd, eine Hälfte der Glasgower Band The Ninth Wave, an ihr letztes Erlebnis in Hamburg. Sie und ihr männlicher Gegenpart Haydn Park-Patterson erregten mit ihrem „Latexhandschuh tragenden Post-Punk“ im vergangenen September die Aufmerksamkeit der Reeperbahn Festival Teilnehmer.

    Erst seit ungefähr einem Jahr steht das Duo in seiner heutigen Konstellation auf der Bühne. Und doch wissen die beiden genau, wie sie ihr expressives Erscheinungsbild mit der Musik verbinden müssen, um ihren schweren, düsteren Klang zu manifestieren. Die Augen mit schwarz oder roten Schatten eingerahmt, Silberkette am Hosenbund. Ärmel schwarzer Spitze ergänzen das eng anliegende Oberteil von Millie, den schwarzen Bass um die Schultern gehängt. Während sich Haydn allmählich das Kabel des Mikrophons in Schlaufen um den Hals legt, wird das Publikum von Millie mit entzürnten Blicken bedacht. Ein bedrohlicher Eindruck, der nahezu dem von Seefahrern als neunte Welle beschriebenen Phänomen gleicht.

    In einer Aufeinanderfolge mehrerer Wellen sei die neunte, so heißt es, die stärkste und gefährlichste. Eine finstere Faszination rankt sich um dieses Naturphänomen, das in der irischen Mythologie als Tor zur „Otherworld“ gilt. Diese Welt ist eine für das Auge unsichtbare Insel, die nur Überlebende der unheilvollen Woge beschreiten können. Auch einige Künstler widmeten ihre Werke der „Ninth Wave“.

    In den Erzählgedichten Königsidyllen wird der Protagonist beispielsweise von ihr an Land gespült. Das Erlebnis schildert Dichter Alfred Tennyson in Zeilen, welche Fans der britischen Sängerin Kate Bush schon kennen dürften. Denn die zweite Seite ihrer Platte Hounds Of Love trägt nicht nur den Titel The Ninth Wave, sondern auch das besagte Zitat:

    Wave after wave, each mightier than the last / Til last, a ninth one, gathering half the deep / And full of voices, slowly rose and plunged / Roaring, and all the waves was in a flame

    Fragt man jedoch die junge Band aus Glasgow, ob dieser mythische Hintergrund zur Namensgebung führte, fällt die Antwort weniger positiv aus. Sänger Haydn und Gründer der Gruppe erklärt gelassen: „Der Name fiel mir ein, als wir noch ziemlich jung waren.“ Er scheint kurz zu überlegen. Dann lässt er seine Hand, auf die er zuvor das Kinn stütze, sinken und fährt amüsiert fort: „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht warum.“ Die Aussage bringt ihn selbst kurz zum Lachen, Millie stimmt mit ein. Das Duo gab ihrem Namen im Nachhinein Bedeutung. Füllte ihn während der Entfaltung ihrer Band mit neuem Sinn.

    Nun klauben sie angeregt diese Ideen aus ihrem Gedächtnis zusammen. Durch bekräftigenden Zuspruch bestätigt die eine den Gedanken des anderen. Es fallen bekannte Stichworte der Mythologie oder Seefahrt. Auch das Gemälde eines russisch armenischen Malers wird genannt, in dem die bedrohliche Szene der neunten Woge verbildlicht wurde, bereits neun Jahre bevor Tennyson dies in Worte fasste. Verrückt, wie ein willkürlich gewählter Name die Stimmung einer Band so passend einfassen kann. Nachträgliche Interpretationen spiegeln das von der Musik gezeichnete Bild im Kopf der Zuhörer.

    „Wie wurden wir letztens nochmal beschrieben?“ Haydn wendet sich an Millie in der Hoffnung, dass sie die treffende Formulierung erinnert. „Als Tragik von ihrer schönsten Seite“, erwidert die Bassistin und ebenfalls Sängerin von The Ninth Wave.

    Sie fügt hinzu: „Mir gefällt der Ausdruck ‚Post-Punk im Krieg’“. Diese Bezeichnung aus dem Mund Millie Kidd’s zu hören, klingt im ersten Moment abstrakt. Wortwahl als auffälliger Kontrast zu der aufgeschlossenen Person, die hier mit übergeschlagenen Beinen auf einem kleinen Hocker sitzt. Hinter der Bühne in gestreiftem Shirt und ohne schwarz unterlaufene Augen. Für ihren Auftritt als Band konstruiert das Duo eine zweite Welt, Inszenierung melancholischer Ästhetik. Teil eines detailliert durchdachten Konzepts ist all dies allerdings nicht.

    „Wir versuchen nicht, bestimmten Konzepten zu folgen. Wir enthüllen, was sich bereits in unseren Köpfen befindet.“

    Neben einer Vorliebe für verstörende Dinge ist es die Liebe zur Musik, die Gedankenfäden zu fesselnden Melodien spinnt. Das am 3. Mai erschienene Debütalbum Infancy Part 1 als ein aktuelles Beispiel. 6 Songs unterschiedlich und doch von gleicher Schwere durchzogen. Elektronische Drums und Klang mit Nachhall, der den bitteren Beigeschmack der Lyrics bei This Broken Design transportiert. Im zweiten Track All The Things We Do ausgetauscht durch klare Gitarrenlinie, der Hintergrund ein industrielles Soundgerüst. Zwischen abfälligem Unterton in Half Pure und dem umgarnenden Gesang Millie’s bei Used To Be Yours, der sich mit der Stimme Haydn’s ergänzt.

    Die hypnotisierenden Töne lösen sich in warmen, sehnsüchtigen Strukturen vom Sänger und erfüllen wie eine mysteriöse Gestalt den Raum.

    Nach der Veröffentlichung zweier EPs 2017 und 2018 ziehen sich schon dort angedeutete Themen auch durch das Debütalbum der Glasgower Band. In einem Gewand aus düster-romantischem Prunk, New Wave und Post-Punk, der in roten Latexhandschuhen steckend, Blechmülltonnen demoliert. Worte formen zu sich zu Texten, die Beziehungen zwischen Menschen beschreiben. Zerbrochene, das damit verbundene Alleinsein. Oder in einer Masse, der unbehagliche Anblick fremder Gesichter.

    Im Fokus steht ebenfalls unsere eitle Gesellschaft, der Drang zu Konsum und Oberflächlichkeit. Allein im Prozess der Veröffentlichung scheinen The Ninth Wave ihrer Kritik bereits Ausdruck verleihen zu wollen. Denn ihr Debüt besteht aus zwei Teilen, die im Abstand eines halben Jahres herausgegeben werden.

    „Wir möchten nicht, dass unser Album zu einem Einwegprodukt wird.“

    „Das Album erscheint in zwei Hälften, weil wir denken, dass die Songs so aufmerksamer gehört werden“, klärt der Sänger auf. Einsatz gegen die Schnelllebigkeit der heutigen Welt. Und nicht das einzige Problem, auf das die junge Band ihre Aufmerksamkeit lenken möchte.

    Weniger offensichtlich, aber in der Live-Musik-Szene alltäglicher als man sich bewusst wird, ist die sexuelle Belästigung von Frauen bei Konzerten. Um der davon ausgehenden Unsicherheit und den fehlenden Ansprechpartnern für Betroffene entgegenzuwirken, entstand in Schottland die Bewegung Girls Against. Ins Leben gerufen von fünf Mädchen hilft eine Gruppe von Freiwilligen bei Veranstaltungen, das Wohlergehen von Frauen zu sichern. Ein englisches Pendant dazu ist die Initiative Safe Gigs For Women. „Ich denke, diese Organisation ist wichtig, damit sich alle gut aufgehoben fühlen. Sie hilft Frauen, das zu genießen, was jedem Spaß machen und nicht nur eine von Männern dominierte Szene sein sollte“, macht Millie deutlich.

    Früher selbst davon betroffen, betont sie wie bedeutend es ist, Bescheid zu sagen, wenn man bedrängt wird. Dem Duo von The Ninth Wave freut es daher, dass Bands wie The Blinders, die sie auf ihrer Tour begleiten, diese Organisation unterstützen. Gewöhnlich ist deren Zielgruppe nämlich überwiegend männlich. An dem engagierten Tonfall und Millie’s ausführlicher Darstellung ist zu hören, dass ihr dieses Thema am Herzen liegt. Sie spricht aus Erfahrung, über längeren Zeitraum die einzige Frau in einem ausschließlich männlichen Umfeld zu sein: „Es kann auf die Dauer schon intensiv werden.“

    Anmerken lässt sie sich davon auf der Bühne nichts. Dort ist sie durch und durch Powerfrau, die das Publikum, egal ob männlich oder weiblich, fest im Griff hat. Und wenn die kühle Fassade im Scheinwerferlicht doch zu bröckeln beginnt, ist der Grund viel mehr erfreulich. Grinsend erinnert sich das Duo aus Glasgow an ihren letzten Auftritt im Molotow.

    „Bei der Band vor uns war ziemlich wenig los. Ich hatte mich schon damit abgefunden, vor nur zwanzig Leuten zu spielen“, beschreibt Millie die Situation beim Reeperbahn Festival.

    Ein belustigtes Glitzern in ihren Augen lässt die damals unvorhersehbare Wendung der Geschichte nun bereits erahnen. „Dann waren wir an der Reihe und es gab Schlangen an beiden Eingängen. Der Club war so überfüllt, dass nicht einmal unser Manager mehr rein kam, um uns spielen zu sehen.“ Die Bassistin lässt den Auftritt Revue passieren. In Gedanken die Überwältigung des Moments konserviert. Das war es auch, was die sonst beherrscht und einschüchternd wirkende Musikerin aus der Fassung brachte:

    „Ich brach einfach in Lachen aus und sagte etwas wie ‚Fuck me!‘ ins Mikrophon. Der Tonmann meldete sich mit einem ‚Millie, du kannst doch nicht fluchen!‘ in meinem Ohr. Doch ich hörte einfach nicht mehr zu grinsen auf.“

    Als The Ninth Wave am heutigen Abend die Bühne der Skybar betreten, wird ihr unnahbares Goth-Image gewahrt. Der Bass dröhnt aus den Lautsprechern. Die Atmosphäre elektrisiert. Das Publikum ist im Bann des schottischen Duos und ihrem leidenschaftlichen Ausdruck. Aufwallende Hitze breitet sich in dem kleinen Club aus.

    Oberkörperfrei und das Mikrophon in der einen Hand, die andere zur Faust geformt schlägt sich Haydn beim Outro zu jedem Swallow Me entrüstet auf die Brust. Auf der Bühne steht er längst nicht mehr. Während sich der Sänger rücklings auf dem Boden räkelt, hält Millie im Scheinwerferlicht die Stellung. Schweiß fließt in schwarzen Tränen über den Ausdruck von Zorn in ihrem Gesicht. Den Unterkiefer leicht vorgeschoben, die Strähnen ihrer weiß-blonden Haare ungebändigt. Kein Lächeln.

    Und als sich der letzte Ton in Rauch auflöst, bleibt die Faszination bestehen. The Ninth Wave, kein überlieferter Mythos und doch so berauschend, dass man es direkt weiterzählen möchte.

    Die Grundlage dieses Artikels bildet ein Interview, das in Zusammenarbeit mit René von Renés Redekiste entstanden ist. Wir durften Millie Kidd und Haydn Park-Patterson vor dem The Blinders Konzert (08.05.19, Molotow Hamburg) einige Fragen stellen und neben Hintergründen zur Band, auch der ein oder anderen Anekdote lauschen. Das ungekürzte Original-Interview gibt es bei René auf dem Blog. Fotos: Renés Redekiste


  • VON UNERREICHBAR – UND GREIFBARKEIT

    VON UNERREICHBAR – UND GREIFBARKEIT

    Ein glockenhelles Knistern erfüllt die Luft. Elektrisierende Spannungen im Raum, die genauso gut ausgesandte Signale eines fernen Sterns hätten sein können. Doch der Ursprung dessen ist greifbarer als jeder Himmelskörper, der heut die Nacht erleuchtet. Und dennoch nicht so nah wie die Instrumente vor mir vermuten lassen, denen dieser Klang entstammt. 5000 Meilen entfernt.

    „Ich merke, dass ich anders Musik mache, wenn ich in anderen Ländern war, mit anderen Menschen gesprochen und den Kopf gelüftet habe.“

    Im sich intensivierenden Scheinwerferlicht beginnt so ein Auftritt. Bühne frei für LUI HILL. Den Anfang macht, was auch das Album eröffnet. Zwischen Neonröhren und Zwielicht auf der Reeperbahn. Unter der Woche, es ist Donnerstag. Neben bekannten Gesichtern auch fremde, die neugierig durch den schweren Vorhang ins Häkken spähen. Einen Schritt in den Raum, das nächste Lied wird angestimmt.

    „Ich mag Hamburg sehr. Hier habe ich auch ein halbes Jahr gewohnt und bin mit dieser Stadt irgendwie verbunden. Da freue ich mich auf jeden Fall heute Abend hier zu spielen.“

    Den Auftakt der Tour hinter sich und positive Resonanz aus Berlin stärkt den Rücken. Wind in den Segeln für eine Reise über Distanzen zu Unerreichbarkeit, Träumen und neuem Zuhause. Der Rhythmus der Drums trägt die Füße, lädt zu einem Tanz. Begleitet von akustischen Souvenirs wird die Welt greifbar. Funken des einzigartig Echten zünden die Rakete computergenerierter Strukturen und bringen sie auf Kurs eines reizvollen Mittelwegs.

    „Wenn sich beide Welten treffen – das Digitale und das Organische, Analoge – , dann wird die Musik für mich am aufregendsten.“

    Aufregend auch für die Menschen, dessen Gesichter beim Blick zur Bühne leuchten. Bewegt oder innehaltend, das Publikum zusammengeführt zum gleichen Anlass. Die offensichtliche Gemeinsamkeit separiert den Einzelnen mit seinen Gedanken. Darin und in der Musik versunken, dessen Inspiration zurückführt auf Leute, Andere oder Unbekannte, sich selbst.

    „Dieser fantastische Moment, den mag ich an Menschen. Wenn sie sich überschätzen und nach etwas greifen, wo sie noch lang nicht dran sind, aber glauben, dass sie es irgendwann erreichen.“

    Die erste Station des Solo-Projekts wurde passiert. Ein selbstbetiteltes Debütalbum. Von Tagen zu Monaten zur fertigen Produktion. Liebe zum Detail und einer neuen Eigenständigkeit entgegen der demokratischen Bandvergangenheit.

    Mit zehn Songs und zwei unterstützenden Musikern zieht LUI HILL nun in die Clubs des Landes ein. Aus Solo wird Trio. Gitarre, Synthesizer und Schlagzeug. Hier zeigt sich, dass Abdriften zum Weg gehört. Bei einem Instrumental-Intermezzo, das die Umgebung in ein okkultes Medium zu verwandeln scheint.

    „Ich könnte mich natürlich auch allein auf die Bühne stellen, aber dafür bin ich zu sehr Musiker und brauche dieses Zusammenspiel zwischen Musikern.“

    So bildet sich ein Klanggerüst, auf dem die Melodien im zweiten Teil des Sets balancieren. Anders als beim vorgelegten Album. Eine eingefügte Zäsur bringt den Hörer aus dem Gleichgewicht. Konfrontiert mit der Bedeutung von Heimat. Und ein betrunkenes Gespräch, das die Essenz hinter dieser Frage ehrlich herausstellt. Home could be anything.

    „Ich fand den verstörenden Moment, in der Mitte der Platte keine Musik zu haben, interessant. Den Leuten vor den Kopf zu stoßen.“

    Resonierend zu den Motiven der Songs fiel auch die Wahl des Covers. Warum nicht einen Satelliten? Themen, die um entfernte Orte kreisen. Etwas Geheimnisvolles im Timbre des Gesangs. Dunkelheit und Schwere messen sich an leuchtender Energie und auftreibender Dynamik. Ein eigens erschaffenes Universum, in dem die Kompositionen forschend den Weg bereiten. 

    „Und mir war auch klar, dass wir nicht einfach ein Bild aus Getty Images nehmen können. Wir mussten den Satelliten schon selber bauen.“

    Und aus den Teilen setzt sich stetig ein Werk zusammen. Konstruiert mit Bedacht, aus flachen Mustern Greifbares zu modellieren. Wie der Glanz des Satelliten die gleißende Sonne reflektiert, spiegelt sich die Handarbeit der Einzelheiten.

    Verzweiflung und Euphorie. Die eigenen Ansprüche, Perfektionismus und der Produktionsprozess verschmelzen. Das Ende führt zu einem Anfang. Das Debüt nach Tagen im Studio in den Händen. Zum letzten Song färbt sich auch das Scheinwerferlicht gold-orange.

    Dieser Text ist auf der Grundlage eines Interviews mit Lui Hill im Oktober 2018 vor seinem Konzert in Hamburg entstanden. Foto: Simon Hegenberg


  • DAS ALBUM IST DER CHEF

    DAS ALBUM IST DER CHEF

    „Es ging immer darum, Songs zu schreiben. Und am Ende hörst du dir das an, das Portfolio an Tracks. Und wirst dir bewusst, dass jetzt das Album der Chef sein muss.“ 

    Das Album in seiner Vielfältigkeit. Aufgehangen an einem Faden, der Distanzen überbrückt und daran erinnert, wo Zuhause ist. Das Album Separate Together. Debüt des Künstlerduos FYE & FENNEK.

    Aus einem Prozess des Schaffens, einer gleichen Grundeinstellung und der Reflexion im Nachhinein ging am 27. Juli diesen Jahres ein Werk hervor, das nun die Hörer auf eine Reise mitnimmt, die FYE & FENNEK schon angetreten sind. Intuitiv aus eigenen Erfahrungen und Emotionen, getreu dem Motto „wir machen einfach“, entstanden Melodien. Und in Synthese mit metaphorischen Texten dann die Songs.

    „Diese Grundideen, die Skizzen der meisten Tracks sind einfach im Zug entstanden“, erklärt Jan, der die Instrumentalbegleitung für die Songs beisteuert. 

    „So habe ich auch ‚Miles Davis‘ im Zug vorbereitet. Ich kam von einer sehr harten Woche zurück und habe all diese Emotionen dort eingebaut. Mich darin ausgelebt, in diesen Sounds. Faye hat es dann gehört und kam ins Studio: ‚Ich habe da was vorbereitet!‘

    Sie hatte zu dem Zeitpunkt nur die Handyaufnahme gehört, die ich ihr aus dem Zug geschickt hatte und meinte direkt: ‚Du kannst es jetzt entweder scheiße finden oder gut.‘ Sie hat sich ans Mikrofon gestellt und die Hook von Miles Davis gesungen. Diese Aufnahme ist jetzt auch auf dem Album.“

    Doch es sind nicht allein die bereits geschehenen Ereignisse, die Einfluss auf den Verlauf des Songwritings haben. Auch die Offenheit, Augenblicke während des Schreibens einzubeziehen und mit Text sowie den Sounds zu experimentieren, ermöglichen erst,

    dass „Separate Together überhaupt als Ganzes funktioniert“ und „nicht nur ein reines Abarbeiten von irgendwelchen Themen und Momenten ist.“

    Dass sich die Songs dabei inhaltlich an Sehnsucht, Distanz und Intimität orientieren, wurde ebenfalls erst rückblickend richtig klar. Und das obwohl dies wiederum kein Zufall gewesen war. „Das ist generell der Leitfaden, der sich in unserem gesamten Schaffen durchzieht. Daher hört man das auch in den Tracks.“ 

    So ließen sich Jan und Faye von dem Gefühl tragen, der gemeinsamen Einstellung, „dass man das Negative erkennt, aber trotzdem das Positive anstrebt.“

    Der Titel zum Album kam erst viel später. Vorher musste das Material gesichtet werden. Instrumentierung und Gesang aufgenommen in einem Studio, das nicht besser zum Hauptthema des Werkes hätte passen können. „Das Studio hatte immer die Tür offen für  viele Leute, die bei uns im Label arbeiten. Die immer mal wieder hereinkamen und reingehört haben. Auch das war Teil des Albums. Dieses Zusammensein.“ 

    Und letztlich war die Auswahl der Teile, die am Ende das Ganze formen, auch dank Hilfe des Teams, „nur noch die Frage nach der Emotion, des Klangs.“

    Wenn mancher Favorit unter den Songs weichen musste, so geschah dies immer im Sinne des Albums. Es entschied die Tatsache, wie eindeutig die Tracks miteinander harmonierten. Für einen guten Fluss sorgten. Und im Hinterkopf bleibt: „Da gibt es ja noch die anderen Songs, die auch ihren Platz haben. Und wir spielen die auch live oder hauen noch eine Single davon raus.“

    Und jetzt ist es so weit. Separate Together. Zwölf Titel, ein Anfang, eine Visitenkarte. Und die Erfüllung der eigenen Ansprüche, „den Leuten etwas zu geben, das nicht gewissen Strukturen, die es schon gibt oder dem Zahn der Zeit entspricht. Für mich war es wirklich sehr wichtig, eine Emotionalität durch Töne zu erzeugen“ (Jan). Die Erleichterung und Zufriedenheit. Die Möglichkeit, „das Album direkt den Leuten mitzugeben, wenn es jemandem gefallen hat.“

    Für FYE & FENNEK steht jedoch fest, dass die Vorhaben und Arbeiten zum Album nicht mit dem Release eingestellt werden. Gerade als Newcomer „sind es noch tausend Steps, die man gehen muss.“ 

    Ob eigene Tour, Festivalauftritte oder Promoarbeiten. „Das ist jetzt erst der Start. Wir wollen einfach ein paar Leute erreichen und umso mehr es sind, desto schöner. Für das erste Album ist es genau das, was wir machen wollten. Wir haben uns viel ausprobiert und viel experimentiert. Jetzt schreiben wir schon an nächsten Tracks, um im Frühjahr vielleicht eine Deluxeversion rauszubringen.“

    Die Getrenntheit im örtlichen Raum, aber im Kopf die gleichen Gedanken. Das, was der Titel ihres Debütalbums beschreibt, verbindet nun die Hörer dessen. Wo verschiedene Menschen, verschiedene Situationen und vielleicht auch ein unterschiedliches Verständnis der Lieder eins wird. FYE & FENNEK sorgen für die Musik. Und die Musik sorgt für einen Moment der Gemeinsamkeit.

    „Ich habe das Album zu keiner Sekunde hinterfragt, weder davor noch jetzt. Und ich würde es auch nie tun“ (Faye).

    Dieser Text ist auf Grundlage eines Interviews mit FYE & FENNEK im August 2018 in Berlin entstanden. Foto: Simon Hegenberg


  • POP, DIEBSTAHL UND PERSPEKTIVWECHSEL

    POP, DIEBSTAHL UND PERSPEKTIVWECHSEL

    Ein sachtes Dahinschweben im siebten Himmel. Ohne Antrieb. Eher so selbstverständlich wie das Atmen geleitet der Klang durch unbekannte Schwerelosigkeit. Flüchtig wie dahindriftende Wolken. Und gleichzeitig ein solides Fangnetz aus herrlichen Illusionen, gespannt über dem Boden der Tatsachen.

    Wie hart dieser Boden sein kann, erlebte der Schöpfer dieser träumerischen Klangwelt, Chad Valley, auf seiner Tour. Von einer Kaffeepause zurück, musste er feststellen, dass ihm sein gesamtes Equipment entwendet wurde.

    „Mir wurde bisher nie etwas Bedeutsames gestohlen, deshalb löste es ein neues Gefühl von Leere aus, mit dem ich nicht vertraut war.“

    Schlimm genug, dass nun die Ausrüstung für kommende Auftritte fehlte, befand sich unter dem Diebesgut auch der Laptop des Künstlers. Und einzig auf diesem waren die Tracks für ein neues Album gespeichert. Doch ganz seiner gemütlichen Ausstrahlung entsprechend, blieb der, unter bürgerlichem Name als Hugo Manuel bekannte, Brite die Ruhe selbst.

    „Ich bin eine sehr positive Person, also war ich schnell wieder dabei, auf die Beine zu kommen und zu überlegen, wie wir die Tour fortsetzen.

    Und zu der Zeit habe ich nicht wirklich an die Musik auf meinem Laptop gedacht, die ich geschrieben hatte. Als ich von der Tour zurückkam ins Studio, war ich sehr fokussiert darauf, neue Musik zu schreiben, sodass ich den Fakt, diesen Verlust erlitten zu haben, einfach ignorierte.“

    Doch ignorieren ist fast untertrieben. Er machte sich den Verlust zu Nutze. Nahm das Unausweichliche als Anlass für einen Perspektivwechsel. Und startete von Neuem durch.

    Denn „es ist unmöglich Dinge so wieder herzustellen, wie man sich an sie erinnert. Daher war es viel leichter, einfach von vorn anzufangen mit neuen Songs. Die Lieder, die ich vor dem Diebstahl geschrieben hatte, waren introspektiver und als ich erneut anfing, wollte ich aus meinem eigenen Kopf heraus und aus der Perspektive von jemand Anderem schreiben.“

    So ist Imaginary Music ein Album, das sich aus flirrenden Sounds und sanftem Gesang zusammensetzt. Der für Chad Valley typische Elektropop umgarnt Texte über die Aufregung vor dem ersten Date oder der ersten Liebe. Doch mit einem Unterschied, der ebenso durch den Wunsch des Künstlers, zeitlose Popmusik zu verstehen, beeinflusst wurde – die Songs sind nicht mehr autobiografisch.

    Rückblickend hatte dieser Zwischenfall jedoch nicht nur Einwirkungen auf das aktuelle musikalische Werk des Künstlers.

    „Es hat die Art und Weise wie ich jetzt mein Leben lebe verändert. Ich habe einen großen Teil meiner Habseligkeiten verkauft und lebe nun ein minimalistischeres Leben. Ich habe dadurch erkannt, wie unbedeutend materielle Besitztümer sind.“

    Seit fast acht Jahren erschafft Hugo Manuel unter dem Namen Chad Valley seine Klangwelten. Und neben den gegenwärtigen Veränderungen im Songwriting-Prozess hat er von 2012 bis heut auch die Sicht auf die eigene Musik gewechselt. Wenn er in einem Interview zu seinem Debüt Young Hunger noch sagte: „I make pop music for people who don’t like pop music“, so berichtigt er die Aussage nun.

    „Jetzt in 2018 würde ich sagen: ‚Ich mache Popmusik für Leute, die Popmusik lieben‘! Ich denke, das Klima in 2012 war anders und die Vorstellung, dass ein Indie-Bursche wie ich Songs wie My Girl machen würde, war irgendwie absurd.

    Deshalb hatte ich damals das Bedürfnis, meine Liebe zu Popmusik zu verbergen, wohingegen ich sie heute akzeptiere.“

    Und diese Liebe führt auch dieses Jahr zu einem Album, dem man die Leidenschaft für Pop aus den Achtzigern anhört. Losgelöste Sounds und ein Umfeld blumiger Gefühle, die den Vibes eine Geborgenheit geben, die nicht einmal entfernt auf die Entstehungsgeschichte von Imaginary Music hindeuten. 

    „Ich werde immer die Musik machen, die ich hören möchte und denke, dass es nicht genug Popmusik außerhalb des Mainstream Pop Universums gibt.“

    Dieser Text ist auf Grundlage eines Interviews mit Chad Valley im Juli 2018 entstanden. Foto: Kit Monteith


  • MIT KREATIVITÄT UND WAGEMUT

    MIT KREATIVITÄT UND WAGEMUT

    Erst umspült sie dich sanft, die intensive Stimme Deniz Çiçek’s. Wogen von Melodien umhüllen dich, Melancholie und Nostalgie treiben darauf. Bevor du dann vollkommen abtauchst. In ein Klangerlebnis matter Drums, Gitarren- und Synthsounds, umhüllt von einzigartigem Gesang.

    Diesen Freitag, den 6. April 2018 veröffentlicht das Hamburger Duo Kraków Loves Adana ihre Platte Songs After The Blue. Produziert und aufgenommen wurde diese in Eigenregie von Sängerin Deniz, welche ich mit ein paar Fragen zum kommenden Album konfrontieren durfte:

    Literatur und Film waren Deine Inspirationsquellen während des Schaffensprozesses für die neue LP. Was ist die Besonderheit dieser Werke („Just Kids“-Patti Smith; „Briefe an einen Jungen Dichter“-Rainer Maria Rilke; Heathers; …) und wie lässt Du das in die Musik einfließen?

    Ich konnte sowohl aus Rilkes, als auch Smiths und auch Julia Cameron’s Artists Way Schlüsse für meinen eigenen kreativen Weg ziehen.

    Mit Anfang 20 habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, was für Musik ich wie schreibe und welchen Sinn diese erfüllt. Ich war froh überhaupt einen Output zu haben! Dies hat sich aber spätestens mit Call Yourself New verändert. Man kommt an seine kreativen Grenzen oder ist mit kreativen Ängsten konfrontiert und fragt sich nach dem Sinn seines kreativen Outputs. Vor allem, wenn man alles alleine macht.

    All die o.g. Werke waren eine mentale Stütze und haben mir geholfen, gedankliche Barrieren in meinem Schaffensprozess zu überwinden. 

    Vom Film Heathers ist auch der fast gleichnamige Song Heather inspiriert mit dem leicht abgewandelten Originalzitat „Real life sucks losers dry. If you wanna fuck with the eagles, you have to learn to fly“.

    Wie fühlst Du Dich dabei, durch die eigenen Songs Persönliches preiszugeben; also beispielsweise Deine Sehnsüchte oder bestehende Hürden als Kreativschaffende mit unbekannten Zuhörern zu teilen?

    Es ist einfacher, meine Gefühle und gewisse Teile meiner Persönlichkeit mit der gedanklich weit entfernten Öffentlichkeit zu teilen als mit Menschen im näheren Umfeld. Man hat mehr Freiraum und nicht diesen Drang es anderen Recht machen zu müssen oder sich zurückzunehmen, um sein Gegenüber nicht zu verletzen.

    Die Hürden im eigenen kreativen Schaffensprozess teile ich deshalb, weil ich dem deutschen Indie Mainstream etwas entgegensetzen möchte.

    Meiner Meinung nach ist es sehr gefährlich, die äußeren Strukturen in der deutschen Musikindustrie als gegeben anzunehmen und zu versuchen sich unterzuordnen und den kommerziell hochgepushten „Indiegrößen“ nachzueifern. Man kann es fernab dieser Strukturen schaffen, Gehör zu finden.

    Ich möchte Entstehung und Inspiration anstoßen, und erhoffe mir dadurch auf lange Sicht eine größere Vielfalt und mehr Wagemut in Indie Deutschland.

    Du sagst: „Kreativität als Selbstzweck ist ein egoistisches Unterfangen.“ Begleitet Dich denn permanent ein Gedanke an die späteren Konsumenten des musikalischen Endprodukts während der kreativen Entwicklung dessen?

    Nein, das kann ich trennen. Wichtig ist doch, dass man nicht nur den Drang zur Selbstdarstellung hat, sondern auch den, etwas in die Welt hinauszutragen, sei es ein Gefühl, ein Denkanstoß oder auch eine klare Aussage

    Warum ist es Dir wichtig, mit Deiner Musik einen Beitrag zur Allgemeinheit zu leisten und inwiefern ist Dir dies mit „Songs After The Blue“ gelungen? Gibt es auch Momente, in denen Dir die kreative Schaffensphase mehr bedeutet als das Produkt, das daraus entsteht?

    Mir geht es immer in erster Linie nur um den Schaffensprozess, denn alles, was danach kommt, kann ich nicht kontrollieren. Ich habe gelernt, diesen Gedanken loszulassen.

    Jeder, der kreativ ist, kann sich einer gewissen spirituellen Energie nicht entziehen. Diese Energie, die man spürt, wenn man einen Song schreibt, ist eines der besten Gefühle, die man sich vorstellen kann. Es gibt meinem Leben einen Sinn, egal wie abgeschmackt das jetzt auch klingen mag.

    Man leistet automatisch einen Beitrag zur Allgemeinheit, wenn man seine Kreativität teilt – Im besten Fall einen konstruktiven. Wenn auch nur eine Person durch meine Musik gewisse positive Schlüsse für sich zieht und sich selbst oder seinem Gegenüber etwas bedachter begegnet, hat der Kern der Musik gewonnen.

    Drei der bisher vier veröffentlichten Songs vom kommenden Album wurden gleich samt passenden Videos in die Welt entlassen. Ist es für Dich entscheidend, neben dem eigentlichen Höreindruck auch ein visuelles Erlebnis bereitzuhalten?

    Auf jeden Fall. Es geht nicht nur um den Song, sondern auch um die Interaktion mit dem Hörer.

    Mit einem Video oder auch nur einem Foto kann man viel besser eine Beziehung aufbauen als nur mit einem Soundcloudlink.

    Bei Visualität angelangt: Das Coverbild der LP bewirkt bei mir, dass ich das „Blue“ im Titel spontan mit dem abgebildeten Himmel verbinde. Wie kam es zu dem Namen „Songs After The Blue“ und wie enstand die Idee für das Coverfoto?

    Songs after the blue war der Arbeitstitel und er blieb. Bezüglich des Coverfotos: Ich werde niemals müde davon in den Himmel zu starren. Mal ist er rosa, mal, grau, im Idealfall blau, aber er ist immer da. Egal, was grad um einen herum passiert, es ist nicht schlecht sich der Präsenz des Himmels bewusst zu sein.

    Zum Schluss würde ich gern wissen, wie Deine Erwartungshaltung gegenüber dem bevorstehenden Albumrelease und auch der kommenden Tour aussieht?

    Wir möchten einfach eine gute Zeit haben und freuen uns natürlich immer, dadurch mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Also: kommt zu unseren Konzerten, kauft unser Album und keine falsche Scheu. Wir freuen uns über jeden persönlichen Kontakt!

    Foto: Ebba Argen


  • VERLORENE MIKROFONE UND DIE 80ER

    VERLORENE MIKROFONE UND DIE 80ER

    Am 3. November 2017 hat die Band Klangstof ihre neue EP „Everest“ veröffentlicht. Und da ich mich meist nicht nur mit dem alleinigen Konsum der Musik zufrieden gebe, sondern auch diverse Hintergründe und Informationen über die Songs erfahren möchte, habe ich die einfach selbst bei Sänger Koen in diesem Track-By-Track erfragt:

    Everest

    Die 1. Single der neuen EP war ein Versuch eurerseits, einen Song im 80er Jahre Stil von A-Ha aufzunehmen. Was hat euch dazu motiviert?

    Ich denke, die Produktion ist sehr interessant – die Songs sind immer extrem catchy und sie verwendeten damals diese schrägen Synth-Sounds. Also haben Wannes, der Keyboarder, und ich angefangen, mit diesen typischen Synthesizer-Klängen herumzuexperimentieren und so ist dann Everest entstanden.

    Und auch von der lyrischen Seite betrachtet. Ich habe schon immer den Refrain von Take On Me von A-Ha geliebt, weil er nichts bedeutet. Ich wollte einfach auch eine Zeile haben, die genauso seltsam ist wie der Text von Take On Me. Da hatte ich die Idee zu „all I want is Everest“. Es ist zwar kein kompletter Nonsense, aber auch kein korrektes Englisch, was ich amüsant fand.

    Ich denke, es ist nicht ganz so achtziger wie ein 80s Song, was heute aber auch fast unmöglich zu realisieren ist. Insgesamt hatten wir einfach Spaß an dem Versuch, in alte Musik einzutauchen. Es ist auch der Song, der uns die meiste Freude beim Aufnehmen bereitet hat, weil wir uns geöffnet und Dinge probiert haben, die wir so mit Klangstof noch nicht machen durften.

    Resume

    Mir ist aufgefallen, dass dieser Song bereits auf eurem Album „Close Eyes To Exit“ als Bonus-Track erschienen ist. Warum habt ihr euch dazu entschieden, ihn auch noch mit auf die EP zu nehmen?

    Wir haben letztes Jahr am 9. September unser Album veröffentlicht und der Termin für den Release in Deutschland wurde für zwei Monate aufgeschoben. Deshalb hat das Label gefragt, ob wir nicht einen Bonus-Track für Deutschland machen könnten – und Resume wurde dann dieser Bonus-Track.

    Also hatten nur die Leute in Deutschland diese Version des Songs bereits gehört und sonst eigentlich niemand. Aufgrund dessen entschieden wir, den Track der EP hinzuzufügen. Wir mögen den Vibe davon und es war auch die erste Sache, an der wir zusammen als Band geschrieben haben. Im Gegensatz zu dem ersten Album, das ich quasi als Solo-Künstler geschrieben habe.

    Names

    Das meiste der vier Songs habt ihr geschrieben, während ihr mit den Flaming Lips und Miike Snow auf Tour wart, wo ihr keinen Zugang zu euren Instrumenten hattet. Wie habt ihr trotz dessen den Prozess des Songschreibens gemeistert?

    Wir haben nach Aufnahmen geguckt, die wir bei Proben zuhause aufgezeichnet hatten und daraus den Song zusammengebaut. Ich habe einige der Takes dann schneller oder langsamer gemacht, so dass aus den Probenmitschnitten eine Art Instrument wurde. So haben wir auch andere Songs angefertigt – indem wir bereits vorhandene Aufnahmen versucht haben zu schneiden und zu bearbeiten, bis es wie ein richtiges Instrument klang.

    Eine witzige Sache bei Names war auch noch, dass wir unsere Mikrofone irgendwo verloren hatten. Dadurch musste ich die Vocals dann mit meinem Macbook aufnehmen. Also ist ein Großteil des Gesangs so entstanden, dass ich in mein Macbook sang, während wir herumfuhren. Besonders dieser Song ist wohl der „most Van-sounding“ Song der EP.

    Insgesamt ist es natürlich viel einfacher, Musik zu schreiben, wenn man im Studio ist. Aber wir wurden auch kreativer, weil wir viel mehr überlegen mussten, um Lösungen zu finden, da wir ja nur begrenzte Möglichkeiten hatten.

    The Lows Will Keep You High Enough

    Obwohl ich jedes einzelne der vier Lieder von der EP mag, ist dieser wohl mein Lieblingssong. Immer wenn ich ihn mir nach einem stressigen Tag anhöre, hat er eine beruhigende Wirkung und fühlt sich wie nach Hause kommen an. Was assoziierst du persönlich mit dem Song?

    Ich schätze es ist auch mein Lieblingssong von der EP, darin können wir uns schon mal einig sein. Es ist einer dieser Songs, an dem man nicht so hart arbeiten muss. Man startet einfach seinen Computer, öffnet das Programm und es passiert alles automatisch. Ich hatte nur ein paar Akkorde und diese Zeile für den Gesang.

    Ich wollte diesen zusammengebauten Sound erreichen, den wir beim ersten Album hatten. Nur diesmal mit elektronischen Instrumenten. Und wir dachten, es wäre cool, eine Art Drop am Ende dieses Zusammengebauten zu haben, nach dem etwas komplett anderes kommt. Es war wirklich toll an dem Song zu arbeiten und immer, wenn ich ihn mir jetzt anhöre, werde ich davon beruhigt.

    Er hat eine entspannte Atmosphäre und ist nicht aggressiv, einfach nur träumerisch und schön, was ich an Musik immer mag. Also wenn ich mich gestresst fühle, ist das auch der Klangstof Song, zu dem ich greifen würde. Es gibt keine catchy Hooks oder irgendetwas, dass die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Es ist einfach so, wie einen Wasserfall zu beobachten.


  • DIE MIT DER MUSIK MALEN

    DIE MIT DER MUSIK MALEN

    Wo weißes Licht in seine verschiedenen Farben aufgespalten wird. Rot. Orange. Gelb. Grün. Blau. Violett. Und diese, ebenso wieder durch jenes optische Bauelement zusammengeführt, ein Ganzes ergeben – Verglichen mit einem Prisma wird nun jedoch ein breites Spektrum musikalischer Einflüsse gebündelt. Jazz. Soul. Pop. Reggae. Funk. Indie. HipHop. Die elementaren Bestandteile auf der Farbpalette der jungen Band, die mit der Musik malt: Prismala.

    Durch die Verknüpfung der beiden Wörter „Prisma“ und „Mandala“ wurde die wohl brisanteste Entscheidung in der Geschichte jeder Band – die Namensgebung – elegant und nicht weniger bedeutungsvoll gelöst. Eine Geschichte, die bei dem benannten Berliner Quartett vor nicht allzu langer Zeit ihren Anfang nahm. 

    „Ich glaube zwei Monate haben wir überhaupt erst als Band zusammen verbracht, was das Musikmachen angeht“,

    fasst Niklas zusammen, der seine drei Bandkollegen und engen Freunde Adama, Freddie und Basti eigentlich nur einige Tage im Sommer sieht. Ursache dafür: geografische Trennung während des Studiums – Doch kein Grund, um sich von Einschränkungen abschrecken zu lassen. Vielmehr gilt diese Zeit als individuelle Verbesserungs-phase. Als Vorbereitung auf zukünftige Projekte.

    „Dass es nicht so wird ‚wir machen mal auf gut Glück‘, sondern dass wir es mit einem Fundament angehen.“

    Denn als Plan für die Band steht fest, „nach dem Studium das Ganze richtig in Angriff zu nehmen. Wirklich mal ein Jahr investieren, um Musik zu schreiben. So viel aufzutreten wie möglich. Einfach das Wort von Prismala nach draußen zu bringen.“

    Einen Beweis für vorhandenes Grundpotenzial liefern die acht Songs des bereits veröffentlichten Debütalbums Colours Of A Summer. Rhythmus, Melodien und Gesang erschaffen im Zusammenwirken einen entspannt-lockeren Klang, der Herzlichkeit transportiert und die besondere Vielfalt der Band widerspiegelt.

    Eine ebenso wichtige Rolle steht der Bedeutung des Textes zu, die oftmals beeinflusst, wie das Lied schlussendlich klingt. Denn neben dem Experimentieren für einen einzigartigen Sound, gibt es eine weitere Intention, die Prismala mit ihren Songs verfolgt. Wie Sänger Adama formuliert:

    „Unsere Musik soll Emotionen erwecken. In meinem Hinterkopf versuche ich immer ein gewisses Gefühl, ein gewisses Bild mit unserem Klang zu erzeugen.“

    Mit dieser Vorstellung und einer Menge Ideen begeben sich die vier Bandmitglieder in den Entwicklungsprozess neuer Lieder. Die Herangehensweise dabei? Folgt meist dem selben Muster: „Gitarren- oder Bassmelodie fangen das Lied an und meistens hat jemand eine ganz gute Idee, wie sich das Lied so aufbauen wird. Sprich die Verses, die Choruses, die Bridges – wie das alles so zusammen passen wird. Und dann findet der Rest halt etwas, das dazu passt.“

    Dass Colours Of A Summer innerhalb der kurzen Zeit zweier Wochen entstand, lässt sich auf eine essentielle Komponente zurückführen. Dem Spaß an der Musik. Wenn Gemütszustand und Produktivität Hand in Hand gehen. Oder, um Basti zu zitieren: 

    „Das Ding war, wir hatten einfach Bock drauf.“

    Neben dem Stolz auf die eigenen Lieder fühlt sich jedoch das Schreiben dieser rückblickend etwas überstürtzt an. Erfahrungen, an denen die vier Jungs aus Berlin wachsen, um ihre Band weiterzubringen. Zu verbessern. Dass dies schon Anwendung findet, zeigt sich in der Frage nach einem Zukunftsausblick, die Adama wie folgt beantwortete: 

    „Wir planen wie gesagt ein zweites Projekt und haben jetzt auch schon fünf, sechs Lieder praktisch fertig. Einige Lieder kommen noch dazu, die gerade im Entwicklungsprozess sind. Schön zu merken ist auch, dass wir jetzt länger brauchen Lieder zu schreiben.

    Wir haben uns mehr Zeit dafür genommen und sind kritischer mit uns und unserer eigenen Arbeit. Das war ein wichtiger Punkt.“

    Ebenso gespannt wie auf das Endprodukt dieses zweiten Projektes, bin ich auch auf den weiteren Werdegang von Adama, Freddie, Basti und Niklas, die mit ihrer Band Prismala – einem exklusiven Noch-Geheimtipp – nicht nur einen Platz in meiner Playlist, sondern auch meine Sympathie für sich gewonnen haben.